unspektakuläre Rettungen

Die Patientin kommt mit einem Rezept für Zaldiar gegen ihre Arthritis-Schmerzen.

Das Problem: sie hat eine Allergie gegen Paracetamol, einem der beiden Wirkstoffe im Zaldiar (so festgehalten bei uns im Dossier) und nimmt regelmässig Marcoumar als Blutverdünner – was das Finden eines geeigneten Schmerzmittels etwas einschränkt.

Und sie geht zu verschiedenen Ärzten, die das verschreiben.

Was sie aber richtig macht: Sie kommt eigentlich immer zu uns, ihre Medikamente einlösen. Darum wissen wir ja auch diese Sachen: Patientendossier sei Dank.

Wir rufen dem das Zaldiar verschreibendem Arzt an wegen einem Austausch. Bei ihr empfiehlt es sich gleich Tramadol zu nehmen – wegen der Allergie und möglicher Wechselwirkung, die die anderen NSAID machen.

Der Arzt ist einverstanden und schickt ein neues Rezept.

Vielleicht haben wir ihr hier gerade unspektakulärerweise das Leben gerettet.

Und das ist der Grund, warum man sich eine Hausapotheke suchen sollte und bei ihr bleiben.

Yay!

Genau das richtige für Ihr Problem!

Ich habe definitiv unterschätzt, wie sehr einen 2 Wochen fast ununterbrochene Arbeit auslaugen können. Es ist nicht nur das Geschäft und die Samstage, die ich übernommen habe. Es ist auch zuhause – es ist ja nicht so, dass meine „Arbeit“ fertig ist, wenn ich aus dem Geschäft komme. Ich habe noch eine Familie. Die will bekocht sein, Junior von der Schule, der Logopädie oder dem Schwimmen abgeholt und gelegentlich gebracht. Etwas zusammen unternommen. Und dann war da noch das Wochenende, wo ich mit meinem Mann in geschäftlicher Funktion unterwegs war. Sein Geschäft heisst das.

Jedenfalls fängt das an anzuhängen. Und da brauche ich jetzt einen Kaffee – auch als Coffeinspender. Ein Schluck und schon spüre ich die anregende Wirkung vom Coffein. Mehr wach.

Es geht doch nichts über einen anständigen Placebo Effekt!

Das lässt mich daran denken, dass ich als Pharmazeut einen enormen Einfluss auf die Wirkung eines Mittels haben könnte, einfach indem ich bei jedem Medikament, das ich abgebe es preisen würde. Das würde – sagt der Placebo-Effekt- das Ansprechen auf die Therapie enorm verbessern.

„Diese Schmerzmittel-Tabletten sind das Beste seit der Erfindung des Rades!“

… Würde das als unethisch angesehen werden?

Ich habe schon ein paar solche Aussagen gemacht, damit der Patient sich besser fühlt – und auch manchmal, damit er das Mittel überhaupt nimmt. Ist das so etwas wie eine weisse Lüge?

Frage an meine Mit-Medizinal-Personen: Wenn Du mit einem Patienten redest, übernimmst Du dann persönliche Verantwortung bei der Beantwortung seiner Fragen?

Ich meine: Benützt Du Phrasen wie „Man sagt …“ und verweist auf ein schwer fassbares Team von Experten und gemachte Studien oder sagst Du „Ich denke …“ und verweist auf Deine eigene Erfahrung?

Wie Zuversichtlich beantwortest Du Fragen auf die es bestenfalls zweideutige Antworten gibt? Es ist halt in der Medizin wie in allen Naturwissenschaften: 100% gibt es eigentlich nicht und es bleiben immer Unsicherheiten.

„Wird das meiner Allergie helfen?“ Es sollte. Es wird. Ich kann nicht sicher sein.

„Ist das das beste gegen meinen Juckreiz?“ Man sagt so. Wahrscheinlich.

„Macht das Simvastatin meine Leber kaputt?“ Studien zeigen … Experten sagen …

„Ist Aspirin oder ist Panadol besser gegen Migräne?“ Das kommt darauf an. Das ist ihre Wahl. Sie müssen es ausprobieren.

Können wir überhaupt Verantwortung übernehmen für etwas, wo wir nicht sicher sein können?

Ist überhaupt etwas sicher oder ist es überheblich zu behaupten, wir wüssten wie etwas herauskommt?

Ist X für die Behandlung von Y? – Ja.

Wird es bei meinem Y helfen? – Hoffentlich.

 

Wie beantwortet man so etwas? Oder bin ich einfach in philosophischer Stimmung, weil ich so müde bin?

Das ist schon normal … oder?

„Könnten Sie mal mein Muttermal anschauen?“ Fragt mich die etwa 50 jährige Frau.

Pharmama: „Natürlich. Hinten im Beratungsraum können Sie es mir zeigen. Was ist damit?“

Frau: „Ich wollte nur, dass sie es mal anschauen. Ich habe eine Menge Muttermale, wissen Sie und das ist normal bei mir.“

Pharmama: „Okay?“

Inzwischen hat sie ihr Oberteil abgezogen und zeigt mir ihren Rücken. Da sind wirklich einige Muttermale, kleinere aber auch grössere – das grösste etwa 1 cm im Durchmesser – aber das ist nicht dasjenige, das ich mir anschauen soll.

Frau: „Dieses hier“ – deutet sie so gut es geht. „Das stört ein bisschen. Ich glaube der BH reibt.“

Pharmama: „Ja – das blutet auch.“

Sie dreht sich fast um die eigene Achse im Versuch da einen Blick drauf zu werfen – was schlecht möglich ist. Und einen Spiegel haben wir hier drin auch nicht – es ist ja keine Ankleidekabine sondern ein Beratungsraum.

Pharmama: „Juckt es denn?“

Frau: „Nein, eigentlich nicht. Können Sie es mir nicht verarzten?“

Pharmama: „Ich kann ihnen ein Pflaster drüber machen, ja. Aber mir gefällt nicht, dass es blutet. Zeigen sie doch ihre Male einmal einem Hautarzt. Das sollte man sowieso regelmässig machen, vor allem, wenn man ein paar hat.“

Frau: „Ja, aber das mit den Muttermalen ist normal bei mir in der Familie, meine Mutter hatte auch einige und nie Probleme. Und ich auch nicht.“

Pharmama: „Das ist schön und ich denke, die meisten sind auch kein Problem. Trotzdem haben sie hier ein paar auf dem Rücken, die würde ich von einem Spezialisten anschauen lassen.“

Frau: „Oh, ich habe die anschauen lassen, die sind okay?“

Pharmama: „Ja? Bei wem waren Sie denn – und wann?“

Frau: „Vor etwa 2 Jahren? Da hat es sich ein Apotheker angeschaut. Er meinte, die sehen okay aus.“

Pharmama: „Okay – ein Hautarzt wäre trotzdem besser – die haben auch Lupen und Lampen und so für eine genauere Analyse.“

Frau: (winkt ab) „Ach, die sind schon normal.“

Pharmama: „Nun, zumindest wegen dem der im Moment blutet würde ich gehen. Der sieht auch sonst nicht so gut aus. Unregelmässige Form und Farbe … ich bin vor einem Jahr auch eins zeigen gegangen. Zum sicher sein.“

Frau: „Ja und? Was kann da schon passieren?“

Pharmama: „Ummm – sich verändernde Muttermale können ein Hautkrebs sein. Und da ist es gut, wenn man das so früh wie möglich erwischt, da sonst die Möglichkeit besteht, dass sich der ausbreitet. Schnell. Ich würde das zeigen gehen! Einem Hautarzt.“

Frau: „Okay.“

Pharmama: „Kann ich ihnen die Adresse von einem in der Nähe mitgeben?“

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Es ist immer gut, seine Muttermale im Auge zu behalten. Bei sehr vielen lohnt es sich auch, sich selber eine Körperkarte anzulegen mit den Orten / wie sie aussehen, damit man Veränderungen erkennen kann.

Auf was man achten sollte sieht man oben: die ABCD Regel: Ist es Asymmetrisch? Wie ist die Begrenzung? Wie ist die Farbe (Color)? Wie ist der Durchmesser? Verändert es sich?

Bei mehreren Muttermalen kann man auch oft vergleichen: Gibt es darunter ein Auffälliges? Ein „hässliches Entlein“ sozusagen?

Das blutende Muttermal der Frau oben war so ein hässliches Entlein. Besser, sie geht das rasch abklären. Wenn es meines wäre, würde ich es auch entfernen lassen – alleine, dass es durch den BH nicht weiter gereizt werden kann.

Lückenbüsserfunktion

Es kann nur schlimmer werden …

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Oh, Ihr selbstdispensierender Arzt, von dem Sie alle ihre Medis beziehen ist in den Ferien … und sie haben nichts mehr? Aber natürlich schaue ich, dass Sie zu ihren Medikamenten kommen … und liefern? …Noch heute? … klar. (Grrrr!)

Ja, geht mir heute teils schon so.

Noch einmal der Aufruf an alle: helft den Aargauer Apothekern bei der Abstimmung am nächsten Wochenende: Ja zur Initiative „Ja zum miteinander!“

Golden – aber nicht erstrebenswert

In die Apotheke kommt ein Mann um mir seine Nase zu zeigen – die eine schuppende Kruste und Hautrötung um das eine Nasenloch herum aufweist.

Mann: „Was könnte das sein?“

Pharmama: „Hmmm… wie lange haben sie das schon?“

Mann: „Erst seit vorgestern.“

Pharmama: „Beisst es?“

Mann: „Nein … aber es stört. Es brennt ein bisschen.“

Pharmama: „Leiden sie gelegentlich unter Fieberblasen?“

Mann: „Nein. Die hatte ich noch nie.“

Pharmama: „Dann ist es wahrscheinlich das nicht …“

Es kann sein, dass sich die Fieberblasen-bläschen, die auch Krusten machen, bis zur Nase und noch höher ziehen.

Pharmama: (schaut sich die Kruste noch einmal an – es sieht leicht gelblich aus … ist das Eiter?) „Hmmm – ich denke, es ist eine Infektion. Bakterien wahrscheinlich …“

Mann: „Wie kommt das?“

Pharmama: „Vielleicht sind sie in eine winzige Hautwunde an der Nase eingewandert. Oft machen auch normale Hautbakterien das, wenn sie eine schwache Stelle finden.“

Mann: (überlegt): „Hmm, könnten es Steko … nein … Staphokken sein?“

Pharmama: „Staphylokokken meinen Sie? Wie kommen sie darauf?“

Das könnte wirklich gut sein. Die gelbe Kruste wäre typisch für Staphylococcus aureus – das aureus kommt vom „gold“-gelb.

Mann: „Mein kleiner Sohn hat im Moment auf der Haut eine Staphylokokkeninfektion.“

Pharmama: „Dann könnten es auch hier gut Staphylokokken sein. Hat er auch gelbe Krusten?“

Mann: „Ja.“

Staphylococcus aureus. Der Sohn hat es wahrscheinlich in Form von Impetigo contagiosa und der Vater sich von ihm angesteckt.

Wollen wir hoffen, dass es kein MRSA ist – kein auf Antibiotika multipel-resistenter Staphylococcus – aber dann wäre der Sohn wohl kaum nach der Diagnose bei ihm zu Hause. (Ja, ich weiss, das M kommt von Methicillin, aber inzwischen sind die ja häufig gleich auf mehrere Sachen resistent, also …).

Es ist natürlich Samstag, sonst würde ich ihn gleich zum Arzt schicken. Aber so habe ich ihm dann ein starkes Wunddesinfektionsmittel in Salbenform empfohlen und Händedesinfektionsmittel und– falls es damit nicht bis am Montag besser wird dann zum Arzt zu gehen -dann braucht er wohl Antibiotische Nasensalbe.

Was er hat ist zwar unangenehm – aber eigentlich nur, weil da dieser eine Keim überhand bekommen hat – ansonsten ist es so, dass viele von uns diesen unbemerkt auf uns tragen – ihn und ein paar Millionen weitere auch:

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