Beratung mangelhaft?

Kunde mit einer Packung Zäpfchen in der Hand: „Ich habe die hier gekauft, aber man hat mir nicht gesagt, ob ich sie vor oder nach dem Essen nehmen muss?“

Erstens: nicht nehmen, sondern einführen (nur für den Fall erwähnen wir das wieder einmal), Zweitens: weil das nicht über den Magen geht für die Aufnahme in den Körper ist das egal.

Die bisher kürzeste Beratung für die Pille danach

Kürzeste Beratung für die Pille danach. „Sie“ redet französisch und ich frage mich auf dem Weg in den Beratungsraum schon, ob ich durch die Fragen durchkomme – mein Französisch ist „so lala“, aber ich verstehe besser als ich rede.

Die erste Frage: „Ist es für sie selbst?“

Kundin: „Nein, für meine Kollegin.“

Und dann kann ich mein Zeug wieder zusammen packen: Die Kollegin muss selbst herkommen.

Beratung in der Apotheke

Beratung in der Apotheke ist ja offensichtlich ein Reizthema, sowohl in Deutschland, als auch in der Schweiz.

Ich möchte dazu mal ein paar deutliche Worte sagen.

Beratung in der Apotheke über die Medikamente, das ist nicht freiwillig, das sollen wir, nein, das müssen wir.
Mir ist schon klar, dass es da schwarze Schafe gibt, die das nicht machen – oder vielleicht auch nicht richtig machen. Und mir ist auch klar, dass es Kunden und Patienten gibt, die das tatsächlich nicht wollen. Ja, ernsthaft. Sie fühlen sich ausgefragt, verhört, für unselbständig oder unmündig genommen. Nichts davon liegt in unserer Absicht, aber manchmal kommt es so rüber.
Nochmals: wir müssen so fragen. Medikamente sind keine einfachen Konsumartikel!

Vielleicht erkläre ich hier ein paar Dinge: Was wir fragen müssen und wieso wir das tun.

Für wen ist es?
Ganz oft ist es so, dass das gekaufte Medikament nicht für die Person ist, die in der Apotheke steht. Da kann man üble Überraschungen erleben: „Nein, das Grippemittel ist nicht für mich, es ist für meine Frau, ah ja, übrigens: sie ist schwanger.“ Oder: „Für meine Grossmutter, sie nimmt nur noch Blutverdünner, Blutdruckmittel, Herzmedikamente und …“ Oder, oder  … Da kann man ganz schön reinlaufen, (wie ich hier), deshalb sollte das eine der ersten Fragen sein.

Für was brauchen sie es?
Sooo viele Leute denken, sie wissen, für was ein Medikament ist. Da ist der, der ein NeoCitran verlangt …. dabei hat er Halsschmerzen. Der, der ein Perskindol Gel will (das Gelbe) und hat eine Muskel-Entzündung, oder das Imodium gegen Schmerzen ... wir sehen das täglich.
Ehrlich: ich bin mir durchaus dessen Bewusst, dass man als normaler, medizinisch halt nicht ausgebildeter Mensch einfach vieles nicht wissen kann. Woher auch? Aber dafür sollten wir als Fachpersonen ja hier sein. Um das Richtige zu finden.

Wieso wollen sie zwei (drei, vier) Packungen davon? (Oder: wieviel davon nehmen sie täglich?)
Man kann zuviel Medikamente nehmen. Zuviel auf’s Mal nennt sich Überdosierung und die kann auch bei so „einfachen“ Sachen wie Paracetamol (Panadol, Dafalgan, BenUrRon) rasch giftig bis tödlich sein. Zuviel auf Dauer nennt sich Missbrauch … und das hat die entsprechenden Auswirkungen auf den Körper: Nasensprayabhängigkeit, Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen bei Schmerzmitteln, usw.
Es ist ja nicht so, als wenn ich das nicht verkaufen möchte. Aber ich möchte, dass es auf die bestmögliche Weise wirkt, wenig Probleme macht und dementsprechend richtig angewendet wird. Ich will niemandem schaden mit den Medikamenten, die ich verkaufe!
Natürlich kann es sein, dass eine Packung für hier und eine für den Ferienort ist. Oder für den Nachbarn, oder für die Handtasche … aber man wird ja noch fragen dürfen. Und je früher man hier ein Problem erkennt, desto leichter lässt sich noch etwas machen.

Nehmen sie gleichzeitig noch andere Medikamente?
Medikamente haben nicht nur Wirkungen, sie wechsel-wirken auch oft und stark mit anderen Medikamenten oder sogar Nahrungsmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln (also auch das Magnesium und das Calcium aus dem Discounter). Das müssen nicht nur Tabletten sein, die man schluckt, es kann schon Probleme geben bei Augentropfen (in Kombination mit Asthmamittel, Herzmittel) ….
Ein „harmloses“ Aspirin (wer so denkt, sollte mal die Fachinformation dazu lesen) zur Cortisonspritze vom Arzt oder auch nur Alkohol und sie machen Magengeschwüre, Blutungen…

Haben Sie schon etwas ausprobiert? (und hat es geholfen?)
Einerseits fragt man das, damit man nicht etwas empfiehlt, was schon (erfolglos) probiert wurde – nicht jedes Mittel wirkt bei jedem gleich gut. Andererseits ist das auch ein Hinweis auf was es sein könnte (wenn man eine Diagnose sucht). Das Pilzmittel hat vielleicht nicht geholfen, weil es ein Ekzem war…

Manchmal kommen auch diese Fragen … wobei ich finde, dass der Kunde das eigentlich von sich aus angeben sollte:
Haben Sie Allergien?
Medikamente machen – wie alles andere auch- Allergien. Wenn man mal eine hat, sollte man versuchen, den Auslöser zu vermeiden. Etwas doof ist bei den Medikamenten, dass die Namen unterschiedlich sein können und trotzdem dasselbe drin ist. Eine Wespe sieht immer gleich aus, da weiss man, was man befürchten muss, wenn man gestochen worden ist, aber ein Medikament kann immer wieder anders aussehen oder anders heissen und trotzdem das enthalten, was man nicht verträgt.

Sind sie schwanger oder stillen sie?
Fragt man ja eher ungern, weil man sich da oft in Fettnäpfchen setzt, macht man aber, wenn man ganz sicher sein will. Da gibt es ein paar Medikamente die man gar nicht nehmen darf, viele die man nicht nehmen sollte. Grundsätzlich sollte man in der Schwangerschaft nur die allernötigsten Medikamente nehmen – und zwar am besten nach Absprache mit dem Frauenarzt oder der Apotheke.

Und zum Schluss:

Einmal hat mich ein Kunde erbost gefragt, warum er bei uns jedes Mal, wenn er ein einfaches Medikament kauft, so „ausgequetscht“ wird.
„Weil ich um Ihre Gesundheit besorgt bin“ war meine Antwort.
„Sie nicht?“ – das hätte ich noch gerne angehängt.

Kundenberatung … nicht ganz einfach

Kunde in der Apotheke: „Ich brauche ein paar Medikamente gegen Erkältung und Grippe.“
Apothekerin: „Sicher. Was für Beschwerden haben sie denn?“
Mann: „Nasenlaufen und Fieber und … nein, ich glaube das ist es.“
Apothekerin: „Nehmen sie andere Medikamente ein?“
Kunde: „Umm, nein, ich denke nich… warten, sie, ja. Das heisst, eigentlich … nein.“
Apothekerin: „Ok, dann, haben sie irgendwelche Allergien?“
Kunde: „Mann, das ist zu kompliziert!“ (stürmt raus)

ein multiplechoice wäre da was.

Ohne Federlesen

Morgens in der Apotheke

„Haben sie mir ein Mittel gegen Milben auf dem Kopf?“ Fragt der mittelalte Herr.
Pharmama: „Ja, habe ich.“ – ich nehme das geeignete Produkt heraus und frage: „Sind sie sicher, dass es Milben sind?“
Mann: „Ja.“
Ich zeige ihm das Produkt, wobei ich erkläre, wie man es anwenden muss: „Dieses Spezielle Mittel ist auch auf Haut mit Haaren gut anzuwenden, weil es nicht verklebt und… „
Mann: „Geht das auch auf Federn?“
Pharmama:  Federn?!?!?
Mann: „Ja, das Mittel ist nicht für mich, sondern für den Kanarienvogel.“
Ah.


Erste Regel bei der Beratung verletzt: IMMER erst fragen, ob das Produkt auch für die fragende Person selber ist … oder für jemand (oder in dem Fall etwas) anderes.


Ich habe das Mittel dann nicht verkauft … denn mit der Behandlung von Vögeln habe ich keinerlei Erfahrung.

Danach brauchte ich erst mal einen Kaffee … ich bin einfach nicht so fit vor 9 Uhr und / oder einem Kaffee.

Gruss an alle, die wie ich am Samstag arbeiten!

Alli in der Schweiz

Am Montag kommt eine Frau in die Apotheke und verlangt bei mir „Alli“.

Ach ja, wir haben Januar und Alli ist jetzt auch in der Schweiz erhältlich. Es handelt sich um Orlistat 60mg, also eigentlich um (ein halbes) Xenical rezeptfrei. Die Werbung sagt: „50% mehr abnehmen als mit Diät alleine!“

Ich schaue die Kundin an und sage: „Ist es für sie selbst? Denn wenn das so ist – ich kann es ihnen nicht geben. Sie haben niemals einen BMI von 28.“

Kundin: „Nein, es ist für meinen Vater.“

Pharmama: „Ah, ok. Sagen sie ihm bitte, dass er selbst in die Apotheke kommen muss, wenn er das will, ich kann es erst nach einer persönlichen Beratung abgeben.“

Kundin: „Das ist doch nicht wahr! Ich habe mich im Internet informiert und da steht es ist Liste C. Sie müssen es mir also geben!“

Pharmama: „Entschuldigung, aber so funktioniert das nicht. Die Abgabe ist an gewisse Bedingungen gebunden, die ich nur in einem persönlichen Gespräch klären kann.“

Kundin sauer und stürmt aus der Apotheke.

Oh, tut mir leid dass ich meinen Job ernst nehme!

Im letzten Herbst habe ich an einer Weiterbildung der Firma teilgenommen, bei der (neben viel Werbung) auch gezeigt wurde, an was für Bedingungen die Abgabe von Alli gebunden ist und auf was man achten muss.

Ein Apotheker muss ein Beratungsgespräch mit dem Kunden führen – analog wie bei der Pille danach.

Alli kann abgegeben werden an Personen die älter sind als 18 Jahre und einen BMI über 28 haben – das ist ziemlich hoch. In anderen Ländern ist es ab BMI 25 zugelassen, aber nicht so in der Schweiz. Ausserdem muss man natürlich abklären, ob andere Medikamente eingenommen werden, chronische Krankheiten bestehen und es muss eine Ernährungsberatung gemacht werden und mit dem Kunden einen Folgetermin vereinbart werden wie die Behandlung läuft.

Einzunehmen ist Alli übrigens vor jeder Mahlzeit –oder noch bis 1 Stunde nachher. Isst man nicht oder sehr fettreiches soll man keine Kapsel nehmen.

Der Grund dafür sind die häufig auftretenden Nebenwirkungen, die vor allem gastrointestinaler Natur sind (also im Magen und Darm). Vor allem fallen dabei auf:

Sehr häufig: Ölige Flecken, Flatus mit Stuhlabgang, Stuhldrang, fettiger öliger Stuhl, Abgang öligen Sekrets.

Häufig: Unterleibsschmerzen, Stuhlinkontinenz, flüssige Stühle, vermehrter Stuhlgang.

Das „Problem“ ist natürlich die Wirkungsweise vom Orlistat selbst. Es hemmt ein Enzym, das Fett spaltet. Das Fett das darum ungespalten bleibt (etwa 25% des aufgenommenen Fettes) kann nicht in den Körper aufgenommen werden und bleibt im Darm. Und genau darum muss man zu den Kapseln genau auf die Ernährung achten. Das Fett, eigentlich Öl, kann nämlich rauslecken (gibt Fettflecken in der Unterhose) oder verursacht Fettdurchfall – das kann man nicht „halten“ das geht oft in die Hose…

Darum die Ernährungsberatung und das Büchlein mit Rezepten , das an der Packung dranhängt…

Vielleicht lockern sie die Abgabebedingungen mit der Zeit, aber ich denke vor allem jetzt am Anfang ist es wichtig, dass wir das richtig machen mit der Information und der Beratung!

Übrigens ist der Name etwas unglücklich für in der Schweiz. „Alli“ heisst nämlich „Alle“ auf Schweizerdeutsch. – Und „Ich hätte gerne Alli“ kann dann schnell als „Ich hätte gerne alle…“ missverstanden werden.

..

Nachtrag, Oktober 2012: Nach Monatelangen Lieferproblemen haben wir jetzt einen Brief von der Firma bekommen, dass sie sich entschlossen haben, Alli vom Schweizer Markt zurückzuziehen. Aber …. es gibt inzwischen ein Generikum, das auch in der Schweiz erhältlich ist. Das gibt es – und es ist erst noch günstiger. Es hat bei der Abgabe die selben Bedingungen wie Alli.