Ärzte Handschrift – 7 Sorten
Schlagwort: Arzt
PiDaNa – oder: die Pille danach in Deutschland. Ein Erfahrungsbericht
Heute einmal ein Gastbeitrag direkt von einer betroffenen Person.
Hallo. Ich bin eine erwachsene, verantwortungsbewusste Frau. Meine genaue Identität spielt hier keine Rolle, sie ist Pharmama aber bekannt.
Wie soll ich anfangen? Fallen wir doch einfach mit der Tür ins Haus: Es geht um die "Pille danach".
Mein Freund und ich, wir sind noch nicht lange zusammen, also verhüten wir noch mit Kondomen. Die Antibabypille nehme ich nicht, das ist für mich aber durchaus eine Option in einer monogamen Beziehung, wenn mein Partner und ich nachgewiesen keine sexuell übertragbaren Krankheiten haben.
Soviel dazu. Ich bin also weder zu blöd noch zu faul noch zu verantwortungslos zum Verhüten.
Uns ist einfach dieses beknackte Kondom gerissen. Im Urlaub. In einer anderen Stadt, Hunderte Kilometer von Zuhause und meinen Ärzten entfernt.
Leider gibt es die Pille danach in Deutschland nur auf Rezept… In fast allen anderen europäischen Ländern (mit Ausnahme Italiens und Polens) ist sie lediglich apothekenpflichtig. Schade, dass das hier anders ist.
Warum?
Nun, versetzt euch mal in die Situation, die ich durchleiden durfte.
Gerissenes Kondom, natürlich mit perfektem Timing im Zeitraum um meinem Eisprung. Fremde Stadt. Fremde Ärzte. Ich muss die Pille danach nehmen, und ich brauche eine Ärztin die sie mir verschreibt.
Also fing dann das große Rumgooglen an – welche Gynäkologen sind in der Nähe, welche sind weiter weg? Telefonnummern rausgeschrieben. Und dann alle nacheinander anrufen.
Das war das unbeschreiblich demütigende. Ich muss ja am Telefon erklären, warum ich SOFORT einen Termin brauche, obwohl ich gar nicht Patientin dort bin. Also jeder Sprechstundenhilfe am Telefon die Sache mit dem gerissenen Kondom erzählt, und dass ich aus der anderen Ecke der Republik komme und ja schlecht meinen Urlaub abbrechen und sechs Stunden heimfahren kann, nur um mir von meiner eigenen Gynäkologin oder meinem eigenen Hausarzt die Pille danach verschreiben zu lassen…
Und dennoch, jedes Telefonat endete mit "Tut mir leid, da können wir nicht weiterhelfen. Wir nehmen keine neuen Patienten an. Ich verstehe, dass das für Sie eine unangenehme Situation ist, aber da müssen Sie es leider woanders versuchen.".
Nach anderthalb Stunden (viele Telefonate mit einigen verzweifelten Heulanfällen zwischendurch) hatte ich dann endlich eine Gynäkologin gefunden, die mich (obwohl auch sie keine neuen Patienten annimmt) schnell dazwischenschieben konnte, weil sie Mitgefühl mit meiner Notlage hatte.
Ja, mir ist im Endeffekt geholfen worden. Aber der Weg dahin war verdammt hart.
Warum geht es denn bitte in anderen Ländern, dass man die Pille danach rezeptfrei in der Apotheke bekommt? Kein normaldenkender Mensch würde das doch ausnutzen. Diese eine Pille kostet mehr als die Monatspackung der "normalen" Antibabypille, und jede Frau die in der Schule aufgepasst oder jemals die Bravo gelesen hat, weiß doch dass sie nicht zur normalen Verhütung geeignet ist.
Es wäre tausendmal weniger unangenehm, peinlich und demütigend gewesen, sich die Pille danach einfach in der Apotheke zu holen und da EINMAL zu erklären, was passiert ist, als mit vierzehn Sprechstundenhilfen zu telefonieren und jeder einzeln erklären zu müssen dass wir einen Verhütungsunfall hatten und ich keine Möglichkeit habe mir von meiner eigenen Ärztin helfen zu lassen, weil ich hier im Urlaub bin – nur um dann abgewiesen zu werden.
Mädels, Frauen … Sowas kann schneller passieren als man denkt. Kondome sind toll und schützen, aber auch bei absolut korrekter Anwendung kann so ein blödes Ding kaputtgehen, ohne dass man es sofort bemerkt.
Das ist sowieso schon die Hölle. Da muss es doch nicht noch zusätzlich zu all den Gedanken, die man sich in der Situation macht (unter anderem auch "Könnte ich mich mit etwas angesteckt haben?" – in meinem speziellen Fall jetzt nicht, aber bei einem One Night Stand wäre der Gedanke ja nicht abwegig!) besonders erschwert sein, an das blöde Notfallverhütungsmittel ranzukommen, und sich nach dem zehnten erfolglosen abtelefoniert langsam ernstgemeinte Sorgen zu machen, ob man es überhaupt innerhalb des Zeitrahmens schafft, an dieses Rezept zu kommen…
Danke Pharmama, dass ich dieses unangenehme Erlebnis hier anonym mit deinen Lesern teilen darf.
Man macht sich darüber einfach keine Gedanken, wenn man nicht selbst plötzlich in der Situation ist. Und das kann jeder Frau passieren.
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Ich glaube, dem habe ich nicht viel beizufügen. Ausser vielleicht, dass im Moment gerade in Deutschland in Diskussion ist, ob sie "die Pille danach" nicht vielleicht doch rezeptfrei machen sollen. Meiner Meinung nach ist die Abgabe – so wie in der Schweiz üblich – in der Apotheke nach einem (protokollierten) Beratungsgespräch eine einfache, sichere und für die betroffenen Frauen schmerzlose Angelegenheit.
Wie stelle ich ein Rezept aus – Anno 1936
Die Erwähnungen diverser alter Rezept-formularien im "Blaue Salbe" Post hat mich daran erinnert, dass ich noch ein Buch habe, das sie in der Apotheke entsorgen wollten und das ich nach Hause "gerettet" habe. Es ist das "Rezeptierkunde – Leitfaden zum Verschreiben und Anfertigen von Rezepten" von Prof. Dr. Med T. Gordonoff – ursprünglich vom Jahr 1936.
Und dann konnte ich es nicht mehr weglegen. Das war so interessant – die Unterschiede, das immer noch gleiche. Ein Einblick in eine andere Zeit … und ich frage mich unwillkürlich, wie ich mich damals wohl als Apothekerin gemacht hätte.
Der Autor Anton (Toni) Gordonoff wurde 1893 in Russland geboren und starb am 29. Dezember 1966. Gordonoff hat Pharmakologie studiert an den Universitäten von Bern und Nancy. Er wurde ein Professor für Pharmakologie und Toxikologie, hat diverse Bücher geschrieben – und ist offensichtlich vor Gericht als Pharmakologie-Experte aufgetreten, am bekanntesten seine Verteidigung der angeblichen Gift-Mörderin Maria Popescu, 1953 – was wohl zu ihrer (späten) Freilassung geführt hat.
Aber zurück zum Buch – zu dem ich Euch ein paar Einblicke geben will.
Die Grundlagen der Rezeptur werden dem Medizinstudenten in der Schweiz nur während eines einzigen Semesters in speziellen Kursen beigebracht …
In den verbreiteten Lehrbüchern der Pharmakologie … wird die Rezeptur gar nicht besprochen…
Ja, das ist heute mit dem Ausstellen der Rezepte nicht anders – allerdings handeln sie das inzwischen in einer einzigen Stunde ab … denn schliesslich geht es nicht mehr um das zusammenstellen von Anleitungen zur Herstellung, sondern um das Abgeben von Fertigen Arzneimitteln … mit bekannter Wirkung.
Auf zahlreiche Anfragen von Studierenden hin, welches Buch man zum Erlernen der Rezeptur verwenden könnte, habe ich mich entschlossen, einen solchen Leitfaden für die Rezeptologie zu schreiben. Er enthält die wichtigsten Grundlagen der Rezeptur, des Rezeptverschreibens und der Rezeptausstellung, wie sie in der Pharmacopoe Helvetica V angegeben sind. Das Büchlein ist somit in erster Linie für die schweizerischen Mediziner bestimmt. Möge es vom Studenten, wie auch vom jungen Praktiker recht viel konsultiert werden, damit er schon während seiner Studienzeit, bzw. zu Beginn seiner praktischen Tätigkeit, die Ars formulas praescribendi richtig erlernt.
Oh, die Pharmacopoe 5! Die habe ich bei mir sogar noch in der Apotheke, wo sie im Regal vor sich hingilbt … inzwischen sind wir aber bei Ausgabe … Moment, ah ja: 11!
Der angehende Arzt wird dann nicht mehr gezwungen sein, seine Rezepte blindlings abzuschreiben; er wird ferner auf diese Weise sich nicht nur vom Rezepttaschenbüchlein sondern auch vom Fabrikreisenden unabhängig machen können, und schliesslich wird er auch nicht mehr auf die grosse Menge von Spezialitäten angewiesen sein. Einen grossen Teil von Arzneispezialitäten, besonders die vielen Fabrikkombinationen kann und soll der Arzt durch das eigene Rezept ausschalten. Denn nur auf diese Weise wird er seine Therapie individuell gestalten. Und Individualisierung in der Therapie ist die Grundlage der Behandlung! Dadurch würde er auch das Apothekerwesen fördern und ebenso die Behandlung des Patienten in den Händen behalten. Zu alledem soll ihm die „Rezeptierkunde“ verhelfen.
Fabrikreisende? – Ich schätze, die heute Form davon ist der Vertreter der Pharmafirma. Und die erwähnten Spezialitäten, das sind die Fertigarzneimttel, vertrieben durch die Pharmafirmen. Er redet von 'grosser Menge', aber das war 1936? Da hatte es wirklich noch nicht sehr viel. Vor allem, wenn man es mit heute vergleicht. Bei weitem das meiste wurde erst danach entdeckt und vertrieben … und vieles, was damals auf dem Markt war – war nicht so gut getestet vor der Einführung wie heute. Das grosse Umdenken da begann erst richtig nach dem Thalidomid-Skandal.
Mal überlegen, was gab es da wohl schon? Aspirin und opioide Schmerzmittel und Hustenmittel, das Penicillin und die Antibiotika kamen erst später (nach 1940?), dafür hatten sie so "Desinfektiva" auf Azofarbstoff-Basis, Barbital als Beruhigungs- und Schlafmittel, Insulin von Tieren … wobei erst beginnend. Alles an Blutdrucksenkern kam nachher … nee, nicht viel.
Es hat keinen Sinn, über die Spezialitäten zu wettern und zur gleichen Zeit ihr Überhandnehmen durch ihre Verordnung zu fördern. Die Spezialitäten sind ein absolut notwendiges Übel! Und auf manche Spezialitäten kann der moderne Therapeut überhaupt nicht mehr verzichten, ganz abgesehen von den Hormonen und Vitaminen, für deren Wirksamkeit nur ein grosses Werk die Garantie zu übernehmen vermag.
Aber Kombinationspräparate soll der Arzt in den meisten Fällen selber praescribieren.
Ja, Vitamine und Hormone … und überhaupt die meisten komplizierter zusammengesetzten Sachen – das kann der Apotheker nicht in seinem Labor synthetisiseren. Aber interessant, dass gerade diese beiden erwähnt sind. Die Vitaminpräparate wurde inzwischen von den Lebensmittelhändlern anektiert und die Hormone haben ihre Hoch-Zeit lange hinter sich und man geht heute wieder viel vorsichtiger damit um.
Das war die Einführung. Nächste Woche geht es wirklich los!
Nicht so nett ausgedrückt
Inkontinenzmaterial ist (meiner Meinung) nach schon ein genug sensibles Thema. Ich verstehe durchaus, dass es nicht lustig ist für die Leute, die Einlagen tragen müssen, weil sie unwillkürlich Urin verlieren.
Das kann man aber durch ungeschickt gewählte Ausdrücke noch verschlimmern.
Die ganzen Hös’chen haben auch einen offiziellen Namen: Pants. Von mir aus auch Höschen statt Einlagen. Aber … Windeln?
…
den Kunden fand ich aber auch nicht besser:
„Haben Sie Pampers für meinen Grossvater?“
:-(
Unnötige Telefonanrufe
Notiz vom Vortag: 'Der Arzt hat Coversum verschrieben. Haben Herrn Unsicher das Generikum angeboten. Der hat gesagt, wir sollen erst beim Arzt anrufen, ob das für ihn ok ist.'
Oh, *Seufz*. Ich darf als Apothekerin in der Schweiz Medikamente durch ihre Generika ersetzen. Dafür brauche ICH nicht die Einwilligung vom Arzt – nur das Einverständnis des Patienten. Der Arzt kann – wenn er einen Ersatz absolut ausschliessen möchte auf das Rezept schreiben: „Sic!“ oder „aus medizinischen Gründen nicht substituieren!“. Ich brauche ihm also deswegen nicht anzurufen. Aber … wenn der Patient das will …
„Hallo hier ist Pharmama aus der Apotheke. Ich habe eine Frage an den Arzt. Er hat Herrn … Coversum verschrieben. Herr Unsicher will wissen, ob das auch für den Arzt okay ist, dass wir das mit dem Generikum austauschen.“
Praxisassistentin: „Wirklich? Das wird ihn nerven.“
Pharmama: „Kann ich mir vorstellen. Es war der ausdrückliche Wunsch von Herrn Unsicher dass wir nachfragen.“
Praxisassistentin: „Na dann. Moment. …
Er sagt, sie dürfen das jederzeit austauschen. Nachfragen ist nicht nötig.“
Pharmama: „Ich weiss. Bitte Entschuldigen sie die Störung!“
Nun, zumindest wird der Arzt, falls der Patient auf die Idee kommt nachzufragen, ob sie wirklich von uns angefragt wurden positiv darauf antworten :-)
Zumindest in dem Sinn, dass wir angefragt haben …



