Kombinatorik in der Apotheke

Es gibt so Menschen, aus denen muss man die Informationen, die man je nachdem braucht regelrecht herauskitzeln. Die treffe ich auch in meinem Job an. Da braucht es Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und manchmal ein bisschen Kombinationsgabe.

Wie hier:

Der Kunde kommt mit reichlich rotem Gesicht und einem Rezept vom Zahnarzt für Dalacin.

Eigentlich dachte ich Anfangs das sei ein Sonnenbrand …

Er war zwar schon bei uns (ist im Computer), aber das letzte mal hat man ihn noch nicht nach den Allergien gefragt, also mache ich das:

Pharmama: „Sind sie allergisch gegen etwas?“

Kunde (grummelig): „Bisher war ich es nicht … „

Pharmama (denkt, da kommt noch etwas…) „… aber?“

Kunde: „Ja, eben.“

Pharmama: ??

hochgezogene Brauen, aber im Moment kommt nichts mehr, also gebe ich das Antibiotikum in sein Dossier ein im Computer.

Aha, er hatte Co-Amoxicillin ein paar Tage vorher!

Er ist recht rot …. es muss nicht zwingend Sonnenbrand sein …

Pharmama: „Sie müssen das Antibiotikum wechseln …“

Kunde: „Ja, Offensichtlich reagiere ich auf Penicillin. Jetzt hat mir der Arzt das hier aufgeschrieben.“

Ah, das war es also! Offensichtlich war er aber auch beim Arzt so … schweigsam, jedenfalls hat er ihm nicht gesagt, dass das ausserdem ziemlich juckt und darum hat der ihm auch nicht ein Antiallergikum aufgeschrieben (wäre noch sinnvoll) – gut sind die auch rezeptfrei.

Brustvergrösserung durch natürliche Cremen?

Da kam letzhin ein jüngerer Mann in die Apotheke, der sich für seine Freundin erkundigen wollte, ob es etwas gibt, um die Brust „auf natürliche Weise“ zu vergrössern – „eine Creme oder so“. Sie habe da etwas im Internet gefunden und wolle nun wissen, ob das etwas bringt.

Oh ja – weil, die Medikamente, die man im Internet so bekommen kann sind ja so zuverlässig …
Nein, ernsthaft. Damit da eine Creme einen mehr als nur etwas aufpolsternden Effekt hätte, müsste sie Hormone oder zumindest hormonartige Substanzen enthalten … und das gehörte vorher beim Arzt abgeklärt.

Wenn man sich ein bisschen im Netz umschaut, findet man einige so angepriesene Cremen. Meist haben sie exotische Pflanzen als Inhaltsstoffe – wohl in der Annahme, dass das erstens gut klingt und man zweitens behaupten kann, es wurde einfach hierzulande noch nicht untersucht, aber im Herkunftsland habe man jahrelang (oder traditionell) damit gute Ergebnisse erzielt. …Seltsam nur, dass auch in diesen Ländern die Frauen nicht mit Riesenbrüsten herumlaufen …

Ein Beispiel von einer (seriöser aussehenden) Seite im Internet habe ich auch gefunden, mit der Zusammensetzung:

Purified Water, PEG-45 Palm Kernal Glycerides, Glyceryl Stearate, Cetearyl Alcohol, Caprylic, Dimethicone, Phytol, Epimedium Grandiflorum Extract, Belamcanda Chinensis Root Extract, Carica Papaya (Papaya) Fruit Extract, Soy Isoflavones, Aloe Barbadensis Extract, Grapeseed Oil (Vitis Vinifera), Tocopheryl Acetate, Myristyl Myristate, Sodium Hyaluronate, Glycerin, Trithanolamine, Carbomer, Hyaluronic Acid, Panthenol, Methylparaben, Phenosyethanol, Fragrance.

Also, was haben wir da: Wasser, Palmenöl, Emulgatoren, Wachse, Antischaummittel …
oh, Pflanzen:

  • Epimedium Grandiflorum – bei uns praktisch unbekannt, aus Asien, soll zumindest einen Effekt auf die Durchblutung haben.
  • Belamcanda Chinensis – Leopardenblume, auch aus Asien, enthält ein Phyto-Östrogen, das sie gerade für den Einsatz bei Prostata-Krebs untersuchen (noch keine Ergebnisse)
  • Papaya: die Pflanze enthält verschiedene Enzyme, die gegen Entzündungen und zur Verbesserung der Durchblutung eingesetzt werden – im Lebensmittelgebrauch auch zum Zartmachen von Fleisch – umm, fein.
  • Soya Isoflavone: nochmals Phytho-Oestrogene. Man hat auch schon versucht die für Wechseljahrsbeschwerden einzusetzen, allerdings mit mässigem Erfolg.
  • Aloe: gibt Feuchtigkeit und pflegt die Haut
  • Traubenkerne: die enthalten Pygenol, ein Antioxidans und ebenfalls Durchblutungsverbesserer,

Dann noch mehr, unter anderem Vitamin E. Einerseits auch ein Antioxidans, also als Konservierungsmittel, andererseits pflegt es die Haut und nährt sie. Hyaluronat – braucht man zum aufpolstern des Bindegewebes und der Haut … Konservierung, Parfum …

… also: viel Zeug um die Haut zu pflegen, die Durchblutung zu verbessern, das Bindegewebe etwas zu polstern und Pflanzenextrakte von denen man weiss, dass sie etwas Phytho-Östrogene enthalten, deren Wirkung aber noch lange nicht bewiesen ist.

Das fällt in meinen Augen unter „Nützt’s nix, schadet’s nix“

Empfehlenswert? Ein bisschen aufpolstern dürfte damit möglich sein – ausserdem pflegen die Inhaltsstoffe auch die Haut und die regelmässige Massage könnte auch einen kleinen Effekt haben.
Aber eigentlich nimmt da sicherer das Volumen vom Geldbeutel ab, als das des Busens zu.

Vor Produkten von irgendwo ohne genaue Angabe der Wirkstoffe würde ich sicher ganz abraten. Man hat bei Kontrollen von am Zoll abgefangenen Mitteln schon genug mehr als zweifelhafte Inhaltsstoffe gefunden. Richtige Hormone, giftiges und inzwischen verbotene Inhaltsstoffe.

Seriöses aus der Apotheke kenne ich dagegen leider nicht – also konnte ich ihm nichts mitgeben ausser meinem guten Rat.

Sooo süsss!

Ältere aber recht fitte Frau in der Apotheke. Im Verlauf des Gesprächs kommen wir auf ihr Alter – sie ist 91!

Wir haben leider etwas nicht und müssen es bestellen – ich frage, ob ich ihr etwas anderes statt dessen anbieten kann.

Frau: „Nein, wissen Sie, das ist nicht für mich, ich hole das für jemanden anders, die nicht mehr selber kommen kann.“

Nochmal: die Frau ist selbst 91 und macht Besorgungen für andere!

Awwww!

Und bringen sollen wir es auch nicht – sie kommt lieber selbst. Kein Wunder ist sie noch so fit.

Lächeln und … der nächste, bitte!

Diese Aussagen (die ich alle von Kunden gehört habe) sind nicht dazu angetan, mich geneigt zu stimmen:

„Haben Sie zugenommen? Ihr Gesicht sieht breiter aus.“ Danke vielmals. Ja, ich habe etwas zugelegt.

„Sind sie neu hier? Sie habe ich noch nie gesehen!“ – Nein, ich arbeite auch erst seit über 10 Jahren hier. Zugegebenermassen bin ich nicht immer hier, aber … nie?

„Sie erinnern mich an meine Tochter, die ist etwa im gleichen Alter … letzte Woche wurde sie 51.“ .… Ugh, sehe ich so alt aus? Ich bin noch nicht mal 40!

„Wenn Sie mir das nicht verkaufen, gehe ich einfach in eine andere Apotheke!“ Ok … und was machen sie denn noch hier?

„Wirklich, ich nehme meine Blutdruckmittel“ – das ist seltsam, denn ihr eben gemessener Blutdruck ist höher, als bevor sie damit angefangen haben.

„Geben sie mir doch einfach die Temesta/Stilnox/Rohypnol/Seresta ohne Rezept – das geht auf meine Verantwortung.“ – Klar, darum sind sie die Apothekerin, nicht wahr?

Etwas zu spät.

Noch eine Geschichte aus Amerika:

Eine Beratung für die Pille danach – die dort übrigens „Plan B“ heisst – „Plan A“ wäre demnach verhüten … und hat fehlgeschlagen …

Apotheker: „Und wie lange ist es her, dass sie ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten?“

Patientin: „Oh, etwa 6 Monate.“

Die Patientin war gute 90 kg schwer, aber der Apotheker dachte, sie wäre der typische übergewichtige Teenager. Dem war nicht so (oder nicht nur). Sie war im 6. Monat. Vielleicht dachte sie das Baby würde magischerweise verschwinden, wenn sie die Tablette nimmt??

So funktioniert das aber nicht. Die Pille danach wirkt nur in den ersten 72 Stunden ausreichend, danach muss man zum Frauenarzt, wo man eventuell noch etwas machen kann – allerdings: nach 6 Monaten ist das auch vorbei.