Medikamente aus dem Supermarkt

Da will die Migros doch anscheinend Medikamente verkaufen. Nachzulesen z.B. hier.

Na toll. Wie man sieht, sehen sie die Medikamente rein als Konsumartikel an – die offenbar keine Beratung brauchen.

Als Beispiel nennen sie Perskindol (eine Muskelsalbe), Supradyn (Multivitamine) und Aspirin.

Ausgerechnet ASPIRIN!

In meinen Augen zeigt das, dass sie wirklich keine Ahnung haben. Aspirin ist ein Medikament gegen Schmerzen und Fieber … und eines, das heute wohl Mühe hätte, durch die Tests und Studien zur Zulassung zu kommen. Zu viele Neben- und Wechselwirkungen.

Wen es interessiert, auf was man beim Aspirin-Verkauf alles achten muss, der lese hier nach: Aspirin und die umfassende Beratung.

Wer das toll findet, soll mal einen Blick nach Amerika riskieren und schauen, was für Probleme sie dort haben, eben weil sie solche Sachen auch im Supermarkt verkaufen. Viele Rückrufe von Medikamenten kommen nur daher, weil sie eben dort so missbraucht worden sind. Jedes Jahr Tausende Todesfälle wegen Wechselwirkungen mit eben diesen „harmlosen“ Medikamenten.

Aber das ist typisch für die Migros. Letztes Jahr war es der Medikamenten-Abholposten, dieses Jahr das.

Andere Medikamente?

Bei Neukunden soll man wegen möglicher Wechselwirkungen immer abklären, ob der Kunde noch andere Medikamente einnimmt. Manchmal ist es aber ein Problem, weil nicht jeder, das was er nimmt, auch als „Medikament“ ansieht…

Apotheker: „Nehmen sie im Moment andere rezeptpflichtige Medikamente ein?“
Patient: „Nein.“
Apotheker: „Und Vitamine oder pflanzliche Medis?“
Patient: „Ja, etwas für meine Lungen, damit ich besser atmen kann.“
Apotheker: „Und wie heisst das?“
Patient: „Rimifon, einmal täglich.“
Apotheker: (hoppla!) „Danke, ich halte das so in ihren Unterlagen fest.“

P.S. Das ist ein Antibiotikum, das man praktisch nur zur Behandlung der Tuberkulose braucht – demnach ist es für die Lunge, aber definitiv ein Medikament – sogar eins, bei dem man sehr aufmerksam sein muss was die Kombination mit anderen Medis anbelangt.

Fragen Sie …. wen?

Das finde ich gelegentlich hochgradig frustrierend:

Da kommt jemand mit einem (medizinisch lösbaren) Problem in die Apotheke, die Apothekerin schaut sich die Sache an und überlegt sich eine wirksame und machbare Behandlung und versucht ihnen zu sagen, was sie machen sollen … und dann hört die Person einfach nicht auf die fachliche Beratung!

So geschehen auch letzthin, als eine Frau mit Sonnenbrille kam. Hinter der Sonnenbrille waren ein paar ziemlich entzündete rote Augen und geschwollene Liddeckel, zusätzlich verklebt mit etwas weissem, was sich später als Nivea Creme herausstellte.

Ihr Problem: Ihr war beim eincremen etwas Gesichtscreme in die Augen geraten, was diese nicht gut tolerierten. Das war gestern, heute sind sie sehr rot und die Lider schmerzen etwas. Die Nivea Creme hat sie draufgemacht, um es etwas zu lindern.

Ok. Erstens: NIE Gesichtscreme um die Augen herum auftragen, und ganz sicher nicht Nivea (das ist eine sehr fette Salbe, keine Creme wie die Packung suggeriert). Die Haut ist dort viel empfindlicher und braucht spezielle Grundlagen.

Ich sage ihr: „Machen Sie die Nivea Creme ab. Stattdessen gebe ich ihnen ein Muster Widmer Augencreme für um die Augen.“

Das will sie nicht! „Ich mache das immer so mit der Gesichtscreme, das ist gar kein Problem.“ … (Ja, man siehts!).

Für in die Augen gebe ich ihr abschwellende, entzündungshemmende Augentropfen: „Die können sie auch vorsichtig auf die Lider auftupfen, aber besser wäre es, wenn sie 2-3 x täglich Kompressen machen würde mit Schwarzteebeuteln“.

Oh nein, SIE nimmt Kamille!

Pharmama: „Ok, das geht auch, aber besser wäre …“

Kundin:  „Eigentlich ist mir das zuviel Aufwand. Ich habe ja jetzt die Augentropfen, das müsste wohl reichen.“

Zahlt und geht, wobei sie das Muster Augencreme nicht mittnimmt.

Seufz.

Auch toll ist, wenn die Person mit dem Problem eine Freundin, Freund, Nachbarin, Tochter etc. dabeihat, die dann mitten in der Beratung findet, sie wisse genau was die andere Person braucht, weil sie darüber in einer Zeitschrift / im Internet gelesen hat, es im Fernsehen gesehen oder eine Bekannte mit dem gleichen Problem hat etc.

Und dann kauft die Patientin das, statt auf die Fachperson zu hören.

Da frage ich mich dann manchmal, wofür ich 5 Jahre alles über Arzneimittel und ihre Anwendung studiert habe.

Noroviren – die Fakten

Wie jeden Herbst häufen sich die Berichte von Norovirus Ausbrüchen. Es ist relativ typisch, dass der Erreger in der geschlossenen Umgebung rasch um sich greift. Oft hört man auch von Kreuzfahrtschiffen, Spitälern, Altersheimen oder Skilagern die befallen wurden.

Aber was sind die Noroviren wirklich? Wie ist der Krankheitsverlauf? Und: was kann man dagegen tun?

Noroviren sind eine Gruppe von Viren, welche „Magen Darm Grippe“ oder Brechdurchfall verursachen.  30% der Brechdurchfälle bei Kindern und 50% bei Erwachsenen werden durch sie verursacht. Oft treten sie in den Wintermonaten vermehrt auf. Hat man die Krankheit einmal durchgemacht, ist man trotzdem nicht immun, da es eine Vielzahl verschiedener Noroviren gibt.

die Symptome sind: Erbrechen (oft plötzlich, explosiv) und Durchfall (wässrig) sowie Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Krämpfe sowie gelegentlich leichtes Fieber.

Noroviren sind sehr ansteckend. Die Viren sind im Stuhl und Erbrochenen der infizierten Person vorhanden. Auch nach der Erkrankung ist man noch 2-3 Tage lang ansteckend.

Die Infektion erfolgt über den Mund. Übertragung auf andere Personen ist möglich durch:

  • direkten Personenkontakt (Pflege kranker Personen, via Hände)
  • Kontakt mit in der Luft schwebenden Teilchen, die nach dem explosiven Erbrechen auftreten
  • Kontakt mit Oberflächen oder Gegenständen, die mit Noroviren verunreinigt sind (die Viren überleben recht lange und können nur durch gute Desinfektion eliminiert werden)
  • Essen oder Trinken von Nahrungsmitteln, die von mit dem Norovirus infizierten Personen verunreinigt wurden.

Die Inkubationszeit beträgt 10 – 50 Stunden (so lange dauert es vom Kontakt mit dem Virus bis zum Ausbruch der Krankheit)

Dauer der Erkrankung: 1 -2 Tage, danach klingen die Symptome ab. Obwohl die Beschwerden heftig sind, ist der Verlauf meist gutartig.

Behandlung: es gibt keine Impfung, keine antiviralen Mittel die helfen und Antibiotika sind unwirksam.

Man behandelt die Symptome:

  • der Flüssigkeitsverlust, kann v.a. bei Kleinkindern gefährlich werden: viel trinken,
  • den Elektrolytverlust: fertige Elektrolytlösungen (wie Oralpaedon, Normolyteral) oder Cola und Salzstängeli.
  • Übelkeit, Erbrechen: Itinerol (am besten als Zäpfchen, die bleiben länger drin)
  • Durchfall: Imodium oder Generika: Lopimed, Loperamid
  • Aufbau der Darmflora: Bioflorin, Perenterol

Vorbeugung einer Ansteckung:

  • Von infizierten Personen fernbleiben / diese Isolieren und zwar bis 2-3 Tage nach Abklingen der Symptome.
  • gute Händehygiene: häufiges Händewaschen und -desinfizieren.
  • Waschen und desinfizieren von Oberflächen und Gegenständen, die mit Stuhl und Erbrochenen im Kontakt gekommen sind. Mit: 0.1% Javel-lösung oder 98% Alkohol. Normale Desinfektionsmittel wie Chlorhexidin oder Alkohol 70% nützen zuwenig.

Und im Notfall die „Pille danach“…

Inzwischen dürfte es auch einer breiteren Bevölkerung bekannt sein, dass man in der Schweiz die Notfallkontrazeption, die sogenannte Pille danach nicht nur vom Arzt, sondern auch in der Apotheke bekommt.

Allerdings müssen dabei ein paar Dinge abgeklärt werden, darum ist ein persönliches Gespräch mit der Apothekerin nötig.

Keine Abgabe ohne dieses Gespräch.

Dass es wichtig (und richtig) ist, zeigte sich schon bei verschiedenen Fällen:

Fall 1

Ein Mann kommt in die Apotheke und verlangt die Pille danach.

Apothekerin: „Ich muss direkt mit der Frau sprechen, die sie dann nimmt, ansonsten kann ich sie nicht abgeben.“

Mann: „Ja, das ist ein bisschen kompliziert. Wissen Sie, es handelt sich dabei nicht um meine Frau, sondern um meine Freundin. Die ist auch verheiratet und ihr Mann soll nicht herausbekommen, dass sie ein Verhältnis hat.“

Apothekerin: „Ok. Ich muss ja auch nicht mit ihrem Mann sprechen, sondern nur mit der Frau, die es bekommt.- Ich bezweifle, dass sie mir die nötigen Informationen über die gesundheitliche Vorgeschichte geben können.“

Immerhin muss ich auch über Allergien, andere Medikamente und die medizinische Vorgeschichte fragen.

Fall 2

Kundin (in den späten 30ern): „Ich brauche die Pille danach.“

Im Verlauf der Fragen: Apotheker: „Wie verhüten sie normalerweise?“

Frau: „Ich nehme Gynera.“ (eine Pille)

Apotheker: „Haben sie eine Dosis ausgelassen?“

Frau: „Ja, 4“

Apotheker: „Und wo in der Packung sind sie?“

Frau: „Am Ende.“

Apotheker: „Wie viele Tabletten sind noch übrig?“

Frau: „Keine, Ich fange erst in 3 Tagen wieder an.“

Es stellt sich also heraus, dass sie in der 7 tägigen Einnahmepause ist. Der Apotheker erklärt ihr, wie die Pille funktioniert und dass sie die Pille danach nicht braucht (Sie ist auch in der Einnahmepause geschützt)

Frau: „Ich glaube ihnen nicht. Kann ich die Pille danach trotzdem haben?“

Nein! Sie brauchen sie nicht.

Fall 3

Eine andere Kundin antwortete auf die Frage, wann der ungeschützte Geschlechtsverkehr denn stattgefunden hat mit: „Noch nicht.“

Apothekerin: „Erklären sie das bitte.“

Kundin: „Mein Freund kommt heute abend von der Geschäftsreise zurück und da will ich mit ihm schlafen. Ich nehme aber im Moment keine Pille und will nicht schwanger werden.“

Apothekerin: Aha. Sie wissen, dass es auch Kondome gibt?“

Kundin: „Ja, aber mein Freund sagt, dass Kondome ihn stören und er dann nicht so viel spürt.“

Apothekerin: „Ich kann Ihnen die Pille danach nicht geben. Sie ist keine Methode zur Empfängnisverhütung sondern eine Notfallmassnahme.“

Aber Echt!

Fall 4

Anfrage von einem Mädchen am Telefon (sie tönte sehr jung): „Also, wenn ich 5-6 Wochen Schwanger bin und die Pille danach nehme – verliere ich dann das Baby?“

Nein! Die Pille danach wirkt nur innert der ersten 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr (in Amerika nennt man sie auch die Morning after Pill) – danach kann man sie nicht mehr verwenden. Sie bewirkt auch keinen Schwangerschaftsabbruch, also keinen Abort. Sie verhindert nur, dass sich das Ei in der Gebärmutterschleimhaut einnisten kann.

Keine Vorträge bitte!

Kommt ein Kunde zur Drogistin und will Antistax Kapseln. Das ist ein Präparat gegen Venenprobleme.
Die Drogistin fragt ihn: „Hatten Sie es schon einmal?“,

darauf meint er nur grummelig: „Wahrscheinlich nehme ich das schon länger, als sie leben“.

Sie ist ein bisschen vor den Kopf gestossen, behält aber ihr Lächeln bei, als sie ihm die Kapseln bringt, zusammen mit einer zweiten Packung, den neuen Antistax forte: 
„Ich wollte ihnen noch diese hier zeigen, das sind die neuen, von denen müssen sie nur noch 1 Kapsel täglich nehmen und nicht mehr 2 …“.
Sagt er: „Halten sie mir hier keine Vorträge, geben sie mir einfach das, was ich gesagt habe!!“
Die Drogistin kassiert still ein, aber während er es einpackt kann sie es sich dann doch nicht verkneifen noch zu sagen: „Ich dachte nur, sie wären eventuell interessiert, dass es da etwas Neues, einfacheres gibt. Andere wären froh um die Info .. „
Aber da ist er schon auf dem Weg nach draussen.

Naja, wenn er auf sie gehört hätte, hätte er nicht nur weniger nehmen müssen pro Tag, er hätte auch CHF 5.- gespart an der Packung.

Tja.