Frage an die Ärzte

Blogleser Steven fragt (und ich gebe das hier so weiter, weil es mich auch interessiert):

„Was mich persönlich interessieren würde:
Ich nehme an, dass in der CH Ärzte ebenfalls wie Apotheken verpflichtet sind, ein Patientendossier zu führen. Ist sowohl beim Arzt als auch in der Apo sinnvoll, keine Diskussion.

Wie sieht das eigentlich in D aus? Sind Ärzte gesetzlich verpflichtet, ein Patientendossier zu führen oder tun sie das einfach (illegalerweise), weil es halt sinnvoll ist?
Persönlich hab ich noch nie bei nem deutschen Arzt eine Einwilligung zur Speicherung persönlicher Daten unterzeichnen müssen. Wenn der Arzt nicht ausdrücklich die Verpflichtung hat, müsste er doch auch erstmal eine Einwilligungserklärung über die Speicherung persönlicher Daten von seinen Patienten einfordern, oder?

Kann mir das ein deutscher Arzt beantworten?“

Und: Wenn in der CH ein Patientendossier auch vom Arzt geführt werden muss … warum ist es dann so, wenn ich wegen einem unleserlichen Rezept dort anrufe die Praxisassistentin mir sagt, der Arzt habe nichts aufgeschrieben? Dossier noch nicht nachgeführt?

Wurde das Medikament bezogen?

Wie erfährt der Arzt, ob der Patient das verschriebene Medikament überhaupt bezogen hat?
Im Normalfall überhaupt nicht.
Der Arzt stellt das Rezept aus, der Patient bekommt das Rezept mit – und dann kann er damit machen, was er will: Es in einer Apotheke einlösen, es in einer Versandapotheke einlösen, es in die Mülltonne werfen …
Im Prinzip ist das sogar gewollt: der Patient hat die letzte Entscheidung, ob er das Medikament beziehen / respektive nehmen will. Bei der Selbstdispensation des Arztes – also, wenn der Arzt die Medikamente gleich selbst abgibt,  ist das nicht so gegeben. Der Patient kann die Medikamente natürlich auch dann einfach nicht nehmen – und das sehe ich dann teilweise an den (recht vielen!) ungeöffneten Packungen mit Dosierungs-Kleber vom Arzt, die ich in der Apotheke zum Entsorgen zurückbekomme. Es gibt sogar Beobachtungs-Studien, die zeigen, dass der Medikamentenabfall in den SD Kantonen einiges höher ist, als in den Nicht-SD Kantonen.

In der Schweiz bekommt der Arzt höchstens noch eine Rückmeldung, wenn er ein Medikament verschrieben hat und die Apotheke das Generikum des Medikamentes abgegeben hat – der Arzt sollte ja auch in den Unterlagen haben, welches der Patient jetzt bekommen hat. Bei uns erledigt diese Aufgabe die Abrechnungsstelle (Ofac oder Ifac) gesammelt.

Es gibt aber schon eine Möglichkeit, dass der Arzt erfährt, ob der Patient das Medikament bezogen hat. So habe ich letzthin einen Fax von einem Arzt bekommen auf dem unter dem Rezept stand:

„Frau Wankelmütig will das Medikament morgen bei ihnen abholen. Falls sie nicht kommt, benachrichtigen sie mich bitte.“

Ich werde gefallen

„Ich werde gefallen“ – das ist die eigentliche Übersetzung des lateinischen Wortes Placebo.

Bei den Placebos handelt es sich um Scheinmedikamente ohne Wirkstoff, oder auch Scheinanwendungen. Sie werden gebraucht, um die Wirksamkeit von Medikamenten in Studien zu testen – und manchmal werden sie auch von Ärzten im Rahmen einer Therapie eingesetzt. Denn zu sagen, sie seien ganz ohne Effekt und Wirkung wäre falsch. Wer an eine Wirkung glaubt, wird sie auch oft haben – man nennt das dann Placeboeffekt.

Eigentlich dachte ich, das komme in der Schweiz eher selten vor, dass Ärzte Placebo einsetzen. Als ich auf einem Rezept einmal „1 OP Placebo“ aufgeschrieben gesehen habe, musste ich es aus Deutschland kommen lassen.

Wie eine Umfrage bei 233 Haus- und Kinderärzten im Kanton Zürich zeigte, verzichteten nur 28 Prozent gänzlich auf den Einsatz von Placebos und Scheinbehandlungen. Von den übrigen Befragten verordneten 17 Prozent von Zeit zu Zeit reine Placebos wie Zuckertabletten oder Kochsalzlösungen. Unreine Placebos, das heisst Substanzen oder Verfahren, die eine nachgewiesene Wirkung – allerdings nicht gegen die zu behandelnde Erkrankung – haben, wurden von 57 Prozent der Ärzte eingesetzt. Hierzu gehörten vor allem Vitamininfusionen gegen Krebs oder Antibiotika gegen Virusinfektionen. Der Einsatz körperlicher und technischer Untersuchungen, die nicht unbedingt nötig gewesen wären, wurde besonders häufig genannt.

Die drei am häufigsten genannten Gründe für den Placebo-Einsatz sind:

  • «um einen therapeutischen Vorteil durch den Placeboeffekt zu erhalten» (69 Prozent),
  • «bei Patienten, deren Klagen und Untersuchungsergebnisse sich keiner bestimmten Erkrankung zuordnen lassen» (64 Prozent)
  • «um den Wünschen des Patienten zu entsprechen» (63 Prozent)

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Oktober 2009

Man sieht also, die Ärzte verwenden das Placebo genau nach dessen Namen. sie setzen es ein „um zu gefallen“ – und dem Patienten wird auch kaum gesagt, dass er da ein Mittel nimmt / eine Untersuchung bekommt, die vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nichts nützt.

Vielleicht nützt es aber dann doch etwas: wenn der Patient nur daran glaubt, oder wenn er sieht, dass etwas gemacht wird.  Alles besser als nichts. Oder?

Dringend, wichtig, gleich …

Die Patientin ruft zum 10. Mal am Tag an, um zu fragen, ob der Arzt das dringende Rezept schon geschickt hat.
Das hat er nicht. Wir erklären ihr, dass wir sie sofort benachrichtigen, wenn es da ist.

Wir rufen dem Arzt an – und was sagt der?: „Ich dachte mir schon, dass sie sich noch melden, dann muss ich nicht die Faxnummer heraussuchen…“

Hrrumpf. Danach faxt er es endlich.

Wir machen alles bereit und rufen der Patientin an.

… und die sagt: „Ich komme dann morgen vorbei, es abholen.“

Hmmmm …. was war genau noch die Definition von dringend?

Mein Essen zahle ich selbst!

Was etwas seltsam tönt, ist eine Organisation, die den Einfluss der Pharmafirmen auf die Verschreibungsmethodik der Ärzte dämpfen will: MEZIS
Die Ärzte sollen sich von den Pharmavertretern nicht mehr zum Essen ausführen lassen oder Gutscheine, Geschenke, Ärztemuster von Medikamenten und ähnliches annehmen. Am besten sollen sie ganz auf den Besuch der Vertreter verzichten und ihre Informationen aus unabhängigen Quellen einholen.

Es ist nämlich schon so: Wir (alle) sind konditioniert, dass Geschenke und derartiges bei uns einen Gegenreflex auslösen, so dass wir versuchen etwas zurückzugeben. Das ist derart in uns drin, da kommen wir gar nicht drum rum.
Ausserdem versuchen die Vertreter eine persönliche Beziehung mit den Ärzten aufzubauen, das fördert ebenfalls später, dass ihre Produkte vermehrt verschrieben werden.

Ich möchte hier nicht behaupten, dass in der Apotheke nicht auch ähnliche Mechanismen ablaufen. Auch wir bekommen Besuch von Vertretern, auch wir bekommen „Verkaufsunterstützung“, Muster, Ansichtsexemplare, Degustationssets, Plakate, ausserdem Kugelschreiber, Schokolade an Weihnachten etc. manche gehen sogar so weit einem Ausflüge anzubieten oder Kinobesuche– natürlich in Kombination mit einer Weiterbildung (hust).
Apropos Weiterbildung: da sind ja auch die professionellen meist gesponsert von den Pharmafirmen, mal ganz davon abgesehen, dass die Fachliteratur von den Inseraten derselben lebt…

Aber im Unterschied zu den Ärzten können bei uns immer noch die Kunden selbst entscheiden, ob sie ein Produkt brauchen – und kaufen. Das ist bei rezeptpflichtigen Medikamenten nicht so gut möglich, da muss man sich auf das Wissen und die Erfahrung des verschreibenden Arztes verlassen.
In seinem Ermessen liegt es zum Beispiel, ob er bei einem Magengeschwür als Säurehemmer das alte (bewährte) Omeprazol oder das neue (und teurere) Nexium aufgeschrieben wird, obwohl beides die gleiche Wirkung hat …

Ja, da können sich schon eine Menge Kugelschreiber ansammeln … Bildquelle.

Was meint ihr: Ist das übertrieben? Oder eine logische Notwendigkeit als Schutz vor der Beeinflussung durch die „bösen Pharmafirmen“? Ich würde mich als Arzt / Apotheker nie so beeinflussen lassen?

Mystery shopping im Gesundheitswesen

Seit Jahren gibt es sogenannte Mystery shoppers, die im Auftrag von Konsumentenschützern und auch Apotheken und Drogerien selbst, in die Apotheken und Drogerien kommen und dort die Beratungsqualität, den Empfang, die Kundenfreundlichkeit, die Lokalität und das Schaufenster etc testen. Ich finde das vernünftig, v.a. wenn man danach einen detaillierten Bericht bekommt, wie und was getestet wurde – denn die Tests verlaufen anonym und geheim.

Z.B. dieser Test zum Thema Fusspilz

Es ist immer interessant zu sehen, auf was Leute achten, die nicht täglich in einer Apotheke stehen. Bei dem erwähnten Test haben wir übrigens wieder sehr gut abgeschnitten (oberstes viertel). Inzwischen hatten wir einige mehr und ich bin schon gespannt auf den nächsten. Wir werden 2 x jährlich getestet durch Mystery shopping- das betrifft Beratung im OTC Bereich, 2x mittels Mystery phone call (Telefonanfrage) und 1x mittels Mystery Rezeptbezug.

Aber was ist mit den Ärzten? Werden die auch getestet? In einem amerikanischen Blog über Ethik im Gesundheitswesen habe ich gefunden, dass dort z.B. Notaufnahmen getestet werden.
Sogenannte Secret patients testen dort. Die Ärzte dort sind nicht erfreut. Sie klagen über eine Verschwendung von Gesundheitsgeldern und ihrer Zeit. V.a. wenn Notfallstationen getestet werde. „Die Feuerwehr würde man ja auch nicht testen, indem man einen Feuermelder einschlägt und schaut was passiert.“ Wirklich? Ich war in der Feuerwehr und Einsatzübungen gehören dazu. Auch unvorbereitete, auch mitten am Tag. Das mit dem Bezahlen allerdings: wir müssen für die (extern durchgeführten) Tests selbst zahlen … und die sind ziemlich teuer.

Ich denke aber solche Tests sind ein besserer Hinweis auf die Qualität des Arztes als irgendwelche Seiten, wo Patienten die Ärzte bewerten. Warum? Hier hat der Mystery Patient Vorgaben und eine Vorstellung, auf was er achten soll – er ist ausserdem nicht voreingenommen und schreibt eine schlechte Kritik nur aus dem Grund, weil er nicht das bekommen hat, was er vielleicht erwartet hat (ein Antibiotikum oder eine Schmerzspritze…) und dieselbe Person sieht dabei mehrere Ärzte und kann so besser Vergleiche ziehen. – Leider nützen diese Auswertungen nur dem Arzt (respektive der Apotheke) selbst etwas, denn die Öffentlichkeit hat keinen Zugriff auf die Ergebnisse.

Schade. Das wäre auch repräsentativer als die von irgendwelchen Organisationen durchgeführten Tests, die oft nur das Ziel zu haben scheinen die Apotheke zu diskreditieren. (So wie dieser. Oder dieser.)