Doch ’ne Trauma-Nase?

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr … sie ist seltsam. Viele Leute haben oder machen frei. Das geht bei uns meistens arbeitsmässig nicht. Dafür weiss man trotzdem wegen der Feiertage oft nicht, welcher Wochentag denn heute ist – das mit dem „gestern hatte ich frei, demnach ist heute Montag“ klappt nicht. Die allgemeine Verwirrung betrifft auch die Kunden und Patienten – die nutzen die verbliebenen offenen Tage intensiv um sich noch einzudecken. Manchmal hat man das Gefühl, das ist nicht nur das Franchisen-Phänomen, sondern Torschluss-Panik?

Die Ärzte und Spitäler merken das auch (und sie tun mir immer leid, wenn ich in der Zeit noch anrufen muss – glaubt mir, ich mach das nur, wenn ich nicht anders kann). Aber ausserhalb der Öffnungszeiten der Praxen kann ich nicht anrufen. Bei der Kundin / Patientin hätte ich das allerdings fast versucht:

Es betritt die Apotheke abends um 7 Uhr ein Mutter-Tochter-Gespann. Beide ganz schön „herausgebretzelt“, obwohl heute noch kein Feiertag ist.

Tochter: „Was haben Sie mir abschwellendes für das Gesicht?“

Pharmama: „Was ist denn genau das Problem?“ Ich denke an laufende Nase oder Ohrenschmerzen.

Tochter: „Ich brauche einfach etwas gegen die Schwellung. Ich hatte eine Nasen-OP vor ein paar Tagen, der Arzt hat gesagt ich soll etwas holen in der Apotheke.“

Pharmama: „Hmmm.“ (ich sehe jetzt nicht viel an Schwellung, aber ich weiss auch nicht, wie das vorher ausgesehen hat oder besser: jetzt aussehen sollte. „Haben Sie denn auch Schmerzen oder andere Beschwerden?“

Tochter: „Nein. Ich brauche einfach etwas abschwellendes. Er hat gesagt Strep…irgendwas…ase.“

Die Mutter mischt sich mit ein: „Ja, und etwas mit Chy….“

Jetzt bin ich wirklich verwirrt. Ich kenne kein einziges Medikament mit Strep..ase oder Chy… geschweige denn, etwas das abschwellend ist. Was ist ähnlich?

Pharmama: „Strep – da fällt mir höchstens Strepsils ein, aber das sind Lutschtabletten bei Halsschmerzen.“

Tochter: „Nein, das müssen Tabletten sein.“

Pharmama: „…ase, vielleicht die Traumanase Tabletten, aber die bekommt man momentan nicht.“

(Nirgendwoher – und lacht nicht: die heissen wirklich so und enthalten Bromelain, was entzündungshemmend wirkt. )

Tochter: „Nein! Nicht Traumanase, das war etwas mit Strep… und es müssen Tabletten sein! Kennen Sie das nicht? Sie sind doch eine Apothekerin!“

Pharmama: „Ja, aber ich kenne das trotzdem nicht – und ich kenne wohl die meisten Medikamente, die es hier gibt.“ In der Zwischenzeit habe ich den Computer suchen lassen nach ?strep?ase „Und der Computer findet mit dem Namen auch nichts.“

Steri-Strip fällt mir noch ein, das sind Pflaster, die man nach OPs auf Narben anwendet, aber das fällt aus oben schon genannten Gründen auch weg.

Mutter: „Und mit Chy…? Also Ceh und Ha und Ypsilon?“

Pharmama: „Leider auch nicht. Ähnlich höchstens Xylo, also Xy statt Chy, wie in Xylometazolin Nasenspray, das wäre auch ein abschwellender Nasenspray?“

Tochter: „Nein, das müssen Tabletten sein. Gibt’s da wirklich nichts? Was machen wir denn jetzt?“

Pharmama: „Nun – Tabletten und abschwellend, das wären jegliche Schmerztabletten ausser die mit Paracetamol, also würde ich ihnen Irfen empfehlen?“

Tochter: „Das ist Ibuprofen?“

Pharmama: „Ja.“

Tochter: „Nein, die will ich nicht, die habe ich noch.“

Pharmama: „Aber der Arzt hat ihnen keine Tabletten mitgegeben oder sonst aufgeschrieben, dass man das anschauen könnte?“

Tochter: „Nein. Er hat gesagt, das bekommt man in jeder Apotheke. Ich bin echt enttäuscht, dass sie da nichts haben.“

Pharmama: „Ich hätte noch kühlende Pads …“

Mutter: „Nein, da haben wir auch noch etwas zu Hause.“

Mitfühlendes Schulterzucken meinerseits. Jetzt habe ich getan, was ich konnte und angeboten, was Sinn macht.

Die beiden gehen.

Ich weiss immer noch nicht, was das hätte sein sollen.

Erst danach ist mir die Idee gekommen, dass die Schönheits-OP (denn darum hat es sich ziemlich sicher gehandelt, aufgespritzte Lippen und Botox-Behandlung der Mutter deuten stark darauf hin) vielleicht nicht in der Schweiz stattgefunden hat. Andere Länder, andere Medikamentennamen … Oder habt ihr eine Idee, was das hätte sein können?

Und Fünf!

2013 kam es raus, mein „Haben Sie diese Pille auch in grün?“ – das sind jetzt 6 Jahre – und neu 5 Auflagen. Ich bin glücklich!

Für Weihnachtsgeschenke dieses Jahr ist es sicher zu spät, aber falls ihr nächstes Jahr etwas sucht zum Abschluss des Praktikums oder für winwn Apothekenmitarbeiter … das Buch gibt’s noch. Und ist auch nach 6 Jahren noch nicht wirklich überholt. Auch wenn sich einiges geändert hat im Gesundheitssystem, Patienten und Situationen wie im Buch gibt’s genau gleich weiter.

Was haben Buchumschläge und Menschen gemeinsam?

Ihr kennt sicher das Sprichwort „Man soll ein Buch nicht nach dem Umschlag beurteilen“? Aber wir machen das täglich, nicht nur mit Büchern, auch mit Menschen. Ich versuche das in der Apotheke zu vermeiden – oder zu aller mindest das Gegenüber das absolut nicht merken zu lassen. Schwierig. Denn das hat mit Erfahrung und Vorurteilen zu tun. Und immer noch häufig werde ich (deswegen) durch die Leute überrascht. Manchmal im positiven, manchmal im negativen Sinne.

Wie ich darauf komme? Weil ich gerade heute zwei Rezepte für Nikotinersatzpräparate hatte. Das … hat sicher mit dem kommenden Jahresbeginn zu tun :-)

Rezept 1 bringt mir eine türkisch aussehende ältere Frau um die 50 mit Kopftuch. Als ich die Nikotinell-Pflaster darauf sehe (für ihren Mann), erwarte ich, dass das Probleme gibt (Verständigung, Finanziellem sowas). Ich erkläre ihr beim eingeben im Computer, dass ich das gerne bestelle, aber dass die Krankenkasse das Mittel zur Unterstützung um aufzuhören zu Rauchen leider nicht übernimmt.

(Kleiner Einschub: Das war dieses Jahr tatsächlich in Diskussion in einer Motion im Bunddesrat: Übernahme der Kosten von Nikotinersatzprodukten durch die Krankenversicherung. Worauf wird gewartet? Geändert hat aber noch nichts. )

Ich fahre also fort: 24 Stück von den Pflastern kosten 155 Franken …

Sie verzieht keine Miene, nickt, nimmt ihr Smartphone aus der Tasche und bedeutet mir, dass sie rasch ihren Mann fragt, ob er es dann will.

Er will (!). Ich bestelle es, sie bezahlt es gerade und das war es damit. Ehrlich: auch ich finde das recht viel Geld. Ich hätte zumindest eine Bemerkung deswegen gemacht, wenn ich das brauchte, aber … bestens.

Kommen wir zu Rezept 2. Praktisch dasselbe: Nicorette Kaudepots. Das Rezept bekommt meine Kollegin in die Hand gedrückt von einem Mann um die 50, augenscheinlich Schweizer, im Anzug (von der Arbeit?). Auch sie informiert ihn darüber, dass die Krankenkasse das Mittel leider nicht übernimmt. Und er fängt erst an zu diskutieren und dann wirklich auszurufen:

Anscheinend hatte er einen kleinen Epileptischen Anfall (?) und der Arzt hat ihm schwer angeraten, mit dem Rauchen aufzuhören. Das solle ja wohl als medizinischer Grund reichen, damit die Kasse das dann übernimmt? (Leider nein. Die zahlen nur das, was in der SL ist, etwas was auf der Negativliste steht wie das hier, übernehmen sie auch nicht, wenn der Arzt es verschreibt).

Nun, wenn er das nicht von der Kasse bezahlt bekommt, dann nimmt er das nicht. Soll sie es halt dann zahlen, wenn er deshalb (und wegen uns jetzt, weil wir es ihm nicht so geben) Lungenkrebs bekommt, das sei ja wohl viel teurer!

Abgang. Zum weiter Rauchen wahrscheinlich. Ist ja auch unsere Schuld, dass er sich jetzt beruhigen muss, wenn wir ihn so aufgeregt haben – oder?

Die Kollegin war übrigens so baff, dass sie ihm nicht mal sagen konnte, dass er ja für die Zigaretten auch Geld ausgibt?

Es gibt Mittel, die inzwischen übernommen werden (Tabletten allerdings, die auf das Suchtverhalten wirken) – vielleicht hat der Arzt sie wegen dem Krampfanfall nicht verschrieben. Aber Grundsätzlich ist all das *unterstützend*. Aufhören muss man immer noch selber und Eigen-Motiviert scheint er ja überhaupt nicht zu sein, da würde wohl jeglicher Stoppversuch schon im Ansatz scheitern.

Jedenfalls: Das waren wieder zwei sehr erhellende Begegnungen, die mir (wieder einmal) gezeigt haben, dass es gar nichts bringt, zu versuchen Leute vorher einzuschätzen. Entweder es ist so wie erwartet, oder nicht. Überraschung!

Ärzte: Bitte gültige Rezepte ausstellen!

Ich hab da eine Sache, die entwickelt sich ziemlich schnell zu einem Pet Peeve von mir – mein aktuelles „Lieblingsärgernis“: Rezepte ohne gültige Unterschrift.

Ich bin der Meinung, dass es in der Schweiz sehr (sehr!) einfach ist für einen Arzt gültige Rezepte auszustellen. Sehr wenig ist vorgeschrieben – die Grundlage (Papier) kann von A6 bis A4 sein oder gar ein ganz anderes Format haben, Handgeschrieben, Computerausdruck …. alles total egal (und viel freier als zum Beispiel in Deutschland). Aber was ein Rezept drauf haben MUSS um gültig zu sein ist die Unterschrift des ausstellenden Arztes.

Und immer häufiger fehlt diese Unterschrift … respektive: es ist keine Original-Unterschrift.

Ich sehe das inzwischen täglich, grad heute: Die Patientin kommt um die Mittagszeit mit einem Rezept für Temesta. Das Rezept hat wohl eine Unterschrift, die ist aber eingescannt und ein schwarzweiss Ausdruck. Kein Stempel.
Die Patientin hat insofern Glück, dass wir sie kennen, ansonsten würde ich mich hier nämlich weigern das Rezept auszuführen, bis das mit dem Arzt geklärt ist. Der ist nicht mal erreichbar … der bekommt von mir später eine mail mit Erklärung.
Weshalb hat das Rezept keine Unterschrift drauf? Hier ist es nicht mal weil der Arzt das der Patientin per email geschickt hat – das sehe ich noch am häufigsten – nein, er hat das Rezept selber ausgedruckt und ihr per Post geschickt. Keine Ahnung, weshalb man sich da nicht grad die paar Sekunden nehmen kann mit einem Stift die Unterschrift drauf zu setzen.

Das nächste solche Rezept, das ich erhalte sieht auf den ersten Blick ganz gut aus. Es hat eine Unterschrift in blauem … Nein: bei näherem Hinsehen wird auch hier klar: Auch hier wurde die vorher eingescannte Unterschrift ausgedruckt. Nur besitzt der Arzt offenbar einen Farbdrucker! Auch hier kein Stempel. Seufz. Offenbar macht der Arzt das, weil das so gut aussieht und modern ist … Wenigstens ist es nur für Rheumamittel (Tabletten und Salbe). Ich lege es auf die Seite, damit ich den Arzt später auch informiere. Ich führe auch dieses Rezept aus, wobei ich die Patientin informiere, dass die Krankenkasse die Übernahme verweigern kann. Und dass sie doch bitte beim nächsten Mal auch selber drauf achtet und falls der Arzt das wieder macht, ihn unterschreiben lässt.

Den Vogel abgeschossen an dem Tag hat aber das Rezept aus dem Spital. Ein neues Dauerrezept für den Patienten (an sich schon erstaunlich, dass die das machen). Darauf stand alles, samt Dosierung und wer der untersuchende Arzt war – nur eines fehlte wiederum: Original-Unterschrift und Stempel. Dafür stand da: „Diese Dokument ist elektronisch visiert am (Datum, Uhrzeit)“. Das mag ja sein, aber ich habe das Rezept als Ausdruck erhalten, das der Patient vom Spital so mitbekommen hat. Wie visiere ich ein Stück Papier elektronisch?

Jetzt habe ich definitiv genug und starte meinen eigenen Mini-Kreuzzug: Für gültige Rezepte – und Ärzte, die wissen, wie man die ausstellen muss. Bitte liebe (schweizer) Mitapotheker: helft mir und informiert auch bei Euch die Ärzte, die keine Original-Unterschriften auf das Rezept machen.

Ich schicke denen gerne ein mail mit der Info / Auszug aus dem Positionspapier der Kantonsapotheker der Nordwestschweiz zu den ärztlichen Verschreibungen, wo sie das deutlich festgehalten haben: (die mailadressen findet man im HIN Verzeichnis, das zum Beispiel die Ofac anbietet oder man kann das auf der HIN Seite selber abrufen, wenn man Mitglied ist https://www.hin.ch/services/hin-teilnehmerverzeichnis/ ).

Verschreibungen auf Papier (klassisches Rezept)
Eine eingescannte Unterschrift, ein Fax, ein Hinweis, dass das Dokument elektronisch visiert ist, eine E-Mail oder eine Fotokopie erfüllen die Anforderungen an eine rechtlich verbindliche Urkunde und an die Fälschungssicherheit für Rezepte, die in Papierform abgeben werden, nicht. Auf einem Papierrezept muss deshalb zwingend die eigenhändige Unterschrift des verschreibenden Arztes sein. Um die Fälschungssicherheit zu erhöhen, ist zusätzlich ein Stempel anzubringen.

Alternativ fange ich bei sehr resistenten Fällen jetzt an die Patienten ein neues gültiges Rezept organisieren zu lassen oder sie die Medikamente zahlen zu lassen, damit sie selber versuchen können, ob die Krankenkasse das so eigentlich nicht gültige Rezept bezahlt.

Und bitte liebe Ärzte: Wenn ihr nicht so gerne wegen so Lappalien (ja, finde ich auch) mit der Apotheke kommunizieren wollt (braucht alles Zeit), oder Patienten zurückgeschickt bekommen wollt, weil das ausgestellte Rezept so nicht gültig ist / anerkannt wird, dann nehmt Euch doch die paar Sekunden für eine klassische Unterschrift auf die Urkunde, die das Rezept ja darstellt.
Danke!

Kleine Hilfestellung:

Der Huh?-Moment

Wenn man für eine Patientin eine Wiederholung auf das Dauerrezept macht, das Medikament aus der Schublade nimmt, entsetzt feststellt, dass da auf dem Medikament schon eine Dosierungsetikette klebt, sich ärgert … und dann merkt, dass das eigentlich schon die Etikette für genau diese Patientin ist.

Huh?

Die Erklärung folgte dann grad anschliessend: Die Patientin will lieber die 150mg Kapseln statt dass sie jeweils 2 der 75mg Kapseln nehmen muss. Verständlich (aber hätte sie auch vorher sagen können, da der Arzt die 75er verschrieben hat). Das war das letzte Mal schon so – und da hat man nach dem austauschen noch in der Apotheke die Etikette nicht abgenommen.

Normalerweise ärgert mich das so was von, wenn das passiert (so eine beklebte Packung darf wirklich nicht bis zum Patienten kommen, auch wenn sie nie draussen war) aber in dem Fall war das ein amüsanter Zufall.

Man merkt auch, wie konsequent wir hier sonst Generika einsetzen: Lyrica das Original (auf das hier die Patientin besteht) lag da also über einen Monat unangetastet drin – und Pregabalin Kapseln brauchen wir sonst häufig.