Woher kommen unsere Medikamente – vom Wirkstoff zum Medikament

Nachdem ich im letzten Post über die Suche nach möglichen Wirkstoffen geschrieben habe, kommt jetzt der 2. Teil: vom Wirkstoff zum Medikament.

Es kostet etwa 800 Millionen Dollar und dauert 10 bis 15 Jahre um ein neues Medikament zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Weil es so viel Geld und Geduld braucht, setzt man alles ein, um dem Glück -das es bei der Suche nach einem geeigneten Wirkstoff auch braucht (siehe letzter Post) – auf die Sprünge zu helfen.

Am Anfang steht die Idee. Nachdem medizinische, finanzielle und technischen Faktoren abgewogen werden, wird die Entscheidung getroffen ein Medikament für eine spezifische Krankheit zu finden.

Ein typischer Prozess fängt damit an, mögliche Ziele für das Medikament zu identifizieren und zu bestätigen, dass das Ziel auch wirklich wichtig ist im Mechanismus der Krankheit. Dafür wird Wissen aus Pharmakologie, Biochemie und Molekularbiologie gebraucht.

 

Ein solches Ziel ist ein Makromolekül (ein grosses Molekül, ein Protein) – meist ein Rezeptor und es wird oft mit einem Schloss verglichen. Ist das Ziel identifiziert ist der nächste Schritt einen geeigneten Schlüssel dafür zu finden – und möglichst nur dafür. Ein Schlüssel, der auch in andere Schlösser passt, würde unerwünschte Nebenwirkungen produzieren.

Leitsubstanzen sind aufgrund Berechnungen angenommene Vorlagen für den Schlüssel. Um den Schlüssel aber zu optimieren müssen sie erst verfeinert werden. Man synthetisiert hunderte Chemikalien die eine ähnliche Struktur haben wie die Leitsubstanz und testet sie in Tierversuchen. Neben der therapeutischen Wirksamkeit und Toxizität sucht man auch nach Varianten, die besser aufgenommen werden, verstoffwechselt, verteilt und ausgeschieden.

Nach vielen Versuchen und Tests findet man hoffentlich einen Kandidaten, der bereit ist für den Test am Menschen.

Diese Präklinische Phase der Medikamentenentwicklung dauert etwa 5 Jahre und verschlingt ein Drittel der Kosten.

Die Klinischen Versuche, die in 3 Phasen kommen – jede davon enthält 10x mehr Menschen als die vorherige, brauchen noch einmal 5 –6 Jahre und etwa die Hälfte der Gesamtkosten. Dabei fallen etwa 90% der Kandidaten raus. Von 10 Substanzen überlebt nur 1. Was in Mäusen funktioniert, muss nicht notwendigerweise bei Menschen wirken. Gründe für das Rausfallen von Substanzen können sein: zu heftige Nebenwirkungen: wir erinnern uns, das Medikament soll sicher sein; zu geringe Wirksamkeit: es wird wenn möglich mit bereits existierenden Medikamenten verglichen.  …

Endlich bekommen die erfolgreichen wenigen nach Einreichung aller Unterlagen der Studien über Wirksamkeit und Sicherheit eine Zulassung der Regierung um an Ärzte und Patienten zu gehen. Das neue Medikament bleibt aber trotzdem noch sozusagen unter Aufsicht. Es werden weiter Daten gesammelt über Nebenwirkungen, die man bei den kleineren Versuchspopulationen vorher eventuell nicht gesehen hat. Auch hat man noch nicht viel Ahnung, wie sich eine eventuelle längere (Dauer-?) Anwendung auswirkt.

Die Produktivität der Entdeckung neuer Medikamente nimmt in letzter Zeit ab. Eine Zunahme der Forschungsgelder geht nicht einher mit einer Zunahme der Menge Medikamente. Vielleicht liegt das daran, dass viele einfachere Ziele schon erreicht wurden und die jetzt noch übrigen – Chronische Krankheiten und Krebs – viel schwieriger sind zum behandeln.

Molekular Biologie, Biotechnologie und Genetik verursachen immer wieder optimistische Ausrufe, die sich auch in der Laienpresse wieder finden, aber auch spektakuläre wissenschaftliche Erfolge haben bisher nur zu eher bescheidenen therapeutischen Erfolgen geführt.

Auch haben wir das Problem, dass z.B. kaum neue Antibiotika in der Entwicklung sind. Dies, obwohl eigentlich Handlungsbedarf bestünde – das Problem hier ist die Rentabilität – Antibiotika werden immer nur relativ kurz eingesetzt … und das zahlt natürlich nie soviel zurück, wie z.B. ein Mittel gegen Bluthochdruck.

Trotzdem – wenn man sich das so ansieht ist jedes Medikament, das wir heute haben ein kleines Wunder, zu dessen Entstehung es Innovation, Glück, Fleiss … und viel Geld gebraucht hat.

4 Antworten auf „Woher kommen unsere Medikamente – vom Wirkstoff zum Medikament

  1. Sehr interessant!
    Ich habe auch einmal an einer Medikamentenstudie teilgenommen und war ziemlich fasziniert, weil alles sehr genau überwacht wurde. Dabei handelte es sich nur um eine Vergleichsstudie. Das Medikament, welches ich bekommen habe, war schon eine Weile auf dem Markt und sollte mit einem älteren verglichen werden.
    Es wurden sehr viele Untersuchungen gemacht, ich musste Tagebücher schreiben und alles ganz genau dokumentieren.
    Diese Studie war schon sehr spannend!

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  2. Erwähnenswert ist vielleicht noch, daß Wirksamkeit und Unbedenklichkeit natürlich in eine Nutzen-Schaden-Relation gestellt werden müssen.
    Z.B. werden bei einem Zytostatikum Nebenwirkungen in Kauf genommen, die anderenfalls bei einer Fußpilzcreme völlig inakzeptabel wären.

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