Die äussere Wende (2. Teil)

(Hier findet sich der erste Teil)

Freitag morgen: Wir sind sehr früh ins Spital, weil die Schwester noch die ganzen Aufnahmeformulare durchgehen muss. Ich bekomme einen Wehenmesser umgeschnallt. Die Schwester meint: „Aha, sie haben Vorwehen. Spüren Sie etwas?“ Nö.

Als nächstes bekomme ich einen Zugang in die Handvene und werde an einen Tropf mit Wehenhemmer gehängt.

Der Arzt kommt und stellt sich vor.

Um 8 Uhr ist es soweit und ich werde in den Operationssaal gekarrt. Gottseidank ist Kuschelbär bei mir, denn ich hasse Operationssäle. Sobald ich das Grün der Ärzte sehe, werde ich nervös. Ich glaube das ist bei mir noch ein Überbleibsel von der Mandeloperation, die ich als Kind hatte – kein angenehmes Erlebnis. Man hängt mich an ein automatisches Blutdruckmessgerät und an der anderen Hand einen Finger an die Blutsauerstoffmessung. Man liegt auf dem Schragen mit den Armen rechts und links von sich gestreckt – fast wie festgeschnallt.

In dem Moment, wo alles bereit ist und das Ärzteteam sich bereitmacht (da sind neben meinem Mann noch mindestens 5 andere Personen im Raum, alle in Grün) – kommt ein Alarm hinein. Man hängt mich wieder ab und fährt mich ins Wartezimmer zurück.

Offenbar haben sie eine Schwangere, die ihr 3. Baby bekommt. Bis gestern abend war alles in Ordnung, aber als jetzt die Wehen anfingen haben sie bei der Untersuchung bemerkt, dass sich das Baby in letzter Minute in Steisslage gedreht hat! Sie wollen versuchen, ob sie es doch durch eine normale Geburt bekommen kann, aber falls nicht, brauchen sie den OP für den Kaiserschitt. Auch das gibt es offensichtlich.

Ich bin (als Nicht-Notfall) in Wartestellung.

Die Zeit vergeht. 11 Uhr – Inzwischen haben sie mir über den Zugang Glucoselösung gegeben: ich musste ja nüchtern kommen und darf bis nach der Prozedur nichts essen. Aber inzwischen habe ich Hunger!

12 Uhr und die Nachricht kommt, dass die Frau doch einen Kaiserschnitt bekommt. Danach müssen sie den OP wieder reinigen und vorbereiten.

3 Uhr und es ist (endlich) soweit.

Ich werde wieder in den OP gerollt. Kuschelbär muss sich ein neues grünes Gewand anziehen. Man schnallt mich wieder auf den Schragen.

Jetzt werde ich super-nervös und fange tatsächlich an zu zittern am ganzen Körper – Schüttelfrost vor Nervosität. Ich bekomme etwas Beruhigendes via Infusion, Kuschelbär hält meine Hand, dann geht es los.

Eine Person ist für die Überwachung des Babys zuständig: Pulskontrolle.

2 Personen drehen am Bauch. 2 weitere Personen stehen für alle Eventualitäten bereit.

Es ist echt nicht angenehm. Vorher wurde anhand eines Ultraschalls noch bestimmt, in welche Richtung gedreht wird (im Uhrzeigersinn bei mir, weil er schon etwas in diese Richtung liegt), dann geht es los. Der eine Arzt sucht durch die Bauchdecke hindurch den Kopf des Babys, der andere den Po. Und dann wird gedrückt und geschoben. Die Krafteinwirkung ist gewaltig. Es schmerzt auch recht, ist aber auszuhalten.

Man dreht nur bis Knapp über die Mitte, den Rest muss das Baby selbst machen.

Erster Versuch. Drück! Quetsch! Schieb! Es ist anstrengender als man meinen sollte, wenn man ja nur da liegt und nichts aktiv macht. Dann lockerlassen und schauen. Junior rutscht wieder in die Ausgangslage zurück. Mist.

Also noch ein Versuch. Einen Moment sammeln und weiter. Drück! Quetsch! Schieb! Es schmerzt. Auf einmal meldet sich die Person, die das Baby überwacht: Pulsabfall! Der Puls ist von normal 140 auf 80 abgesunken. Das ist gar nicht gut. Die Ärzte beraten sich kurz, dann sagt der Chef: „Es wäre besser, wenn wir jetzt einen Kaiserschnitt machen, um ihn herauszuholen. Ist das ok?“ (Huh? Kann/soll ich jetzt etwa Nein sagen?). Ja, ok.

Ich denke nur: „Oh mein Gott. Jetzt bekomme ich das Baby doch noch heute. Jetzt! Per Kaiserschnitt. (Mist!).“

Der Anästhesist: „Bitte drehen sie sich zur Seite. Machen Sie einen runden Rücken. Jetzt pickst es etwas.“ (Die Epiduralanästhesie). „Drehen Sie sich wieder zurück auf den Rücken. Ich zwicke Sie jetzt, spüren Sie etwas?“ (Nein). In der Zwischenzeit hat man schon einen Sichtschutz zu meinem Unterbauch aufgebaut. Ich bekomme eine Art Klebefolie aufgeklebt, dann wird mit raschen Schnitten die verschiedenen Schichten bis zur Gebärmutter geöffnet. (Davon sehe und spüre ich aber nichts).

„Mach ein Foto!“ Sage ich noch zu meinem Kuschelbaer, jetzt kommt Junior auf die Welt.

Ein Ziehen und das Gefühl, dass etwas rausrutscht. Dann ein Schreien! Junior ist da. Und so wie es sich anhört ist er fit.

Ja, ihm geht’s gut. Offenbar war das Drücken von aussen ein rechter Stress für ihn, aber er hats gut überstanden.

Als ich ihn auf die Brust gelegt bekomme und er mich das erste Mal ansieht, ist mir aber klar: Es ist total egal, wie er auf die Welt gekommen ist.

Hauptsache er ist da! Und gesund.

4 Antworten auf „Die äussere Wende (2. Teil)

  1. Das sicher. Wobei ich zu der Zeit (Feiertage) auch ständig wechselnde Ärzte und Pfleger hatte – und froh war (nach der Geburt) nicht weiter gross Hilfe zu brauchen.

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