Zwischen Nagellack und Zahnbürsten

testsupermarkt

Zwischen Nagellack und Zahnbürsten findet sich offenbar seit neustem dies im Sortiment des Supermarkts: Gesundheitstests.

  • Auf Drogen (Amphetamin, Kokain, Methamphetamin, Opiate, Marihuana und Ecstasy/MDMA)
  • auf Diabetes
  • und Blasenentzündung

alles Urintests. Schnäppchen für unter 10 Euro.

Was haltet ihr davon?

Diesmal nicht

Vorausschickend: Nach Jahren der Pille-danach-Beratung in der Apotheke hat sich bei mir doch eine gewisse Sicherheit eingestellt. Wirklich oft kommt es nicht vor, dass ich die Pille danach mal nicht abgeben kann. Aber gelegentlich gibt es so einen Fall, bei dem man sich einfach nicht wohl fühlt, wo es grenzwertig ist. Im Endeffekt möchte ich aber bei einer Abgabe sicher sein, dass das dem Patienten nicht mehr schadet als eine Nicht-Abgabe. Und hier war ich … unsicher:

Frau in der Apotheke: „Ich habe eine Frage wegen der Pille danach.“

Ich nehme die Frau direkt mit in den Beratungsraum.

Frau: „Also … ich sag’s wie’s ist … ich glaube nicht, dass ich schwanger bin und … ich … will auch nicht schwanger sein, aber mein Freund will … jedenfalls hatten wir … er hat seinen Penis in mich gesteckt, aber … er ist nicht gekommen. Da kann ich doch nicht schwanger sein.“

Pharmama: „Sie nehmen nicht die Pille?“

Frau: „Ich habe, bis vor etwa einem Monat die Cerazette genommen. Dann musste ich abbrechen, weil ich sie nicht vertragen habe.“

Pharmama: „Und sie haben kein Kondom benutzt oder eine andere Verhütungsmethode?“

Frau: „Nein, mein Freund will nicht.“

Pharmama: „Wie lange ist es her seit ihrer letzten Periode?“

Frau: „2, fast 3 Wochen.“

Pharmama: „Dann kann es trotzdem sein, dass sie schwanger werden. Es gibt da auch ohne direkten Samenerguss noch so Sachen wie die Lusttröpfchen … dann sind sie genau in der gefährlichsten Zeit …“

Frau: „Oh.“

Pharmama: „Soll ich mit ihnen eine richtige Pille danach-Beratung durchführen?

Frau: „Ah – ja. Deshalb bin ich hier.“

Ich gehe mit ihr die Fragen durch.

„Wie lange ist es her, seit dem ungeschützten Geschlechtsverkehr?“

Frau: „Umm … das war 2 mal am Mittwoch und einmal am Dienstag abend.“

Oh. Es ist jetzt Freitag abend.

Ich rechne nach. Ich muss vom am längsten zurückliegenden Zeitpunkt ausgehen und komme damit auf etwas über 70 Stunden.

Ich erkläre der Frau die Problematik: die Wirksamkeit der Pille danach (in unserem Fall Norlevo) nimmt ab, je länger man mit der Einnahme nach dem Akt wartet. Nach 72 Stunden wird es gar nicht mehr empfohlen, da die Wirkung dann zu gering und die Risiken die Vorteile überwiegen.

Frau: „Aber  … ich denke, das Problem war vor allem der Mittwoch.“

Hmmm.

Ich behalte das im Hinterkopf und mache erst mal weiter.

Als nächstes frage ich nach aktuellen Erkrankungen (keine) und andere eingenommene Medikamente (nur Nahrungsergänzungsmittel und keine, die hier Wechselwirkungen machen) und nach Allergien.

Frau: „Nickel und Cerazette.“

Pharmama: „Cerazette? Was genau haben sie da bekommen?“

Sie hat ja gesagt, sie hat es nicht vertragen, aber …

Frau: „Oh – einen übel beissenden Hautausschlag.“

Tatsächlich, sie ist allergisch gegen etwas im Cerazette.

Frau: „Ich habe am Donnerstag wieder angefangen Cerazette zu nehmen … und auch wieder den Hautausschlag bekommen.“

Was die Allergie dann auch bestätigt. Wiederauftreten bei Exposition.

Pharmama: „Nehmen sie die Cerazette nicht mehr. Das kann eigentlich nur schlimmer werden und es bringt auch nichts das jetzt noch zu nehmen zum Verhüten – das braucht mindestens 7 Tage, bis es wirkt.“ (Und wenn sie wirklich schwanger ist, ist das auch nicht gut …)

Jetzt habe ich ein Problem. Sie ist also allergisch gegen Desorgestrel (wahrscheinlich). Und sie will von mir Levonorgestrel – ein anderes Progestagen. Vermutlich, nein sehr wahrscheinlich ginge es – von Allergien oder gar Kreuzallergien gegen Hormonpräparate habe ich noch nicht viel gehört, aber ich will das eigentlich nicht riskieren. Das und die knapp an der Abgabegrenze liegende Zeit …

Pharmama: „Nein. Entschuldigen Sie, aber damit muss ich sie zu einem Frauenarzt weiter schicken. Ich kann das so nicht abgeben, aber der Arzt kann das abklären und ihnen entweder die andere Pille danach, die EllaOne die man bis 5 Tage nachher noch geben kann verschreiben, oder eine Kupferspirale einsetzen.“

Frau: „Oh – aber, was mache ich denn jetzt?“

Pharmama: „Es ist Freitag abend, gehen sie im Spital in die Frauenabteilung, die haben auch einen Notfall, wo sie gleich gehen können.“

Frau: „Aber … das geht nicht, sonst merkt mein Freund das … und der will ja, dass ich schwanger werde. Darum komme ich ja zu ihnen!  Können sie mir das nicht einfach geben?“

Pharmama: „Nein. Ich darf das unter bestimmten Voraussetzungen abgeben. Bei ihnen haben wir 2 Punkte, die nicht ganz gegeben sind – und ich fühle mich dabei nicht wohl. Deshalb muss ich sie weiter schicken.“

Frau: „Ich denke, ich bin schon nicht schwanger …“ meint sie unsicher.

Pharmama: „Ich hoffe es, aber … sie könnten es sein. Ich würde gehen, sie haben auch noch fast 2 Tage Zeit dafür. Und sie sollten das unbedingt mit ihrem Freund ausdiskutieren.“

Ich kenne meine Grenzen. Es ist immer ein Abwägen zwischen Nutzen und Risiko … und bei dem hier waren grad 2 Sachen nicht ganz koscher … plus mein Bauchgefühl, das mir dabei fast Bauchschmerzen machte. Sie schien zwar einigermassen überzeugt, dass sie nicht schwanger sein will … hat aber trotzdem 3 Tage gewartet, bis sie damit in der Apotheke aufschlägt? Da bin ich doch froh, dass ich sie noch an eine kompetente Stelle weiterschicken kann.

Wer jetzt denkt, die Frau war sehr jung und unerfahren – jung war sie nicht mehr. Über 35. Unerfahren …. ja. Irgendwie.

Weitere Posts zum Thema:

Das momentan amüsanteste Produkt im Apo-Sortiment:

thermobinde

Ja, das sind ThermaCare speziell für Frauen.

Ganz wichtig bei der Abgabe: sagen, dass die Klebestreifen in Richtung Unterhose (!) kommen – ansonsten droht die Epilation.

Aber eigentlich finde ich das ein ganz sinnvolles Produkt (und besser als die in dem Post hier) – praktisch die Bettflasche zum (unauffälligen) mitnehmen. Tatsächlich hatten wir auch vorher schon Kundinnen, die die normalen dafür verwendet haben.

Was auch auffällt: auch die Packung kommt nicht ohne Pink aus – jetzt muss ich noch nachschauen gehen, ob da auch die „Pink-Tax“ drauf ist :-)

Möchten Sie noch Pommes dazu? – Samstags Re-Run

Ich habe eine Drogisten-Kollegin, die mit viel Freude und Enthusiasmus Leute über Kosmetika berät. Ich kenne niemanden, der mehr Geduld hat. Das sollte ich vorherschicken bei der folgenden Begebenheit:

Wir haben einen Halb-Preis-Tisch mit diversen Sachen: da hat es Lippenstifte, Lidschatten, Makeup und noch vieles mehr. Es ist darum Halbpreis, weil es die Produkte nachher nicht mehr gibt und wir Platz brauchen … da verkauft man etwas auch mal unter dem Einkaufspreis, besser als die Rückgabebedingungen der Firmen ist es trotzdem.

Jedenfalls …

zieht das Kosmetik-Kunden an, die man vorher noch nie gesehen hat. Und was die alles wissen wollen! Da war diese eine, die meine oben erwähnte Kollegin fast zum Platzen brachte:

Kundin nimmt einen Lidschatten in die Hand, dessen Tester offen und gut sichtbar direkt daneben liegt: „Was ist das für eine Farbe?“

Drogistin -wirft einen Blick auf die Packung: „Das ist Fuchsia“.

Kundin: „Nein, das kann ich sehen, aber was ist das für eine Farbe??“

Drogistin: „Das ist eine Mischung zwischen Rosa und Violett“.

Kundin: „Könnten Sie mir das auftragen?“

Drogistin (die noch oft und gerne Leute schminkt): „Natürlich, kommen sie doch bitte zum Schminkstuhl …“

Kundin: „Nein, auf die Hand!“

Drogistin denkt sich: also das könnte sie ja auch Problemlos selber … „Ja. Klar.“

Die Kundin sieht sich das ein paar Sekunden an, dann: „Haben sie mir ein Abschminktuch?“ (Auch das steht mitten auf dem Tisch).

Die Drogistin reicht es ihr.

Kundin: „Und wie sieht es aus mit Make-up-Entferner?“

Und in dem Stil ging es noch fast 20 Minuten weiter, ohne dass die Kundin dann etwas gekauft hätte.

Danach brauchte meine Kollegin dringend eine Pause.

(Original vom 16.8.2009)

Ein Lebensende

Der Lehrling kommt von der Auslieferung für ein Dosett zurück mit der Nachricht, dass Herr Karoli* – der ältere Mann, der das Dosett hätte bekommen sollen- die Tür nicht aufgemacht hat.

Oh oh. – der Mann geht selber kaum noch aus dem Haus, er ist gesundheitlich nicht mehr sehr gut dran, wie ich aus den bisherigen Anrufen mit ihm und dem Inhalt des Dosettes, das er einmal wöchentlich von uns bekommt entnehmen konnte. Er hat die Spitex (Haushilfe), die täglich für ihn sorgt, seit seine Frau gestorben ist … aber aus den wenigen direkten Anrufen, die ich mit ihm hatte, konnte ich entnehmen, dass sein Lebenswille seit dem Tod der Frau stark abgenommen hat.

Alles nicht so gut – Im Verlauf des Tages versuche ich mehrmals ihn anzurufen und als das nicht klappt, frage ich bei der Spitex nach, ob die etwas wissen.

„Oh“ sagt die Frau von der Spitex „Herr Karoli? Der ist vor 4 Tagen verstorben. Da müssen sie kein Dosett mehr bringen.“

Ich bin etwas geschockt – tatsächlich schaffe ich es nur noch „Uh – Danke vielmals für die Mitteilung“ zu murmeln um dann aufzuhängen und mich in mein Büro zurückzuziehen.

Das muss ich erst einmal verdauen.

Es sterben zwar immer wieder auch von unseren Patienten, aber irgendwie ist das auch immer wieder ein Schock. Manchmal kleiner, manchmal grösser. Bei dem hier definitiv grösser.

Und das obwohl ich ihn nicht mal so gut kannte. Vor dem Tod seiner Frau habe ich ihn gelegentlich (so einmal im Monat) in der Apotheke gesehen – da war er noch vital und immer sehr höflich, sogar freundlich zu uns. Gebraucht hat er nicht viel … oder vielleicht hat er es von woanders bekommen. Danach hat die Spitex uns die Aufgabe für seine Rezepte übertragen und dass wir wöchentlich das Dosett richten sollen. Als wir das und den Lieferdienst dafür eingerichtet haben, hatte ich gelegentlich telefonischen Kontakt mit ihm. Das war nur ein paar Wochen vorher – seitdem lief das mit dem Dosett.

Liegt es daran, dass ich mehr Kontakt mit ihm hatte als vielleicht mit anderen Patienten? Oder weil er wirklich ein freundlicher Mensch war, dem man ein anderes Ende gewünscht hätte? Er wollte ja eigentlich gehen … ich find’s nur traurig, dass er so gar niemanden hatte, der sich sonst kümmerte. Oder bin ich emotional aufgewunden, weil mir die Spitex, die seine Umstände kannte und die das mit dem Dosett liefern etcetera wusste, mir das so nonchalant (und erst nach Nachfrage!) am Telefon mitteilt? Hätten die mehr machen sollen? Hätten wir mehr machen sollen oder können?

Das muss ich jetzt erst mal verdauen. Und dann die ganzen Sachen von seinem Dosett entsorgen. Entschuldigt, wenn ich den Rest des Tages etwas abwesend wirke.

*wie immer alle Namen geändert