Kollegen verleugnen

Gestern habe ich meinen Arbeitskollegen Urs verleugnet. Und es tut mir so gar nicht leid :-)

Anruf – mal wieder, von einem mit hörbar indischem Akzent englisch redenden Mann.

Die Drogistin hatte ihn erst dran, sie reicht ihn mir mit den Worten:

„Er möchte ‚the Pharmacist‘!“

Immer ein Highlight. Also nehme ich ihr den Hörer ab und melde mich.

„Oh. Hello. Could you give me Mister (Apotheker-der-schon-seit-über-10Jahren-nicht-mehr-hier-arbeitet).?“

„No, Sorry, Mister (Apotheker-der-schon-seit-über-10Jahren-nicht-mehr-hier-arbeitet) does not work here anymore. I am the pharmacist, can I help you?“

„Do you have any other men working in the pharmacy?“

„No.“

Das ist … nicht ganz gelogen. Urs ist Drogist.

„No?“

„No!“

Keine Ahnung warum er einen Mann „braucht“. Was die Leute wollen ist im Normalfall irgendwelche Aktien verkaufen … und dass wir daran kein Interesse haben, kann ich ihnen auch sagen. Dafür brauche ich nicht noch Urs zu belästigen.

Er hat dann auch noch aufgehängt ohne sich anständig zu verabschieden. Soll ich das jetzt frauenfeindlich finden, oder dankbar sein?

 

Weiteres Medikamentensterben in der Schweiz

Still und leise verschwinden im Moment wieder eine Menge Medikamente.  Glaxo, die Novartis OTC übernommen haben, räumen weiter auf. Die meisten Leute haben das mit dem Euceta noch nicht überwunden, und ich darf ihnen jetzt dies erklären:

Von der Novartis Sparte entfallen:

  • Tossamin Saft: es wird nur noch die Kapseln geben… wenn sie mal wieder lieferbar sind (seit Wochen sind sie es nicht mehr).
  • Voltaren Dolo forte Gel: 150g wird ganz ersetzt mit den 180g
  • Hemeran gibt es in Zukunft nur noch in den nicht kassenpflichtigen Grössen. Also: die Krankenkasse zahlt das nur noch, wenn man eine Zusatzversicherung hat.
  • Bei Panadol fallen 500mg Brausetabletten zu 10 Stück weg (die 20er gibt es noch), die 500mg Zäpfchen fallen weg, und Panadol C Brausetabletten 20 Stück (die 10er gibt es noch).

Bei der Glaxo selber:

  • Bei Besser Atmen (die Nasenstrips) entfallen in Zukunft die Packungen für die sensible Haut. Für die normale Haut gibt es weiterhin.
  • Cetebe: das retardierte Vitamin C Präparat
  • Physiogel: die ganze Linie!
  • Duofilm

Dabei werden hauptsächlich wirtschaftliche Gründe und eine „Straffung des Sortiments“ angeführt. Oder anders gesagt: für die kleine Schweiz lohnt sich der Vertrieb nicht.

Das sind nur die freiverkäuflichen Mittel – bei den rezeptpflichtigen Sachen verschwinden momentan auch immer mehr Medikamente, auch von anderen Firmen.

Ausser-gewöhnliche Kundenwünsche

Wir haben da einen Kunden – nennen wir ihn Herrn Timber – wenn der in die Apotheke kommt, meist am Abend spät, dann lache ich inzwischen schon, denn ich weiss: Das wird interessant!

Herr Timber kommt so gut wie nie wegen irgendwelchen Gesundheitsproblemen – er ist fit und gesund, um die 30 … und sieht ein bisschen „wild“ aus: Vollbart und lange Haare. Aber nicht wie der Hippster Typ –mehr wie der Holzfäller :-)

Aber die Sachen, mit denen er kommt…

Das erste Mal hatte ich ihn, weil ihn der Lehrling an mich weiterreichte da sie nicht wusste, ob das erlaubt ist. Er wollte Wasserstoffperoxid hochkonzentriert. Mehrere Liter. Und: ja, da sind wir ziemlich vorsichtig mit der Abgabe, da man dass zum Bombenbauen missbrauchen kann – und gerade in grossen Mengen … Hmmmhmmm?

Also habe ich ihn ein bisschen ausgequetscht und er war sehr kooperativ.

Pharmama: „Für was brauchen Sie das denn?“

Herr Timber: „Zum Schädel bleichen.“

Ummm …. was?

Ja, er wisse, das sei etwas ungewöhnlich, und wenn das nicht gehe, sei das auch okay. Aber er arbeite in einem Aquarium und gelegentlich konservieren sie nach dem Tod eines Bewohners dessen Skelett (Respektive Gräten?). In dem Fall war es ein Hai, dessen Schädel nach ein paar Jahren nicht mehr so gut aussah, und den wollte er jetzt bleichen. Mit Wasserstoffperoxid. Damit er weisser wird.

Ich hab’s ihm gegeben, nachdem ich das festgehalten habe und eine Kopie von seiner ID gemacht habe.

Ein anderes Mal fragte Herr Timber nach Mastix. Das ist ein Baumharz.

„Das habe ich nicht da – für was brauchen Sie das denn?“

„Zum Bart ankleben, ich habe im Internet gelesen, dass das geht.“

Ich habe schon erwähnt, dass er einen Bart hat .., dass der angeklebt sein soll wäre mir bis jetzt aufgefallen, weshalb ich ihn wohl ein bisschen schräg angeschaut habe – worauf er nur lachend meinte:

„Nein, das ist nicht für mich, mein Kollege braucht das für ein Mittelalterfestival demnächst.

Im Internet habe er gefunden, dass man das mit gelöstem Mastix macht, ob ich weiss, wie das genau geht – oder ob ich eine andere Idee habe? Er bräuchte das noch bald.

Ich hatte dann eine andere Idee: Wimpernkleber! Damit klebt man künstliche Wimpern an, da wird das auch mit Haaren an anderen Hautstellen gehen. Und den hatten wir da.

Wieder ein andermal kam Herr Timber abends vorbei und wollte etwas zum die Haare weiss färben, aber nur für kurz – Karneval oder so. Da gibt’s schon etwas, aber das macht die Haare reichlich kaputt, ist dauerhaft und wie das aussieht, nachdem ein Laie das gemacht hat ?… am Schluss habe ich ihm Trockenshampoo verkauft … das ist so weisses Pulver, das er dann halt so grosszügig auf dem Haar verteilen soll und das dann drauf lassen. (Normalerweise nimmt man nicht so viel und bürstet es wieder aus).

Aber mal Ehrlich – nach all den Anfragen kommt mir langsam der Verdacht, dass er vielleicht ein Geheimagent ist. Was denkt ihr?

Ausser Handel, aus dem Häuschen.

Als ich beim Nachbestellen sehe, dass das Mittel nicht mehr beim Grossist erhältlich ist – da ausser Handel, reagiere ich prompt. Ich weiss, dass wir das Nahrungsergänzungsmittel nur wegen genau einer Kundin an Lager haben – Frau Apfelschale schwört auf das und nimmt das schon seit Jahren. Für sie wird das eine mittlere Tragödie, denke ich … mal sehen, ob ich noch etwas machen kann.

Erste Massnahme: ich rufe bei der Firma an um zu sehen, ob die noch Restbestand haben –leider nein. Ich frage ob es ein Nachfolgeprodukt gibt – leider auch nicht. Offenbar wurde es zu wenig verlangt.

Zweitens: bekomme ich das noch woanders her? Ich telefoniere bei anderen Drogerien herum um eventuelle Restbestände zu sichern.

Drittens: gibt es das gleiche von einer anderen Firma? In dem Fall leider nicht. Nicht nur kein identisches Produkt – ich weiss auch, dass ich da nicht etwas anderes nehmen kann – laut der Kundin funktioniere nur das bei ihr, anderes habe sie schon versucht.

Dann telefoniere ich der Kundin mit den schlechten Nachrichten. Genau 4 habe ich noch für sie sichern können, die darf ich ihr bestellen. Nun – immerhin noch 4 Packungen, besser als nichts.

Etwa 2 Wochen nach dem Ausliefern der aus der ganzen Schweiz besorgten Packungen bekomme ich einen Anruf von der Frau Apfelschale: „Meine Tochter hat gesehen, dass man die noch bestellen kann. Könnten Sie mir noch ein paar Packungen besorgen?“

Pharmama: „Wo hat sie das gesehen? Laut Firma gibt es keine mehr und ich habe bei den anderen Drogerien besorgt, was ich noch konnte.“

Frau Apfelschale: „Sie sagt im Internet findet man noch welche! Ich habe leider keinen Computer, aber Sie können mir das doch auch dort besorgen!“

Pharmama: „Hmm. Ich habe meine Bezugskanäle, die vertrauenswürdig sind – und die habe ich jetzt ausgeschöpft. Irgendwelche Shops im Internet gehören da nicht dazu. Das müssten sie – falls Sie das wollen – als Patient selber machen, oder ihre Tochter fragen.“

Frau Apfelschale: „Aber -Sie hat gesagt, da muss man mit Kreditkarte bezahlen. Und dann kommt noch Porto drauf.“

Pharmama: „Ja, und das würde es dort auch, wenn ich das für sie bestelle. Bei manchen geht vielleicht auch auf Rechnung, aber … wie gesagt, dass müssten Sie oder ihre Tochter selber machen.“

Frau: „Das verstehe ich nicht. Ich habe das doch immer bei ihnen bestellt.“

Pharmama: „Ja, und das ging solange es noch hergestellt wurde und offiziell im Handel war. Jetzt ist es das nicht mehr und ich bekomme das weder vom Hersteller noch von unserem Lieferanten noch von den anderen Drogerien, die das an Lager hatten. Bitte fragen Sie ihre Tochter, dass Sie ihnen das im Internet bestellt, wenn Sie das so wollen und das dort tatsächlich noch erhältlich ist.“

Ich habe danach aus Interesse noch geschaut im Internet – aber bei den vernünftigeren Anbietern war das da schon als „nicht mehr erhältlich“ gelistet.

Tja. Ich hab gemacht, was ich konnte.

Nervprodukt

xprss

Schon vor en paar Wochen hatte ich erste Nachfragen nach diesem Mittelchen Express slim 1-2-3  – und da ich damals noch nichts davon gehört habe und mich die Kundin gefragt hat, was ich davon halte, habe ich mich schlau gemacht … und ihr dann meine Meinung dazu gesagt: Davon halte ich gar nicht viel.

Inzwischen nervt die Firma mit Dauerwerbung auf so ziemlich allen Kanälen für das Zeugs, darum ist es vielleicht an der Zeit hier auch ein paar Worte darüber zu verlieren.

Was es ist: noch ein Mittel zum abnehmen – mit Nahrungsfasern, die Fette und Kohlenhydrate binden und im Magen quellen, was zu einem gewissen Sättigungsgefühl führt. Das gibt es als einzelne Substanzen oder kombiniert auch schon. Hier ist die Grundsubstanz aus Äpfeln, Hafer und Karotten. Soweit so gut – habe ich sehr ähnlich auch bei uns an Lager.

Nur dass sie dieses Mittel anpreisen als wäre es Gottes Geschenk an übergewichtige Frauen (oder Männer).

Mit diesem Mittel muss man nicht einmal nebenbei aufs Essen achten, nein, damit nimmt man ab, auch wenn man weiterisst wie zuvor! O-Ton:

Auch wenn Sie weiterhin so essen wie früher, müssen Sie jetzt damit abnehmen.

Sie dürfen also essen was ihnen schmeckt, ohne zu verzichten und ohne zu hungern. Denn die Kapseln vernichten bis 75% der gefährlichsten Dickmacher und reduzieren den Hunger!

Sowas sollte einen schon sehr misstrauisch machen. Auf den (seriösen) Produkten steht nämlich im Normalfall drauf: „In Zusammenhang mit einer ausgewogenen Diät und Bewegung“ (oder ähnlich) – das hat seinen Grund.

und wurde es getestet? Aber natürlich!

eine offene klinische Studie mit 25 übergewichtigen Freiwilligen im Alter
von 28-62 Jahren, während 30 Tagen, ergab folgende durchschnittliche Resultate
(ohne Einhaltung einer Diät): Nach 15 Tagen 1,63 Kilo Gewichtsverlust,  Nach 30 Tagen 2,76 Kilo Gewichtsverlust

Das ist ja phantastisch! Oder etwa nicht?

Also: Jeder mit etwas naturwissenschaftlichem Hintergrund oder Ahnung von Statistik fasst sich jetzt an den Kopf: 25 Personen? Das ist so wenig, das ist nichts. 30 Tage? Das ist so kurz, das zählt fast nicht. Und „offen“ bedeutet: sie haben den Leuten gesagt, was sie bekommen und nicht gegen irgendein anderes Mittel oder Placebo getestet. Nicht sehr wissenschaftlich.

Sowas eine „Studie“ zu nennen grenzt an Verhöhnung.

Dafür präsentieren sie auf der Website, in jeder Werbung (und sogar im Fax an die Apotheken oben) einen „Button“ auf dem gross Testsieger! prangt. Herausgefunden wo oder gegen was das getestet wurde sonst habe ich bisher nicht.

Aber es geht noch weiter mit den Versprechungen:

Express-Slim ist ein geprüftes Medizinprodukt, deshalb auch in allen Apotheken und Drogerien in der Schweiz erhältlich. Somit haben Sie die garantierte Sicherheit, bedenkenlos und gesund abzunehmen.

Umm, Danke. Tatsache: Ich kann das bestellen. An Lager nehme ich das nicht. Es ist ein Medizinprodukt, kein Medikament … viel geprüft wird da nicht, ausser dass es einen nicht grad umbringt. Aber man sieht, wie sie die Apotheke hier als „Qualitätsmerkmal“ vorschieben.

Es geht noch weiter. Auf der Website versprechen sie ausserdem:

KAUF OHNE RISIKO 100% RÜCKGABE-GARANTIE!
Wir garantieren Ihnen: Sollten Sie innert 15 Tagen nicht an Gewicht verlieren, senden Sie uns *alles, auch die angebrochen Packungen zurück und Sie schulden uns nichts.

*Nur Gültig bei Rücksendungen der angebrochenen Packung, sonst wird der volle Betrag fällig. Wichtig: Dieses Versprechen gilt nicht beim Kauf in Drogerien und Apotheken.

Ah – toll. Ich hoffe, die Leute lesen auch das kleingedruckte nach dem Sternchen, sonst habe ich die nämlich in der Apotheke, weil man da die Sachen einfacher zurückgeben kann. … wenn man sich denn getraut zuzugeben, dass man das denen abgenommen hat. Ah ja – so eine 30 Tage „Intensiv“ Packung mit 180 Stk. kostet nur Fr. 149.- (statt 196.- … aber ich glaube 149 ist auch der Preis der bei uns hinterlegt ist …)

 

Von Angebot und Nachfrage

„Haben Sie Essigessenz?“ fragt mich die etwa 50jährige Kundin in der Apotheke.

Pharmama: „Nein, aber ich könnte es Ihnen bestellen. Brauchen Sie weisse oder braune?“

Frau: „Keine Ahnung.“

Pharmama: „Für was ist brauchen Sie es denn?“

Frau: „Ich habe gelesen, dass das ein günstiges Mittel ist gegen Nagelpilz.“

Pharmama: „Das habe ich zwar noch nicht gehört, aber ich kann mir vorstellen, das geht – immerhin hat es in den Nagelstiften Milchsäure drin und man macht damit ja auch nur den Nagel für den Pilz unattraktiv … Nun, ich schätze, dann ist es egal: dafür können Sie beide nehmen.“

Ich hole den Katalog zum Chemikalien bestellen.

Pharmama: „Der weisse ist etwas günstiger, die Mindestbestellmenge ist 1 Liter. Das bekommen sie für etwa 15 Franken.“

Frau: „Was?! Aber ich brauche nie so viel. Und das soll günstig sein?“

(Also ich habe das nie behauptet …, aber es ist günstiger als die Nagelstifte für fast 40 Franken, die man sonst für das verwendet)

Pharmama: „Nun, ich kann es ihnen in ein kleineres Gefäss abfüllen, aber ich kann nicht weniger bestellen als einen Liter, also bleibt der Preis gleich.“

Frau: „Das verstehe ich nicht. Mehr als 50ml brauche ich sicher nicht – dann müsste das nur etwa 1 Franken kosten! So stand das auch in der Zeitschrift!“

Pharmama: „Ja – aber da ich die Essigessenz ansonsten nicht mehr brauchen werde (das ist die erste Anfrage, die ich dafür in 10 Jahren habe), kann ich das Ihnen nicht so verkaufen.“

Das wäre ein klassisches Verlustgeschäft.

„Und auch mit den 15 Franken ist es immer noch günstiger als die Stifte – die kosten zwischen 30 und 40 Franken.“

Frau: „Das ist nicht günstig! Dann nehme ich halt meinen normalen Essig!“

Nur zu, versuchen Sie das. Solange das nicht Balsamicoessig oder welcher mit Himbeergeschmack oder Kräutern drin ist …

Interessant übrigens: Essigessenz ist bei uns praktisch nicht bekannt – findet man aber in Deutschland in jedem Kaufhaus, zum Teil in 5l Packungen. Für was eigentlich?