Wir messen in der Apotheke Stützstrümpfe an – also richtige Kompressionsstrümpfe, wie sie zur Therapie von schlechten Venen und Krampfadern gebraucht werden. Da die wirklich passen müssen, haben wir davon keine vorrätig – wir bestellen sie anhand der Messdaten. Sie kommen dann innert weniger Tage.
Das mit dem anmessen – am besten morgens, nicht allzu lange nach dem Aufstehen, da die Beine sonst anschwellen – habe ich allen Mitarbeitern eingebläut. Das gilt auch für die Leute, die mit einem alten Strumpf kommen und genau denselben wieder wollen. In den Monaten, die der getragen wurde kann sich einiges verändern – nicht nur der Beinumfang, der Strumpf selber kann mit der Zeit weiter werden. „Weiter“ bedeutet oft halt auch „angenehmer“ – ist aber nicht unbedingt das, was für die Therapie gebraucht wird. Dann kann ich so einen Strumpf später auch nur sehr schlecht umtauschen, wenn es nicht richtig sein sollte … also wird angemessen, dann die Grösse rausgesucht, dann der richtige bestellt.
Das funktioniert gut – nur bei „aussergewöhnlichen Massen“ muss ich die Leute eventuell noch einmal ein-holen um für eine Massanfertigung noch mehr Punkte zu messen – oder sie an ein spezialisiertes Sanitätsgeschäft weiterschicken.
In seltenen Fällen, wenn der Patient wirklich nicht kommen kann und wenn auch die Haushilfe die Strümpfe nicht anmessen kann, schicke ich dafür auch morgens jemanden nach Hause messen. Alles besser alswenn der Strumpf nicht passt. Dafür kann inzwischen bei uns jeder anmessen – auch die Lehrlinge.
Minnie, unser Lehrling war es auch, die morgens bei Frau Giacobi* die Strümpfe in der Apotheke angemessen hat. Frau Giacobi bekommt nicht das erste Mal Strümpfe und hat sogar die Schachtel mitgebracht – so dass wir zumindest wussten, in was für einer Qualität sie die gerne hat: Comfort und Schwarz und offen – das bedeutet, die Spitze der Strümpfe (in dem Fall nur bis zum Knie) fehlen … das erleichtert das anziehen.
Minnie hat also angemessen, wir haben zusammen die Grösse ermittelt und das dann bestellt. Ich war also zuversichtlich, dass alles stimmt …
Und dann kommt die Patientin, Frau Giacobi einen Tag, nachdem sie die bestellten Strümpfe abgeholt hat damit zurück.
Frau Giacobi: „Tut mir leid, aber das ist die falsche Grösse.“
Ah, Mist.
Pharmama: „Sind sie zu eng? Sie müssen ja ziemlich eng sein, das kennen Sie ja schon.“
Frau Giacobi: „Nein, sie sind zu lang. Ich hatte immer kurze und da steht „long“ auf der Packung.“
Pharmama: „Oh, hatten Sie sie denn schon an?“
Frau Giacobi: „Nein, ich dachte, wenn Sie sie zurückschicken müssen …“
Pharmama: „Vielleicht schauen wir doch erst mal – darf ich vielleicht nochmals messen?“
Ich nehme sie mit in den Beratungsraum. Dort messe ich nochmals. Nicht nur die Länge, auch gleich noch den Rest. Ich schaue nach … stimmt alles. Sie hat ganz sicher nicht „short“. Ich zeige ihr das – und wir diskutieren noch ein wenig.
Frau Giacobi: „Die letzten Male hatte ich immer kurz – Nein, das haben nicht sie angemessen, ich glaube das war die Spitex.“
Pharmama: „Okay – nach dem, was ich gemessen habe, brauchen sie ein „long“. Ziehen Sie sie doch mal an, dann schauen wir das am Bein an.“
Sie zieht die Strümpfe an – man merkt, sie hat Übung. Einzig am Schluss versucht sie die Strümpfe oben fest hochzuziehen. Ich bremse sie.
Pharmama: „Nicht fest ziehen, nur weiter hochschieben, bis sie ohne Falten sitzen.“
Und „sitzen“ tun sie. Nicht zu kurz, nicht zu lang, keine Falten. Gut anliegend.
Pharmama: „Sieht gut aus. Wie ist das für Sie?“
Frau Giacobi: „Gut … ich fürchte nur, dass das nach unten rutscht und dann Falten macht, wenn ich laufe.“
Pharmama: „Das sollten sie nicht. Hatten Sie damit mit den letzten Probleme?“
Sie nickt. „Immer.“
Pharmama: „Das könnte daran liegen, dass die anderen zu kurz waren – dann haben sie mehr die Tendenz sich zusammenzuziehen. Das sollten die hier nicht machen. Lassen Sie sie doch an und versuchen sie es mal. Wenn es nicht klappt, dann kommen Sie noch einmal vorbei, dann schaue ich, was ich machen kann. Vielleicht brauchen sie einen Haftrand – wobei, sieht wirklich gut aus so.“
Ich höre den Rest des Tages nichts mehr von ihr. Ah – Minnie musste ich noch etwas beruhigen, da sie dachte, sie habe falsch gemessen. Hat sie nicht.
Am nächsten Morgen finde ich ein paar Minuten um ihr anzurufen.
Pharmama: „Guten Morgen Frau Giacobi, wie ging es mit den Strümpfen?“
Frau Giacobi: „Oh, alles bestens – die rutschen nicht mehr. Ich behalte die! Ich war nur unsicher, weil ich doch bisher immer „short“ hatte.“
Merke: Strümpfe IMMER nachmessen. Und nicht zu viel auf das geben, was früher mal gemessen wurde.
Noch ein Merke: Haftränder sind sinnvoll, vor allem bei Schenkelstrümpfen …. aber bei Männern besser keine mit SHR bestellen (das heisst Spitzen-Haft-Rand) … das kommt nicht immer so gut an :-)
*alle Namen etc. wie immer geändert.

