Berliner Mauer, verdünnt

Homöopathie hat sicher seinen Platz im heutigen Drogerie- und Apotheken-Sortiment, aber es gibt Firmen, die geben der Behandlungsmethode ein schlechtes Ansehen.

So musste ich letzthin lesen, dass eine englische Apotheke offensichtlich „Murus berlinensis C6“ vertreibt.

Was das ist? Berliner Mauer, zerstossen, verpulvert und homöopathisch verdünnt und dann in braune Fläschchen mit dem Aufdruck „Berlin Wall. Keep away from children“ abgefüllt.

Es soll helfen gegen Soziophobie und/oder Abgrenzungsprobleme.

Zu lesen hier.

Wie das dem Ähnlichkeitsprinzip: „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“ (similia similibus curentur, Hahnemann) entsprechen soll, muss mir erst jemand erklären. Das entscheidende Auswahlkriterium für ein homöopathisches Arzneimittel ist ja, dass es an Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen könne wie die, an denen der Kranke leidet.

Und eine Mauer … ist ein bisschen mehr als ein Symptom, oder?

Auf der Seite des Vertreibers steht übrigens folgender Satz:

Please note that any reference to a disease name does not indicate a treatment for this disease. Helios remedies are without therapeutic indications.

Also: wir machen Heilmittel, aber sie sind ohne gesicherte Anwendung.

Auf der anderen Seite … wenn das ein Verkaufshit ist: ich habe zuhause auch noch ein kleines Stückchen. Und mit einer C6 Verdünnung kommt man seeeeehr weit. …. irgendwelche Interessenten?

Über Pharmama

Wie bringt man die Arbeit in der Apotheke und die Familie unter eine Haube? Mit viel Humor natürlich! Ich bin Apothekerin aus der Schweiz schreibe über Interessantes und lustiges in und um die Apotheke. unter: Pharmama.ch

Veröffentlicht am 08/11/2009 in Internet und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 22 Kommentare.

  1. mhh das beweißt für mich einfach nur wieder das Homöopathie hauptsächlich für Geldmacherei benutzt wird.
    Schade eigentlich da es schließlich auch wirken kann.

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  2. Nö, Placebo bleibt Placebo. Es ist /nicht/ die Homöopathie, die wirkt..

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  3. Vielleicht hilft es gegen das Brett vor dem Gehirn, das bei manchen ja Mauerstärke erreicht zu haben scheint.

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  4. Ah, eine neue Indikation!

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  5. hab mal bisi gegoogelt, die wirkungsweise würde mich nämlich auch brennend interessieren:

    „Colin Griffith berichtet in dem Journal, wie er 1994 ein Stück Mauer, ursprünglich ein Souvenir, einer befreundeten Homöopathin zeigte. Janice Micallef heißt sie, und sie gilt unter ihren Kollegen als eine besonders empfindsame Person, was das Aufspüren »verborgener Kräfte« in Substanzen anbelangt. Micallef, in Unkenntnis über die Herkunft des Betons, überfiel in dessen Gegenwart ein unbestimmtes Gefühl von Furcht, Panik und Asthma.“
    http://www.zeit.de/2009/46/WOS-Mauermittel%5D

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  6. Homöopathie hat sicher seinen Platz im heutigen Drogerie- und Apotheken-Sortiment

    Klar, insbesondere wenn demnächst alle Versicherten diese Quacksalbereien solidarisch mitzahlen dürfen…

    Wie das dem Ähnlichkeitsprinzip: „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“ (similia similibus curentur, Hahnemann) entsprechen soll, muss mir erst jemand erklären.

    Erklärt werden muss in der Homöopathie nie etwas, schon gar nicht, wie es biophysikalisch wirken soll und auch nicht, wieso die idiosynkratischen „Erfahrungsberichte“, welche zur Klassifizierung einer Substanz verwendet werden, irgendeine Aussagekraft haben sollen. Besonders hübsch sind die „Prüfungen“ bei denen die Tester von einer unters Kopfkissen gelegten Substanz träumen und dann am Morgen ihre Symptome niederschreiben – und schwuppdiwupp ist ein neues Präparat geboren.

    Verdünnte Berliner Mauer fügt sich nahtlos in die Liste der sonstigen homöopathischen Scharlatanerien ein, zu denen auch Vakuum, Hunde- und Walkacke (pol. korrekt ‚excrementum canium‘ bzw. ‚ambra‘), Eurecent-Späne, verkohltes Rindsleder, Placenta, Menschen- oder Delphinmilch und anderes mehr zählen..

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  7. Dieser Disclaimer „ohne Indikation“ steht bei jedem der verkauften Homöopathika und ist wahrscheinlich gesetzlich geregelt nehme ich mal an.
    Es gibt dort auch z.B. Süd- und Nordpol als Verdünnung (wogegen das wohl helfen soll?).

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  8. @Mausflaus: Ich denke, das zeigt genau das Problem, das ich damit habe. Früher hat man die Mittel zur Anwendung getestet, indem man steigende Mengen einnahm und die Effekte auf den Körper dokumentierte. Das hat zumindest ansatzweise etwas von wissenschaftlichem Vorgehen. Dagegen ist dieses: „Ich habe es angeschaut … und es überfiel mich ein unbestimmtes Gefühl von …“ einfach nur Gugus.

    @ Kyriacou: ich dachte, dass Dir dieser Post gefallen wird😉

    @Mr. Gaunt: das ist auch der Grund, warum man keine Beipackzettel mehr in Homöopathika findet. Und der Grund, warum ich nicht wirklich Auskunft geben kann, wenn mich jemand fragt, warum der Arzt jetzt das Mittel aufgeschrieben hat.

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  9. Lach!
    (und was ist mit den Drogistinnen und Pharmaassistentinnen?)

    Hast Du den Artikel gelesen, wie man sich beim Umarmen der Bäume die Kraft der Akupunktur zu nutze macht?
    http://www.sheng-fui.de/allgemein/neue-studie-belegt-wie-man-sich-beim-baum-umarmen-die-kraefte-der-akupunktur-zunutze-machen-kann/

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  10. Leider hat sich in der Bevölkerung noch immer nicht herumgesprochen, dass Medizin nur funktioniert, wenn man naturwissenschaftlich und statistisch arbeitet. Da ist es kein Wunder, dass Hokuspokus fröhliche Urstände feiert.

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  11. @emu: leider hat sich unter ÄRZTEN noch nicht rumgesprochen, dass es auch für Schulmedizin keine „wissenschaftliche und statistische“ Beweise gibt, sondern bestenfalls HINweise.

    Das System Mensch ist zu komplex, um die Wirksamkeit irgendeiner Substanz BEweisen zu können.
    Solange mir Medikamentenhersteller ernsthaft erzählen, dass ein Medikament auf Männer und Frauen exakt gleich wirkt (obwohl z.B. das Hormonsystem beider Geschlechter sehr unterschiedlich ist, von unterschiedlichen Körperteilen ganz zu schweigen), brauchen mir ebendiese auch nix von „wissenschaftlichen Beweisen“ für Medizin zu erzählen.

    Das einzige wirklich wissenschaftlich gesicherte an der Medizin ist Anatomie und Physiologie. Pharmakologie ist letztlich nicht mehr als „trial & error“ (sorry, Pharmama).

    Übrigens: der Placebo-Effekt ist hinreichend wissenschaftlich und statistisch belegt… warum geht DAS nicht endlich mal in die Schädel der Wissenschaftsanhänger?

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  12. @benedicta
    leider hat sich unter ÄRZTEN noch nicht rumgesprochen, dass es auch für Schulmedizin keine „wissenschaftliche und statistische“ Beweise gibt, sondern bestenfalls HINweise.

    Es gibt ja sehr wohl Ärzte, die wissenschaftlich und statistisch herausgefordert sind, aber Dein Kommentar ist natürlich dennoch Schwachfug.

    Es gibt zwei sich ergänzende Ansätze der nachweisorientierten Medizin: Erstens, der empirische, der nur dann was taugt, wenn man Präparate an genügend grossen und definierten Versuchsgruppen auf ihre Wirkung hin überprüft. Und zweitens, der Erklärungsansatz: Obschon biologische Systeme tatsächlich hochkomplex sind, entzieht sich ihr Verhalten nicht einfach der wissenschaftlichen Erklärung. Wir verstehen beispielsweise, wie Beta-Blocker funktionieren.

    Voodoo-Medizin wie Homöopathie bietet weder statistische noch theoretische Beweisführung, sie hat deshalb mit Wissenschaft nichts am Hut.

    Übrigens: der Placebo-Effekt ist hinreichend wissenschaftlich und statistisch belegt… warum geht DAS nicht endlich mal in die Schädel der Wissenschaftsanhänger?

    Eben. Und genau deshalb lässt sich erklären, wieso Zuckerkügelchen eine „Wirkung“ entfalten. Der Unterschied zwischen Wissenschaftern und Homöopathen ist, dass erstere Placebo als Kontrollbedingung in Studien verwenden, letztere sie hingegen als Cash cow verstehen.

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  13. @kyriacou: Empirie ist kein wissenschaftlicher Beweis. Empirie ist Plausibilitätsprüfung – aber eben auch nicht mehr.

    Sicher, bei manchen Medikamenten kennt man den Wirkmechanismus – aber bei genügend kennt man ihn nicht, und von Wechselwirkungen versteht man herzlich wenig (die Nebenwirkungen von Medikamenten findet man ja NUR durch trial & error raus – man probiert es mal, und schreibt auf was schiefgeht).
    Beispiel: die Pille. Man meinte einen Wirkmechanismus zu kennen, und entwickelte ein Medikament gegen Unfruchtbarkeit. Das Ergebnis war das genaue Gegenteil – ein Mittel zur Empfängnisverhütung…

    Das Argument der Nicht-Erforschtheit der Homöopathie lasse ich so auch nicht gelten – es GIBT Studien zu dem Thema. Sicher, die Datenlage könnte besser sein – aber wenn sich die „Skeptiker“ so vehement gegen eine systematische Erforschung wehren, wer bitte soll das dann tun? (Versteh ich eh nicht. WENN die Skeptiker recht haben und Homöopathie nicht belegbar ist – warum sich dann dagegen wehren, dass es endlich jemand erforscht? Kann ja (nach Meinung der Skeptiker) eigentlich nur eins rauskommen…)
    Es gibt übrigens genügend extrem teuere Schulmedizinische Verfahren, die auch nicht über Placebo-Wirkung rauskommen – da ist Homöopathie oft genug nicht nur billiger, sondern auch nebenwirkungsärmer.

    Letztlich hat jede Medizin eine gewisse Portion Voodoo dabei – der weiße Kittel, das magische „nehmen Sie das“, das vertrauenerweckende „wir machen Sie gesund“. Sämtliche psychologische Forschung in dieser Richtung bestätigt das – was ICH nicht verstehe ist, warum sich Ärzte diese simple Methode nicht einfach zu nutze machen. Aber nein… man ist ja „aufgeklärt“ und „hat das nicht nötig“. Auf der Strecke bleiben die Patienten, denen es viel besser gehen könnte, wenn die Ärzte nicht so bornierte Pseudo-Wissenschaftler wären!
    Ein echter Wissenschaftler kennt auch die Grenzen seiner Methodik.

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  14. Kann ja (nach Meinung der Skeptiker) eigentlich nur eins rauskommen…

    Es kommt halt immer dasselbe dabei raus: Da ischt nüscht, höchstens methodische Mängel. Das sage ich nicht, weil ich keine andere Möglichkeit zulassen will, sondern weil Metastudien nichts anderes aufzeigen.

    bei manchen Medikamenten kennt man den Wirkmechanismus – aber bei genügend kennt man ihn nicht

    Keine Sorge, ich fordere nicht selektiv nachweisorientiertheit für die Paramedizin. Selbstredend müssen auch bei der klassischen Pharmakologie strengere Standards gelten.

    Letztlich hat jede Medizin eine gewisse Portion Voodoo dabei – der weiße Kittel, das magische „nehmen Sie das“, das vertrauenerweckende „wir machen Sie gesund“.

    Das ist richtig – und ein guter Mediziner ist sich dessen auch bewusst. Er kann aber auch die Grenzen des Voodoo richtig einschätzen und weiss auch um die Risiken einer Nichtvergabe von Präparaten. Das unterschiedet ihn z.B. von den Religionsanhängern der Anthroposophie.

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  15. @kyriacou: dass auch die ständig zitierte Metastudie erhebliche Mängel aufwies, weißt du?

    Strengere Standards fordern kommt ja immer gut – nur: realistisch ist das leider nicht. Bis zur vollständigen Entschlüsselung des System „Mensch“ (und aufgrund nicht-handhabbarer Komplexität vermutlich auch danach noch) muss man sich mit den zur Verfügung stehenden empirischen Mitteln begnügen. Das ist grundsätzlich ja auch ok – nur sollte man sich über die Begrenzungen dieser Methodik eben klar sein.

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  16. Ich finde, das zeigt herrlich jedem Laien auf, wie genau Homöopathie „funktionieren“ soll. Reine Scharlatanerie. Homöopathie beschädigt IMO das Berufsbild des Apothekers; wer kann sowas guten Gewissens verkaufen?

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  17. @Knaller:
    Ich kann „so etwas“ zum Beispiel sehr gut verkaufen, wenn aus Sicht der Mutter das Kind zu hibbelig ist und sie vom Apotheker etwas zur Beruhigung des Kindes verlangt.
    Da bleibt in der Selbstmedikation z.B. die Alternative, das Kind mit Fenistil Tropfen abzuschiessen (die eigentlich für Allergien gedacht sind) oder Coffea D6 Globuli mitzugeben.

    Heute ruft man wahrscheinlich gleich nach Ritalin, wenn das Kind ein wenig lebhafter ist, aber mit Coffea D6 sind diverse Mütter von mir glücklich gemacht worden und ihre Kinder wahrscheinlich mit.

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  18. Ich frage mich bloß, woher sie die Mauerreste beziehen. Hoffentlich nicht aus den Souvenirgeschäften Berlins, denn diese Mauerstücke sind ganz sicher keine authentischen. Und wenn hier jetzt auch noch die Pharmakonzerne unsere Mauerreste abtragen, haben die Touris bald nichts mehr zu staunen.

    Übrigens sollte ein Aufenthalt in Berlin dann die gleiche Wirkung haben, wie die Einnahme des Mittels. Schließlich konsumiert man den Mauerstaub hier in der Luft… Höchstpotenziert! Ich lebe in Berlin und habe weder Soziophobie, noch leide ich unter Abgrenzungsangst.. Scheint also zu wirken🙂

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  19. Das Gute ist doch, dass man für Homöopathie praktisch keine Substanz braucht. Je nach Verdünnung werden denen einige sandkorngroße „Mauerstücke“ für ihre gesamte Produktion reichen.

    @Mr.Gaunt
    Ja bewusst als Placebo eingesetzt hat’s Berechtigung.

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  20. Obwohl ich grundsätzlich eine Anhängerin der klassischen Medizin bin, möchte ich doch eine Lanze brechen für die Homöpathie. Zumindest in (m)einem Fall konnte sie mir helfen. Jahrelang litt ich unter Blasenentzündungen. Barfuss gehen, schwimmen, leichte Kleidung (nur im Sommer natürlich *g*) lag nicht mehr drin. Sogar bei Einhaltung aller Vorsichtsmassnahmen brachte ich die Entzündung nie richtig weg. Irgendwann wurde es mir zu blöd, alle paar Wochen zum Arzt zu rennen und Antibiotika zu schlucken (und ja, ich habe mich immer an die Anweisungen gehalten ^^), abgesehen davon, dass die sonstigen Einschränkungen das Leben auch nicht gerade lustiger machten. Beim Homöopathen dauerte es seine Zeit, mehrere Gespräche und daraus hervorgehend 3 Gaben verschiedener Globuli, daran angeschlossen einige Zeit der Beobachtung. Seit der Gabe der dritten Sorte Globuli sind die Beschwerden weg und nie mehr wiedergekommen (das ist jetzt über 10 Jahre her) und auch die früheren Einschränkungen muss ich nicht mehr in Kauf nehmen. Während des Behandlungszeitraumes haben sich weder gravierende Änderungen in meiner Lebenssituation, Partnerwechsel, weniger Stress, was weiss ich, ergeben, zusätzliche andere Medikamente nahm ich nicht ein, deshalb schiebe ich es doch auf die 5 ominösen Kügelchen, die ich von diesem Homöpathen erhalten hatte. Oder wars doch nur ein seltsamer Zufall? Wie auch immer, Hauptsache die Entzündungen kommen nicht wieder. Übrigens wars Sepia, das weiss ich noch ganz genau, weil ich es irgendwie unmöglich fand, einen Zusammenhang zwischen meinem Problem und dem Tintenfisch zu konstruieren… Aufgrund dieser Erfahrung, und obwohl ich grundsätzlich immer zuerst bei meinem Hausarzt vorbeigehe, würde ich es in einem hartnäckigen Fall vielleicht wieder einmal versuchen.

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  1. Pingback: Nicht gerade meine Lieblingsfragen « Pharmama's Blog – Zu lesen einmal täglich

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