Weshalb ich Leute zum Arzt schicke

„Entfernen sie auch Sprissen*?“ Fragt mich der Mann in Arbeitsoverall (Mechaniker?), der seinen eingebundenen Finger hochhält.

Pharmama: „Wenn ich kann. … Schauen wir uns das mal an.“

Ich bringe ihn in den Beratungsraum und bereite meine Instrumente vor, der Mann nimmt sein Pflaster vom Zeigefinger.

Es sieht nicht sehr spektakulär aus – blutet kaum, man sieht wo der Holzsprissen neben dem Nagelende im Finger steckt. Bis mir auffällt, dass er unten – in der Nähe des Gelenkes auch eine offene Stelle hat.

Ich drehe den Finger nach rechts und links.

Pharmama: „Äh, ist es möglich, dass der Sprissen glatt durchgeht?“

Mann: „Könnte sein. Da war ziemlich viel Kraft dahinter.“

In der Tat. Der Sprissen ist etwas über 1 cm lang, nadeldick und geht durch.

Leider ist er von unten nicht zu fassen ohne ziemlich zu graben und von oben … kann ich ziehen, was ich will, er rührt sich nicht.

Einmal zum Arzt, bitte!

Ja, wegen einem Sprissen.

* Splitter – für meine deutschen Leser

21 Kommentare zu „Weshalb ich Leute zum Arzt schicke

    1. Ich kenn das auch als Spreißel- und ich komme gar nicht aus Süddeutschland :D (eher aus der Mitte ;) )
      Splitter nenne ich es aber auch manchmal.
      Und Sprissen hätte ich auch so verstanden. :D

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  1. Also ich würde das mal ins Neuhochdeutsche mit „Splitter“ übersetzen. Und bei einem kleinen Splitter, der nur „unter“ oder „in“ der Haut steckt, würde wahrscheinlich ich auch flink (und kostenlos – ich wüßte nicht, wie ich das abrechnen kann) helfen. Aber bei allem, was etwas größer / tiefer ist, würde ich mich nicht ran wagen. Allein schon, weil ich schwere Zweifel habe, dass die Berufshaftpflich (also die deutsche) da greift, wenn etwas schief geht.

    Zumal ich mal gelernt habe, „größere“ Fremdkörper, die tiefer ins Gewebe penetriert sind, nicht zu entfernen, da sie eventuell ein Blutgefäß (oder ein anderes Organ) beschädigt haben, welches sie selber aber abdichten. Entfernt man jetzt den Fremdkörper (unsachgemäß), blutet es. Und in einem besonders ungünstigen Fall kann sich auch noch der Wundkanal verschließen, und dann (ver)blutet man innerlich. [Gut, mag jetzt bei einem Finger nicht zutreffen, aber ich wollte man das Problem aufzeigen.] Korekte Vorgehensweise gemäß meiner „Bundeswehr-Kampfsanitöter-Einfach“-Ausbildung: Abpolstern rund um den Fremdkörper. Verband zur Fixation der Polsterung umd gegebenenfalls zur Verminderung/Stillung der Blutung. Gegebenenfalls Schockversorgung des Patienten (Flachlagerung, Kreislaufversorgung, Wärmeversorgung, Überwachung). Den Rest macht der (Feld)Arzt.

    Bei Holz als Fremdkörper kommt erschwerend hinzu, dass sich je nach Faserrichtung des Splitters durchaus viele winzige kleine Widerhaken entstehen, die es erfordern, den Splitter erst einmal „frei zu präparieren“, da ein einfaches, nach rückwärts gerichtetes Rausziehen nicht nur erschwert ist, sondern mit dramatischen Gewebeschäden einhergehen kann. Außerdem findet man nichtmetallische Fremdkörper(reste) [z.B. Holz, Glas, Keramik] mit bildgebenden Verfahren wie Röntgen nur sehr schlecht. Verbleibt also ein (Teil)Splitter in der Wunde, kann das später zu echt schweren Komplikationen und Verwicklungen sowohl im medizinischen als auch im juristischen Sinne führen. Auch deshalb bei dieser Wundgröße: Ab zum Arzt!

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      1. Das was der Kampfsanitöter lernt, lernt man auch auf jedem 1. Hilfe-Lehrgang, sogar bei den „lebensrettenden Sofortmaßnahmen“ habe ich das gelernt ;)

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        1. Jawoll. Aber wir haben das 3 Monate geübt (und auch dem Umgang mit einem – damals modernen – Beatmungsgerät; und das Legen von Flexülen für einen NaCl-0,9%-Zugang – wenn auch nur an einem Plastikarm) :-D

          3 Monate rumwerkeln bleiben einfach mehr hängen als 2x 8 Stunden…

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  2. Es ist immer toll, Schweizerdeutsche Worte auf Hochdeutsch zu verwenden. :)

    „Nach dem Sturz hatte ich überall blaue Mösen.“

    „Es ist warm, in der Stadt tun die Restaurants rausstuhlen.“

    „Stört es dich, wenn ich mit dem Trainer schlafe?“

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    1. Okay, die blauen Mösen konnte ich googeln. Die Restaurants bauen ihre Tische draussen auf, aber mit dem Trainer schlafen?????
      Was macht da jemand mit seinem Trainer statt mit ihm ins Bett zu hüpfen???????

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  3. Also ich habe auch zunächst zwei Minuten lang Google bemüht, um herauszufinden, was ein Sprissen ist, bevor ich den Text gelesen habe.

    Und siehe da, am Ende steht die Übersetzung.

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        1. Nicht? :o Also wenn ich so einen Klippschliefer im Finger hätte, würde ich schnellstens zum Arzt gehen… ;)

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  4. Jaja… ein (kleiner) Splitter…

    Diese Kunden sind mir die Liebsten! :-(
    So wie der Kunde, der ein Pflaster wollte, aber eines, „das nicht gleich durchblutet“..!
    Ich habe dann mal gefragt, seit wann es blutet… Es blutete seit 3 Tagen!
    Ich habe dann einen Blick darauf werfen dürfen: es war ein Schnitt bis auf das Fingergelenk; man konnte ins Gelenk sehen!! Hab ihn zum Notfallarzt geschickt und kein Pflaster verkauft… Sonst wäre er sicherlich nicht zum Arzt gegangen…

    Die Einen sterben schon, wenn sie einen Schnupfen haben, die anderen stecken sich abgetrennte Fingerglieder in die Hosentasche und wollen sie mit einem Pflaster festkleben..! Verstehe einer die Kunden!?

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    1. Da nimmt man aber Klammerpflaster wieder antackern des Fingerglieds! :-D

      Ich habe aber keine im Vorrat. 1) Den meisten Patienten sind die zu teuer für „zum so kaufen“. 2) Die meisten Wunden, die sinnvoll mit einem Klammerpflaster versorgt wird, sollten im Schnitt (*hihihi*) vorher von einem Arzt begutachtet werden…

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  5. Wie ist das denn jetzt in der Schweiz? Gehören solche vermeintlich kleineren Geschichten zur Standard-Dienstleistung dazu (da Du schreibst, dass Du Deine Instrumente vorbereitet hast) oder ist das eine private pharmama- Behandlung ?
    Ich würde in D nicht auf die Idee kommen, diesbezüglich eine Apothekerin zu fragen – ich bin bei meinem letzten Splitter (und dazu blind wie eine Eule) ganz brav zum Hautarzt gehumpelt, der dann allerdings auch gekämpft hat, da das Mistvieh aus Glas nicht zu sehen war….

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  6. Pharmama als Chirurgin. :)

    Gerade habe ich an einem Filmabend „Kinshasa Symphony“ gesehen, eine Doku über ein Orchester, das unter widrigen Umständen probt, auch recht mittellosen Leuten das Violine lernen ermöglicht – und wenn sie gerade ein Instrument nicht haben, suchen sie einen Schrottplatz ab, bis eine Radkappe wie ein d klingt.

    Und einer der Musiker ein Mechaniker. Eigentlich ist er ja kein Mechaniker, denn er führt eine Apotheke. Wenn gerade wenig zu tun ist, überlässt er das Geschäft seiner Frau, er wechselt in den Mechanikerkittel und repariert Autos.

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