die falsche Anwendung (10)

Sagt der Kunde (den ich noch nie vorher gesehen habe) nach dem Kauf einer Packung Detensor* zu mir:

„Weisst Du, wofür Detensor auch gut ist? Wenn Du auf Drogen bist und davon loskommen willst, hilft es beim kalten Entzug. Ich werfe einfach abends ein paar ein und verschlafe dann die Entzugserscheinungen …“

Uh, ähh … dafür sind sie aber nicht wirklich gedacht. Sie so überzudosieren kann gefährlich sein.

Und ausserdem: diese Schneewittchen-Methode ist neben der Gefahr der Überdosierung und Nebenwirkungen nicht dauerhaft, immerhin hat er es angeblich schon ein paarmal gemacht … und ist danach wieder rückfällig geworden.

*ein Schlafmittel auf Antihistamin-Basis, freiverkäuflich.

Liebe Frau Abhängig

Liebe Frau Abhängig,

Nein, bis ich den Arzt angerufen und nachgefragt habe wie viele Temesta sie täglich nehmen müssen, bekommen sie von mir keine neue Packung. Wenn ich mir ihre Historie im Dossier so ansehe, müssten sie pro Tag etwa 8 schlucken – und das ist viel zu viel.

Was? Sie nehmen die Temesta nicht alleine? Ihr Mann und ihre Tochter nehmen sie auch?

Tut mir leid, aber selbst dann kann ich sie ihnen nicht geben. (Weiss der Arzt das wohl auch?) – Die beiden brauchen selbst ein Rezept … ansonsten nennt man das nämlich Versicherungsbetrug.

Ja.

So, so.

Wenn wir etwas bestellen müssen, bekommt der Kunde einen Abholzettel. Speziell bei Rezeptpflichtigen Sachen müssen wir diesen Zettel beim abholen wieder haben – das oder einen Ausweis (und eine Unterschrift). Der Grund ist, dass die Person nicht später mit dem (wiedergefundenen) Zettel kommt und es – noch einmal abholen will. Und damit verhindern wir auch einen gewissen Missbrauch – da könnte ja jeder kommen …

Genug der Vorrede.

Apothekerin: „Wenn ich ihnen das abgeben soll, muss ich von ihnen einen Ausweis haben. Haben sie eine Krankenkassenkarte?“

Kunde: „Nein.“

Apothekerin: „Einen Führerschein?“

Kunde: „Nein.“

Apothekerin: „Einen Pass vielleicht?“

Kunde: „Habe ich im Auto liegenlassen …. „

So, so.

Medizinische „Mathematik“

Suchtmittel (wie Heroin…) + Schwangerschaft = Baby mit Entzugserscheinungen.

Alkohol + Schwangerschaft = geistig zurückgebliebenes Kind.

Botox Spritzen + Schwangerschaft = geistig zurückgebliebenes Kind.

Fettfreie Diät + Schwangerschaft = Epileptisches Baby.

Dicke Mutter + dicker Vater = übergewichtige Kinder.

Sortis (Cholesterinsenker) + Fast Food  = immer noch zu hohes Cholesterin.

Samstag Nachmittag + Rezept für 10 Packungen Rohypnol = gefälschtes Rezept.

Freitag und Rezept für Viagra + Kondome = schönes Wochenende noch!

…. es gibt sicher noch mehr. Ideen irgendwer?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist …

Samstag

Ein junger Mann kommt in die Apotheke. Es fällt auf, wie nervös er ist, während er wartet. Ausserdem schwitzt er enorm, dabei ist es nicht sehr heiss. Als er drankommt: „Ein Valium 5mg, 25 Stück, bitte.“

Apothekerin: „Dafür brauchen Sie ein Rezept.“

Mann: „Aber es ist Samstag! Könnten Sie mir nicht eines geben und ich liefere das Rezept nach?“

Apothekerin: „Das machen wir eigentlich nur bei Stammkunden. Wie ist ihr Name?“

Stellt sich heraus, dass der Mann im Computer ist, aber nicht als Kunde, sondern weil schon einmal eine Warnung über ihn kam, dass er mittels gefälschter Rezepte versucht an … Valium zu kommen. Keine Überraschung hier.

Apothekerin: „Tut mir leid, aber ich kann ihnen keinen Vorbezug machen. Sie müssen ein Rezept bringen.“

Mann: „Gut, dann rufe ich halt meinen Arzt an.“

Er geht hinaus.

Es dauert etwa eine halbe Stunde, dann kommt ein Telefon.

„Guten Tag, ich bin Doktor M, Herr … war vorhin in ihrer Apotheke und wollte ein Valium. Bitte geben sie ihm das Valium, ich schicke ihnen ein Rezept sobald ich am Montag wieder in meiner Praxis bin.“

Die Apothekerin schreibt sich das auf, sagt erst einmal „Danke und auf Wiederhören“, hängt auf … und öffnet das Internet-Telefonbuch, wo sie die Nummer des Arztes heraussucht – er hat auch eine Privatnummer angegeben. Toll.

Dann ruft sie die Nummer an. Vorhin war die Rufnummer unterdrückt – was bei einem Arzt eher ungewöhnlich ist.

Es nimmt ein Mann ab, der sich auch mit „M.“ meldet – aber eine ganz andere Stimme hat. (Oha.)

Die Apothekerin entschuldigt sich für die Störung und erklärt ihm kurz den Grund des Anrufes. Der Arzt bestätigt ihren Verdacht: Nämlich dass nicht er das war, der das Medikament bestätigt hat.

Inzwischen steht der junge Mann schon wieder in der Apotheke –selbstbewusst grinsend, weil er denkt, er bekommt jetzt sein Valium.

Da enttäuscht ihn aber die Apothekerin: „Herr … ich habe gerade mit Doktor M. telefoniert …“

Junger Mann: „Ja, und er hat die Abgabe bestätigt, richtig?“

Apothekerin: „Nein. Der richtige Doktor M überlegt sich im Moment gerade, ob er sie wegen Betrug anzeigen will … und wenn sie nicht ganz schnell verschwinden … tue ich das auch.“

Der Gerechtigkeit nach will ich sagen, dass ich das auch schon anders gehabt habe, wo der Arzt in einem ähnlichen Fall die Abgabe erlaubte. Das gab noch ein nettes Gespräch über das Suchtverhalten des Kunden – das dem Arzt bekannt war und an dem er “am dran arbeiten war.“

Aber: Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.

Kleine Ausredensammlung zum Methadon

In der Schweiz gibt es Apotheken welche (gegen Rezept und Verordnung) Methadon an Patienten ausgeben. Methadon ist ja das Ersatzmittel für diverse Opiate wie: Heroin,  …. Das Ziel dieser Substitutionstherapie ist, dem Patient trotz seiner Sucht ein geregeltes Leben zu ermöglichen. Er braucht nicht mehr hinter dem Stoff herzujagen, kann einer normalen Arbeit nachgehen. Das zweite Ziel wäre ihn dann irgendwann vom Stoff wegzubekommen, das Methadon abzubauen bis er gar nichts mehr braucht. – bisher habe ich das aber zugegebenermassen bei kaum einem gesehen. Es ist auch sehr schwierig eine Sucht loszuwerden und Methadon macht anscheinend üblere Entzugserscheinungen als Heroin.

Jedenfalls gibt es bei der Methadon-Abgabe verschiedene Möglichkeiten: Das geht – je nach Zuverlässigkeit des Patienten- von: „Muss jeden Tag in die Apotheke kommen und seine Portion unter Aufsicht trinken“ bis zu: „Bekommt einmal wöchentlich seine Wochenportionen mitgegeben.“

Man gibt das Methadon in kleinen Fläschchen ab, verdünnt mit Wasser und versetzt mit entweder Orangensaft oder Sirup. Dies nicht um des besseren Geschmackes willen, sondern weil man verhindern will, dass es gespritzt wird. Manche lassen sich aber auch davon nicht abhalten. (Brrrr).

Wer einmal in einer Apotheke, die Methadon abgibt gearbeitet hat, dem werden die folgenden Aussagen sicher bekannt vorkommen:

„Als ich das Fläschchen aufgemacht habe, habe ich alles verschüttet.“

„Meine Putzfrau hat die Fläschchen weggeworfen.“

„Sie haben mir nicht die richtige Menge Fläschchen mitgegeben.“

„Der Arzt hat gesagt ich kann auch mehr nehmen, wenn ich will.“

„Mir sind x Fläschchen kaputtgegangen, als die Tasche herunterfiel.“

„Jemand hat mein Fläschchen geklaut, während ich im Tram schlief.“

„Meine Fläschchen wurden mir aus dem Auto gestohlen.“

„Der Hund von meiner Schwester ist gestorben. Kann ich die Dosis für morgen auch gleich mitnehmen, damit ich an die Beerdigung kann?“

„Ich habe meiner Kollegin 2 Fläschchen gegeben, als es ihr schlecht ging…“

Wer noch mehr kennt, darf sie mir gern in den Kommentaren bringen!

Das Problem: Je mehr man sich auf derartiges einlässt und eine Ausnahme macht, desto mehr solche Ausreden wird man zu hören bekommen. Da hilft nur: Hart bleiben und gleich am Anfang darauf hinweisen, dass Ausnahmen nur über den Arzt gemacht werden, egal was passiert.