Ausnahmesituationen

Kunde mit Rezept – und wie es von Zeit zu Zeit vorkommt, treten dabei einige Fragen auf. Die Pharmaassistentin ruft mich zur Hilfe.

Ich versuche das mit dem Mann zusammen abzuklären – dabei wird er zunehmend ärgerlich. Trotzdem bleibt er höflich und kooperativ. An einem Punkt meiner Befragung, lässt er durchscheinen, dass er demnächst weggeht: in die Ferien. Als ich meine Antworten habe und ihm erkläre, dass die Pharmaassistentin den Arzt anrufen muss, wegen einer Änderung, lässt er seinen Ärger durchscheinen, indem er sagt: „Ich brauche einfach die Medikamente! Ich bin auf Chemotherapie und habe nicht mehr lange zu leben.“

Rechts und links wird es ruhig. Vielleicht war das auch nur mein Eindruck, aber irgendwie scheint in dem Moment alles weiter weg. Selbst der Mann wird jetzt ganz still. Vielleicht ist ihm sein Ausfall etwas peinlich.

Einem Impuls folgend frage ich ihn: „Wohin gehen sie denn in die Ferien?“
Das muss der richtige Schritt gewesen sein, denn sein Gesicht hellte sich sichtbar auf, als er mir antwortete.

Während die Pharmaassistentin telefoniert, hatte ich noch eine sehr nette Unterhaltung mit ihm, wobei ich nicht nur von Ferienort, sondern auch von seinen Enkeln zu hören bekam, auf die er sehr stolz war.

Nachdem wir das mit seinem Rezept endlich aussortiert haben, dankt er mir tatsächlich noch.

Ich bin froh, dass ich zumindest mit den Medikamenten ein bisschen helfen konnte, aber ich denke, das war nicht der Grund für den Dank.

Es ist so wichtig, dass man nicht nur den Patienten, sondern auch den Menschen hinter den möglichen medizinischen Problemen sieht.

Neues von der Nicht-Kundin

Unsere „Nicht-Kundin“ telefoniert im Moment wieder regelmässig.

„Nicht-Kundin“ deshalb, weil wir mit ihr eine Abmachung haben, dass sie alle ihre Medikamente in einer Apotheke holt – das aus Erfahrung, sie hat angefangen, uns, die andere involvierte Apotheke und den Arzt gegeneinander auszuspielen. Ausserdem nimmt sie die Sachen nie, wie vorgeschrieben … Jetzt muss sie einfach alles in der anderen Apotheke beziehen – die haben dann auch die Info, was sie schon bekommt und können so besser schauen, was für sie geht.

Das hält sie aber nicht davon ab, bei uns anzurufen – mindestens 1x täglich, mit so tollen Fragen wie:

Nicht-Kundin (NK): „Könnte ich bitte die Apothekerin sprechen?“
Ja, es muss die Apothekerin sein. Immer. Eine einfache Pharmaassistentin oder gar Drogistin könnte ihre Fragen nicht beantworten. (Sagt sie).
„Ich habe vom Arzt Dulcolax verschrieben bekommen, wie muss ich das nehmen?“
(Wurde das nicht schon in der anderen Apotheke bei der Abgabe erklärt?)
Pharmama: „Am Abend vor dem Schlafen 1-2 Tabletten, dann können sie am anderen Morgen auf die Toilette.“
NK: „Wie lange dauert das, bis das wirkt?“
Pharmama: „Etwa 8 Stunden, darum nimmt man es ja vor dem Schlafen.“
NK: „Wann muss ich dann ins Bett?“
Pharmama: „Dann, wenn sie normalerweise gehen – die Tablette wirkt über Nacht.“
NK: „Dann muss ich nicht länger warten, mit dem Schlafengehen?“
Pharmama: „Nein. …  Denken sie aber bitte daran, dass das den Darm ziemlich vollständig leert, das bedeutet, sie müssen nicht gleich wieder am nächsten Tag auf die Toilette, das kann ein paar Tage dauern und bedeutet nicht, dass man schon wieder verstopft ist. Nehmen sie es nicht regelmässig!“

Nächster Tag, Nächstes Telefon – andere Apothekerin.
NK: „Könnte ich bitte die Apothekerin sprechen?“
„Wieviel kosten die Dulcolax Tabletten bei ihnen?“
„Und die Dulcolax Zäpfchen?“

Nächster Tag, Nächstes Telefon. Ich wieder.
NK: „Könnte ich bitte die Apothekerin sprechen?“
„Wie lange dauert es, bis das Dulcolax wirkt?“
Pharmama: „Das habe ich ihnen doch letzthin schon erklärt? : Etwa 8 Stunden … „(usw.)
NK: „Und die Zäpfchen?“
Pharmama: „Die gehen etwas schneller: zwischen 30 und 60 Minuten normalerweise.“
NK: „Und wenn ich beides genommen habe?“
Pharmama: „… Sie haben die Tabletten und die Zäpfchen genommen?“
NK: „Ja.“
Pharmama: (Grrrrumpf – ich sagte ja, sie hält sich nicht an Therapieanweisungen) „Das soll man nicht. Entweder oder reicht aus.
Ausserdem: wenn sie die Dinger ständig nehmen, können sie bald nicht mehr ohne die auf die Toilette.“
NK: „Und was soll ich jetzt tun?“
Pharmama: “ …damit aufhören für die nächsten paar Tage?“

… Oh ja – und wenden sie sich in Zukunft bitte wieder an die Apotheke, die ihnen die Medikamente auch abgegeben hat. Ich bin sicher, die sind auch daran interessiert, wie sie sie anwenden :-(

Schuld und Krankheit

Der 63 Jahre alte Mann kommt mit einer Liste Medikamente in die Apotheke. Mit dabei die Familie (erwachsene Tochter), die sich lauthals beklagt, dass „Opa schon wieder krank ist!“ – man hört heraus, dass sie mit dem Arzt unzufrieden ist.

Er hatte schon 2 Herzanfälle, eine mit Bypass Operation und jetzt hat er den 3. Herzinfarkt in 6 Jahren.
Ja… aber Opa raucht auch immer noch sehr viel – das kann man riechen – 2 Päckchen am Tag, sagt er selber; er wiegt über 100 kg und isst ausgiebig – was man ausser an seinem Gewicht auch an den Diabetes-Medikamenten sehen kann.

Vielleicht … wenn man ihn aus dem Sofa raus bekäme, wo er den ganzen Tag sitzt und weg vom Fernseher nach draussen zum Bewegen – dann könnte es besser werden.
Von den Medikamenten alleine und den Notoperationen sicher nicht.

Viele der Krankheiten, die wir heute häufig sehen, haben einen Zusammenhang mit dem Lebensstil. Diabetes, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, sogar Darmkrebs sind alle stark beeinflusst vom Lebensstil. In dem Zusammenhang „verdienen“ sich eine Menge Leute den Gang zum Arzt tatsächlich selbst.

Darum ist es aber auch ziemlich frustrierend, wenn man mitbekommt, wie manche Patienten sich einfach weigern Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.

Das kann erstaunlich weit gehen. Manche haben einfach eine Entschuldigung für alles. Es wurde ihm kein Rezept ausgestellt, die falschen Tabletten waren aufgeschrieben. Niemand hat je mit mir über meine Ernährung geredet. Keiner hat mir gesagt, dass Pommes schlecht für einen sind. Man hat mir gesagt, die Medikamente sind um 2 Uhr hier (statt um 4). Der Arzt ist Schuld, wir (die Apotheke) sind Schuld- Es ist immer jemanden anderers Schuld.

Eigentlich ist es mir total egal wer denn Schuld ist. Was für einen Unterschied macht das? Am Ende zählen doch nur die Resultate.

Dein Körper ist wie dein Auto. Was du zuhause damit machst hat einiges mehr mit der Leistung des Fahrzeugs zu tun als das, was die Service-Station macht.

In dem Sinn: Raus mit Euch!

Bedienungsnotstand

„Den bediene ich nicht!“ Sagt die Drogistin und verschwindet.

„Und ich auch nicht“ – das war die Pharmaassistentin. Weg ist sie. Ich selbst bin grad an einem Rezept – ich kann nicht.

Die ältere Drogistin nimmt ihn dann.
Widerwillig.

„Was ist das Problem?“ frage ich sie, als sie danach zurückkommt.

Drogistin: „Der Typ kauft Kondome und erzählt einem, was er damit macht. Ausführlich. Und das sind Dinge, die ich weder hören, noch wieder erzählen möchte. Der ist pervers.“

Das ist alles, was ich aus ihnen herausbekomme. Und was ich weiss ist, dass sie sicher nicht prüde ist.

Aber so wie es aussieht, hat der wirklich bald niemanden mehr, der ihn bedient.

Homöopathische Probleme

Die schwangere Kundin bringt ein Rezept, auf das die Ärztin ein homöopathisches Medikament aufgeschrieben hat.

Gegen Übelkeit sagt sie.

Dummerweise steht auf dem Rezept aber nicht drauf in welcher Potenz das Mittel jetzt genommen werden soll.

Und die Ärztin ist in der Zwischenzeit ins frühe Wochenende abgedüst.

Naja, man könnte noch der Firma die das Mittel herstellt anrufen und fragen, in welcher Potenz das dann normalerweise angewendet wird – immerhin ist das doch etwas, was die Kundin lieber früher als später (lies: in 3 Tagen) nehmen will. Ihr ist jetzt schlecht.

Also ruft die Kollegin der Firma an und fragt.

Und hängt dann ziemlich konsterniert wieder auf.

Pharmama: „Was haben sie gesagt?“

Pharmaassistentin: „Sie sagen, wenn ein Arzt das aufgeschrieben hat, dann dürften sie da nicht reinreden, was es sein soll und wir sollen den Arzt direkt fragen.“

Na toll. – Irgendwie halte ich das für Vermeidungsstrategie.

Rufen wir halt etwas später nochmals an und formulieren das ganze etwas um:

Pharmama: „Wir haben hier einen Fall von Schwangerschaftsübelkeit, das sie mit … behandeln will. Welche Potenz ist dafür geeignet?“

Und dann bekommt man die Auskunft.

Bah!

Wie ist das denn passiert?

Die junge Frau humpelt in die Apotheke.

Frau: „Haben Sie mir etwas für meinen schmerzenden Fuss?“

Pharmama: „Wissen Sie denn, warum er weh tut?“

Frau: „Ja. Ich war betrunken und habe mir Nachts den Fuss angehauen, als ich versucht habe das Licht im Aquarium anzumachen.“

Ah. Ok. :-)