Warum bezahlt die Krankenkasse das nicht?

Ich habe keine grossen Probleme, wenn ich in der Apotheke den Leuten erklären darf, wie unser Gesundheitssystem funktioniert, respektive, wie das in der Apotheke funktioniert. Ja, auch wenn es für mich das zwölfzigste Mal ist. Für mein Gegenüber ist es vielleicht das erste Mal.
Wo ich aber Probleme mit habe, ist, wenn man mir etwas nicht glauben will, mir meine (!) Arbeit erklären will, oder meine Erläuterungen einfach nicht hören will. Und wenn das mit den Erklärungen überhand nimmt – das nimmt so unnötig viel Zeit weg, die ich andersweitig besser anwenden könnte.

Heute war so ein Tag. Die meisten Sachen, die auf Rezept verschrieben werden, werden von der Krankenkasse übernommen – der Arzt weiss das ja auch, was ich hier in der Apotheke weiss und verschreibt vorzugsweise Medikamente von der Spezialitätenliste (also das, was von der Grundversicherung übernommen wird). Wir können in der Apotheke mit der Krankenkassenkarte (die wir dann im Patientendossier speichern) auch instant Abfragen machen, ob der Patient (oder die Patientin) versichert ist und wie er/sie versichert ist. Kein Deckungsnachweis, keine Abgabe ohne zu bezahlen in der Apotheke.
Übrigens – die Krankenkasse Assura bei der man früher immer alles erst in der Apotheke bezahlen musste und Rezept und Quittung dann selber einreichen musste um das Geld zurückerstattet zu bekommen ist seit April letztes Jahr zum normalen System übergegangen, dass man eben nicht mehr direkt bezahlen muss und die Apotheke direkt mit der Krankenkasse abrechnet. Das macht es für uns wesentlich einfacher – allerdings mussten wir feststellen, dass das nur für SL-Präparate gilt. Ein Patient mit Zusatzversicherung (die er nachweislich hat) bei der Assura muss die Sachen trotzdem erst selber bezahlen. Uns meldet es beim Abrufen der Krankenkassendeckung nur als Grundversichert zurück – und als wir da mal angerufen haben, um das abzuklären, hiess es: „Das ist so. Da mag wirklich eine Zusatzversicherung vorhanden sein, aber unsere Zusatzversicherung ist nicht besonders gut (!) und übernimmt nicht so viel, deshalb muss man da wirklich weiter in der Apotheke bezahlen.“

Es kommt übrigens immer mal wieder vor, dass wir von den Krankenkassen (allen) bei der Deckungsabfrage die Meldung bekommen, dass keine Zusatzversicherung mehr vorhanden ist. Warum? Keine Ahnung, aber gelegentlich kündet die Kasse den Patienten die Zusatzversicherung, weil zum Beispiel die Prämien nicht (rechtzeitig) bezahlt wurden.

Man kann sich vorstellen, wie gut so etwas ankommt beim Patienten, aber … das war nur der Anfang. Heute hatte ich alles. ALLES.

Ein Rezept für Tirosint 125 microgramm – Das Schilddrüsenmedikament ist Ende letztes Jahr aus der Spezialitätenliste gefallen, es wird also nur noch von der Zusatzversicherung bezahlt. Der Grund war, dass der Firma die Preisvorgabe des BAG zu tief war. Die Preise auf der Spezialitätenliste werden vom Bundesamt für Gesundheit vorgegeben (ich sags immer wieder: wir in der Apotheke machen die Preise nicht). Die Firma hat angefragt, ob es möglich sei, den Preis etwas zu erhöhen, das BAG hat abgelehnt und jetzt ist das Medikament nicht mehr auf der SL, da die Firma die Preise von Medikamenten auf der NLP (Nichtlistenpflichtige Präparate) selbst gestalten kann. Der Preis ist jetzt also höher und er muss von manchen Patienten selber bezahlt werden. Das wirklich unangenehme hier ist, dass es von vielen Dosierungen vom Tirosint keine gleichen gibt UND dass man Schilddrüsenmedikamente untereinander nicht so einfach austauschen sollte. Sie haben unterschiedliche Bioverfügbarkeiten und ein Wechsel zwischen verschiedenen Tabletten / Herstellern kommt häufig einer Neueinstellung gleich .. Das muss der Arzt machen. Der, der eigentlich wissen sollte, dass der Patient keine Zusatzversicherung hat … und das (trotzdem?) verschrieben hat.

Das Zahnarztrezept für ein Antibiotikum – Das Rezept wird von der Krankenkasse nicht übernommen. Zahnarztrezepte grundsätzlich nicht in der Schweiz, total egal, was drauf steht. Mist, ja. Ich weiss, dass sie das brauchen um Infektionen und damit Herzprobleme vorzubeugen bei gefährdeten Patienten, aber – nein, trotzdem nicht.

Die Malariaprophylaxe für die Afrika-Ferien – Ja, auch hier: die Krankenkasse zahlt das Medikament nicht. Es liegt nicht daran, dass es für die Ferien ist, sondern daran, dass das SL-Präparat eine Limitation drauf hat. In dem Fall zahlt die Kasse Malariamedikamente nur zur Behandlung, aber nicht zur Vorbeugung. Ja, ich finde das auch unsinnig, weil wenn sie sich anstecken, hat das wohl grössere gesundheitliche Beschwerden und höhere finanzielle Folgen. Nein, ich versuche das nicht einzusenden, damit sie dann vielleicht eine Rechnung bekommen. Ich weiss, dass die Kasse das nicht zahlt und ich laufe ihnen und dem Geld nicht hinterher. Zu viel Aufwand.

Das dritte Paar Kompressionsstrümpfe in einem Jahr – Bezahlt werden die Strümpfe nach MiGeL (Mittelgegenstände-Liste) durch die Krankenkasse. Und die zahlen nur die Kompressionsklasse 2 (und 3) und dann 2 Paar in einem Jahr. Das Jahr beginnt beim Bezug des ersten Paares und nicht „vom 1.1. bis 31.12.“. Das bedeutet, wenn sie letztes Jahr im Juli das erste Paar hatten und später im Jahr das zweite Paar, dann werden die Strümpfe jetzt im Juni noch nicht bezahlt. Da hilft auch ein neues Rezept dafür nicht. Sorry!

Die Blutzuckerteststreifen, weil sie „nur“ Tabletten gegen ihren Diabetes nehmen. Genau genommen: 200 Stück (2 Packungen) werden übernommen im Jahr von der Krankenkasse, wenn sie nicht Insulin spritzen. Das hier ist die 4. Packung, die ich sehe – sie werden also schon für die letzte Abgabe eine Rechnung der Kasse bekommen. Ich kann ihnen die geben, aber ich möchte einfach, dass sie sich dessen bewusst sind und nicht unangenehm überrascht werden. Ja, auch das ist eine Limitation und ja, es ist blöd, hat man das letzte Mal das nicht schon gesagt, aber – tatsächlich rutscht so etwas auch bei uns manchmal durch. Wir versuchen darauf zu schauen und die Patienten zu informieren, aber ich weiss zum Beispiel auch nicht, ob nicht schon woanders welche bezogen wurden. Daraus ergibt sich übrigens kein „Recht“, dass wir den Betrag dann übernehmen, weil wir nicht informiert haben. Auch der Arzt hat diesbezüglich eine Informationspflicht. (Inzwischen machen wir regelmässig und bei allen Kommentare, dass wir informiert haben).

Die Vitamin-D3 Tropfen für das 1 1/2 jährige Kind. Gemerkt von unserer Pharmaassistentin mit eigenem Kind, weil sie eine Rückweisung der Kasse bekommen hat. Überraschend, denn gerade bei Kindern (bis zum 18. Lebensjahr) gibt es keine Franchise (kein Betrag, der erst mal selbst bezahlt werden muss). Aber offenbar gibt es bei den Vitamin D3 Tropfen (neu??) eine Limitation, dass sie nur bis zum Ende des 1. Lebensjahres übernommen werden als Rachitisprophylaxe. Gut, das ist nicht viel, ein paar Franken – aber: ernsthaft? DA geht ihr sparen??? Nachgeschaut ist die Limitation bei fast allen drin, ausserdem sonst: bei nachgewiesenem hohen Vitamin D Mangel. Da ich nicht weiss, ob der Arzt das gemessen hat, erwarte ich da noch einige Rückweisungen mehr in Zukunft bei den Erwachsenen. Wird toll.

Die Quetiapin Kapseln zu 5mg – eine Herstellung, die vor 3 Jahren raus ist. Die Krankenkasse weist die Übernahme (jetzt!) zurück und stellt der Patientin eine Rechnung. Wieso? Anwendung ist Off-Label (zum Schlafen in der Dosierung), was zwar häufig gemacht wird, aber da diese Indikation nicht im Kompendium beim Quetiapin auf der SL Liste steht und der Arzt keine Kostengutsprache bei der Krankenkasse angefragt hat) dass die das trotzdem bezahlen, übernehmen sie das nicht. Nachträglich kann man keine Kostengutsprache beantragen.

Der Melatonin-Sirup für das Kleinkind. Auch hier: es gibt kein Fertigprodukt in der Dosierung, das wird eine Herstellung. Nach der Erfahrung mit dem Quetiapin oben und den vermehrten Rückweisungen bei Herstellungen in der letzten Zeit sind wir vorsichtig. Vor der Herstellung klären wir ab, ob das bezahlt wird: Nein, denn: das Melatonin ist nicht auf der ALT Liste nach der Herstellungen bezahlt werden. Und die meisten Tabletten aus denen man den Sirup macht sind auch nicht auf der SL-Liste (sondern auf der NLP, also nur mit Zusatzversicherung). Eine Rückweisung ist hier auch mit Zusatzversicherung sehr wahrscheinlich. Die Slenyto (Melatonintabletten) die auf der SL sind haben eine Limitation: Nach Kostengutsprache durch den Krankenversicherer nach vorgängiger Konsultation des Vertrauensarztes zur Verlängerung der Schlafdauer und/oder Verkürzung der Einschlafzeit bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 2–18 Jahren mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und/oder Smith-Magenis-Syndrom (SMS) mit Schlafstörungen (Insomnie), wenn Schlafhygienemassnahmen unzureichend waren. Da hilft es also nichts: wenn sie nicht bezahlen können und keine Rechnung riskieren wollen, müssen sie mit dem Arzt schauen.

Der Teufel liegt im Detail – und manches von dem oben ist auch für uns nicht sofort ersichtlich. Dazu kommt, dass die Kassen immer restriktiver werden, was sie bezahlen. Und wir müssen und sollen dann die schlechten Nachrichten überbringen. Man kann sich vorstellen, wie „gut“ das ankommt. Ich verstehe den Unmut deshalb gut – manches haben sie vielleicht bisher bezahlt (Ja, aber jetzt nicht mehr). Und ich weiss, dass die Krankenkassenprämien hoch sind (ich zahle auch welche).
Aber am Ende des Tage müssen sie akzeptieren, wenn ich ihnen sage, dass sie das jetzt selber bezahlen müssen – oder es nicht nehmen. Mit mir zu diskutieren führt zu nichts.

Unleserlich – ein Fallbeispiel

Lange habe ich kein unleserliches Rezept mehr gebracht. Nun denn, hier kommt ein brandaktuelles Beispiel (kein Aprilscherz, trotz Datum). Wer kann es entziffern?

Ehrlich, damit hatte auch ich Mühe.

Auf der positiven Seite: so handgeschriebene Rezepte werden seltener. Wir sehen die inzwischen eigentlich nur noch von (ziemlich) alten Ärzten, die nie ihr Praxissystem upgedated haben. Die werden jährlich weniger. Sie werden pensioniert – und viele finden keine Nachfolger.

Weshalb können wir das in der Apotheke trotzdem oft lesen?
– jahrelange Übung: wir kennen „unsere“ Ärzte und ihre Schrift.
– Wir kennen die verschriebenen Medikamente. Viele Ärzte haben ein begrenztes Repertoire und verschreiben ihre 20-30 Standardmedikamente.
– Deduktion: Wir können die Patienten fragen, für was sie es brauchen (auch wenn sie selber den Namen des Medikamentes vielleicht nicht wissen).
– Deduktion: Die Fachrichtung des Arztes kann helfen.
– Deduktion: Die Dosierung oder Packungsgrösse lässt vielleicht Rückschlüsse zu.
– Deduktion: der Arzt schreibt so (was kann ich entziffern?) also ist das vielleicht auch (Buchstabe etc.)
– Hilfe von den anderen Mitarbeitern: vielleicht können die besser entziffern, was das heisst?

Trotzdem – auch nachdem wir so eine Idee bekommen haben, was es sein könnte, mussten wir beim Arzt telefonisch nachfragen. Wir wollen ja sicher sein, dass das richtige Medikament abgegeben wird. Ich mag es übrigens nicht, wenn die Pharmaassistentin mit so einem Rezept kommt und sagt: „Was heisst das? Also ich lese ….“ denn dann bin ich vorbeeinflusst und lese das auch. Besser ist nur zu fragen: „Was liest du da?“

Also, was habt ihr beim obigen Rezept gelesen? Schreibt es in die Kommentare, bevor ihr weiterlest.

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Ausstellungsdatum: 1.4.25 (ja, nicht 28)
DRp (also Dauerrezept) 1 Jahr
Irgendetwas…sachet

Es war dann Movicol Sachet, ein Abführmittel mit Macrogol, das es auch in Deutschland und Österreich gibt.
bestätigt durch den Patienten und den Arzt.

Es hätte auch Monuril Sachet heissen können – obwohl da das Dauerrezept weniger Sinn macht, da es sich dabei um ein Antibiotikum bei Blasenentzündung handelt.

Die Fachrichtung des Arztes war hier nicht hilfreich.

Nicht umsonst und nicht gratis

Ein paar einleitende Erklärungen, weil ich weiss, dass das sonst wieder Verwirrung gibt bei meinen deutschen Lesern. Apotheker*innen in der Schweiz haben inzwischen einige Kompetenzen erhalten, die sich von denen der deutschen Apotheken unterscheiden. Am besten sieht man das bei den rezeptpflichtigen Medikamenten. Wir dürfen die Medikamente der Liste B nämlich abgeben – die wurde aufgeteilt in Liste B, Liste B-minus und Liste B-plus … aber das wäre das Thema für einen eigenen Blogpost wie und warum. Wir dürfen und sollen diese Medikamente aber nicht einfach verkaufen – sondern nach Beratung und Dokumentation, dafür braucht es vorhergehende Weiterbildungen um das Wissen dazu zu erwerben. Ich zum Beispiel habe dazu den FPH Anamnese gemacht und bin inzwischen ziemlich gut in Hautproblemen, einfacheren HNO-Sachen, sowie Pädiatrie und habe erweiterte Kenntnisse in Augenproblemen, Schmerzbehandlung etc.

Das bedeutet, dass Patienten in der Apotheke informiert und beraten werden:
– ob ihr Problem durch einfache Massnahmen und OTC (rezeptfreie) Medikamente behandelt werden kann
– ob wir nach kurzer Beratung und Dokumentation wirksamere Medikamente abgeben können (noch an der Theke),
– ob das ausführlichere Beratung und Abklärung im Beratungsraum braucht für die Medikamente,
– oder ob das zum Arzt gehört – und wie schnell.

Der erste und letzte Punkt sind gratis. Für ausführlichere Beratung und die dazugehörende Dokumentation verlangen wir inzwischen etwas. Je nach Problem zwischen 7, 12 oder 25 Franken. Dazu kommen dann noch die Medikamente, die bezahlt werden müssen. Dem Patienten spart das Zeit und Geld (auch Arztbesuche sind in der Schweiz nicht gratis) – und da die Kassen das nicht zahlen müssen und das Arztbesuche verringert, entlastet das auch das Gesundheitssystem. Auf der negativ-Seite: das ist ein ziemlicher Mehraufwand für die Apotheken – neben der schon vielen Arbeit mit den Rezepten sonst, braucht das viel Zeit und ist schlecht planbar neben dem Tagesgeschäft: die Leute laufen jederzeit in die Apotheken während der (langen) Öffnungszeiten. Auch wenn vieles durch unsere Mitarbeiter vorbereitet werden kann, es ist immer ein*e Apotheker*in involviert.
Das ist auch der Grund, weshalb wir die Patienten ziemlich schnell über mögliche anfallende Kosten informieren und es zu manchen Zeiten vorkommt, dass ich das als Apothekerin nicht machen kann – entweder können die Patienten dann warten, oder müssen zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen.

Da war letztens der Patient im Abendverkauf – 15 Minuten vor Ladenschluss, wenn nur noch 2 Mitarbeiter in der Apotheke sind.

Mann: „Ich möchte etwas gegen Krätze“

(Es gibt eine Salbe: Scabi-med, die ist Liste B+, also Abgabe nach Beratung, Dokumentation und kostet +7 Franken. Aber erst mal:)

Pharmama: „Für wen ist das Mittel?“

Mann: „Es ist für mich. Ich habe einen Ausschlag am Arm und möchte etwas dagegen.“

(Gut: für ihn selber, dann kann ich die Beratung dafür machen und etwas abgeben, Schlecht: am Arm? Ist untypisch, vielleicht etwas anderes?“

Pharmama: „Ich kann das mit ihnen anschauen, aber um die Salbe gegen Krätze abgeben zu können, muss ich ein paar Fragen stellen und das dokumentieren. Das kostet etwas.“

Mann: „Oh, muss das sein? Ich weiss ja, was ich will, ich brauche das für den Ausschlag“ (krempelt den Ärmel hoch)“

(Ja, hmmm. Ich sagte schon, der Ort ist ungewöhnlich. Der Ausschlag ist auch untypisch für Krätze auf den ersten Blick. Ein relativ scharf umgrenzter roter Fleck mitten auf dem Arm mit leichter Schuppenbildung.)

Pharmama: „So auf den ersten Blick sieht das für mich nicht nach Krätze aus, sondern nach etwas anderem. Dafür hätten wir ihnen auch passende Medikamente, aber auch hier: wenn ich das abgeben will, muss ich das etwas genauer anschauen.“

Mann: „Was würden sie den geben? Der Arzt im Videocall hätte mir Cortisonsalbe verschrieben. Das wollte ich nicht.“

(Ah so – der Mann hatte schon eine Konsultation mit einem Arzt, aber das Ergebnis hat ihm nicht gepasst.)

Pharmama: „Cortison, weil er dachte, das sei ein Ekzem. Das wäre eine Möglichkeit, aber wie gesagt, das würde ich genauer anschauen wollen. Für heute reicht das nicht mehr – ich rate ihnen, morgen oder zu einem anderen Zeitpunkt dafür wieder zu kommen.“

(Es ist jetzt 5 Minuten vor Schluss – und er braucht ganz offensichtlich ausführlichere Anamnese und Beratung … ev. auch um ihn von seiner Selbstdiagnose abzubringen).

Mann: „Und jetzt können sie mir nichts geben?“

Pharmama: „Doch, zum Beispiel ein Hautpflegendes, gut rückfettendes Mittel. Das ist in jedem Fall von Vorteil.“

Mann: „Ah, nein. Aber wenn ich morgen komme, bekomme ich die Salbe gegen Krätze? Und dann hätte ich noch gerne Ivermectin-Tabletten.“

Pharmama: „Ob ich ihnen die Salbe abgeben kann, sehen wir in der Beratung. Die Tabletten kann ich ihnen nicht geben. Wenn sie denken, dass sie die brauchen, müssen sie zum Arzt für ein Rezept.“

Mann: „Oh, ich wollte einen Arztbesuch vermeiden und ich habe gehört, sie dürfen die Sachen auch ohne Rezept abgeben.“

Pharmama: „Manches davon, nicht alles. Und nicht auch nicht einfach so. Wie gesagt, dazu gehört die Abklärung – und die kostet etwas. Jedenfalls: überlegen sie es sich doch bis morgen, ob sie das wollen.“

Wir schliessen jetzt.

(Das war übrigens am selben Tag, als ich eine Diskussion mit einer Frau am Telefon hatte darüber, dass ich keine Ferndiagnose stellen werde für ihr Hautproblem und dass ich, wenn sie Rosalox will – das sie als Kind mal hatte – das auch nur nach kostenpflichtiger Beratung bekommt. Auch das: 15 unbezahlte Minuten.)

Krätze? Das juckt mich nicht.

Es ist Samstag nachmittag. Ein junger Mann kommt in die Apotheke mit einem Rezept vom Spital. Auf dem Rezept: Eine Körperlotion, die von der Krankenkasse übernommen wird und Scabi-med. Genauer gesagt 3 Packungen Scabi-Med und der Hinweis das am „Datum heute“ und am „Datum in 10 Tagen“ zu wiederholen.

Scabi med ist ein Mittel mit dem Wirkstoff Permethrin gegen Krätze. Die Krätze ist eine durch ein kleines Spinnentierchen ausgelöste Hauterkrankung, die sich durch juckenden Hautauschlag äussert, dort wo die Tierchen sich in die Haut gegraben haben. Sie ist ansteckend durch direkten Körperkontakt und kann ziemlich unangenehm werden, vor allem, wenn man immunsupprimiert ist. Meine Eltern hatten das mal beide – und da meine Mutter Cortison nehmen musste, hatte sie es ausgesprochen stark.

Ich habe noch 1 Packung da vom Scabi-Med. Nicht 3 oder 6. Eigentlich ist eine Packung für die Behandlung einer erwachsenen Person auch ausreichend – hier soll offenbar der Rest der Familie gleich mitbehandelt werden. Demnach macht es Sinn, dass das alle gleichzeitig beginnen.

Das Datum des Rezeptes ist von vor 3 Tagen. Ja – schön. Ich schaue rasch im Computer – aktuell gerade nicht lieferbar. Keine Überraschung – und bei Bestellung würde ich es sowieso erst am Montag morgen bekommen.

Ich melde das rasch beim Patient zurück, dass ich versuchen muss, das in einer anderen Apotheke zu bekommen und weshalb. Dann setze ich mich ans Telefon. Ich finde tatsächlich noch eine Apotheke die A) noch 2 Tuben hat (wirklich nur 2) und B) jetzt am Samstag nachmittag noch offen hat.

Ich bringe die frohe Nachricht dem Patient mit der Wegbeschreibung zur anderen Apotheke – 2 km oder so entfernt. Ich kann das nicht dort holen gehen am Samstag mittag. Zu wenig Personal.

Er will nicht selber dorthin gehen.
Zu viel Aufwand.
Und am Montag wiederkommen will er auch nicht.

Dann bekommt er das Rezept halt wieder mit.
Viel Glück!

Ich hab aufgehört, mich über sowas aufzuregen. Ich biete an, was ich machen kann und wenn das für den Patienten nicht genug ist … dann gebe ich das Problem wieder an ihn zurück. Ich bemühe mich nach Kräften nicht lieferbares zu organisieren – und dass etwas nicht zu bekommen ist, ist ein zunehmendes Problem, aber zaubern kann ich nicht. Und im Endeffekt ist das nur so wichtig, wie es dem Patienten wichtig ist, oder? Seine Krätze. Das juckt mich nicht.

Ich versuch’s einfach mal in der Apotheke …

Hab ich was verpasst? Kaum aus den Ferien zurück und gleich 2 sehr kreative Versuche an BTM oder BTM-Vorläufersubstanzen zu kommen.

Dieses Rezept (im Bild unten) wurde meiner Azubi vom Patienten in die Hand gedrückt mit den Worten: „Machen sie eine Kopie für mich und bestellen sie mir das Medikament. Ich komme später wieder.“

Die Kopie hat sie gemacht – für mich allerdings. Wir haben das Medikament weder bestellt noch abgegeben.
Auf dem Rezept steht: Dauerrezept Elvanse 30mg 1 x 1 Kapsel pro Tag.
Elvanse ist ein Ritalin-ähnliches Stimulans, für seit der Kindheit bestehendem ADHS bei Patienten über 6 Jahren. Die Behandlung soll nur von Ärztinnen bzw. Ärzten, die auf Verhaltensstörungen von Kindern und Jugendlichen bzw. Erwachsenen spezialisiert sind, begonnen werden und muss auch von ihnen überwacht werden. Es fällt unter das Betäubungsmittelgesetz wegen Missbrauchs- und Abhängigkeitsgefahr.
Betäubungsmittelrezepte unterstehen strengen Vorschriften. Es braucht spezielle Formulare mit 2 Durchschlägen (weiss, rosa, blau), Es darf nach Ausstellen nur innert 1 Monat eingelöst werden. Dauerrezepte sind für maximal 3 Monate möglich.

Ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll. Der Patient ist mit Jahrgang 52 (viel) älter als ich, dass da auf ADHS behandelt werden soll ist unwahrscheinlich. Ein Augenarzt hat das Rezept ausgestellt – wofür? und dann nicht mal korrekt. Ich schätze mal, das war ein Wunsch des Patienten und er wollte einfach nicht mit ihm diskutieren?
Das wollte ich auch nicht – ich habe ihm dann nur gesagt, dass das Rezept so nicht gültig ist, und dass er, wenn er das Medikament braucht, vom bisher ausstellenden Arzt ein richtiges Betäubungsmittelrezept dafür braucht.

Dann das hier: ein Mail am Samstag kurz vor Ladenschluss. Eine Bestellung.

im mail steht: (Absender Name20@icloud.com)
Guten Tag
Hier ist die Ärztin
Ich würde gerne 2 mal GHB 30 ml bestellen bei Ihnen das ich das nächste Woche mit Ausweis bei ihnen abholen kommen kann.
Schreiben sie mir doch gerne eine nachricht wenn dieses Produkt bei der Apotheke eingetroffen ist.
Danke ihnen für die Rückmeldung und liebe Grüsse
(Name)

Das mail wirft bei mir so viele Fragen auf.
GHB ist eine Abkürzung. Für Gammahydroxybuttersäure, umgangssprachlich auch Liquid Ecstasy oder KO-Tropfen genannt. Es ist eine Droge, missbrauchsgefährdet (zum Eigenbedarf und um andere zu betäuben), der Wirkstoff hat aber tatsächlich eine Anwendung: bei Narkolepsie. Dafür gibt es eine zugelassene Spezialität (Xyrem in der Schweiz). Es fällt unter das Betäubungsmittelgesetz – mit den entsprechenden Vorgaben. Wäre das mail wirklich von einer Ärztin (worauf weder Absender, noch Inhalt hindeuten – und im Ärzteverzeichnis ist der Name auch nicht drin) – wüsste die Person das und würde es nicht so bestellen.

Schreibe also zurück
Guten Tag
Hier ist die Apothekerin

…. (wie formuliere ich das am besten?)

Ein Vierteljahrhundert Pharmamas Apotheke

25 Jahre bin ich nun in der öffentlichen Apotheke. Und ich habe schon so einiges erlebt dabei.

Diebstähle und verhinderte Diebstähle. Wenn ich einen Diebstahl mitbekomme, halte ich die Videoaufnahme fest und nutze sie um die Mitarbeiter über die Methoden zu insturieren und das Bild des Diebes, damit sie vorgewarnt sind, falls die Person wieder kommt. Häufiger sind das nicht einzelne Vorfälle, wer es einmal versucht oder gemacht hat, macht das häufig wieder. Diebstahl hinterher anzeigen ist oft … unbefriedigend, da meist die Identität nicht festgestellt werden kann, man das Produkt oder den Schaden nicht ersetzt bekommt und das Ganze einfach nur viel Zeit braucht. Aufwand und Ergebnis einer Anzeige stehen in keinem Bezug. Am besten ist immer noch Vorbeugung. Aufmerksame Mitarbeiter, die Kunden nicht alleine shoppen lassen (tut mir leid, für alle, die sich dadurch genervt fühlen). Direktes Ansprechen, wenn einem etwas komisch vorkommt. Im Zweifel grad vor Ort die Polizei beiziehen, bei nachgewiesenem Diebstahl Hausverbot aussprechen. Auch wenn diese Leute bei uns häufig nicht lange genug bleiben, damit man die Personalien aufnehmen kann … in der Apotheke will ich die nicht mehr haben – und das sollen sie wissen. Interessant sind die Ausreden, die nach so etwas kommen. Von „ich kann nichts dafür, ich bin Kleptomanin“, über „habe ich vergessen, dass ich das eingesteckt habe“ bis „hätte ich schon noch bezahlt“ … Und was da weggkommt? Ausser Parfüm, Läuseshampoo, ätherisches Öl, die Verbandsklammer aus der Verbandspackung, Nippes aus der Drogerieabteilung, Rasierklingen. Dass richtige Medikamente verschwinden ist eher selten – sicher wegen der Platzierung.

Es gab aber einen Kunden, der bei uns ein rezeptpflichtiges Medikament aus den Apothekenschubladen geklaut hat und nach draussen geflüchtet ist. Er wusste woher, weil er es bei einem früheren Besuch schon ohne Rezept beziehen wollte und man beim Arzt deswegen angefragt hat. Der Arzt hat abgelehnt dafür ein Rezept auszustellen, da er das Medikament missbraucht. Von dem Besuch haben wir allerdings seinen Namen gehabt – und ihn nach Rücksprache mit dem Arzt angezeigt. Patientendossiers sind echt brauchbar.

Die Stammkundin, mit der wir regelmässig Diskussionen wegen ihrem absolut überzogenem Abführmittel-Bezug hatten. Sie war immer sehr aggressiv und hat dann behauptet, dass sie ausser für sich noch für ältere Personen, die sie betreut, Dulcolax einkauft. Irgendwann habe ich ihr gesagt, dass sie nur noch mehrere Packungen bekommt, wenn ich mit den Personen sprechen kann (per Telefon). Die Frau muss pro Tag fast 20 Tabletten (selber) genommen haben – wenn man von den Bezügen nur bei uns ausgeht. Danach hat sie es noch einmal versucht – und als die Pharmaassistentin fragen gegangen ist bei der Apothekerin (hinten) hat sie ein Duschmittel eingesteckt. Das gab dann eine Anzeige. Ein paar Monate später kam von der Staatsanwaltschaft ein Bescheid wegen den Ermittlungen in dem ausser unserer Apotheke noch etwa 15 andere Geschäfte aufgeführt waren, von denen sie ebenfalls angezeigt wurde (!).

Klauende Mitarbeiter. Der Lehrling, dem ich (im letzten Lehrjahr) erklären musste, dass es Diebstahl ist, wenn man Produkte mitnimmt, ohne sie zu bezahlen. Ja, auch wenn man es nicht ausgebucht hat, weil „man nicht wollte, dass das auffällt, dass man das nimmt“ … Es handelte sich um ein missbrauchsgefährdetes Medikament für Tiere, das damals noch nicht mal als rezeptpflichtig gekennzeichnet war.
Oder auch die PA, die 15 Tester (Originalpackungen) von ihrem Kosmetikdepot eingesackt hat. Auch sie musste darauf aufmerksam gemacht werden, dass die vielleicht gratis erhalten wurden, sie aber zum Gebrauch für die Apotheke (und deren Eigentum) sind und nicht zum einfach mitnehmen.

Betrugsversuche. Falsche Geldnoten, Umtauschversuche von Produkten, die nicht von uns verkauft wurden, Umtauschversuche von Produkten, die kurz vorher vorne aus dem Regal genommen wurden, Umtauschversuche von Babynahrung, die von jemand anderem gespendet wurde, Scam-Briefe und -Faxe und -Mails, Phishing Mails, Fake-Bestellungen per mail und Kreditkarte (machen wir nicht!), Vorschläge, die Krankenkasse zu betrügen, indem man etwas umdatiert … und natürlich Rezeptfälschungen.

Der Kreditkartenbetrüger, der einem Touristen am Bahnhof die Kreditkarte geklaut hat, nachdem er ihn bei der PIN-Eingabe beobachtet hat. Der kam dann bei uns in die Parfümerie gross einkaufen. Weil der Dieb den PIN kannte, hatte der Tourist den Schaden, obwohl er den Diebstahl und die missbräuchliche Verwendung der Karte praktisch instant nach Benachrichtigung durch die App gemeldet hat. Wir haben der Polizei alle Beweise (Videos, Ausdrucke) gegeben. Aber das Beste war, als der Dieb 1 Monat später bei uns in der Apotheke mit einer neuen geklauten Kreditkarte nochmals versucht hat. Blöderweise (für ihn) kam er dabei an dieselbe Drogistin, die nach dem Vorfall informiert war – und ihn gemeinsam mit den anderen so lange hingehalten hat, bis die gerufene Polizei vorbei kam. Das erste und einzige Mal, dass ich jemanden in Handschellen aus der Apotheke gehen sah.

Einbruch, oder besser unerlaubtes Betreten. Durch den damals ungenügend gesicherten Hintereingang, war jemand nachts in der Apotheke und hat … eine überraschende Unordnung hinterlassen, als er ein paar Sachen mitgenommen hat. Erstaunlicherweise war er weder am Geldschrank noch am Betäubungsmittelschrank und wurde wegen ausgelöster Alarmanlage noch vor der Apotheke von der Polizei erwischt. Uns war es eine Lehre – und irgendwie tat er mir auch leid. Die Person war wirklich eher psychisch krank als kriminell und kam sich nachher sogar entschuldigen. Offenbar hat er seine Medikamente (Antipsychotika, kein Patient bei uns) nicht genommen.

Viele Feueralarme – gebrannt hat es bei mir in der Apotheke zum Glück noch nie. Als ehemalige Feuerwehrfrau und heutige SiBe (Sicherheitsbeauftragte) weiss ich wie wir uns verhalten müssen und wie löschen, aber alles was wir hatten, waren (diverse) Fehlalarme. Die sind gut hörbar und eine Brandschutzwand senkt sich beim Eingang. Erstaunlich finde ich immer, wie ungeniert die meisten einfach weitermachen, als wäre nichts. Wir schliessen grad laufende Verkäufe ab und schicken die Leute dann direkt nach draussen – was bei einigen enorm Überzeugungsarbeit kostet. Sogar dann, wenn Rauch in der Luft riechbar ist.

Überschwemmungen. Inzwischen ist es nicht ein, sondern zwei Mal passiert, dass wegen einer Fehlfunktion der Sprinkleranlage die Apotheke unter Wasser gesetzt wurde. Zum Glück kam das Wasser aber nicht direkt von oben, so war der Schaden nicht ganz so gross. Das erste Mal hat mir die anwesende älteste Drogistin in Panik angerufen, was sie denn machen soll, das zweite Mal habe ich selber gearbeitet. Wen es interessiert: alles elektrische vom Boden auf die Tische stellen (Computer, Drucker, Shredder…), dann was Wasser ziehen und kaputt gehen kann wegnehmen, dann die Feuerwehr anrufen. Bis die kommt, versuchen das Wasser aufzuhalten (geht schlecht) und dann das Wasser aufsaugen … ausser den professionellen Pumpen der Feuerwehr eignen sich dafür eventuell vorhandene Teppichreinigungsgeräte bestens. Danach kommen Wischmob und Tücher zum Einsatz. Und anschliessend Gebäudetrocknungsgeräte – die kann man mieten von Baufirmen.

Ein Erdbeben. Kein grosses – etwa 3.5 auf der Richterskala, aber gut spürbar. Alle Flaschen in den Regalen haben gewackelt und sind klirrend aneinandergestossen, nur 2 Sachen sind umgekippt. Weniger Schaden (ausser dem psychologischen „die Erde ist nicht sicher“) als das Biotta-Flaschen-Regal, das nachts den Geist aufgegeben hat und den Boden mit kaputten Glasflaschen und viel buntem Saft überzogen hat.

Stromunterbrüche. Vor ein paar Jahren hatten wir einen Sommer, in dem wir mehrmals Stromunterbrüche hatten. Das ist in der Apotheke aus verschiedensten Gründen unangenehm, nicht nur weil dann das Licht und die Klimaanlage ausfällt. Der Kühlschrank hat ein Notaggregat (inkludierte Batterie), der läuft noch *etwas* weiter, aber der Inhalt darf wirklich nicht über 8 Grad (sonst muss ich das meiste entsorgen oder schauen, wie lange man es noch brauchen kann – die Verfalldaten gelten nach so etwas nicht mehr). Ohne Strom auch keine Computer – und damit kein Zugang zu Patientendossiers, Internet und alle Info, die man sonst noch drauf hat, wie zum Beispiel den Medikamentenpreisen (die heute für nicht frei verkäufliches wegen rascher Wechsel nicht mehr auf der Packung stehen). Das Telefon funktionierte da noch und wir mussten dann die Preise bei jedem Verkauf (nur Bar möglich) bei der Partnerapotheke nachfragen. Heute haben wir einen Notfallplan und Handys, mit denen wir über das (hoffentlich noch laufende Netz) Informationen vom Internet ziehen können … und Twint Zahlungen annehmen via QR Code. Ausserdem haben wir einen grossen Akku um die aufzuladen und viele Lampen (Stirn-, Stab- und Stehlampen), die geladen parat liegen. Trotzdem … das brauche ich nicht so schnell wieder.

Ausser-ordentliche Kunden und Patienten:
Leute, die Mitarbeiter angespuckt haben. Zwei – das erste Mal eine ältere plus-minus Stamm-Patientin, die über eine Auskunft unzufrieden war, das zweite Mal ein Nicht-Kunde, der beim Versuch zu klauen erwischt wurde. So Verhalten führt bei mir übrigens zu Instant-Hausverbot.

Die Kundin, die beim Anblick unserer Sommer-Sonne-Strand Ausstellung (komplett mit Sonnenliege und Sonnenschirm) angefangen hat, sich ihrer Kleider stückweise zu entledigen, während sie auf den Liegestuhl zusteuerte. Die Pharmaassistentin konnte sie kurz vor dem BH aufhalten.

Der Kunde, der unseren Desinfektionsmittelspender zum Hände waschen (nein, nicht desinfizieren) missbrauchen wollte, nachdem er sich vorher mit den Händen die Schei**e aus der Unterhose gefischt hat und sie auf den Boden fallen liess. Eklig. Und: nein, damit alleine bekommt man keine Kotreste von den Händen entfernt.

Diverse medizinische Vorfälle in und vor der Apotheke, von extremen Asthma-Anfall bei einem Kind über lebensbedrohliche allergische Reaktionen (auf Essen) beim Erwachsenen, abgeschnittenen Fingerteilen, Herzinfarkt, Epileptische Anfälle, Erbrechen, Kreislaufkollaps, ein Schlaganfall … bei einigen musste die Sanität gerufen werden, wogegen sich manche erstaunlich gewehrt haben.

Die Erfahrung, dass es Leute gibt, die so gut wie jedes Mittel missbrauchen. Bei manchen ist mir schon klar weshalb (Schlaf- und Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel, Amphetamine, Gabapentinoide, Betablocker), andere fand ich überraschender: Akineton (Mittel gegen Parkinson), Loperamid (Mittel gegen Durchfall), Antidepressiva. Manche finde ich absolut unerklärlich: Daflon (Flavoniode für Venenleiden), Atorvastatin (Cholesterinmittel) – dazu habe ich bis heute keine Erklärung, ausser, dass jemand hamstert. In dem Zusammenhang auch gefälschte Rezepte. Viele. Und interessante Reaktionen der Leute darauf, wenn sie ertappt werden.

Lehrlinge und Auszubildende aller Arten, inzwischen etwa 30 (durchschnittlich 1 pro Jahr, manchmal 2). Mit den allermeisten hatten wir Glück und es war toll zu sehen, wie sie sich im Lauf der Ausbildung gewandelt haben und zuversichtlicher, sicherer und erwachsener wurden. Ausnahmen gab es auch – den klauenden Lehrling und einen, den wir im ersten Jahr wieder gehen liessen, weil seine Drogensucht und Verhalten dem gegenseitigen Vertrauen nicht zuträglich war. Am meisten enttäuscht hat mich aber die Person, die wir als Lehrling angenommen haben und die uns dann 3 Wochen vor Lehrbeginn mitteilte, dass sie aufgrund guter Schulnoten jetzt doch beschlossen hätte ans Gymnasium zu gehen. Sowas weiss man vorher – und in der Zeit finden wir auch keinen neuen Lehrling (den man dann ja auch in der Schule anmelden muss etc.).

Gute und nicht so gute Mit-Betriebsleiter. Inzwischen durfte ich 7 kennenlernen. Das hört sich nach viel an, aber man bedenke: in 25 Jahren. Mit den meisten habe ich noch Kontakt. 2 wurden danach Pharma-Vertreter, 4 haben die Leitung einer Drogerie woanders übernommen und sind wegen der Gelegenheit und/oder Familie weggegangen / dorthin gezogen. Nur bei 2 habe ich den Abgang nicht bedauert, die eine fand ich persönlich schwierig zum zusammenarbeiten (aber professionell), die hat sich anschliessend sehr unfair gegenüber anderen Mitarbeitern benommen. Die andere war kein guter Chef, überfordert, micro-managend, kein Vertrauen und hat uns am Ende monatelang und ohne Erklärung hängen lassen, indem sie sich einfach wiederholt krank schreiben liess.

Gesetzesänderungen und Änderungen im Medikamentenmarkt. Neues Chemikaliengesetz, neues Biozidgesetz, neues Kosmetikgesetz, neues Heilmittelgesetz, neues Lebensmittelgesetz … betrifft alles direkt die Apotheke und man muss immer up to date bleiben. Ich darf manche Sachen, die ich früher so nicht durfte (rezeptpflichtiges ohne Rezept abgeben, Dienstleistungen wie Impfen, Medikamente selber ersetzen, ev. importieren), ich darf Sachen nicht mehr machen, die ich durfte (auffüllen, gewisse Chemikalien und Mittel abgeben, Alkohol zum desinfizieren selber herstellen), manches wurde stark kompliziert (Hauskosmetik herstellen, überhaupt Herstellungen und Etikettieren, Bio-Produkte führen). Dann die ganzen Änderungen bei den Medikamenten – Neuerfindungen, alte werden obsolet, es gibt viel mehr Generika, es wird schwerer manches zu beschaffen, Limitationen bei den Kassen undsoweiter

Grundsätzlich ist es auch in der Apotheke so: es bleibt fast nichts, so wie es ist. Aber solange ich mich an die Veränderungen anpassen kann, bleibe ich euch in der öffentlichen Apotheke erhalten. Auch wenn mir das zunehmend schwerer fällt.