Ich hätte gerne das … können Sie das lesen?

Was ich immer wieder erstaunlich finde sind Patienten, die mit einem Rezept kommen, es aus der Tasche (oder dem Portemonnaie) ziehen und dann anfangen es genau zu studieren.

Wissen die denn nicht, was der Arzt ihnen aufgeschrieben hat?

Und oft ist es so, dass sie dann die Arztschrift nicht entziffern können. Dann kommt so etwas wie: „Also ich brauche das Amm Mm o …?“

Statt dass sie das Rezept dem Apotheker geben und fragen, für was es ist, oder halt, dass sie das Antibiotikum (oder was auch immer) brauchen.

Ein bisschen Eigenverantwortung gilt auch für die eigene Gesundheit. Man ist heute dem Arzt (oder Apotheker) nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, man darf auch ein bisschen mitreden.

Vom Notfall

Ein junger Mann kommt in die Apotheke und möchte etwas für sein schmerzendes Handgelenk, das er während der Unterhaltung mit der anderen Hand an sich gepresst hält. Nach etwas ausfragen stellt sich heraus, dass er es zumindest sehr beschädigt, vielleicht sogar gebrochen hat bei einem kleineren Unfall am Abend vorher.

Ich rate ihm in die Notfallstation vom Spital zu gehen, das anschauen zu lassen.

Er: „Da komme ich gerade her.“

Pharmama: „Was?“

Er: „Ja, Ich habe über 2 Stunden gewartet, bis sie ein Röntgenbild gemacht haben, dann habe ich nochmals 4 Stunden gewartet … und es ist niemand gekommen um etwas zu sagen, man hat mir nichts gegeben an Schmerzmittel, nichts. Da bin ich gegangen.“

Pharmama: „Oh. – Aber das Bild wurde gemacht?“

Er: „Ja.“

Pharmama: „Dann sollten Sie zumindest noch einmal vorbei die Diagnose abholen, an Schmerzmittel kann ich Ihnen etwas geben, aber vielleicht muss das …“

Er: „Ich kann aber nicht noch mal so lange warten. Kann ich nicht woanders hin?“

Man ruft rasch in die Walk-In-Klinik an um nachzufragen, wie die das sehen aber … die machen auch nichts, da er im Spital ja schon geröngt wurde – es bestehen Zweifel, dass die Krankenkasse das dann noch übernimmt.

Es bleibt ihm nichts übrig, als noch einmal im Spital einzuchecken.

Ja, mit einer gebrochenen Hand ist man kein absoluter Notfall … trotzdem …

Dossiereröffnung

Aufnahme eines Patienten und Eröffnung eines neuen Patientendossiers:

Pharmama: „Sind irgendwelche Erkrankungen bekannt? Zucker, hoher Blutdruck, Schilddrüsenerkrankungen …?“

Patient: „Nein.“

Pharmama: „Nehmen Sie Medikamente regelmäßig ein?“

Patient: „Ja, Triatec und Aspirin Cardio.“

Pharmama: „Dann … haben Sie also doch hohen Blutdruck?“

Patient: „Nur, wenn ich meine Medikamente nicht nehme.“

und das ist der Grund weshalb ich jetzt bei neuen Patienten vor allem nach den Medikamenten frage …

Multitasking in der Apotheke

Donnerstag Nachmittag, etwa 4 Uhr. Heute in der Apotheke: Drogist Urs, Lehrling Anna, Apothekerin: ich – normalerweise wären wir noch mindestens eine Person mehr, aber die ist heute krankheitshalber ausgefallen Und Pharmaassistentin Donna ist in den Ferien. Das soll sich rächen.

Urs wurde inzwischen eingeführt und hat auch angefangen in der Apotheke zu helfen, kann aber natürlich nicht alles. Der Lehrling kann / darf noch gar nichts was die Rezepte angeht, also bin ich gefordert. Urs hat mir eine Liste gegeben, die er von einer Patientin mit Dauerrezept bekommen hat, wo er die Medikamente schon herausgesucht und sie bereitgelegt hat. Ich bin gerade dabei sie zu kontrollieren und einzulesen, da drückt mir der Lehrling ein neues Rezept in die Hand.

Ich kenne den Namen: Roth – der Mann dieses älteren Pärchens (beide fast 80) war diese Woche schon 2 mal hier, einmal hat er Bioflorin verlangt, weil seine Frau Durchfall hat, das zweite Mal fragte er, was sie sonst noch machen kann – es sei ziemlich heftig. Nachdem ich gründlich nachgefragt habe, habe ich Imodium empfohlen – und ihm gesagt, dass, wenn es damit nicht bald besser wird, er mit dem Arzt Kontakt aufnehmen soll.

Offenbar ist es nicht besser geworden. Der Arzt hat bei seinem Hausbesuch (ja, es gibt auch hier noch selten Ärzte, die das machen) ein Rezept ausgestellt

Vancomycin 250mg

Oh weh. Er vermutet also einen Clostridium difficile (einen schwierig zu behandelnden Darmkeim. Woher sie den wohl hat?) … aber Vancomycin als Reserve-Antibiotikum ist jetzt wirklich nicht etwas, was man so an Lager hat. Also gehe ich zum Mann und frage, wie es ihr geht – denn: ich kann versuchen, das zu bekommen, aber bestellen kann ich es nur auf morgen früh und die Chancen das vor Morgen zu erhalten (von einer anderen Apotheke) sind sehr klein.

Herr Roth: „Es bleibt rein gar nichts drin, was sie reinschüttet kommt unten wieder raus. Auch mit dem Imodium. Der Arzt hat gesagt, das sei ein letzter Versuch, sonst muss sie ins Spital.“

Ja, da reicht morgen nicht. Ich setze den Lehrling daran, die grösseren Apotheken in der Umgebung abzutelefonieren, ob sie das haben, während ich die Medikamente vom ersten Rezept kontrolliere und – da die Patientin jetzt kommt – gleich abgebe.

Kleiner Check, wie es aussieht: Keine andere Apotheke hat das Antibiotikum.

Also gebe ich dem Lehrling den Auftrag zu versuchen den Arzt zu erreichen, damit wir einen Ersatz finden.

Das zweite Telefon läutet (hier sollte ich noch anmerken, dass in der Zwischenzeit andere Kunden und Patienten kommen). Urs nimmt ab, ich übernehme den nächsten Kunden – eine einfache Nachfrage nach Neocitran, die ich schnell („für Sie selber? Was für Beschwerden? Andere Medis?“) abkläre und abgebe.

Urs drückt mir danach einen Zettel in die Hand auf dem nur steht: Herr Dose 2mg Risperdal morgens.

Urs: „Das war die Psychiatrie, sie haben die Dosierung für das Risperdal von Herrn Dose auf 2mg morgens geändert, wir sollen das Dosett entsprechend anpassen.“

„Was?“ sage ich „Aber er bekommt doch schon 2mg morgens und abends? Das ist keine Änderung.“

Ich drehe mich um, um das nachzukontrollieren, komme aber nicht weit, denn genau jetzt kommt Herr Dose zur Tür herein.

„Haben Sie die Änderung bekommen?“ begrüsst er mich schon.

„Wir haben gerade ein Telefon bekommen, aber da stimmt noch etwas nicht. Bitte warten Sie einen Moment, bis ich das geklärt habe“

Der Lehrling hinten am Telefon hält mich auf: „Ich erreiche niemanden.“

„Versuche es weiter, aber sag erst Herrn Roth dass Du jetzt versuchst den Arzt zu erreichen“.

Ich schaue beim Dosett von Herrn Dose nach – wo auch der Behandlungsplan steht. Er hat schon 2mg morgens. Ich gehe ans Telefon um in der Psychiatrischen Klinik anzurufen.

Zum Glück erreiche ich gerade die richtige Person. Sie schaut nach und erklärt: „Das stimmt. In dem Fall sind es jetzt 2mg und 0.5mg zusätzlich morgens.“

„Gut, ich ändere das im Dosett – könnten Sie mir die Änderung auch gleich noch schriftlich, per Fax schicken für die Unterlagen? Danke.“

Also rasch Nachricht an Herrn Dose vorne, dass ich jetzt die richtigen Angaben habe und das Dosett ändern werde – dauert etwas – dann gleich wieder nach hinten.

Der Lehrling hat den Arzt immer noch nicht erreicht.

Ich gehe zu Herrn Roth das Problem besprechen.

Herr Roth meint: „Ja, der Arzt ist schwer erreichbar, wir haben es heute auch ein paar Mal versucht.“

Ich sage ihm, er soll nach Hause gehen (so weit hat er nicht), dass wir es weiter versuchen und dass wir uns melden, sobald wir eine Lösung haben, dass er aber schauen soll wegen der Frau. Wenn wir es nicht schaffen in den nächsten 2 Stunden etwas zu finden, dann sollte er sich sicherheitshalber vielleicht doch ins Spital begeben mit seiner Frau.

Echt – man sollte das nicht unterschätzen. Durchfall macht, dass man rasch viel Wasser verliert – und Dehydration ist sehr ungesund, vor allem schlimm bei sehr jungen und sehr alten Personen. Wir brauchen Wasser und die Salze darin zum überleben – und Frau Roth nimmt Herzmedikamente …. das Herz ist abhängig von einem korrekten Kaliumspiegel … Ja, das kann gefährlich werden.

Er geht, ich geh ins Labor das Dosett umrüsten, Urs arbeitet Kunden und Patienten ab und der Lehrling hilft tapfer mit.

Kaum fertig mit dem Dosett geht schon wieder das Telefon. Ich nehme ab und es ist (Oh Wunder!) die Praxis vom Hausarzt von Frau Roth. Ich erkläre mein Problem – und die Praxisassistentin verspricht mir zurückzurufen, sobald sie ihn erreicht hat.

Ich gebe das Dosett an Herrn Dose und erkläre die Änderung – aber das wusste er ja schon alles …

Ich kontrolliere das nächste Rezept, das mir Urs bringt.

Das Telefon geht.

Es ist wieder die Hausarztpraxis – der Ersatz ist Metronidazol. Haben wir!

Ich rufe bei Roths an um zu sagen, dass wir etwas gefunden haben und dass es abholbereit ist.

Ja – so geht das gelegentlich. Das ist anstrengend und fordernd, dafür hat man am Ende des Tages auch wirklich das Gefühl, etwas gemacht und erreicht zu haben. Das ist es, was diese Arbeit auch befriedigend macht. Trotzdem ist das Multitasking nicht ideal … ich hoffe, ihr verzeiht es Eurer Apothekerin, wenn sie deshalb gelegentlich etwas abgelenkt erscheint …

kreative Anwendungen

Ich hab' mein Spirivaversehentlich geschluckt.Kann ich das nichtjeden Tag machen_Ich mag das mit demInhalieren nicht so ...

Spiriva – das sind Kapseln zum inhalieren mit einem speziellen Inhalator, der sie vorher ansticht und das Pulver freilegt. Es gab schon Leute, die das vergessen haben … dann bringt das auch nichts. Genauso wenig wie die Kapseln zu schlucken. Das Pulver muss in die Lunge, damit das wirkt.

Die Augentropfen-Sonata (Stück in 4 Akten)

Akt 1: Samstag kurz vor 12 Uhr. Der Patient muss die vom Arzt verschriebenen Augentropfen selber zahlen, weil es nicht von der Krankenkasse übernommen wird.

Er war noch nie bei uns. Er hat nur Grundversicherung. In dem Fall macht das nicht einmal einen so grossen Unterschied, da es bei den befeuchtenden Augentropfen so ist, dass inzwischen die meisten auch von der Zusatzversicherung nicht übernommen werden. Die sind dann auch nicht „gelistet“ sondern nur als Medizinprodukt zugelassen. Das scheint für die Firmen günstiger zu sein. Die Augen-Ärzte schreiben hier herum inzwischen auch häufig nicht mehr nur ein Produkt auf, sondern gleich diverse – dann muss sich der Patient durchprobieren und nimmt dann einfach das für ihn beste weiter – wobei er es eben bezahlen muss … dafür aber auch kein Rezept benötigt (eben: nicht gelistet bedeutet neben „wird kaum bezahlt“ auch ganz sicher: nicht rezeptpflichtig).

In dem Fall haben wir aber nur eine Art (befeuchtende) Augentropfen auf dem Rezept.

Patient: „Ich musste noch nie etwas selber zahlen.“

Pharmama: „Dann wurden Ihnen vielleicht bisher nur Sachen aufgeschrieben, die die Grundversicherung übernimmt.“

(Ich kenne momentan nur eine Vriante befeuchtende Augentropfen, die bezahlt wird. Und die sind rezeptpflichtig. Die stehen nicht auf diesem Rezept.)

Patient: „Und warum hat der Arzt das diesmal nicht gemacht?“

Pharmama: „Das weiss ich auch nicht.“ (Woher auch)

Patient: „Können Sie den Arzt anrufen, ob er etwas aufschreibt, das übernommen wird.“

Kann ich. Dienstbereit, wie ich bin.

Er ist allerdings nicht erreichbar. Kein Wunder am Samstag.

Patient: „Ich brauche das aber jetzt – in der Kreuz Apotheke bekomme ich immer alles ohne zu bezahlen.“

Pharmama: „Vielleicht stellen die ihnen eine Rechnung?“

Patient: „Nein. …Dann gehe ich es dort holen.“

Okay.  Er geht.

Akt 2: Er kommt nach einer Weile zurück.

Patient: „Sie haben es nicht und sie schliessen gleich. Dann kaufe ich es halt hier.“

Aber sicher.

Patient: „Kann ich nur einen Teil der Packung kaufen?“

(Es sind Monodosen … aber auch nicht soo teuer)

Pharmama: „Nein. Ich kann die Packungen nicht angebrochen für andere verwenden.“

Patient: „Kann ich, wenn ich nicht alles brauche es zurück bringen und sie geben mir einen Teil des Geldes zurück?“

Pharmama: „Äh, nein.“

Patient: „Oder ich zahle es erst am Montag?“

Pharmama: „Nein.“

Patient: „Ich gehe rasch mein Portemonnaie holen.“

Akt 3: Ich dachte, ich sehe ihn nicht mehr, aber … doch. Als er zurückkommt:

Patient: „Ich habe noch meinen Arzt angerufen… (wie? aufs Privattelefon?) … und er hat mir noch diese hier genannt:“ (alles Produkte, die noch teurer sind als das ursprünglich aufgeschriebene … und ebenfalls nicht bezahlt werden.)

Am Schluss hat er die verschriebenen Augentropfen dann genommen. Und bezahlt.

Finale: (Oder Nachsatz:) Mein Mann war vor ein paar Wochen auch beim Augenarzt. Nach der Untersuchung hat der Arzt ihm dann auch solche befeuchtende Augentropfen „mitgegeben“.

Ich habe ihm dann erklärt, dass der Arzt da grad einen netten Zusatzverkauf von 20 Franken gemacht hat. Das konnte er auch in einem nicht-SD Kanton, da die Tropfen ja nicht ein Medikament sind sondern unter Medizinprodukt fallen.

Das erschien dann auch auf der Arztrechnung, die er später bekommen hat. Die Tropfen hätte er auch ohne Rezept in jeder Apotheke bekommen, inklusive meiner (und da für ihn günstiger, da ich da Rabatt drauf bekomme, wenn ich das kaufe … wie gesagt: kein Medikament).

Aber es ist halt selbst für ihn schwer da beim Arzt zu sagen: Das will ich lieber nicht (hier) bekommen. Ich gehe da in die Apotheke.

Dafür hat der Arzt dann auch nicht so Diskussionen wie ich oben, weil der Preis dafür erst später ersichtlich ist. :-(