Der „grosse Bruder“ kehrt zurück

Nach dem Aufschrei von Krankenkassen, Apotheken und Spitälern hat das BAG eingesehen, dass das Verbot ein ziemlich kurzsichtiger Entscheid war und erlaubt nun wieder, dass die kostengünstigeren Grosspackungen die nicht in der Grundversicherung sind trotzdem dort abgerechnet werden können. Lies hier nach um was es ging: Der „grosse Bruder“ ist gestorben

Bern, 24.06.2019 – Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) akzeptiert die Vergütung der Kosten für bestimmte Grosspackungen von Arzneimitteln (Grand-Frère Packungen) durch die Krankenversicherer bis zum 30. Juni 2020, damit keine höheren Kosten entstehen. Es handelt sich um eine Übergangslösung, bis die Vergütung dieser Packungen definitiv geregelt ist.

Quelle BAG

Auch sie haben gemerkt, dass das zu einer Kostensteigerung führte. Sicher, die Spitäler die nun wieder teure Gross-Packungen auf mehrere Patienten verteilen können, sind da mehr betroffen, aber ich bin in der Apotheke froh, dass ich wieder grosse Becozym, Magnesiocard, Aerius, Excipial, Perenterol und Ritalin in den Grosspackungen abgeben darf.

Das Ziel ist (und ich hoffe, das klappt in einem Jahr), dass die Grosspackungen ganz offiziell in die SL Liste, also in die von der Grundversicherung vergüteten Präparate aufgenommen werden. Damit habe ich dann auch kein Problem mehr.

Es bleibt halt abzuwarten, ob die Firmen das wollen. In der SL werden die Preise „fremdbestimmt“, das BAG schreibt sie vor. Theoretisch können sie bei den Nicht-gelisteten Präparaten (NLP) die Preise selber machen und anpassen. Da kam es auch schon vor, dass die Grosspackungen dann auf einmal NICHT mehr kostengünstiger waren. Siehe hier: Kein „grosser Bruder“ mehr

Prämiensteigerungen und Sparmassnahmen

Im Radio SRF – mitgehört beim Autofahren:

„… Erwarten wir wieder eine Steigerung der Prämien der Krankenkasse um 3%. Dies hauptsächlich wegen Kostenzunahmen und Steigerung in den Bereichen Physiotherapie, Spitex und Laborleistungen.“

Nichts neues unter der Sonne. 3% sind allerdings wieder einiges mehr als auch schon. Das tut langsam wirklich weh. Der Sprecher fährt weiter:

„Der Krankenkassenverband Santesuisse fordert deshalb weitere Sparmassnahmen, vor allem im Bereich Medikamentenpreise.“

Und dann bin ich kurz explodiert. WAAAAS?? TYPISCH! Ich meine: die Medikamentenpreise wurden noch nicht mal als Grund für die erhöhten Gesundheitskosten angegeben!

Sie sind es auch nicht wirklich. Natürlich haben wir ein Problem mit den Hochpreisern – Aber die Medikamente sind trotzdem nicht wirklich der Kostentreiber im Gesundheitssystem. Nur halt der Ort, wo am einfachsten gespart werden kann.

Darauf weist auch Pharmasuisse in der neusten Medienmitteilung hin:

Medikamentenkosten: 1 Milliarde eingespart

Bereits heute sparen Apotheker und Hausärzte infolge der Preisüberprüfungen des BAG innerhalb von drei Jahren 1 Milliarde Medikamentenkosten ein. Für die Apotheker bedeutet dies: Sinkende Einnahmen bei mehr abzugebenden Packungen, höhere Personalkosten in der Logistik und Beratung und damit steigende ungedeckte Betriebskosten. Zwar sollen Apotheker, Hausärzte und Pflege immer mehr kostensparende Aufgaben in der medizinischen Grundversorgung übernehmen, doch droht mit geplanten Abbaumassnahmen der Kollaps der wohnortsnahen Versorgung.

Denn das ist der Effekt. Und das ist auch das, was wir verhindern wollen – für die Patienten. Deshalb wurde die Petition „gut umsorgt“ lanziert – deren in 60 Tagen gesammelten über 340’000 Unterschriften gestern überreicht wurden.

Die Medikamentenkosten dürfen nicht mehr das Hauptziel und die Hauptmassnahmen sein! Andere Strategien müssen her.

Die Spitex leidet (und die Apotheke leidet mit)

Die Spitex (das ist die Haushilfe) tut mir ja leid. Trotzdem … schiebt das Problem bitte nicht an die Apotheke weiter!

Darum geht es (zusammengefasst von der Spitex Aargau):

• Mittel und Gegenstände: z.B. Verbandmaterial, Inkontinenzhilfen, Gehhilfen.

• Seit 2011 konnten Pflegeheime und Spitexbetriebe die Mittel und Gegenstände den Krankenversicherern zusätzlich zu den Pflegebeiträgen in Rechnung stellen.

• Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 1. September 2017 stellte fest, dass die Kosten für Mittel und Gegenstände Bestandteil der Pflegeleistung sind und somit mit den Pflegebeiträgen der Krankenversicherer bereits abgegolten sind.

• Die Folge davon sind Ertragsausfälle ab 2018 in der Höhe von jährlich über 4 Millionen Franken für die Pflegeheime sowie in unbekannter Höhe für die Spitexbetriebe.

Wir schreiben 2019 – und die Haushilfe leidet. Viele Spitex haben sich entschlossen das Material für Wundversorgung und bei Inkontinenz selber zu besorgen und zentral zu lagern um günstiger einkaufen zu können. Das bedeutet einen Mehraufwand, nicht nur zur Bestellung, sondern auch das vom Lager zum Patienten zu bringen. Mindereinnahmen und Mehraufwand … es zeigt sich jetzt, dass das für die Spitex bald nicht mehr stemmbar ist.

Deshalb versuchen jetzt offenbar manche das an die Apotheken zurückzugeben. So hatten wir heute eine Anfrage – nein, eigentlich war es eher eine Forderung:

Inkontinenzeinlagen für eine Patientin. Das Rezept würde uns später geliefert werden.

Okay – Nur weiss ich bei der Patientin, dass sie die Inkontinenzeinlagen ganz sicher nicht mehr selber anwenden kann. In der MiGeL 2019 steht inzwischen auch sehr konkret:

Mittel und Gegenstände, die im Rahmen einer medizinischen Behandlung durch einen Leistungserbringer nach Artikel 35 KVG (Arzt/Ärztin, Spital, Pflegefachperson oder andere medizinisch-therapeutische Fachpersonen wie Physiotherapeut/Physiotherapeutin) oder im Rahmen der Pflege in Pflegeheimen oder durch die Spitex angewandt werden, dürfen nicht über die MiGeL abgerechnet werden.

Nach einem langen Telefon mit der Verantwortlichen Person bei der Spitex (die ich wirklich bedauere) hat man mir direkt gesagt:

  • dass sie mir keine schriftliche Bestätigung ausstellen können, dass die Produkte vom Patient angewendet werden können (weil das eben nicht so ist),
  • dass sie aus personellen und finanziellen Gründen jetzt systematisch die Patienten wieder auf Bezug in der Apotheke umstellen (müssen),
  • und dass es von jetzt an wieder unser Problem sein soll, das zu besorgen, zum Patienten zu schaffen und der Krankenkasse abzurechnen.

Ich habe das dann abgelehnt. Die Patientin tut mir noch mehr leid als die Spitex, aber – ich kann genauso wenig gratis arbeiten, wie sie, brauche für das Material Geld, Platz und zum abgeben Personal – und einfach zu hoffen, dass das der Krankenkasse nicht auffällt, mache ich nicht. Am Ende trage ich hier als Apotheke das ganze Risiko. Wenn ich das beliefern soll und die Situation ist wie beschrieben, dann muss ich das der Spitex direkt in Rechnung stellen können. Das wollten sie dann auch nicht.

Ich bin sicher, das werden noch andere in der nächsten Zeit versuchen – das als kleine Warnung an andere Apotheken.

Und für die Patienten und anderen in der Schweiz wohnenden Leute: DAS ist einer der übereilt durchgedrückten Sparmassnahmen und deren Auswirkungen. Ich habe keine Ahnung, wo das noch hinführt – aber um so etwas in Zukunft möglichst zu vermeiden … unterschreibt bitte die Petition hier! Noch bis Ende Mai möglich.

Der „grosse Bruder“ ist gestorben

Zuerst hoffte ich auf einen (schlechten) Aprilscherz, als wir in der Apotheke die Nachricht bekommen haben: Grand Frère gibt’s nicht mehr. Leider ist das so – ein weiterer Ausdruck der missgeleiteten Sparpolitik.

Dabei war das eine gute Regelung – und wirtschaftlich. Das sollen wir ja doch sein als Apotheke.

Kleine Erklärung: „Grand frère“ = Grosspackung eines SL-Produkts. Wir haben die SL (Spezialitätenliste), auf ihr befinden sich die Medikamente, die von der Grundversicherung der Krankenkasse übernommen werden müssen. Was da nicht drauf steht, kann ein NLP sein – ein nicht-listen-pflichtiges Medikament, das von der Zusatzversicherung übernommen werden kann. Wenn man denn eine hat.

Es gibt Medikamente bei denen nur die kleine Packungsgrösse auf der SL ist – aber die grössere Packung ist NLP.
Das ist doof – ABER bisher war es so, dass die Krankenkasse die grössere Packung auch in der Grundversicherung übernommen hat – WENN die grosse Packung wirtschaftlich günstiger war. Beispiel: Wenn die kleine Packung mit 20 Stück 3 Franken kostet und die grosse Packung mit 100 Stück 10 Franken kostet (weniger als 3×5=15), dann wurde auch die grosse Packung von der Krankenkasse bezahlt. Das ist dann ein sogenannter Grand Frère – unser Computer zeigte uns das auch an, man musste aber gut aufpassen, wenn es da Preiserhöhungen gab (bei NLP gut möglich und öfter) und das auf einmal nicht mehr stimmte.

Nun also nicht mehr. Es schreibt die Ifak:

Wir müssen Sie darüber informieren, dass die Concordia per 1. April 2019 Grand-Frère Medikamente sowie dazugehörende LOA-Leistungen nicht mehr aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) vergüten wird.Die Forderung, nur noch die Artikel welche in der SL gelistet sind aus der OKPzu vergüten, wurde ausdrücklich vom BAG verlangt. Daher ist stark anzunehmen, dass sich weitere Krankenversicherer diesem Vorgehen anschliessen müssen.

Und weil die Zusatzversicherung an sich schon selber bestimmen kann, was und wieviel sie von den NLP-Medikamenten bezahlt, ist möglich (wahrscheinlich), dass auch sie das nicht mehr so übernimmt

Uns bleibt also in der Apotheke nichts übrig als neu nur noch die kleinen (teureren) Packungen abzugeben – ausser wir riskieren Rückweisungen sowohl von der Grund- als auch der Zusatzversicherung. Ich bin sicher, das kommt bei den Patienten nicht gut an.

Ich habe mich mal an einer Zusammenstellung versucht – bitte ergänzt sie in den Kommentaren, wenn Euch noch eines einfällt.

  • Aerius 90 Tabletten -> Aerius 50 Tabletten
  • Becozym 50 Tabletten -> Becozym 20 Tabletten
  • Excipial U Hydrolotio 500ml -> Excipiel U Hydrolotio 200ml
  • Excipial U Lipolotio 500ml -> Excipiel U Lipolotio 200ml
  • Livial 3×28 Tabletten -> Livial 28 Tabletten
  • Perenterol 20 Tbl -> Perenterol 10 Tbl
  • Perenterol 20 Beutel -> Perenterol 10 Beutel

Passend dazu übrigens auch die Meldung, dass die Krankenkassen Colchicin Tabletten auch nicht mehr übernehmen möchte. Die Tabletten mit dem Gift der Herzzeitlosen gegen Gicht ist ein Medikament das es in der Schweiz gar nicht mehr vertrieben wird – aber noch häufiger gebraucht wird. Bisher haben sie das übernommen, der Wirkstoff steht noch in der ALT. Also, wenn wir in der Apotheke selber wieder Colchicin Kapseln herstellen würden (was nicht ganz ungefährlich ist und ungleich teurer), das würden die Krankenkassen dann bezahlen.

Vergleichsweise:

  • Import Colchicin 0.5mg/Tbl aus Deutschland oder Frankreich – 50 Tabletten kosten etwa 30 Euro (max).
  • Eigenherstellung Kapseln in der Apotheke: 50 Stück (grob überschlagen): Colchicinum Ph. Eur 25mg plus Füllstoff z.Bsp Mannitol ca. 2.0.- * / Pulver mischen: 12.- / Absieben 12.- / Abfüllen bis 25 Kapseln 24.- / je weitere 25 Stück 12.- / Kapseln 2×25 Stück 2×1.7 = 65.40.-
  • * Preis laut ALT – und es bleibt noch offen, wo ich das in der gewünschten Reinheit überhaupt herbekomme. Das letzte Mal habe ich nichts passendes gefunden …

Die bessere Alternative zum Referenzpreissystem

Wer die letzten beiden Artikel durchgearbeitet hat, weiss, dass die Apotheke in der Schweiz ein Problem hat. Mit dem aktuellen System laufen schon 20% der Apotheken an der Existenzgrenze. Und es soll weiter gespart werden an uns.

Bei sehr günstigen Medikamenten verdienen wir fast nichts, weil da der Vertriebsanteil (die Marge) von Personal-, Lager- und Logistikkosten gefressen wird. Ich erinnere an den Paracetamolsirup für nicht mal 3 Franken, der auch von der Grundversicherung übernommen wird. Auch rezeptpflichtiges fällt da – Preissenkungen sei Dank – immer mehr darunter. Bei denen bekommen wir immerhin die Pauschalen, aber die 7 Franken sind für die ganze Arbeit, die wir dafür machen nicht deckend.

Bei sehr teuren Medikamenten (so ab 2750.-) machen wir gar ein Verlustgeschäft, wegen den noch höheren Zuschlägen des Zwischenhandels und den Zinsen, die wir für das Vorausstrecken (bis die Kasse das nach Monaten zurückbezahlt) leisten müssen.

Bleiben nur noch die Medikamente im mittleren Preissegment. Bei der Abrechnung an die Krankenkasse sind wir eingeschränkt in der Menge / Grösse, die wir abgeben dürfen durch die Dosierung auf Rezept. Und da gibt es doch einige Generika (günstige Nachfolgeprodukte) die wir aktiv empfehlen / wechseln sollen … auch wenn wir immer noch einen Anreiz haben, die teureren zu nehmen. Ich mache das trotzdem, da ich den Einsatz von Generika sehr sinnvoll finde. Es gibt aber einige (medizinische) Gründe, das nicht immer zu machen: Generika, eine Betrachtung 4.

Also, was tun, damit A) die Kosten im Gesundheitssystem nicht weiter steigen und B) die Apotheken und damit einer der wichtigsten Grundversorger erhalten bleiben?

Den Vorschlag des Gesundheitsdepartements mit dem Referenzpreissystem und der Senkung des Vertriebsanteils auf 9% (siehe voriger Post) lehnen die Apotheker klar ab. Und mit ihnen die Parteien BDP, CVP, FDP, GLP, SP, SVP, die Verbände Economiesuisse, Gewerbeverband, Gemeindeverband, Vips, Intergenerika, SVKH, ASSGP, Sciencesindustries, Pharmalog, IG e-Health, die Versicherer curafutura und Santésuisse sowie das Konsumentenforum.

Damit werden nämlich die negativen Anreize bei Abgabe und Verkauf von Arzneimitteln eher erhöht: Generika / günstigere Medikamente allgemein / mehr Medikamente / Mengen.

Statt dessen schlägt der Apothekerverein pharmasuisse zusammen mit curafutura (Krankenkversicherer) folgende nachhaltige Lösung vor:

Statt 6 Preisklassen nur noch 1.

Ein Fixzuschlag je Packung für verschreibungspflichtige Arzneimittel in Höhe von CHF 14.85. Der beeinhaltet dann alle Leistungen der Apotheke und ist inklusive Personalkosten und und Grossistenkosten und kann noch sinken, wenn die Personalkosten mit der LOA Pauschale entschädigt werden.

Der Vertriebsanteil wird auf 3% festgelegt (für verschreibungspflichtige Arzneimittel). – das ist ein grösserer Abschlag als das von Herrn Berset geforderte.

Maximal darf der Zuschlag je Packung CHF 300 betragen – egal, wie teuer das Medikament ist. Diese Plafonierung ist eigentlich betriebswirtschaftlich nicht zu rechtfertigen, erlaubt es aber Kosten zu senken – die entstehen ja mit den 2% Hochpreisern die 60% der Kosten ausmachen (!)

Das Ziel ist es, die Leistungen der Apothekenteams unabhängig vom Fabrikabgabepreis und Preisklasse fair zu entgelten. Zudem unterstützt dieser Vorschlag die Förderung von Generika, weil für Originalprodukte und Generika gleiche Voraussetzungen geschaffen und falsche Anreize abgeschafft werden.

Es ist klar und gewollt, dass mit dem neuen Modell tiefpreisige rezeptpflichtige Medikamente teurer werden. Denn die Kosten bei den tiefpreisigen Medikamenten müssen jetzt unbedingt und rasch den realen Kosten angepasst werden: Ob ein Medikament CHF 10 Millionen oder CHF 2 kostet – das Wissen und die Logistikkosten unterscheiden sich nicht, einzig das Risiko. Es ist zudem nachvollziehbar, dass ein Arzneimittel nicht so billig wie ein Kaugummi am Kiosk sein kann. Die wahren Kosten entstehen dem Gesundheitssystem bei den Medikamenten momentan mit den Hochpreisern.

Für die Apotheker stehen die medizinische Grundversorgung und die Patientensicherheit im Vordergrund. Bereits jetzt führt der Preisdruck zu Lieferengpässen und gefährdet die medizinische Grundversorgung und auch die rentable Herstellung von einzelnen Spezialitäten. Aktuell gibt es bei mehr als 500 Medikamenten Lieferengpässe – mitunter eine Folge, da für gewisse Spezialprodukte zu wenige Anreize einer Lagerhaltung bestehen. Es ist Aufgabe des Bundesrats, jetzt eine Lösung zu finden, die die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung und die Patientensicherheit auch weiterhin gewährleisten. Es gilt, die Hausärzte und Apotheker aus dem Schussfeld zu nehmen.

Quelle: Positionspapier Pharmasuisse

Deine Apotheke – Schweizermeister im Sparen im Gesundheitssystem

Die Kosten im Gesundheitssystem steigen stark an. Das ist eine Tatsache – die sich für jeden in den steigenden Prämien reflektiert.

Vor 6 Jahren meinte Alain Berset dass im schweizerischen Gesundheitswesen 20 Prozent der Kosten eingespart werden könnten. Leider hat sich da nicht sehr viel getan – was daran liegen mag, dass vor allem der Apothekenkanal zum Sparen verdonnert wurde. Und der Anteil der Apotheke an den Gesundheitskosten beträgt gerade mal 6.4% (siehe vorheriger Post).

Die Spitäler verursachen die meisten Kosten – wurden bisher aber noch überhaupt nicht angepeilt, vielleicht weil die meisten den Kantonen gehören. Beim zweitgrössten Kostenblock, den Ärzten wurde schon zwei Mal in den Abrechnungstarif (Tarmed) eingegriffen. Die Ärzte haben die tieferen Tarife aber ausgeglichen, indem mehr abgerechnet wird (Mengenausweitung).

Am einfachsten angreifbar sind die Medikamentenpreise. Die Preise für patentgeschützte Medikamente werden vom BAG festgelegt und alle drei Jahre überprüft – und gesenkt. Preissenkungsrunden haben zu Einsparungen von 720 Millionen Franken geführt – Bei uns in der Apotheke merken wir das jeweils an den Lagerverlusten, wie wir da mittragen. Bei den sehr preiswerten Medikamenten verdienen Apotheker zudem kaum etwas: Lager- und Logistikkosten machen den Vertriebszuschlag gerade wieder zunichte.

Auf der anderen Seite haben wir in den letzten Jahren vermehrt sehr teure neue Medikamente – für Therapien wie HIV, Hepatitis, Krebs und rheumatische Erkrankungen (über 10 000 Franken), die auch von der Krankenkasse übernommen werden. Das sind nicht viele Medikamente, aber die rund 2% machen fast 60% der allgemeinen Medikamenten-Kosten aus! Für die Apotheken bringen teure Medikamente keine Gewinne. Im Gegenteil – die Abgabe sehr teurer Arzneimittel ist für die Apotheke ein Verlustgeschäft. Der Zwischenhandel verlangt einen deutlich höheren Zuschlag (wegen der hohen Lagerrisiken, höhere Lager-und Transportkosten bei Kühlware) und zwischen Einkauf des Medikamentes durch die Apotheke und Rückerstattung durch die Krankenkasse können einige Monate vergehen – dadurch steigen die Zinsen. Ab einem Fabrikabgabepreis von 2570 Franken ist die Marge bei 240 Franken plafoniert – und die teilen sich Grossisten und Apotheker.

Leistungsorientiertes Abgeltungsmodell (LOA): In der Apotheke bin ich deshalb froh, werden wir seit 2001 kaum mehr über die Marge eines rezeptpflichtigen Medikamentes abgegolten, sondern über Pauschalen. Obwohl es schwer ist, dem Patienten zu kommunizieren, dass damit unsere Arbeit bezahlt wird und das nicht ein ungerechtfertigter Aufschlag ist. Im Gegenteil: bis 2017 wurde so nach Schätzungen über eine Milliarde Franken gespart.

Effizienzbeitrag: Jährlich haben Rabatte der Apotheker an die Krankenver­sicherer zu Einsparungen von rund 60 Millionen Franken geführt. Von 2007 bis 2017 also 628 Millionen Franken. Der Rabatt von 2,5% wird an die Krankenversicherer bei allen kassenpflichtigen Medikamenten der Spezialitätenliste (SL, Abgabekategorien A und B) sowie allen Impfstoffen und Immunologika gewährt und ist Teil der LOA.

Wie man sieht, sind die Ausgaben eines Haushalts an den Medikamenten nicht besonders hoch – sie liegen knapp oberhalb dem, was für Alkohol und Tabak ausgegeben wird. Soviel zu den Apothekenpreisen.

Generika (also günstigere Nachfolgerpräparate) sind eine weitere Möglichkeit zu sparen – und nun nächstes Ziel von Herrn Berset. Es stimmt, hierzulande sind Generika vergleichsweise immer noch teurer als im Ausland (gut 50%) – und es werden (ebenfalls vergleichsmässig) weniger abgegeben. Das hat verschiedene Gründe – das liegt nicht daran, dass ich in der Apotheke (etwas) mehr verdiene am teureren Original oder teureren Generikum. Manche Patienten kann ich einfach nicht davon überzeugen ein Generikum zu wählen. Es gibt auch weniger Generika in der Schweiz. Nimmt man nur die zwanzig umsatzstärksten Wirkstoffe, bei denen das Patent abgelaufen ist, beträgt deren Anteil bei der Abgabe hohe 73 Prozent. Bei umsatzschwächeren Wirkstoffen lohnt sich der Markteintritt nicht: Die Generika-Industrie beklagt sich über die hohen Kosten für Prüfung und Registrierung von Medikamenten bei Swissmedic und beim Bundesamt für Gesundheit.

Kommen wir zu den Zukunftsaussichten – die es meiner Meinung nach zu bekämpfen lohnt:

Der Gesundheitsminister Alain Berset schlägt ein Referenzpreissystem vor. Damit würde nur ein bestimmter Preis pro Generikum von den Kassen übernommen. Wäre das gekaufte Medikament teurer, müsste der Patient die Differenz bezahlen. Das ähnelt den Rabattmodellen, die sie in Deutschland schon haben – und die Erfahrungen damit sind (ausser für die Kassen) schlecht. Es steht zu befürchten, dass Patienten wiederholt auf das Medikament eines anderen Herstellers umsteigen müssen, um keinen Zuschlag bezahlen zu müssen – Das ist dann ein Problem die Übersicht zu behalten, es gibt vermehrt Anwendungsfehler oder die Medikamente werden einfach nicht mehr genommen. Dann wird die Medikamentenversorgung gefährdet, weil sich Hersteller wegen tieferer Preise aus dem Markt zurückziehen könnten, ein Phänomen, das wir jetzt schon beobachten können nach den Preisabschlägen. Die damit erhofften Einsparungen bewegen sich zwischen 300 und 800 Millionen Franken in 10 Jahren. Die Einsparungen könnten aber langfristig verschwinden, wenn etwa statt der günstigen Generika teure Originalpräparate abgegeben würden. Da der Schweizer Markt klein ist und das Referenzpreissystem bloss gilt, wenn drei oder mehr Produkte verfügbar sind, hängt viel davon ab, wie sich die Hersteller verhalten …

Dann will der Bundesrat die Apothekermarge verändern. Je teurer das Medikament, desto höher aktuell die Marge. Nach oben ist sie eh schon plafoniert – (siehe oben bei den teuren Medikamenten). Er will sie von 12 auf 9 Prozent senken.

Der schweizerische Apothekerverein (die Pharmasuisse) ist gegen die Einführung des Referenzpreissystems (wie die SD-Ärzte übrigens auch) und hat einen Gegenvorschlag gemacht, der sogar noch eine höhere Senkung der Marge beinhaltet – neben anderem. Davon später mehr.

Quellen: https://www.pharmasuisse.org/data/docs/de/4301/dosis-Medikamentenpreise-Ja-zu-Reformen-Nein-zur-Gef%C3%A4hrdung-der-Versorgungssicherheit-Nr-74-September-2016.pdf?v=1.0

https://www.pharmasuisse.org/data/docs/de/19076/Fakten-und-Zahlen-2019.pdf?v=1.0