Gerettet Dank Apothekerin

Zwei italienische Touristen wandern mit ihrem Hund am Meer in England an der Küste von Devon. Da kommt die Flut und schneidet ihnen den Rückweg zum Strand ab. Sie sitzen also auf einem Felsen im steigenden Meer. Sie haben ein Telefon, aber keine Nummer für die lokale Polizei oder Feuerwehr oder derartiges, die sie anrufen könnten und um Hilfe bitten.

Da finden sie in der Tasche das Rezept für die Apotheke des Ortes, wo sie ein paar Tage vorher waren. Auf dem Rezept die Telefonnummer.

Dort rufen sie an. Obwohl das Gespräch wegen der schlechten Verbindung mehrmals unterbrochen wird, versteht die Apothekerin, dass sie in Not sind und ruft für sie die Küstenwache an. Die Küstenwache findet die Touristen im Meer und rettet sie mittels Helikopter.

Link zum Originalartikel im guardian. (in Englisch)

Merke: Es ist immer gut, die Nummer des lokalen Notdienstes zu wissen. Dort wäre es die 999 gewesen. Hierzulande ist es die 112.

So läuft das (Kundensicht)

Im letzten Post habe ich ein wenig versucht zu zeigen, was hinter den Kulissen so abläuft. Und was bekommt die Patientin davon mit? Im Idealfall eigentlich – trotz der ganzen Probleme erstaunlich wenig.

Ich versuche das mal hier darzustellen.

Pharmama: „Grüezi Frau Meier-Müller-Richner.“

Frau M-M-R:„Grüezi Pharmama. Ich habe Ihnen hier 2 Rezepte, Moment“ (gibt sie mir)

Ich suche die Medikamente aus den Schubladen und fange an sie im Computer einzugeben,

Frau M-M-R: „Ich musste heute zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, wissen Sie, ich habe schon eine Zeitlang eine so unangenehme  Bronchitis. Der Arzt meint jetzt, es wäre eine Lungenentzündung!“

Pharmama: „Ja, ich sehe, er hat auch ein Antibiotikum aufgeschrieben. Aber fangen wir doch mit den Sachen an, die sie schon hatten.“

Pharmama: „Der Arzt hat beim Torasem eine neue Dosierung aufgeschrieben. Vorher hatten Sie 5 mg …“

Frau M-M-R: „Ja, er meinte, der Blutdruck sei noch zu hoch, darum schreibt er mir auch eine höhere Dosierung auf“.

Pharmama: „Und ein neues Schema für den Blutverdünner Marcoumar hat er ihnen auch gegeben?“

Frau M-M-R: „Ja, das habe ich hier“ (zeigt auf ihre Handtasche).

Pharmama: „Gehen Sie denn regelmässig den Quick kontrollieren?“

Frau MMR: „In ein paar Wochen wieder, ja.“

Pharmama: „Neu haben sie Calcium Kautabletten aufgeschrieben bekommen. Ich schreibe die Dosierung auf die Packung. Ich schreibe allerdings drauf „am Abend“, damit es nicht in Konflikt kommt mit dem Euthyrox, das sie nüchtern nehmen müssen.“

Frau M-M-R: „In Ordnung“

Pharmama: „Und eine gute Nachricht hätte ich auch noch: von ihren Sortis gibt es in der Zwischenzeit ein Generikum (hole die Packung und lege sie neben die Sortis) – die sind gleich wirksam und kosten über 60 Franken weniger. Darf ich ihnen diese hier geben?“

Frau M-M-R: „Oh, ist das neu?“

Pharmama: „Ja, die gibt es erst seit Anfangs Juni. Die Firma ist auch sehr zuverlässig – es ist übrigens dieselbe, von denen sie auch die Blutdrucktabletten haben“

Frau M-M-R: „In Ordnung, ich nehme das Generikum“ (Sie ist einfacher zu überzeugen als andere, was vielleicht daran liegt, dass sie Vertrauen in mich hat, ausserdem ist sie noch nicht so alt und flexibel, sowie eher auf der Preisbewussten Seite.)

Pharmama: „Ich gebe Ihnen erst mal eine kleine Packung, die können sie ausprobieren. Ich schreibe ausserdem noch drauf ‚entspricht Sortis’, damit sie auch wissen, was das jetzt ist.“

„So, dann kommen wir zum Zweiten Rezept, das Antibiotikum.“ (ich nehme das nächste Rezept in die Hand und scanne das Antibiotikum ein)

„Oh. Ich sehe hier eine Wechselwirkung, die ich erst mit dem Arzt abklären möchte. Einen Moment bitte.“ (Ich gehe telefonieren)

Wieder zurück:

Pharmama: „Es ist wichtig, dass sie dieses Antibiotikum nehmen, aber wegen der Wechselwirkung müssen sie während der Woche das Sortis abends weglassen. Fangen sie erst nach der Behandlung wieder an. Ich schreibe es ihnen drauf: … morgens und abends je 1 Tablette Clarithromycin – unabhängig vom Essen – das heisst, es ist egal, ob mit oder vor …-bis die Packung fertig ist. Atorvastin/Sortis in der Zeit pausieren.“

Pharmama: „So, hier sind ihre Medikamente. Ich habe die Dosierungen draufgeschrieben. Wenn sie noch Fragen haben sollte, dürfen sie auch gerne telefonieren.“

Frau M-M-R: „Danke – Wiedersehen!“

Pharmama: „Einen schönen Tag noch und gute Besserung!“

Dauer: ca. 10 Minuten (15 mit dem Telefon), trotz des nicht ganz einfachen Rezeptes … wobei: da gibt es viel kompliziertere.

Es gäbe noch je nach dem noch mehr zu tun: wenn etwas nicht an Lager ist. Oder wenn etwas nicht lieferbar ist. Oder wenn ich wegen einer Allergie eingreifen muss. Oder wenn der Patient neu ist, oder wenn die Krankenkasse gewechselt hat (oder auch nur die Nummer, Seufz) .. oder … oder …

So läuft das (Apothekersicht)

Anhand einer fiktiven Patientin und ihrer Medikamente möchte ich hier einmal zeigen, was -vielleicht hinter den Kulissen- abläuft und welche Situationen sich im Apothekenalltag ergeben können.

Wir nehmen an Frau Müller-Meyer-Richner kommt in die Apotheke mit 2 Rezepten, die sie bekommen hat. Eines der Rezepte vom Hausarzt vor einigen Tagen, ein anderes vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt bei dem sie heute war.

Ich kenne Frau Müller-Meyer-Richner schon, da sie bereits Medikamente bei uns bezogen hat. Darum habe ich sie auch schon im Computer mit einem Patientendossier drin. Als Frau Müller-Meyer-Richner das erste Mal mit einem Rezept bei uns war, habe ich sie gefragt, ob sie noch andere Medikamente nimmt und ob sie Allergien hat – ja, gegen Penicillin, da habe sie einmal einen üblen Ausschlag bekommen. Diese Info ist jetzt in ihrem Patientendossier im Computer abgelegt. Beim Öffnen des Dossiers rufe ich auch die Krankenkassendeckung automatisch mittels Internet-Verbindung ab.

Auf dem ersten Rezept, das Frau Müller-Meyer-Richner mir gibt, sind vor allem Medikamente, die sie bisher schon gehabt hat und die sie regelmässig weiter nehmen muss. Deshalb hat der Arzt auch ein Dauerrezept ausgestellt.

Das ist auf dem Rezept:

Dauerrezept für 6 Monate

1 OP Euthrox 125 mcg 1-0-0
1 OP Torem 10mg C 1-0-0
1 OP Marcoumar C: D.S. nach Schema
1 OP Calcimagon D3 CXX 1-0-0
1 OP Sortis 10mg C 0-0-1

Ich suche die Medikamentenpackungen heraus –ich kenne die Medikamente und ihre Wirkungen schon, auch die wichtigsten Wechselwirkungen sind mir geläufig, aber der Computer ist da eine grosse Hilfe, da das rasch unübersichtlich werden kann. Auch gut ist es, dass ich die bisher gehabte Dosierung abrufen und kontrollieren kann. So kann ich bei Änderungen nachfragen – so wurde schon mancher kleiner Fehler verhindert.

Euthyrox Sie hat – wie bisher- ein Mittel gegen Schilddrüsenunterfunktion. Das Mittel muss man zwingend nüchtern einnehmen – das heisst mindestens eine halbe Stunde vor dem Essen, weil es sonst schlechter aufgenommen wird und dann auch schlechter wirkt. Darum schreibe ich das auch so auf die Etikette.

Torem ein Mittel gegen Bluthochdruck. Auch das hatte sie schon. Allerdings in einer niedrigeren Dosierung, vorher waren es 5mg – Die Patientin weiss aber von der Dosierungsänderung, auf die ich sie Hinweise. Darum kann ich mir hier die Rückfrage beim Arzt sparen. Sie hatte bisher auch das Generikum von Torem – Torasem Mepha, das ich auch für die neue Packung wähle.

Marcoumar – ein Mittel zur Blutverdünnung. Bilden sich im Blut Thrombosen – wenn das Blut gerinnt, können diese in Herz und Lunge wandern und dort die Gefässe verstopfen. Das gibt Lungenembolien und Herzinfarkte. Bei Personen mit Risiko – zum Beispiel bestehenden Herzproblemen beugt man vor. Weil die Blutgerinnung ein sehr empfindliches System ist, ist es ganz wichtig, dass hier gut eingestellt wird. Das geht nur mit regelmässigen Messungen der Blutgerinnung… und einer individuellen Dosierung. Darum steht hier „Nach Schema Arzt“ – das kann dann sein ½ Tablette 2 Tage lang, dann 1 Tablette im Wechsel. Ganz viele Medikamente machen bei dem Wechselwirkungen. Allein hier auf dem Rezept sehe ich schon 2. Es gilt abzuschätzen, wie relevant das jetzt ist. Wir haben hier einmal eine Wirkungsverstärkung und einmal eine Wirkverminderung … Vor allem wenn neue Medikamente hinzukommen sollte man darum nachfragen, ob hier regelmässig zur Quick-Kontrolle gegangen wird. Dem ist so. Sie hat auch in ein paar Wochen wieder einen Termin.

Calcimagon D3 – dieses Medikament hat die Patientin neu. Es handelt sich um ein Calciumpräparat – zum Beispiel zur Osteoporosevorbeugung. Und jetzt stossen wir auf ein Problem. Nach dem Arzt müsste sie das auch morgens einnehmen. Gerade Euthyrox ist aber wie gesagt, empfindlich … speziell auf sogenannt Mehrwertige Kationen, wie Calcium (Ca2+ – erinnert sich vielleicht noch jemand aus dem Chemiepraktikum daran?) auch eines ist. Wenn ich die gleichzeitig gebe – oder auch nur in zu geringem Abstand, bilden sich aus den beiden eine schwer-lösliche Verbindung im Magen und Darm, die dann nicht mehr aufgenommen wird – das bedeutet, das Euthyrox wirkt nicht mehr. Darum teile ich das Frau Müller-Meyer-Richner mit und dass ich darum statt dessen darauf schreibe: mittags oder abends. Nicht morgens.

Das Problem gibt es übrigens nicht nur mit den Medikamenten, die man auf Rezept bekommt. Wechselwirkungen finden auch mit freiverkäuflichen Präparaten statt. In dem Fall zum Beispiel Multivitaminpräparate in anderen auch Schmerz- und Grippemittel, zum Beispiel beim Marcoumar. Man darf das auf keinen Fall unterschätzen, weil es z.B. beim Blutgerinnungsmittel rasch Blutungen geben kann.

Sortis –Ein Mittel zur Cholesterinsenkung (die Blutfette) und auch zur Vorbeugung bei Risikopatienten gegen Herzprobleme. Frau Müller-Meyer-Richner hat es schon lange, aber auch hier gibt es eine Änderung: Seit neustem gibt es von diesem Mittel auch Generika. Darum nehme ich beide Packungen nach vorne und zeige sie dem Patienten. Preisdifferenz hier: ca. 60 Franken! Ich darf das als Apotheke mit dem Einverständnis des Patienten selbst austauschen. Was ich auch mache.

Jetzt hat Sie noch ein zweites Rezept von einem anderen Arzt

Clarithromycin 500 mg XIV 1-0-1

Das ist ein Antibiotikum.

Clarithromycin. Kein Penicillin, also kein Problem mit der gemeldeten Allergie.

Aber … bei der Eingabe zeigt es mir eine Wechselwirkung an. In diesem Fall eine schwerwiegende .. und zwar mit dem Sortis/Atorvastatin. Es besteht die Möglichkeit, dass in Kombination sich Muskelfasern auflösen und diese dann die Niere verstopfen. Das ist sehr schlecht, darum ist diese Kombination kontrainduziert – faktisch verboten.

Weil ich das Antibiotikum nicht einfach austauschen kann, nehme ich per Telefon mit dem Arzt Rücksprache. Leider kann auch er nicht einfach ein anderes AB nehmen – wegen dessen Wirkspektrum- und wir entscheiden uns, die Sortis (Atorvastatin) für die Dauer der Antibiotikabehandlung wegzulassen. Nach der Behandlung (sicherheitshalber plus 2 Tage) muss sie aber damit weitermachen.

Rezept abschliessen: Alle Medikamente anschreiben und mit Erklärung der Dosierung hinlegen.

Fertig! Dauer ca. 10 Minuten.

In Komplizierten Fällen – zum Beispiel bei mehr als 3 Dauermedikamenten lohnt es sich, eine weitergehende Beratung zur Anwendung der Medikamente anzubieten. Dabei geht es vor allem um eine mögliche Vereinfachung und Kontinuität der Medikamenten-Einnahme. Es ist nämlich wichtig, dass man seine Medikamente regelmässig nimmt, damit sie auch richtig wirken können.

Alt und Neu: Becozym forte

Nach langer Pause mal wieder ein Fundstück aus unserer Retourenbox:

Links die alte Schachtel, rechts die neue – die Grundfarben sind gleich geblieben (Moosgrün?), der Inhalt auch, gewechselt hat aber die Vertriebsfirma. Von Roche zu Bayer.

Ein Jahresbedarf

Kleiner alter Mann um die 80 kommt mit einem Dauerrezept für Viagra in die Apotheke.

„Geben sie mir einen Jahresbedarf!“ sagt er

„Wieviel ist das?“ frage ich

Er: „Eine Packung mit 4 Tabletten sollte reichen“.

:-)

Ernst bleiben !

Gibt’s nicht? Gibt’s doch!

Noch ein Gastbeitrag heute, diesmal von dergrünepunkt:

bei mir in der Apotheke gibt es nach 20 Uhr einen Wachdienst, damit der Apotheker nicht ganz alleine da steht. Dieser nimmt auch Anrufe entgegen, wenn man im Kundengespräch ist und lässt sich dann die Nummer für einen Rückruf geben. Manchmal schreibt er sogar auf, worum es geht…
Als ich gestern einen solchen Zettel mit Nummer und „Thema“ bekommen habe, glaubte ich erst an einen Scherz. So etwas gibt’s gar nicht im echten Leben, sondern wird „nur so“ erzählt, weil es lustig ist.

Ich rief also zurück und hatte eine Frau am Telefon, die nicht ihren besten Tag hatte und ihre Vaginaltabletten (Fluomicin, Wirkstoff Dequaliniumchlorid) geschluckt hat. Ob das denn schlimm wäre?
Gott sei Dank war ich durch den Zettel vorgewarnt …

Gibt’s nicht gibt’s Nicht! …

Klassische falsche Anwendung. … Wenn ich so etwas erzähle, glauben es manche nicht. Danke für den optischen „Beweis“ :-)