Nichtlieferbarkeit – Hürdenlaufen in der Apotheke 2023

Lieferbarkeit von Medikamenten: die Situation ist kritisch! Wie kritisch, zeigt die Seite drugshortage.ch, die für den 9. Juni folgendes meldet: 952 Lieferengpässe von Arzneimitteln in der CH. 8% der kassenpflichtigen Präparate. 152 Präparate fehlen von allen Herstellern. 11 davon sind auf der BWL Liste, 62 auf der WHO List of essential medicines.

Inzwischen suchen wir täglich mehrmals Ersatz für notwenige, verschriebene Medikamente. Ein stetig steigender Mehraufwand. In der aktuellen Situation versucht das BAG uns zumindest etwas die Arbeit zu erleichtern. Es geht ja nicht „nur“ darum, passenden Ersatz zu finden und zu bestellen – der Patient (der ja nichts dafür kann und es benötigt) sollte nicht noch dafür bezahlen müssen: die Krankenkasse sollte das übernehmen.

Dafür hat das BAG im März 23 eine Übergangslösung präsentiert.

Die Abgabe in der Schweiz durch Swissmedic zugelassener und in der SL aufgeführter Arzneimittel ist zwingend. Ausschliesslich im Fall der Nichterhältlichkeit eines bestimmten Arzneimittels resp. einer bestimmten Packung ist das folgende stufenweise Vorgehen zu wählen:
1. Abgabe einer in der Schweiz zugelassenen und in der SL aufgeführten Alternative (anderes Präparat mit gleichem Wirkstoff, andere Dosisstärke, andere Packungsgrösse oder geeignete Darreichungsform, alternatives Arzneimittel).
2. Abgabe eines importierten Arzneimittels, sofern ein Import heilmittelrechtlich erlaubt ist und das importierte Arzneimittel innert der angemessenen und notwendigen Frist zur Verfügung steht
3. Herstellung einer Magistralrezeptur

Das verschriebene Medikament ist nicht lieferbar. Hier startet also mein Hindernislauf in der Apotheke.

Bei uns in der Apotheke versuche ich erst mal anders als über unseren Hauptgrossisten an das Medikament zu kommen: wir haben inzwischen einen zweiten Grossisten, gelegentlich bekomme ich es dort. Häufiger fehlt es allerdings da auch.
Ich versuche es von einer anderen Apotheke zu bekommen, die es eventuell noch an Lager hat. Wir haben keine Zeit, Apotheken auf gut Glück anzurufen, die es (weil es ev. schon länger fehlt) auch nicht mehr haben, aber ich kann bei den zu unserer Kette gehörenden Apotheken reinschauen.

Keine hat es noch oder es ist nicht möglich das Medikament zu bekommen (Kühllieferungen gehen zum Beispiel nicht), dann beginnt die Suche nach einem Ersatzprodukt. Also:

Ein anderes Präparat mit gleichem Wirkstoff (ein Generikum). Der Medikamentenmarkt der Schweiz ist klein – allzuviel Auswahl hatten wir nie.

Oder eine andere Packungsgrösse (3 Packungen zu 30 Tabletten statt 1 Packung zu 90).

Oder dasselbe in anderer Dosierungsstärke (0.25mg statt 0.5mg, dann muss man 2 Tabletten aufs Mal nehmen)

Oder derselbe Wirkstoff in anderer Darreichungsform (Kapsel statt Tablette, oder Sirup oder Zäpfchen). Oder normale Tabletten statt retardierte mit langer Wirkung … und dann halt mehrmals tägliche Einnahme statt einmal täglich.

Oder eine Kombination der oberen.

Finde ich dennoch nichts, gibt es vielleicht ein alternatives Arzneimittel – also etwas, das für dasselbe Problem ist, aber einen anderen Wirkstoff enthält. Das benötigt dann aber  Rücksprache mit dem Verschreiber, da das ein Wechsel in der Therapie ist und der Patient eventuell neu auf das Medikament eingestellt werden muss. Ist eine Therapiealternative in der SL aufgeführt, eine Substitution jedoch aus medizinischen Gründen nicht möglich, muss dies auf der ärztlichen Verordnung bestätigt sein.

Wenn jetzt nichts davon möglich ist, dann darf ich ein importiertes Arzneimittel abgeben, wenn das Arzneimittel aus einem EU- oder EFTA-Land ist, wirkstoffgleich ist, gleiche Indikation hat und vergleichbare Darreichungsform und Packungsgrösse.
In der Praxis sieht das so aus, dass ich versuche, das bei unserem Lieferanten in Deutschland zu bekommen. Als EU Land können sie auch Medikamente aus anderen EU-Ländern liefern. Wenn es nur in England erhältlich ist, das brauche ich einen anderen Lieferanten.
Das übernimmt aktuell (und neu!) die Grundversicherung als Übergangslösung ohne vorgängige Kostengutsprache.

Problem: was bei uns fehlt, ist oft auch im Ausland knapp. Der Import dauert ein paar Tage. Ich muss herausfinden, wie die Medikamente im Ausland heissen und ob sie lieferbar sind. Kühlmedikamente gehen nicht, Betäubungsmittel gehen nicht, Blutprodukte gehen nicht, viele Medizinprodukte gehen nicht ….

Und dann die Dokumentation dafür!
Ich dokumentier natürlich in unserem Computersystem im Patientendossier, was ich versucht habe und weise den Lieferengpass des fehlenden Produktes mit einem Printscreen der Rückantwort des Grossisten auf Eure Bestellung nach. Falls ausländische Grossisten keine elektronische Meldung zur Nichtverfügbarkeit übermitteln (z.B. Rückmeldung nur per Telefon), dann geht auch eine Mitteilung per Mail. Dieser Nachweis muss der Krankenkasse nur auf deren Verlangen hin gezeigt werden können.

Der Aufwand fürs Suchen einer Alternative wird überhaupt nicht abgegolten.

Ist all das nicht möglich, bliebe noch die Herstellung einer Magistralrezeptur.
Ganz neu wird das von der Krankenkasse auch übernommen, wenn der Wirkstoff in einem SL-Arzneimittel enthalten ist, aber nicht selbst in der ALT (Arzneimittel-liste mit Tarif) aufgeführt ist.
Importierte Arzneimittel dürfen nicht verwendet werden. Die verwendeten Hilfsstoffe müssen alle in der ALT aufgeführt sein. Es kommen die Bearbeitungs-und Gefässtarife der ALT zur Anwendung bei der Abrechnung als Magistralrezeptur (PM SL).

Das Problem hier: Wirk- und Hilfsstoffe sind ebenfalls nur schwer zu erhalten. (Ich habe letztens mal nach Suspensionsgrundlagen gesucht, wie für Ibuprofen-sirup oder Antibiotikasirupe). Das Zeug ist teils teuer. Die Herstellung nicht kostendeckend. Und viele Apotheken sind schlicht nicht (mehr) dafür ausgerüstet:

Wir Apotheker*innen lernen das zwar im Studium, aber in den meisten Fällen ist das Jahre her (bei mir 20) und da es immer weniger gebraucht wurde, ging da viel verloren. Es gibt ein paar (wenige) Apotheken, die sich auf Herstellungen spezialisiert haben.  Die haben dann noch die nötigen Materialien und Ausrüstung im Labor (wie laminarflow, was für sterile Zubereitungen nötig ist). Aber wir reden hier nicht von Herstellungen im Industrieformat. Das geht in einzelnen Fällen – Grossproduktion ist nicht möglich.
Übrigens: ja, in der Schweiz werden Herstellungen durch die Apotheker*innen gemacht und nicht durch die Pharmaassistent*innen, respektive deren neue Berufsbezeichnung Fachfrau/mann Apotheke. Die lernen das nicht einmal mehr.

Man sieht: Hürdenlaufen. Wenn ich an einer dieser Hürden scheitere, bekommt der Patient das wichtige Medikament nicht. Und wenn ich eine mühsam gefundene Alternative nicht korrekt dokumentiere, bekomme ich kein Geld für die Abgabe von der Krankenkasse – und muss das dem Patienten verrechnen. Ich bekomme kein Geld für den Mehraufwand und das braucht immer mehr Zeit dafür.

Situation: schwierig.

Zum Thema gehört auch noch die fraktionierte Abgabe – darüber schreibe ich später.

Iiiyiieeeeiiiiyyiiiieek

Iiiyiieeeeiiiiyyiiiieek …

Das kreischende Geräusch hörte man schon von weitem.

Und es kam näher.

IiiyiieeeeiiIIYYIIIIEEEEK …

Und näher !

Alles wurde still und lauschte. Gespannt blickten alle Anwesenden zum Eingang der Apotheke, wo sich plötzlich … ein altes Frauchen mit einer Tasche auf Rädern zeigte.

IIIIYYIIEEEIIIIYYYEEEEK!

Das Kreischen wurde fast unerträglich laut, bis sie vor der Theke zum Stillstand kam. Sobald der erste Schock abklang, gingen alle wieder ihren Beschäftigungen (Einkaufen oder Beraten) nach.

Nach ihrem Einkauf bei uns setzte sie ihren (lauten) Weg fort. Und nahm das Kreischen mit.

IIIIYYYEEEEIIEEEEKIEiiiiyyiiiieek  ….

Ich glaube ich muss einen von den Magic Carfa Spray unter die Theke nehmen – damit kann ich das Problem das nächste Mal schnell beheben.  Sie selber scheint das zwar gar nicht (mehr) zu hören …

Tränen, Rotz und Sabber und mehr

Oh ja – das ist etwas, was jede Mutter und wohl auch jeder Vater kennt. Wenn man selber Kinder hat, kommt man in Kontakt mit allen möglichen Körperflüssigkeiten. Das lässt sich kaum vermeiden. Kleine Kinder sabbern einen voll Speichel, kotzen einen an – im echten Sinne, nicht im übertragenen, man wird angepieselt beim Windelwechseln – speziell männliche Nachkommen sind Spezialisten in dem, aber ich habe das auch schon von Mädchen gehört … man wird angeniesst und angerotzt … gelegentlich gibt es Tränen.

Körperflüssigkeiten bekommen eine ganz andere Bedeutung für einen. Darum findet man dann auch derartiges nicht mehr ganz so schlimm:

An einem Nachmittag kommt eine Mutter in die Apotheke mit zwei Kleinkindern, einem Jungen und einem Mädchen. Ein etwas … strenger Geruch geht von ihnen aus.

Mutter: „Haben Sie Windeln und Feuchttücher?“ 

Pharmama: „Ja, ein paar wenige. Hier.“

Mutter: „Wir hatten da einen kleinen Notfall. Mein Kleiner hier hat im Auto in die Hosen gemacht“ (und damit auf den Sitz) … „und das genau das eine Mal, wo ich dachte, wir kommen ohne durch. Jedenfalls gehen wir sofort nach Hause, nachdem ich ihn und das Auto geputzt habe.“

Guter Plan!

„Haben sie eine Toilette?“ fragt sie

Pharmama: „Wir nicht, aber im Kaufhaus nebenan können sie ihn gut wechseln.“

Sie geht, kurz danach kommt sie wieder.

Mutter: „Haben sie auch Kotztüten?“

Pharmama: „Leider nein.“

(Gibt es die ausser im Flugzeug sonst zu kaufen irgendwo?)

Mutter: „Ah, das ist schon gut, ich wollte nur eine für ins Auto. Meine Tochter hat auf den Parkplatz gekotzt wegen dem Geruch… zum Glück nicht ins Auto. Ich wollte nur eine für den Fall, dass das noch einmal passiert.“

Pharmama: “… Ich kann ihnen gerne einen Plastiksack geben.“

Mutter: „Ah, schon gut, es ist nur ein kurzer Weg bis nach Hause.“

Sie nimmt ihre Kinder an die Hand und seufzt: „Kinder … immer wieder für eine Überraschung gut.“

… „Und für Körperflüssigkeiten“ … denke ich.

PPP 2023 – Tag 2

Tag 2.:

Liebe Rätselfreund*innen!

Orale Zubereitungen in zähflüssiger Form – also bspw. Hustensäfte – werden hier in Europa dankenswerterweise von den Pharmafirmen mit einem passenden Messlöffel ausgeliefert. In den USA ist das leider weniger selbstverständlich. Das liegt aber u.a. auch daran, dass dort wesentlich mehr dieser Medikamente als Apothekenrezeptur hergestellt und abgegeben werden. Okay, hier in Europa auch, aber in deutlich geringerem Umfang.

Wenn also kein angepasster Messlöffel verfügbar ist, müssen die Patient*innen sich bei der Dosierung mit im Haushalt vorzufindendem Besteck behelfen. Dies birgt allerdings grosse Gefahren, denn längst nicht alle Löffel sind standardisiert. Deshalb müssen Apotheker*innen, die solche Zubereitungen fertigen, immer auch eine Dosierungsangabe in Millilitern mitliefern.

Daher nun meine Frage: welchem haushaltstypischen Besteck ist die Dosierung «5ml» zugeordnet? Und wie wird dieses im anglo-amerikanischen Sprachraum abgekürzt?

Wir suchen heute die ersten drei Buchstaben dieser Abkürzung, von hinten oder von vorne.

Solltet Ihr nun schon die Gesamtlösung gefunden haben, so könnt Ihr diese an pharmama08(at)gmail.com schicken. Bitte denkt aber daran, dass Ihr nur einmal eine Lösung einschicken könnt. Immerhin wäret Ihr im Falle einer korrekten Lösung mit 5 Losen in der finalen Lostrommel. Ich lass Euch nun mit diesem Dilemma bis morgen allein.

Euer
?Riddler?

Gewalt ist keine Lösung

Wir richten für Patienten, die mehrere Medikamente täglich nehmen müssen und Mühe mit der Übersicht derselben haben Wochendispenser. Das sind nicht zwingend nur ältere Leute, da haben wir auch ein paar jüngere.

Einer unserer Dosett-Kunden ist ein jüngerer Mann … auf dessen Medikation ich hier nicht eingehen will. Im Normallfall kommt er sein Dosett regelmässig abholen und wir müssen nicht hinterhertelefonieren. Sehr zuverlässig. Immer freundlich. Auch darum gehört er für mich eher zur angenehmen Sorte Kunden.

Um so erstaunter bin ich, als ich am Dienstag merken muss, dass er das Dosett nicht wie gewohnt am Montag abgeholt hat. Also versuche ich ihn zu erreichen. Wir haben seine Natelnummer, da geht das relativ gut.

Er nimmt auch tatsächlich ab.

Pharmama: „Guten Tag Herr …, hier ist Pharmama von der Apotheke. Ich wollte sie nur daran erinnern, dass sie bei uns das Dosett noch nicht abgeholt haben.“

Er: „Ah, ja – das werde ich in den nächsten Tagen auch nicht können, ich bin im Spital und werde das noch ein paar Tage sein.“

Au – Fettnapf. Aber ich konnte es ja nicht wissen. „Oh, das tut mir aber leid zu hören, was ist denn passiert?“

Er: „Ich wurde zusammengeschlagen…“

Nein, das hört sich nicht gut an.

Am nächsten Tag steht eben dieser Mann in der Apotheke vor mir. Allzu fit sieht er noch nicht aus.

Pharmama: „Äh, guten Tag Herr …, ich dachte, sie wären noch ein paar Tage im Spital?“

Er: „Ja, ich wurde früher …. Ach was! Ich bin abgehauen. Ich wollte eigentlich nur Danke sagen für das Telefon gestern … und dass ich meine Medikamente nicht mehr nehme und Sie brauchen sie darum auch nicht mehr zu richten … Und dann habe ich da noch ein Hühnchen zu rupfen mit dem, der mich zusammengeschlagen hat! Dem werde ich’s jetzt zeigen!

Sagt’s und marschiert auch schon wieder aus der Apotheke.

Wir bleiben verdutzt zurück und auch ein bisschen hilflos …. was mache ich in so einer Situation?

Im Prinzip hat er mir gerade erzählt, dass er eine Straftat begehen will.

Aber … er ist auch unser Patient … und untersteht als solcher dem Patientengeheimnis. Gut, ein Bruch der Schweigepflicht zum Beispiel durch die Verständigung der Polizei (ohne dass mich der Patient von der Schweigepflicht entbindet!) kommt in Betracht, aber nur um zukünftige (schwere) Straftaten zu verhindern. Fällt so was schon da drunter?

Zuerst … versuchen wir noch etwas anderes. Sein Telefon.

Besetzt. Mist.

Nochmals.

Er nimmt tatsächlich ab !

Es folgt ein längeres Telefongespräch, das ich so nicht mehr genau wiedergeben kann, dazu war ich viel zu aufgeregt. Man denke sich aber folgende Grundthemen:

„Gewalt ist keine Lösung!“

„Sie brauchen wieder ihre Medikamente und es ist absolut keine gute Idee, die abrupt abzusetzen!“

„Gehen Sie doch bitte, bitte wieder ins Spital zurück!“

Er zeigt sich einsichtig, aber noch nicht wirklich überzeugt. Und ich überlege immer noch, ob das reicht.

Kurze Zeit darauf steht er wieder in der Apotheke:

Er: „Haben Sie die Polizei angerufen?“

Pharmama: „Nein, das habe ich nicht. Haben sie sich überlegt, wieder ins Spital zurückzugehen?“

Er: „Ja, die haben auch schon angerufen. Sie haben mir gesagt, ich habe noch bis heute Abend 6 Uhr Zeit, ansonsten nehmen sie mich nicht mehr zurück“

Er ging dann tatsächlich ohne Zwischenfall mit seinem Widersacher zurück ins Spital, wo er noch eine knappe Woche blieb.

Und er kommt seitdem auch wieder seine Medikamente holen.

Yay!

Hauptsache Tropfen

Die ältere Patientin kommt in die Apotheke und sagt: „Ich habe seit 4 Tagen rote, geschwollene Augen und sie machen auch weh.“
Pharmama: „Haben sie schon etwas ausprobiert?“
Sie zieht eine Plastiktüte mit 3 Tropffläschchen heraus. Die klassischen künstlichen Tränen, einmal Visine und eine Flasche, die ich nicht gleich erkenne, die sich dann als ihre Ohrentropfen herausstellten. Die hat sie seit 4 Tagen für ihre Augen gebraucht …
Das alleine wäre schon interessant genug, aber die Ohrentropfen sind schon seit 2000 abgelaufen … daraufhin habe ich sie gleich weggeworfen und sie darüber aufgeklärt wie sich das mit Ablaufdaten und Verwendungsdaten verhält.

… Und dann fragt sie mich noch: „Was soll ich jetzt gegen meine Ohr-Infektion* machen?“
Ich habe sie dann zum Augenarzt geschickt.

*kein Schreibfehler