
In der Weihnachtszeit hatte ich an einem Samstag nachmittag einen Fall in der Apotheke, der kurzfristig für Adrenalin sorgte, auf jeden Fall bei mir. Den Telefonanruf nahm die junge Pharmaassistentin Susi entgegen, die mich nach längerem Zuhören nur kurz beizog, um zu fragen: „Haben wir Kohlesuspension vorrätig?„
„Ja, haben wir“ – sagte ich im Vorbeigehen (ich war selbst grad an einer Patientin).
Wie alle Apotheken in der Schweiz halten wir ein Grundsortiment an Antidota – an Gegengiften. Das ist nicht mehr besonders gross, enthält aber Kohlesuspension (zubereitet und einnehmfertig in Flaschen), Simeticon (also eigentlich den Inhaltsstoff von Flatulex) und Akineton. N-Acetylcystein und anderes haben wir im normalen Sortiment – und könnten das anwenden.
„Wieviel?“ Fragt mich Susi.
Pharmama: „6 Flaschen.“ Ich weiss das, weil ich die vor kurzer Zeit wieder einmal austauschen musste. Ich bin jetzt über 25 Jahre Apothekerin, aber habe in der Zeit das Antidotasortiment noch nie gebraucht – nur regelmässig die Verfalldaten kontrolliert und Sachen ausgetauscht. Das sollte sich heute ändern.
Ich bekomme mit, wie Susi die Info weitergibt, aufhängt und mir sagt: „Sie kommt gleich vorbei. Sie braucht dringend 4 Flaschen davon, hat ihr das Tox Info gesagt.“
Tox Info (Telefon 145) – da, wo man anruft, wenn man eine Vergiftung vermutet. Die sind super, die sagen einem dann, wie gefährdet man ist und was man machen soll. Ja – das wird spannend.
Nur wenige Minuten später kommt eine Frau mittleren Alters in die Apotheke. Ich habe mir schon die Kohlesuspension- Flaschen geschnappt und nehme sie mit in unseren Beratungsraum. Die Frau ist aufgeregt, aber dankbar – und beruhigt sich schon, als sie die Flaschen sieht. Ich setze mich zu ihr hin und frage noch einmal nach, was bisher gelaufen ist und wofür sie die Kohlesuspension braucht.
Sie erzählt: „Ich war einkaufen in einem Reformhaus. Da war ein Regal mit Snacks – Nüssen und so. Ich esse sehr gerne Mandeln und da waren auch Packungen mit Bittermandeln. Die kenne ich nicht, aber ich dachte, das wäre eine nette Abwechslung. Ich habe sie gekauft und heute Mittag habe ich am Tisch in der Küche die Packung aufgemacht und angefangen sie zu essen. Sie schmecken interessant, nicht wirklich bitter. Nebenbei habe ich im Internet über Bittermandeln nachgelesen – und da stand gross: Bittermandeln sind roh hochgiftig! Schon wenige Stück können ein Kind umbringen! Ich habe da schon etwa 8 gegessen gehabt – und hab dann die ToxInfo angerufen. Die haben mich gefragt, was ich eingenommen habe und wieviel und dann hat er nachgerechnet und mir dringend empfohlen, sofort Kohlesuspension einzunehmen. 4 Flaschen hat er gesagt, zur Sicherheit. Ich habe umher telefoniert um jemanden zu finden, der das hat – meine Apotheke hat schon zu. Ich bin so froh, sind sie offen und haben das!“
Sie hat dann die 4 Flaschen zu 100ml grad vor mir eingenommen. Das ist doch eine ziemliche Menge – und ich habe dadurch gelernt: das Zeug ist trinkbar, aber bei fast einem halben Liter wird es doch schwierig. Etwas Wasser nachtrinken hilft. Und man braucht dringend ein Tuch zum abwischen – die Kohlesuspension macht alles schwarz. Wirklich günstig ist sie auch nicht mit über 30 Franken pro Flasche.
Aber die Frau war so dankbar und glücklich.
Laut Tox Info sollte das ausreichen und keine weiteren Massnahmen nötig sein. Ich habe sie trotzdem gefragt, ob sie jemanden hat, oder anfragen kann, der die nächsten 24 Stunden nach ihr schaut. Und ich habe ihre Telefonnummer aufgenommen.
Am Montag danach habe ich ihr angerufen, um nachzufragen, wie es weiter ging.
Es geht ihr gut (puh), keine Nachwirkungen der Bittermandeln oder der Kohlesuspension (die könnte ja Verstopfung machen). Unten auf der Packung mit Bittermandeln hat sie (danach) dann auch noch den Hinweis „nicht zum rohessen“ gefunden. Sie fand das trotzdem fahrlässig, dass man die direkt neben die Nuss-Snacks gestellt hatte im Reformhaus.
Info zur Toxikologie von Bittermandeln: Rohe Bittermandeln sind hochgiftig, weil sie beim Kauen und Verdauen das Gift Blausäure freisetzen. Sie enthalten Amygdalin, das im Körper zu Blausäure umgewandelt wird. Das wird dann zu Cyanid, was die Zellatmung blockiert und zu innerer Erstickung. Das passiert tatsächlich relativ schnell – man kennt vielleicht die Zyanid-Kapseln, mit denen sich Spione umbringen. Bei Kindern sind schon 5-10 Stück Bittermandeln tödlich (je nach Gewicht). Beim Erwachsenen braucht es etwas mehr: ca. 60.
Die Aktivkohle rechtzeitig gegeben vermindert die Aufnahme im Körper. Bei hohen Dosen braucht es aber eine Magenspülung und noch andere Medikamente, um die Wirkung aufzuheben.
Werden Bittermandeln erhitzt (gekocht / gebacken), dann geht das hitzeempflindliche Amygdalin und Blausäure kaputt und verflüchtigt sich. Bittermandelaroma – das man für Marzipan und so braucht enthält wegen Destillation nicht mehr die Giftstoffe.
