Gegengefragt

Mann in der Apotheke: „Ich weiss, sie sind NUR eine Apothekerin, aber kann ich ihnen eine Frage stellen?“

Pharmama: „Sind sie sicher, dass Sie das möchten? Schliesslich bin ich NUR eine Apothekerin?“

(Hmpf).

Und jetzt stellen wir den Stolz wieder beiseite und helfen, so gut wir können.

Diskretion in der Apotheke – Wer kann vom Medikamentennamen auf die Diagnose schliessen?

Anlass für meine Frage gestern abend ist ein Blogpost über den ich im Netz gestolpert bin. Darin erzählt der Schreiber, wie er seine bestellten Medikamente in der Apotheke erhalten hat: (Hier kann man den ganzen Post nachlesen).

Abgesehen davon, dass man die Medis erst nicht finden konnte (kann vorkommen – zum Beispiel, wenn es nicht im Alphabet ist  im Bestellregal oder sonst nicht ganz richtig abgelegt – was ärgerlich ist auch für uns) … stellt er sich vor, dass sie untereinander darüber reden:

„Ich finde die AIDS-Medikamente von dem Mann nicht, der da am Tresen steht. Helft mir bitte suchen.“

Endlich gefunden kommt die Apothekerin zum Thresen und legt ihm Medikamente und Rezept vor:

Lautstark las die Frau Apothekerin das Rezept vor: „ SO, DA HÄTTEN WIR ALSO EINMAL TRUVADA DREISSIG TABLETTEN UND EINMAL KALETRA AUCH DREISSIG TABLETTEN. ICH PACKE SIE IHNEN JETZT HIER IN DIE TÜTE EIN. HABEN SIE NOCH EINEN WUNSCH?“

Oookay.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das für ihn unangenehm sein kann. Tatsächlich ginge es mir wohl gleich.

Das Problem hier ist wohl, dass wir als Fachpersonen tatsächlich etwas abstumpfen gegenüber der Problematik. Wir arbeiten tagtäglich mit den verschiedensten Medikamenten gegen alle mögliche Krankheiten … da differenzieren wir häufig nicht mehr so, ob das jetzt etwas ist, was dem Kunden vielleicht peinlich sein kann. Viagra und Co .. ja klar, HIV-Medikamente … ja, und wie sieht’s aus mit der Pille, oder mit Mitteln gegen Hämorrhoiden? Gegen Wechseljahrsbeschwerden? Eigentlich kann noch eine Menge mehr den Leuten unangenehm sein.

Schön, dass er das danach (ruhig) direkt Rückgemeldet hat, wie das auf ihn gewirkt hat.

Ich machte ihr klar, dass die Namen der üblichen HIV-Medikamente durchaus geläufige Begriffe sind. Daher möchte ich es nicht, wenn nebenan eine Person die mir verordneten Medikamente mithört und daraus schließen kann, welche Krankheit ich habe.
Das kommt quasi einem Outing in der Apotheke nahe.

Nochmals: Ich verstehe seine Reaktion!

Aber … auf der anderen Seite … ist das wirklich so?

Abgesehen von den Leuten, die häufiger mit den Medikamenten zu tun haben – also medizinische Fachkräfte wie Ärzte, Apotheker, Pharmaasssistentinnen, PTAs, Krankenpfleger … und denen die selbst betroffen sind und die genannten Medikamente einnehmen müssen … wieviele wissen wohl nur wenn sie den Namen hören oder vielleicht gar die Packung sehen wofür die Medikamente sind?

Darum also die Umfrage: Und das Ergebnis:

Total haben 61 geantwortet

für Kaletra:

Bekannt? 42 Nein, 19 Ja,.
Von den Ja: alle vom Fach
Von den Nein: 14 vom Fach, 28 Laien

Für Truvada:

Bekannt? 39 Nein, 21 Ja.
Von den Ja: 1 Laie (!) Rest alle vom Fach
Von den Nein: 12  vom Fach, 27 Laien

Vor allem Truvada war in den letzten Wochen ein paar Mal in der Presse erwähnt, weil man es als Prophylaxemittel gegen HIV zulassen will. Von dem her könnte es schon sein, dass es dem einen oder anderen geblieben ist. Der Unterschied zu Kaletra ist aber in der Umfrage erstaunlich klein geblieben.

Auf der anderen Seite würde ich bei beiden Mitteln noch nicht einmal als Apothekerin behaupten, dass sie mir „geläufig“ sind. Ich kenne sie, weil wir selbst jemanden haben, der das nimmt, aber ansonsten … braucht man sie wirklich nicht sehr häufig. Das erklärt, warum auch Apotheker und andere Fachpersonen hier sagen „kenne ich nicht“.

Wenn ich jetzt hier ein Fazit ziehen will:

Erstens: Diskretion und Vertraulichkeit sind für den Kunden sehr wichtig in der Apotheke … und sollten es auch für uns sein.

Zweitens: Die meisten Menschen können nicht von Medikamentennamen auf die Diagnose oder die Krankheit gegen die sie gebraucht werden schliessen. Es sei denn, sie haben einen medizinischen Hintergrund (sind „vom Fach“) oder sie benutzen selber die genannten Medikamente. Übertriebene Sorge in die Richtung ist also nicht nötig.

Sollte man jetzt anfangen verschämt die Medikamente grundsätzlich schon vorher einzupacken? Besser ist es vielleicht, den Kunden zu fragen, wie er es gerne hätte.

Oder das hier wäre noch eine Idee:  Da nimmt der Kunde, der eine persönliche / diskrete Beratung wünscht eine Karte und weist sie an der Theke vor. Daraufhin wird er ohne weitere Fragen in den Beratungsraum (den die allermeisten Apotheken haben!) geführt und kann dort sein Anliegen anbringen … dazu zählen genauere Beratung, zeigen von Hautproblemen und er kann auch dort seine bestellten Medikamente einpacken. Finde ich echt eine Idee!

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie viel das die Apotheke kostet (gratis wird man auch das nicht bekommen)

Info hier http://apotheken-sprechzimmer.ch/

Patientensicht (zu: So läuft das)

Ich habe schon tolle Leser – heute muss ich meinen Blog schon nicht mehr selber schreiben, die sind so kreativ. Darum heute noch ein Gastbeitrag, von Mr. Gaunt:

Dies ist die Patienten-Version als Antwort zur Geschichte von Boreal, allerdings wie es hätte anders laufen können in der Pessimisten-Version:

Mein Name ist Ilse Müller-Meyer-Richner, ich bin 72 Jahre alt und verwitwet. Nach einem Herzinfarkt geht es mir eigentlich ganz gut, zumindest seit der Arzt das mit der Schilddrüse im Griff hat.

Leider muss ich viele Medikamente nehmen. Da passe ich aber inzwischen drauf auf, seit ich mir in den Finger geschnitten und dann die ganze Küche vollgeblutet habe. Wer kann denn wissen, dass das Marcumar sich nicht mit dem günstigen Aspirin aus der Versandapotheke verträgt, was mir mein Enkel besorgt hat. Mein Arzt hat mir nur gesagt, ich darf das nicht mit Ah-Ess-Ess zusammen einnehmen. Aber das gute Aspirin von Bayer?

Mir geht es nicht gut heute. Ich komme gerade vom HNO-Arzt, der hat gesagt, ich habe eine Lungenentzündung. Dann musste ich auch noch bei meinem Kardiologen vorbei, das Rezept für die Herzmedikamente holen. Einkaufen war ich auch noch, habe kaum noch was im Kühlschrank. Jetzt noch schnell mit den schweren Tüten in die Apotheke und dann ganz schnell nach Hause. Bin müde.

In der Apotheke gebe ich der jungen Frau hinter der Theke meine drei Rezepte. Herr Dr. Schulze-Rickenhoff ist wohl nicht da, ob die Helferin genug Bescheid weiss? Den Chef kenne ich schon lange. Seit 1983. Und ich bekomme von ihm immer meine Lieblingsseife mit. Ach, auf dem Schild der jungen Frau steht „Apothekerin“. Die werden auch immer jünger. Mensch bin ich müde.

Sie tippt in ihrem Computer herum und sagt mehrmals „hmm“.

In letzer Zeit dauert das immer so lange in der Apotheke. Dann muss sie auch noch bei meinem Doktor anrufen. Wegen dem Calcium. Warum ist denn das ein Problem mit dem Calcium, die soll sich besser um das Antibiotikum kümmern, ich bin nämlich allergisch gegen Penicillin. Dann erzählt sie noch was von Krankenkasse und Rabatten. Aber ich zahle genau so viel Zuzahlung wie immer. Komisch. Bin nicht ganz bei der Sache. Und wie war das noch mit dem Calcium? Die Apothekerin hat gesagt, ich soll das eigentlich nicht mit den Schilddrüsentabletten nehmen und der Arzt hat gesagt, ich soll das auf jeden Fall nehmen? Weiss nicht mehr genau. Aber ist ja nur Calcium.

Ich bin sauer. Mit dem Sortis bin ich gut klargekommen. Jetzt kriege ich Billigtabletten wegen der Krankenkasse. Und aufpassen soll ich damit auch noch, weil sie Muskelschmerzen machen, oder so. Muss mit dem Doktor sprechen. Möchte jetzt nach Hause.

Zu Hause sortiere ich die Medikamente in meine mittlerweile ziemlich volle Schublade ein. Da ist etwas Neues dabei, das ich nicht kenne. Hat der Arzt gar nichts von gesagt. Es heisst „Torasemid AL“. Ist wohl auch was wegen dem Blutdruck. Jetzt muss ich das auch noch nehmen. Dabei nehme ich schon Marcumar, Unat, L-Thyroxin und Sortis. Jetzt soll ich auch noch das Calcium nehmen und das neue Torasemid AL und das Billig-Sortis. Und das Antibiotikum natürlich. Hoffentlich ist das nicht doch Penicillin. Und der Arzt hat vergessen, Unat aufzuschreiben. Ach Mist, hätte ich doch besser aufgepasst. Scheiss Lungenentzündung.

Die Calcium-Tabletten nehme ich mit dem L-Thyroxin, so wie es der Arzt zur Apothekerin gesagt hat. Die schmecken ganz lecker. Den Rest nehme ich auch wie verschrieben.

Vertrage die neuen Tabletten nicht, muss dauernd aufís Klo. Habe Durst. Und das Antibiotikum wirkt nicht richtig, zur Lungenentzündung kommt noch mehr Fieber dazu. Schwitze wie in der Sauna, mein Herz klopft wie verrückt. Lege mich zum Mittagsschlaf.

Werde morgen zum Arzt gehen, mir geht es nicht besser. Habe Fieber und meine ganzen Muskeln tun mir weh. So einen Infekt hatte ich schon lange nicht mehr. Darf ja leider keine Schmerztabletten nehmen wegen dem Marcumar. Lege mich schlafen. Vorher gehe ich schon wieder aufís Klo.

Wache auf. Liege nicht in meinem Bett. Bin wohl im Krankenhaus. Um mich herum piept es. Kann mich nicht mehr erinnern. Eine junge Frau, die sich als Frau Doktor vorstellt, kommt an mein Bett und redet Kauderwelsch, ich verstehe nur was von „Rhabarbergemüse“ und „Glück gehabt“ und „wegen der Tabletten“. Verstehe nicht ganz. Mag kein Rhabarber. Scheiss-Billigtabletten, ich hab’s ja gewusst. Bin sehr müde.

Und jetzt die Frage: Warum liegt Ilse im Krankenhaus?

Wenn Ihr die letzten Blogbeiträge gelesen habt, seid ihr ja schon alles kleine Pharmakologen und habt da sicher eine Ahnung.

So läuft das (Kundensicht)

Im letzten Post habe ich ein wenig versucht zu zeigen, was hinter den Kulissen so abläuft. Und was bekommt die Patientin davon mit? Im Idealfall eigentlich – trotz der ganzen Probleme erstaunlich wenig.

Ich versuche das mal hier darzustellen.

Pharmama: „Grüezi Frau Meier-Müller-Richner.“

Frau M-M-R:„Grüezi Pharmama. Ich habe Ihnen hier 2 Rezepte, Moment“ (gibt sie mir)

Ich suche die Medikamente aus den Schubladen und fange an sie im Computer einzugeben,

Frau M-M-R: „Ich musste heute zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, wissen Sie, ich habe schon eine Zeitlang eine so unangenehme  Bronchitis. Der Arzt meint jetzt, es wäre eine Lungenentzündung!“

Pharmama: „Ja, ich sehe, er hat auch ein Antibiotikum aufgeschrieben. Aber fangen wir doch mit den Sachen an, die sie schon hatten.“

Pharmama: „Der Arzt hat beim Torasem eine neue Dosierung aufgeschrieben. Vorher hatten Sie 5 mg …“

Frau M-M-R: „Ja, er meinte, der Blutdruck sei noch zu hoch, darum schreibt er mir auch eine höhere Dosierung auf“.

Pharmama: „Und ein neues Schema für den Blutverdünner Marcoumar hat er ihnen auch gegeben?“

Frau M-M-R: „Ja, das habe ich hier“ (zeigt auf ihre Handtasche).

Pharmama: „Gehen Sie denn regelmässig den Quick kontrollieren?“

Frau MMR: „In ein paar Wochen wieder, ja.“

Pharmama: „Neu haben sie Calcium Kautabletten aufgeschrieben bekommen. Ich schreibe die Dosierung auf die Packung. Ich schreibe allerdings drauf „am Abend“, damit es nicht in Konflikt kommt mit dem Euthyrox, das sie nüchtern nehmen müssen.“

Frau M-M-R: „In Ordnung“

Pharmama: „Und eine gute Nachricht hätte ich auch noch: von ihren Sortis gibt es in der Zwischenzeit ein Generikum (hole die Packung und lege sie neben die Sortis) – die sind gleich wirksam und kosten über 60 Franken weniger. Darf ich ihnen diese hier geben?“

Frau M-M-R: „Oh, ist das neu?“

Pharmama: „Ja, die gibt es erst seit Anfangs Juni. Die Firma ist auch sehr zuverlässig – es ist übrigens dieselbe, von denen sie auch die Blutdrucktabletten haben“

Frau M-M-R: „In Ordnung, ich nehme das Generikum“ (Sie ist einfacher zu überzeugen als andere, was vielleicht daran liegt, dass sie Vertrauen in mich hat, ausserdem ist sie noch nicht so alt und flexibel, sowie eher auf der Preisbewussten Seite.)

Pharmama: „Ich gebe Ihnen erst mal eine kleine Packung, die können sie ausprobieren. Ich schreibe ausserdem noch drauf ‚entspricht Sortis’, damit sie auch wissen, was das jetzt ist.“

„So, dann kommen wir zum Zweiten Rezept, das Antibiotikum.“ (ich nehme das nächste Rezept in die Hand und scanne das Antibiotikum ein)

„Oh. Ich sehe hier eine Wechselwirkung, die ich erst mit dem Arzt abklären möchte. Einen Moment bitte.“ (Ich gehe telefonieren)

Wieder zurück:

Pharmama: „Es ist wichtig, dass sie dieses Antibiotikum nehmen, aber wegen der Wechselwirkung müssen sie während der Woche das Sortis abends weglassen. Fangen sie erst nach der Behandlung wieder an. Ich schreibe es ihnen drauf: … morgens und abends je 1 Tablette Clarithromycin – unabhängig vom Essen – das heisst, es ist egal, ob mit oder vor …-bis die Packung fertig ist. Atorvastin/Sortis in der Zeit pausieren.“

Pharmama: „So, hier sind ihre Medikamente. Ich habe die Dosierungen draufgeschrieben. Wenn sie noch Fragen haben sollte, dürfen sie auch gerne telefonieren.“

Frau M-M-R: „Danke – Wiedersehen!“

Pharmama: „Einen schönen Tag noch und gute Besserung!“

Dauer: ca. 10 Minuten (15 mit dem Telefon), trotz des nicht ganz einfachen Rezeptes … wobei: da gibt es viel kompliziertere.

Es gäbe noch je nach dem noch mehr zu tun: wenn etwas nicht an Lager ist. Oder wenn etwas nicht lieferbar ist. Oder wenn ich wegen einer Allergie eingreifen muss. Oder wenn der Patient neu ist, oder wenn die Krankenkasse gewechselt hat (oder auch nur die Nummer, Seufz) .. oder … oder …

So läuft das (Apothekersicht)

Anhand einer fiktiven Patientin und ihrer Medikamente möchte ich hier einmal zeigen, was -vielleicht hinter den Kulissen- abläuft und welche Situationen sich im Apothekenalltag ergeben können.

Wir nehmen an Frau Müller-Meyer-Richner kommt in die Apotheke mit 2 Rezepten, die sie bekommen hat. Eines der Rezepte vom Hausarzt vor einigen Tagen, ein anderes vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt bei dem sie heute war.

Ich kenne Frau Müller-Meyer-Richner schon, da sie bereits Medikamente bei uns bezogen hat. Darum habe ich sie auch schon im Computer mit einem Patientendossier drin. Als Frau Müller-Meyer-Richner das erste Mal mit einem Rezept bei uns war, habe ich sie gefragt, ob sie noch andere Medikamente nimmt und ob sie Allergien hat – ja, gegen Penicillin, da habe sie einmal einen üblen Ausschlag bekommen. Diese Info ist jetzt in ihrem Patientendossier im Computer abgelegt. Beim Öffnen des Dossiers rufe ich auch die Krankenkassendeckung automatisch mittels Internet-Verbindung ab.

Auf dem ersten Rezept, das Frau Müller-Meyer-Richner mir gibt, sind vor allem Medikamente, die sie bisher schon gehabt hat und die sie regelmässig weiter nehmen muss. Deshalb hat der Arzt auch ein Dauerrezept ausgestellt.

Das ist auf dem Rezept:

Dauerrezept für 6 Monate

1 OP Euthrox 125 mcg 1-0-0
1 OP Torem 10mg C 1-0-0
1 OP Marcoumar C: D.S. nach Schema
1 OP Calcimagon D3 CXX 1-0-0
1 OP Sortis 10mg C 0-0-1

Ich suche die Medikamentenpackungen heraus –ich kenne die Medikamente und ihre Wirkungen schon, auch die wichtigsten Wechselwirkungen sind mir geläufig, aber der Computer ist da eine grosse Hilfe, da das rasch unübersichtlich werden kann. Auch gut ist es, dass ich die bisher gehabte Dosierung abrufen und kontrollieren kann. So kann ich bei Änderungen nachfragen – so wurde schon mancher kleiner Fehler verhindert.

Euthyrox Sie hat – wie bisher- ein Mittel gegen Schilddrüsenunterfunktion. Das Mittel muss man zwingend nüchtern einnehmen – das heisst mindestens eine halbe Stunde vor dem Essen, weil es sonst schlechter aufgenommen wird und dann auch schlechter wirkt. Darum schreibe ich das auch so auf die Etikette.

Torem ein Mittel gegen Bluthochdruck. Auch das hatte sie schon. Allerdings in einer niedrigeren Dosierung, vorher waren es 5mg – Die Patientin weiss aber von der Dosierungsänderung, auf die ich sie Hinweise. Darum kann ich mir hier die Rückfrage beim Arzt sparen. Sie hatte bisher auch das Generikum von Torem – Torasem Mepha, das ich auch für die neue Packung wähle.

Marcoumar – ein Mittel zur Blutverdünnung. Bilden sich im Blut Thrombosen – wenn das Blut gerinnt, können diese in Herz und Lunge wandern und dort die Gefässe verstopfen. Das gibt Lungenembolien und Herzinfarkte. Bei Personen mit Risiko – zum Beispiel bestehenden Herzproblemen beugt man vor. Weil die Blutgerinnung ein sehr empfindliches System ist, ist es ganz wichtig, dass hier gut eingestellt wird. Das geht nur mit regelmässigen Messungen der Blutgerinnung… und einer individuellen Dosierung. Darum steht hier „Nach Schema Arzt“ – das kann dann sein ½ Tablette 2 Tage lang, dann 1 Tablette im Wechsel. Ganz viele Medikamente machen bei dem Wechselwirkungen. Allein hier auf dem Rezept sehe ich schon 2. Es gilt abzuschätzen, wie relevant das jetzt ist. Wir haben hier einmal eine Wirkungsverstärkung und einmal eine Wirkverminderung … Vor allem wenn neue Medikamente hinzukommen sollte man darum nachfragen, ob hier regelmässig zur Quick-Kontrolle gegangen wird. Dem ist so. Sie hat auch in ein paar Wochen wieder einen Termin.

Calcimagon D3 – dieses Medikament hat die Patientin neu. Es handelt sich um ein Calciumpräparat – zum Beispiel zur Osteoporosevorbeugung. Und jetzt stossen wir auf ein Problem. Nach dem Arzt müsste sie das auch morgens einnehmen. Gerade Euthyrox ist aber wie gesagt, empfindlich … speziell auf sogenannt Mehrwertige Kationen, wie Calcium (Ca2+ – erinnert sich vielleicht noch jemand aus dem Chemiepraktikum daran?) auch eines ist. Wenn ich die gleichzeitig gebe – oder auch nur in zu geringem Abstand, bilden sich aus den beiden eine schwer-lösliche Verbindung im Magen und Darm, die dann nicht mehr aufgenommen wird – das bedeutet, das Euthyrox wirkt nicht mehr. Darum teile ich das Frau Müller-Meyer-Richner mit und dass ich darum statt dessen darauf schreibe: mittags oder abends. Nicht morgens.

Das Problem gibt es übrigens nicht nur mit den Medikamenten, die man auf Rezept bekommt. Wechselwirkungen finden auch mit freiverkäuflichen Präparaten statt. In dem Fall zum Beispiel Multivitaminpräparate in anderen auch Schmerz- und Grippemittel, zum Beispiel beim Marcoumar. Man darf das auf keinen Fall unterschätzen, weil es z.B. beim Blutgerinnungsmittel rasch Blutungen geben kann.

Sortis –Ein Mittel zur Cholesterinsenkung (die Blutfette) und auch zur Vorbeugung bei Risikopatienten gegen Herzprobleme. Frau Müller-Meyer-Richner hat es schon lange, aber auch hier gibt es eine Änderung: Seit neustem gibt es von diesem Mittel auch Generika. Darum nehme ich beide Packungen nach vorne und zeige sie dem Patienten. Preisdifferenz hier: ca. 60 Franken! Ich darf das als Apotheke mit dem Einverständnis des Patienten selbst austauschen. Was ich auch mache.

Jetzt hat Sie noch ein zweites Rezept von einem anderen Arzt

Clarithromycin 500 mg XIV 1-0-1

Das ist ein Antibiotikum.

Clarithromycin. Kein Penicillin, also kein Problem mit der gemeldeten Allergie.

Aber … bei der Eingabe zeigt es mir eine Wechselwirkung an. In diesem Fall eine schwerwiegende .. und zwar mit dem Sortis/Atorvastatin. Es besteht die Möglichkeit, dass in Kombination sich Muskelfasern auflösen und diese dann die Niere verstopfen. Das ist sehr schlecht, darum ist diese Kombination kontrainduziert – faktisch verboten.

Weil ich das Antibiotikum nicht einfach austauschen kann, nehme ich per Telefon mit dem Arzt Rücksprache. Leider kann auch er nicht einfach ein anderes AB nehmen – wegen dessen Wirkspektrum- und wir entscheiden uns, die Sortis (Atorvastatin) für die Dauer der Antibiotikabehandlung wegzulassen. Nach der Behandlung (sicherheitshalber plus 2 Tage) muss sie aber damit weitermachen.

Rezept abschliessen: Alle Medikamente anschreiben und mit Erklärung der Dosierung hinlegen.

Fertig! Dauer ca. 10 Minuten.

In Komplizierten Fällen – zum Beispiel bei mehr als 3 Dauermedikamenten lohnt es sich, eine weitergehende Beratung zur Anwendung der Medikamente anzubieten. Dabei geht es vor allem um eine mögliche Vereinfachung und Kontinuität der Medikamenten-Einnahme. Es ist nämlich wichtig, dass man seine Medikamente regelmässig nimmt, damit sie auch richtig wirken können.

Vom Vertrauen in den Berufsstand

Eine Apothekerin fälscht für sich und ihre Familie Rezepte und betrügt so die Krankenkasse. Als sie auffliegt, wird sie verurteilt wegen Betrugs und Urkundenfälschung und zu einer Freiheitsstrafe zu 10 Monaten auf Bewährung verurteilt. Wegen der Verurteilung verliert sie ausserdem ihre Approbation als Apothekerin.

Dagegen legt sie Berufung ein. Ihre Begründung:

… dass die Menschen von Apothekern kein untadeliges Verhalten erwarten würden. Das Verwaltungsgericht sei in erster Instanz von einer „romantisch-idealisierten Apothekeruntadeligkeit“ ausgegangen. Das Berufsbild sei heute nicht mehr geprägt durch persönliche Beratung oder soziale Betreuung, sondern auf den Vertrieb von Arzneimitteln.

Auf gut Deutsch: Da man die Apotheker heute nicht mehr als Beruf mit Ehre sondern als Verkäufer ansehen würde, ist ein eventueller Verlust des Ansehens, das sie durch ihr Verhalten dem Apothekerberuf zufüge nicht wichtig genug, als dass sie deswegen ihre Zulassung verlieren sollte.

Das sahen die Richter anders:

Das gravierende Fehlverhalten der Apothekerin sei durchaus geeignet, das Ansehen in den Berufsstand und das in diesen gesetzte Vertrauen nachhaltig zu erschüttern, heißt es im Beschluss. Denn bei der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln müsse sich ein Apotheker nicht nur von den rechtlichen Bestimmungen, sondern auch „von seiner Verantwortung für das Leben“ leiten lassen. „Er darf das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Apothekerberuf nicht dadurch verletzen, dass er sich von einem unangemessenen Gewinnstreben bei der Erfüllung seiner Aufgaben beherrschen lässt“

 Also liebe Mitapotheker: verhaltet Euch (auch weiterhin) untadelig und schadet nicht dem Ansehen und dem Vertrauen in den Berufsstand, ansonsten … gehört ihr bald nicht mehr dazu.
(Geht es nur mir so oder spricht aus der Aussage der fehlbaren Apothekerin ein gewisser Frust über die aktuellen Zustände?).