Bin ich denn die Sekretärin?

Wir bekommen von der Arztpraxis ein Rezept gefaxt für einen Kunden. Auf dem Rezept sind diverse Medikamente, eines müssen wir bestellen. Das ist ausserdem eines, das nur von der Zusatzversicherung übernommen wird. Die Kontrolle der Krankenkassendeckung via Internet meldet, dass der Kunde nur Grundversichert ist (kein Zusatz).
Eine Stunde später kommt der Kunde. Wir erklären ihm, wie es ist: ein Medikament müssen wir bestellen und es muss von ihm bezahlt werden, wenn er es will.
Er will nichts bezahlen. Er behauptet steif und fest, er habe eine Zusatzversicherung. Das sei ein Fehler von der Krankenkasse, dass bei ihm nur die Grundversicherung angegeben werde – das sei schon einmal passiert.

Ok. Ich muss das trotzdem nachprüfen – per Telefon in dem Fall. Das muss ich aber auch morgen machen, weil es inzwischen nach 5 Uhr ist – und da hat die Krankenkasse zu.

Der Kunde wird tatsächlich ärgerlich über diese Auskunft: wann ich den Fax denn bekommen habe? Um halb 5. Und warum ich nicht gleich die Krankenkasse angerufen habe, um das abzuklären?

Entschuldigung? Wir haben per Internet seine Versicherungsdeckung geprüft. Wenn ich bei jedem danach auch noch anrufen müsste, um nachzufragen, ob die Angabe auch stimmt, sitze ich den ganzen Tag nur noch am Telefon. Dann bräuchte ich noch eine Angestellte mehr.

Ausserdem: wenn er es schon gewusst hat, dass die Krankenkasse offenbar die falsche Deckung drin hat – warum hat er dann nicht bei der Krankenkasse reklamiert, damit sie das in Ordnung bringen?
Das ist nun wirklich nicht meine Aufgabe – ich bin ja nicht seine Sekretärin.

Nachtrag: es stimmte übrigens, die Krankenkasse hat die falschen Daten bei der Internet-abfrage eingegeben. Aber das ist die Ausnahme von der Regel: im Normalfall stimmt die Covercard Abfrage.

Gefälscht und verfälscht: Rezepte

Es kommt immer wieder einmal vor, dass in der Apotheke versucht wird, Rezepte einzulösen, die gefälscht sind. Am meisten haben wohl die richtig grossen Apotheken damit zu tun – und solche, die zu ungewöhnlichen Zeiten offen haben: z.B. im Notfalldienst am Wochenende oder abends vor 10 Uhr.

Gefälschte Rezepte zu erkennen ist manchmal gar nicht so einfach. Es gibt allerdings ein paar Warnzeichen:

  • das Rezept lautet auf ein oder mehrere der folgenden Medikamente: Schlafmittel, starke Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel
  • es sind meistens die Grosspackungen
  • der Kunde (oder die Kundin) kommt zu einer Randzeit, wenn der Arzt nicht erreichbar ist. Z.B. Samstag Nachmittag, abends nach 6 Uhr, Sonntags im Notfalldienst, zur Mittagszeit zwischen 12 und 2 Uhr
  • der Kunde zahlt sein Rezept selbst (das ist deutlich)
  • er/sie ist sehr nervös und oder macht auf eilig
  • das Rezept selbst kann manchmal auffällig sein: zu deutlich geschrieben, nicht im typischen Stil gehalten (z.B. 1 Packung statt 1 OP), Farbkopien…

Ich kann mich noch gut an mein erstes gefälschtes Rezept erinnern, das war im 4. Studienjahr zu meiner Praktikumszeit. Es war Mittagszeit, fast 1 Uhr als dieser Junge Mann in die Apotheke kommt. Ich nehme das Rezept entgegen, darauf steht:

1 Packung Dormickum 30 Stück

So ausgeschrieben. In einer Schrift, die eher der eines Schulkindes gleicht (Ärzte schreiben ja oft unleserlich, aber nicht so). Der Stempel fehlt, die Unterschrift ist ebenso lächerlich lesbar. Das Rezept sieht aus wie eine Kopie von einem tipexierten Rezept.

Ich schaue das Rezept an, ich runzle die Stirne und schaue (wohl etwas ungläubig) den Kunden an. Der Gedanke „meint der das wirklich ernst?“ schiesst mir durch den Kopf, dann schaue ich wieder das Rezept. Ich überlege, was ich jetzt wohl tun soll. Offensichtlich hat der junge Mann das gemerkt, denn als ich das nächstemal den Kopf hebe, sehe ich ihn nur noch von hinten aus der Tür verschwinden. Das Rezept hat er mir gleich hiergelassen.

Das korrekte Vorgehen in einem solchen Fall wäre: Abgabe verweigern (oder höchstens eine kleine Packung abgeben wenn man sich nicht sicher ist). Eine Kopie des Rezeptes machen (oder noch besser: einziehen). Bei nächster Gelegenheit beim Arzt nachfragen, ob ein Missbrauch vorliegt. Und wenn das bestätigt ist, macht man ein Fax mit den Angaben an den Kantonsapotheker, der die Info an die anderen Apotheken weiterleitet. Dann sind diese gewarnt und es wird immer schwieriger derart Missbrauch zu treiben.

Es gibt übrigens auch den Fall von verfälschten Rezepten. Dabei handelte es sich um Originalrezepte, auf denen etwas verändert wurde – meistens die Menge oder Dosis. Diese kommen auch bei Stammkunden vor, die auch via Krankenkasse abrechnen können. Meist handelt es sich um die gleiche Art Medikamente. Es gab Kunden, die machten aus einem normalen Rezept ein Dauerrezept. Oder aus einer 100er Packung 200 Stück.

Meist ist der Umgang mit diesen weniger problematisch, als man denkt. Ich kläre derartige Fälle rasch mit dem Arzt ab (das müssen die Kunden nicht unbedingt mitbekommen) und mache sie dann darauf aufmerksam, dass sie halt nur die Menge bekommen, die der Arzt auch verschrieben hat.

Wechselwirkung mit Drogen

Telefon:

„Hallo. Mein Freund nimmt Trileptal gegen seine Epileptischen Anfälle. Gibt es da eine Wechselwirkung mit Cocain?“

Naja, die Interaktionen von Medikamenten mit illegalen Drogen haben sie im Studium irgendwie ausgelassen. Warum wohl? Aber der gesunde Menschenverstand sagt dass es sicher keine gute Idee ist als Epileptiker auch noch Mittel zu nehmen die betäuben oder anregen, jedenfalls auch auf das (schon gestörte) zentrale Nervensystem wirken.

Rezepteinlösen kompliziert gemacht

Frau kommt mit Rezept in die Apotheke.

Apothekerin: „Haben sie schon  einmal ein Rezept bei uns eingelöst?“

Frau: „Ja.“

Apothekerin: sucht im Computer „Ich kann sie nicht finden. Haben sie den Namen gewechselt oder haben sie ihren mittleren Namen als Vorname angegeben?“

Frau: „Nein.“

Apothekerin: schaut noch mal, diesmal schaut sie nach der Adresse „Nein, sie sind noch nicht im Computer.“

Frau: „Mein Mann war schon einmal hier.“

Apothekerin: „Aber ich muss das Rezept unter ihrem Namen eingeben, weil es für sie ist.“

Frau: „Mein Sohn hatte auch schon Rezepte hier.“

Apothekerin: … (siehe letzte Zeile)

Frau: Sehr verwirrt: „Was machen wir jetzt?“

Apothekerin: „Ich muss sie nur erst in den Computer eingeben, kein Problem.“

Apothekerin gibt die Adressdaten ein und die Krankenkasse, dann kommt sie zu den allgemeinen Fragen:

Apothekerin: „Sind sie allergisch auf irgendein Medikament?“

Frau: „Penicillin … und der Arzt sagt, sie sollen nachschauen, ob ich das Medikament auf dem Rezept schon gehabt habe und es nehmen kann.“

Apothekerin: „Ich kann nicht nachschauen, weil sie bisher noch nie mit einem Rezept hier gewesen sind! Haben sie denn eine andere Apotheke, wo sie regelmässig gehen?“

Frau: „Nein, ich war schon seit Jahren nicht mehr krank.“

Ok, und wieso soll ich sie dann schon im Computer haben?

Manche Kunden / Patienten haben den Eindruck, dass wenn sie in einer Apotheke ihre Daten angeben, sie dann einfach in eine andere Apotheke gehen können und diese dann die Informationen auch abrufen können. Dem ist aber nicht so. Die meisten Apotheken haben Systeme, die in sich abgeschlossen sind. Was Apotheke X im System hat, kann Apotheke Y nicht abrufen. Weder Adressdaten noch ehemalige Medikamente. Das kann nur die Apotheke, in der man gewesen ist. Darum ist es auch wichtig, dass man sich eine Stammapotheke (Hausapotheke tönt so seltsam) sucht und dort bleibt: dann hat man viel weniger Probleme wenn man mal die Krankenkassenkarte vergessen hat oder eine Frage wegen Medikamenten auftaucht (neuen oder alten).

Nochmals zu dem mit den Daten: nicht mal in Apothekenketten können die einzelnen Mitglieder untereinander ins System schauen – mit Ausnahme vielleicht der Lagerbestände. Es gibt aber inzwischen Systeme, wo die Gesundheitsdaten eines Patienten zentral gespeichert werden und Apotheken (verschiedene) und Ärzte Zugriff haben können, aber der Patient muss der Apotheke / dem Arzt eine Bewilligung unterschreiben, dass die das dürfen. Aber diese Systeme sind bis jetzt noch sehr selten und kaum bekannt.

Im Prinzip fände ich eine Karte noch gut, die man mitnimmt, auf der alles gespeichert ist- vielleicht Passwortgeschützt?- dann kann man ziemlich sicher sein dass nur Personen (Apotheke oder Arzt oder Spital) Zugriff darauf haben, wenn man das selbst will.

Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Einmal wöchentlich

Frau am Telefon: „Ich habe da ein Problem. Ich nehme meine Fosamax Tabletten jeden Mittwoch“

Apothekerin: „Ja. Und?“

Frau. „Jetzt habe ich auf den September Kalender geschaut und es gibt diese Woche keinen Mittwoch. Was soll ich tun?“

Apothekerin: (versucht nicht zu lachen) „Ja, aber es gibt einen Mittwoch in der ersten Oktober-Woche. Warum nehmen sie es nicht einfach dann?“.

Oh mein Gott! (oder OMG, wie es im Web heisst)

Telefon einer Kundin (mit schreiendem Baby im Hintergrund): „Mein Kind schreit wie am Spiess seit ich ihm die Fieberzäpchen gegeben habe, die ich bei Ihnen gekauft habe!“

Apothekerin: „Was für welche?“

Kundin: „Vicks.“

Apothekerin: „Vicks?? Sind sie sicher? Da gibt es aber keine Zäpfchen, ..“.

rasches Überlegen, was es sein könnte… „…meinen Sie vielleicht diese blauen Bonbons?“

Stille am anderen Ende der Leitung. Dann: .. Das sind keine Zäpfchen? Oh …“

(!)

Ja, „Oh“, Wer einmal Vicks blau Bonbons gehabt hat, weiss dass sie viel Menthol enthalten – das ist das, was im Mund so stark kühlend wirkt. Im Enddarm müsste ich das allerdings auch nicht haben – kein Wunder schreit das Baby! Sie musste das Teil dann im Spital entfernen lassen – bis es sich von selbst gelöst hätte wäre es seeeehr lange gegangen.

Das stammt übrigens nicht aus der Apotheke in der ich arbeite, aber ich habe es erster Hand von der Pharma-assistentin, die das in der Apotheke, wo sie vorher gearbeitet hat mitbekommen hat. Sie hat mir übrigens auch versichert, dass die Kundin das kaum erhalten hat, weil sie Fieberzäpfchen verlangt hat, viel eher hat sie es selbst aus dem Gestell genommen.

Selbstmedikation durch unwissende kann auch sehr schief gehen!