Sicherheit im Labor

Es ist mal wieder soweit und ich muss die jährliche Weiterbildung der Mitarbeiter in Punkto Sicherheit durchführen.

Neben dem Verhalten bei Feuer und Überfällen gehört dazu auch der Punkt Sicherheit im Labor. Das hier wird eine der Fragen: „Du musst Leichtbenzin abfüllen. Welche der beiden Trichter nimmst Du?“

Und? Zusatzpunkte wenn man weiss, was ausser den bunten Etiketten noch auf die Flasche gehört.

Labor ist gefährlich …

Das habe ich auch schon erwähnt.
Heute sehe ich in den Nachrichten gleich 2 Vorkomnisse mit Chemikalien aus/in der Apotheke:

Sprengstoffalarm in der Apotheke.

50 Menschen mussten evakuiert werden, weil eine Apothekerin eine Säure im Regal hat austrocknen lassen. Die verdickte Pikrinsäure hätte beim Herunterfallen eine stärkere Explosion als Dynamit auslösen können.

In einigen -vor allem älteren- Apotheken kann man wirklich überraschendes unter den Chemikalien finden. Im Laufe der Zeit häuft sich da einiges an – und wenn man da nicht regelmässig Kontrollen macht …

So wundert es auch nicht gross, wenn man den nächsten Artikel sieht:

Lebensgefährliche Beute: Einbrecher stehlen Zyankali

Nach einem Einbruch in eine Apotheke im unterfränkischen Kreis Miltenberg warnt die Polizei vor höchst gefährlichem Diebesgut. Offenbar entwendeten die unbekannten Täter nicht nur Bargeld und teure Medikamente – sondern auch das tödliche Gift Zyankali.

Da kann man nur hoffen, dass die Einbrecher das weisse Pulver nicht mit Kokain oder derartigem verwechseln und schnupfen …

Chemieunfall

Ich sag’s doch: Labor ist gefährlich!

Offenbar haben sie das auch hier gemerkt:

Zwei Verletzte bei Chemieunfall in Huttwil

Bei einem Chemieunfall in einer Drogerie im bernischen Huttwil sind zwei Angestellte verletzt worden. Sie wurden mit Atembeschwerden ins Spital eingeliefert.

Wie sich zeigte, war am Montagnachmittag im Keller des Geschäfts an der Bahnhofstrasse eine kleinere Menge Salmiak aus einem Gebinde ausgelaufen, wie die Berner Kantonspolizei mitteilte. Die Drogerie wurde evakuiert. Die Feuerwehr Huttwil nahm die Flüssigkeit auf. Quelle: 20 Minuten

Ich weiss ja nicht, wie das bei denen abgelaufen ist, aber da wir bei uns praktisch den gleichen Zwischenfall auch schon hatten folgt hier ein Erfahrungsbericht:

Es ist jetzt schon einige Jahre her, da kommt um etwa 11 Uhr die Drogistenlehrtochter, die die Aufgabe hatte im Keller Salmiak abzufüllen – nämlich aus dem etwa 20 Liter Vorratsbehälter in 1 Liter Gebinde – in die Apotheke gerannt und schreit: „Hilfe! Ich kann es nicht mehr abstellen!“

Pharmama:Was?“

Lehrling: „Das Salmiak! Es läuft einfach weiter!“

Ich schnappe mir im Labor Schutzbrille (die, die wie eine Taucherbrille aussieht) und Handschuhe, dann renne ich mit ihr in den Keller, während ich beides anziehe.

Vor der Türe in den Chemikalienraum hole ich einmal tief Luft und öffne die Türe. Ich komme keine 2 meter weit, schlägt es mich fast um. Die Luft ist inzwischen getränkt von Ammoniaklösung, meine Augen fangen sofort so an zu tränen (trotz geschlossener Brille), dass ich kaum was sehe und die Nase brennt. Trotzdem mache ich einen Versuch das Ablassventil zuzudrehen – aber das Ding sitzt fest!

Rasch wieder nach draussen, Luft schnappen … sobald ich wieder etwas sehe fällt mein Blick auf einen Eimer den das Blumengeschäft wohl hier gelassen hat. Den schnappe ich mir, dann gehe ich nochmal (mit angehaltenem Atem) rein, stelle ihn unter den immer noch auslaufenden Behälter – es muss ja nicht noch mehr auf dem Boden landen – und wieder raus.

Dann telefoniere ich der Feuerwehr.

„Hallo, hier Pharmama. Bei uns im Keller der Apotheke läuft ein grösserer Kanister Ammoniaklösung aus. Ich bräuchte hier ein paar Personen mit Atemschutz um das wieder zu beheben. Könnten Sie einen Wagen schicken? …. Nein, im Moment läuft nicht mehr aus, es steht ein Eimer darunter, der gross genug ist den Rest aufzufangen, aber … Ja, die Adresse ist …“

Es dauert nur wenige Minuten, dann kommt die Feuerwehr mit Blaulicht und Sirene (!) angerast. Mit 3 Fahrzeugen (!) Raus springen ein paar Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken schon auf. Einer davon kommt zu mir gerannt und fragt, wo der Keller ist.

„Ich kann sie hinbringen. Wenn Sie mir auch ein Atemschutzgerät geben, kann ich ihnen auch zeigen, wo der Vorratsbehälter ist, aber ohne kommt man da nicht mehr rein.“

Da sagt der Feuerwehrmann: „ … Pharmama, bist Du das?“

Oh, toll. Ich erwische ausgerechnet einen, der mit mir in der freiwilligen Feuerwehr gewesen ist – offensichtlich ist er jetzt zur Berufsfeuerwehr aufgestiegen. Peinlich.

Jedenfalls war die Sauerrei in Rekordzeit behoben.

Die Sanität war auch noch da (ungerufen), aber ich konnte sie davon überzeugen, dass es uns gut geht …

Ende gut, alles gut

Gefährliche Arbeit in der Apotheke

Dabei meine ich diesmal nicht irgendwelche verärgerten Kunden, die zurückkommen um sich zu „rächen“ oder Drogenabhängige, die denken, sie kommen in der Apotheke zu ihrem Stoff. Das gibt es zwar auch, aber ich meine hier die etwas subtileren Sachen:

Bei einer meiner Abschlussprüfungen bin ich mal gefragt worden, was die Berufskrankheit der Apotheker sein könnte. Meine Antwort: „Krampfadern“.  Das ist so, denn wir sind praktisch den ganzen Tag auf den Füssen.

Aber die Apotheker sind noch durch mehr gefährdet. Augenprobleme wegen der Bildschirmarbeit … man sieht wenig Apotheker ohne Brille (oder Kontaktlinsen), schon mal aufgefallen?

Dann die Schubladen. Die stellen eine erhebliche Unfallgefahr dar, v.a. wenn mehrere Leute gleichzeitig dabei sind, Medikamente herauszunehmen oder zu versorgen. Ein Kollege von mir hat sich mal eine schöne Platzwunde an der Stirn zugezogen … zum Glück konnte er niemandem anderen die Schuld geben, denn er selbst hat sie offen stehen lassen.

Und nicht zu vergessen das Labor. Heute füllen wir zwar nicht mehr so viel ab, aber wir arbeiten immer noch mit potenziell gefährlichen Stoffen. Gut in Erinnerung habe ich da die Begebenheit mit der Capsaicin Salbe.

Capsaicin – das ist der Scharfstoff aus der Chilischote. Man verwendet ihn in Salben und Pflasterform, weil er reizend wirkt, wodurch die Nervenenungen ihre Schmerzboten ausschütten, dadurch hat man (später) weniger Schmerz. Capsaicin gibt es zum verarbeiten entweder in Pulverform – extrem gefährlich, wenn es „fliegt“ und in die Augen oder Lunge kommt – oder in flüssiger Form – immer noch nicht ganz ungefährlich, wenn es unverdünnt auf die Haut kommt. Der Apotheker damals arbeitete mit der Flüssigkeit und mit Handschuhen. Das war gut, leider wurde er bei der Herstellung der Salbe unterbrochen und musste das Labor verlassen. Dabei fasste er mit den Handschuhen an die Türklinke … und die nächste Pharmaassistentin die die Tür öffnete hatte es dann an den Händen … und rieb sich damit kurz über das beissende Auge. Ganz schlecht!! Wer sich mal nach dem Chilischotenschneiden ans Auge gefasst hat, kann sich in etwa vorstellen wie das brennt – nur ist der Stoff in der Apotheke noch konzentrierter. Mit Augenausspülen war es in  dem Fall nicht getan.

Überhaupt ist das Labor eine latente Unfallquelle. Da war doch vor ein paar Jahren die Drogistin (oder war es ein Lehrling?) die das Labor abgefackelt hat … aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

Labor und Darwins Theorie

Labor ist gefährlich. Ernsthaft. Auch wenn es heute im Apothekenlabor so harmlos aussieht, während dem Studium hatten wir diverse Zwischenfälle. Darwins Theorie vom Überleben der Fittesten in der praktischen Anwendung, könnte man sagen. Vor Beginn des Labors in organischer Chemie haben sie sogar eine Eintrittsprüfung angesetzt – damit man nicht gerade das Labor in die Luft sprengt oder sich selbst vergiftet, vermute ich. Aber wir hatten schon vorher diverse Zwischenfälle.

Bei unserem Labor machte ich ein paar Mal die Feuerwehr und musste eingreifen, wenn mal wieder jemand mit dem Bunsenbrenner hantierte und z.B. der Schlauch abfiel (gibt eine nette Stichflamme) oder der Putzlappen daneben anfing zu kokeln. Jedenfalls musste bei uns niemand mit einem schon brennenden Eimer aus dem Gebäude rennen – das gabs auch schon, gell Mr. M?

Einmal hatten wir eine unbeabsichtigte Demonstration des Sprichwortes „Erst das Wasser, dann die Säure, sonst passiert das Ungeheure“, sprich, einen explodierenden Säurekolben. Darauf hatten praktisch alle Laborschürze auf Bauchhöhe Säurebrandlöcher von der Schwefelsäure.

Eine Hydrolisierung ist eine eher heftige chemische Reaktion, wie meine Labornachbarin feststellen musste. Die Reaktion machte sich selbstständig (sie „ging ab“ ) und zwar so schnell und explosiv, dass nur noch das Schliessen der Kapelle, wo sie arbeitete Schlimmeres verhinderte. Ich vermute den gelben Fleck an der Decke sieht man heute noch.

Im gleichen Praktikum mussten wir einmal alle Fluchtartig den Raum verlassen, weil einer Mitstudentin der Schüttelkolben  gefüllt mit Ether aus der Hand gefallen war. Derselbe Aether, den man früher zum Betäuben von Leuten vor Operationen gebrauchte.

Oder während der medizinischen Analytik, wo eine Kollegin ihre Teströhrchen mit Blut falsch in die Zentrifuge geladen hat … das spritzt ziemlich eklig. Zum Glück war es nur eine kleine Menge.

Beim Aufräumen fiel einer Mitstudentin die Flasche konzentrierte Ameisensäure aus der Hand (der Deckel war nicht gut zu und man sollte Flaschen sowieso nie am Deckel tragend transportieren). Die Säure spritzte ihr ins Gesicht. Nur schnelles Eingreifen und Abwaschen unterm Wasserhahn verhinderte Schlimmeres. Trotzdem musste sie ins Spital, die Augen checken. Seitdem wissen wir: sie hatte Glück. Für die Augen sind Basen schlimmer. Und: Laborbrille auch beim Aufräumen anbehalten!

Aber das Schmerzhafteste war in der Analytik, wo wir Verdünnungen machen mussten mit einer Säure. Dabei Pipettiert man immer ein paar Mililiter (genaustens abgemessen) weiter. Ich kam nie in direkten Kontakt mit der Säure, doch die Dämpfe reichten aus mir die Haut am Daumen, den ich oben an der Voll-Pipette hatte vollständig abzuschälen – bis aufs Fleisch. Eine Zeitlang hatte ich dort nicht mal mehr Fingerrillen – das wär doch was für Einbrecher! (ist aber eine sehr schmerzhafte Methode, wie ich bezeugen kann). Wenigstens war ich mit meinem Leiden nicht alleine, der halbe Kurs lief mit bandagierten Daumen herum.

Aber ich hab’s überlebt bis jetzt. Denn auch heute noch kann man im Labor Dummheiten machen. Davon später mehr.