Der übersehene Blinddarm

Ohne Apotheke_r(3)

Nicht so schönes Erlebnis von Melanie:

Mein „liebstes“ Erlebnis mit einer Apotheke ging nur so grade glimpflich aus:
Vor ein paar Jahren war mir morgens schlecht, ich hatte leichte Bauchschmerzen und schob das ganze auf den Reibekuchen vom Weihnachtsmarkt. Also ab in die Apotheke, Symptome geschildert und auch, dass ich bereits Ibuprofen 600mg genommen und mich übergeben hatte, es aber nicht besser wurde. Nach einem kurzen Gespräch, inklusive „da muss man sich mal zusammen nehmen“ bin ich mit Mitteln gegen Übelkeit, Schmerzmittel und Krampflöser sowie etwas um den Magen zu beruhigen raus und zur Arbeit. Mein Tagesgehalt als Aushilfe war damit schonmal weg.
Mein Arbeitgeber hat mich dann, am 22.12, nach Hause geschickt weil ich so übel aussah. Auf dem Heimweg rief ich nochmal bei der Apotheke an, wo man mir sagte das ich ausnahmsweise auch mal noch eine Schmerztablette nehmen könnte, das Mittel gegen Übelkeit sei auch harmlos.
Mein Freund fand mich abends heulend über der Toilette, fuhr mich zum Krankenhaus und drückte der Ärztin in der Notaufnahme meine Medikamente in die Hand, ich spuckte während dessen in einen Schirmständer (es ging mir wirklich nicht gut). Das nächste, was ich bewusst weiß, ist wie ich morgens im Krankenhausbett am Tropf hänge und ein Herr von der Versicherung mit mir reden will. Mir war der Blinddarm geplatzt, akute Entzündung. Die Apothekerin hätte mich zum Arzt schicken müssen, ihre Kompetenz war überschritten und die Medikamente, die sie mir empfohlen hatte, hatten mich nicht nur alles verschleppen lassen, sondern auch bei der OP zu Problemen geführt, da eins offenbar blutverdünnend wirkte.
Ich war gefühlt ewig im Krankenhaus, es ging mir elend und die ganzen Narben am Bauch sind auch nicht so toll. Rechtzeitig behandelt wäre es minimalinvasiv und mit ein paar Tagen Krankenhaus getan gewesen – aber immerhin hab ich mich zusammen genommen.

Mein Vertrauen in Apotheker ist nach wie vor groß, aber hat doch einen Dämpfer bekommen. Ob es für die Apothekerin Folgen hatte, weiß ich nicht.

Erstmal (auch wenn ich nichts dagegen kann): das tut mir leid, dass du das durchmachen musstest. Blinddarm ist … nie einfach. Die Symptome sind oft nicht so deutlich, wie man das gerne hätte. Wer weiss, ob ich dich nach deiner Beschreibung der Symptome zum Arzt geschickt hätte. Beim ersten Mal, wahrscheinlich auch nicht (speziell, wenn Du eine Erklärung für die Magenschmerzen bringst). Allerdings, wenn es nicht besser wird … ja.
Ob das eine Kompetenzüberschreitung war, wie der Herr der Krankenkasse angetönt hat? Hmmm. Wenn Du gesagt hast, dass es enorm schlimm sei und dass Du vorhast zum Arzt zu gehen und sie dich dann davon abgehalten hat – dann Ja. Ansonsten: Kaum. Es war deine eigene Entscheidung zuerst etwas auszuprobieren und Anfangs hast Du (jedenfalls nach Beschreibung) auch keine Warn-Symptome gezeigt, die einen sofortigen Arztbesuch notwendig machen würden – so wie sich das für mich anhört, ist die Apothekerin (wie Du) davon ausgegangen, dass das eine Magendarmgeschichte ist. Aber wie gesagt: Blinddarmentzündungen sind „tricky“ und ich kenne einige Fälle wo (auch von Ärzten) der Anfang übersehen wurde.

Aber die korrekte Weise wäre sicher gewesen, dir schon beim ersten Besuch in der Apotheke zu sagen, dass – falls das versuchte nicht hilft- du dich zum Arzt begeben solltest. Diagnosen dürfen die Apotheker in Deutschland nicht stellen – das macht nur der Arzt, aber triagieren, also abklären, was selbst behandelbar ist und was zum Arzt gehört und wann … das sollten sie auch können. Auch wenn wir in der Schweiz in der Apotheke tatsächlich dafür besser ausgebildet sind.

Habt Ihr Euren Blinddarm noch? Und falls ihr mal eine Blinddarmentzündung hattet: wie war das und wie wurde das entdeckt?

Der Fleck muss weg

Ohne Apotheke_r(3)
kleiner Beitrag zur Blogparade von Anna – eine Apotheke beherrbergt viel Wissen, auch für ungewöhnlichere Probleme:

In meiner Studentenzeit ist mir mal das Missgeschick passiert, dass Kaliumpermanganat Pulver verschüttet wurde (keine Ahnung mehr warum wir zur Behandlung von Fusspilz Pulver und nicht schon Lösung im Haus hatten).

Da erst versucht wurde das Missgeschick mit üblichen Mitteln zu beseitigen gab es hässliche unlösliche Braunsteinflecken in der Dusche (Fliesenboden).
Als ich in meinem Heimatort (ländliches Oberösterreich) nebenbei erwähnte dass diese Flecken mit gar nichts raus gingen, habe ich von der Apothekerin sofort einen Lösungsweg empfohlen bekommen:
Einfach den Braunstein mit Natrimusulfit oxidieren und dann den ganzen Boden gut abspülen.

Das Natriumsulfit habe ich damals (vor fast 20 Jahren) in der Apotheke bekommen. Damit ging es dann weg.

Diese Apotheke hatte damals eine große Auswahl an Chemikalien da allgemein der Bedarf an solchen Dingen aufgrund von Leuten die selbst Photos entwickelten, Garn färben,oder konservieren wollten. Ausserdem hatten die Landwirte der Gegend ebenfalls Bedarf an diversen Chemikalien zum Desinfizieren oder zur Ungeziefervernichtung.

Heute haben wir hier unseren Chemikalienvorrat wegen geringer Nachfrage ziemlich reduziert … und auch das Kaliumpermanganat wird kaum mehr gegen Fusspilz oder andere Hautinfektionen eingesetzt. Aber das Wissen um so Sachen (hier handelt es sich um eine Redox-Reaktion) ist noch da. Studium und Laborarbeit lassen grüssen!

 

Wie husten Sie denn?

Ohne Apotheke_r(3)

Ein Beitrag von nicole:

Damals war ich in einem Sprachaufenthalt (frisch nach der Matur) in London und hatte mir einen hartnäckigen Husten geholt, der mich auch nachts wach behielt. So suchte ich nach einer schlaflosen Nacht eine „richtige“ Apotheke, sprich für mich damals als Laie, eine mit grünem Kreuz und die nicht zur Kette „Boots“ gehörte. Dort ging ich sofort zur Theke und sagte der Bedienung, dass ich gerne einen Hustensirup hätte. Die Bedienung zeigte unmotiviert zur Seite auf das eine Regal und meinte: „Hier haben wir alles voll mit Hustensirup. Suchen Sie sich einen aus.“ Ich war völlig perplex, denn ich dachte woher ich wissen sollte, was für einen Sirup ich brauche?!

Aber ich gab nicht auf und fragte, ob sie mir dann einen empfehlen könne. Sie erkundigte sich darauf hin, was für einen Husten ich habe und ich dachte woher soll ich das wissen, ich war ja nicht beim Arzt! Emoji Ok, damals wusste ich noch nicht, dass es einen trockenen Husten gibt oder der mit Auswurf. Nach genauerer Nachfrage (doch noch) Ihrerseits bekam ich dann einen passenden Hustensirup (ich glaube für Reizhusten. Das weiss ich heute leider nicht mehr).

Heute bin ich selber Apothekerin und muss  immer insgeheim über mich lachen, wenn ich meine Kunden frage, was für einen Husten sie haben und sie mit dieser Frage nichts anfangen können. Ich erkläre immer gerne den Unterschied, weil ich wusste es ja früher auch nicht :-) Allerdings finde ich auch die Bedienung aus dieser Apotheke lustig. Mit der Antwort: Suchen Sie sich selber einen Sirup aus. Das ist mal eine Superberatung, denn die hat das wirklich ernst gemeint.
Übrigens dazumal wusste ich noch nicht, dass ich Pharmazie studieren würde.

Nach so Erlebnissen verstehe ich unseren Dozenten im Studium, der im 4. Jahr (damals nach dem Praktikum in der Apotheke) gemeint hat: „In England könntet Ihr jetzt in jede Apotheke stehen. Die würden Euch mit Handkuss nehmen.“ :-)

Husten ist nicht einfach – und es ist gut, wenn man so ein Erlebnis hatte – oder sich auch so gut einfühlen kann, dass man weiss, dass dem Gegenüber oft nicht klar ist, was genau wir wissen sollen / müssen, damit wir (zum Beispiel) einen geeigneten Hustensirup auswählen können. Was heisst schon „Produktiv“? Oder „Reizhusten“? Natürlich reizt es, sonst würde ich ja nicht husten!

Suchanzeige: lactosefreies Medikament

Auf dem Rezept für einen eher komplizerten Patienten (er will immer das Original, respektive genau das Produkt, das der Arzt aufgeschrieben hat) steht:

1 OP Nebivolol Streuli 1-0-0 LX    (muss lactosefrei sein!)

Ja, alles klar. Wir haben Nebivolol hier – allerdings „nur“ das Original und 2 Generika- nicht das von Streuli.

Auch unbekannt: ob das von Streuli (oder ein anderes) wirklich Lactosefrei ist.

In der Schweiz habe ich nämlich das Problem, dass das als Hilfsstoff nicht angegeben sein muss. Das steht weder in der Packungsbeilage noch auf der Packung und auch nicht in der Fachinformation. Die einzige Möglichkeit die ich heute habe um das herauszufinden -seit sie die Seite, die das einmal gesammelt hat im Internet ersatzlos (aus rechtlichen Gründen?) geschlossen haben-  ist, das vom Hersteller zu erfahren. Entweder indem er das im Internet angibt (teils nur auf Seiten, die mittels Passwort zugänglich sind), Informationsbroschüren die der Vertreter mal in der Apotheke hinterlassen hat (ja, für jeden Hersteller einzeln) oder indem ich ihn anrufe.

Das mache ich dann auch (Ja, ich: momentan sind wir zu wenig und die anderen beschäftige ich vorne)

nebilet

Im Bild sieht man eine Liste der in der Schweiz erhältlichen Generika Übersichtlich, nicht? – das sind die Firmen, die ich anfrage. (Auch sichtbar: wie wenig die Preisdifferenz ist, einerseits zwischen Original und Generika: nicht mal 2 Franken in dem Fall, andererseits zwischen den Generika selber.)

Zuerst versuche ich es bei der Streuli – denn vielleicht weiss der Arzt da mehr als ich.

Aber: Fehlanzeige. Die haben Lactose drin.

Ich telefoniere weiter und erhalte nichts als negative Bescheide. Überall ist Lactose drin.

Es ist mühsam, aber ich versuche dem zumindest für mich etwas abzugewinnen, indem ich die verschiedenen Methoden der Firmen analysiere. Da gibt es die, die die Frage direkt beantworten können. Dann gibt es die, die einen erst mal zu ihrer medizinischen Abteilung weiterverbinden.

Während ich wieder mal in der Warteschlaufe sitze suche ich das bei der Axapharm zeitgleich im Internet – das ist eine super Firma, was die Information angeht (und das sage ich nicht nur, weil das praktisch die Generikafirma des Apothekervereins ist), da steht es nämlich. Für alle gut auffindbar, ohne dass ich erst 3 Sachen eingeben muss und mich einloggen oder so.

nebaxa

Aber auch das hat Lactose drin und ich nähere mich dem Ende der Liste. Nur noch eine Firma übrig: die Helvepharm.

Ich versuche es. Die gehört offenbar zu denen, die mich erst weiterverbinden müssen – blöderweise scheint die verantwortliche Person nicht da zu sein (inzwischen ist es auch bald 5 Uhr), also wirft es mich zur Zentrale zurück. Die verpricht mir es herauszufinden und zurück zu rufen.

Aber weil das die letzte ist glaube ich nicht mehr daran, dass das jetzt die eine sein soll, die kein Lactose drin hat.

Also rufe ich dem Arzt an – der nicht abnimmt – und hinterlasse auf dem Anrufbeantworter diese Nachricht:

„Ich rufe an wegen ihrem Rezept für Herrn … Sie haben aufgeschrieben Nbivolol Streuli und darf keine Lactose enthalten. Laut Streuli hat das aber Lactose drin. Ich habe versucht eines zu finden, das kein Lactose drin hat, aber alle Firmen haben das drin, Mepha, Sandoz, Axapharm, Spirig … Was wollen sie machen? Eines von diesen trotzdem nehmen oder den Wirkstoff wechseln? Bitte rufen Sie mich zurück unter …“

Kaum habe ich aufgehängt kommt ein Telefon rein – die Helvepharm!

„Sie haben bei uns abgefragt, ob das Nebivolol Lactose enthält. Es enthält keine Lactose.“

„Was?“ – Ich kann es kaum glauben.

„Ja, es ist lactosefrei.“

– super Reaktion übrigens. Dasselbe anders gesagt, damit die Info sicher ankommt.

„Das ist ja toll!“ sage ich. „Wussten Sie, dass Sie die einzigen sind?“

wusste sie auch nicht :-)

Und nur wenige Minuten später kommt auch schon das Telefon vom Arzt, dem ich nun die gute Nachricht mitteilen kann, dass ich doch noch eines gefunden habe.

Meint er: „Ah, gut, dann nehmen Sie das. Obwohl wahrscheinlich auch ein anderes gegangen wäre. Ich denke bei Herrn .. sitzt die Lactoseintoleranz vor allem im Kopf.“

Ja – deshalb besteht er auch immer auf den Originalen und so. Er gehört zu denen, wo sich festgefahrene Vorstellungen nicht mehr lösen lassen. Und ich bin fast überzeugt, dass bei seinen „Originalen“ auch welche drunter sind, die Lactose enthalten … aber wir wollen das jetzt nicht komplizieren.

Aber für die etwas über 7 Franken, die ich mit den Pauschalen einnehme auch für dieses günstige Medikament, haben wir wieder ziemlich gearbeitet. Das waren 7 mehrminütige Telefone an die Pharmafirmen und 2 mit dem Arzt, dann darf ich das bestellen und der Krankenkasse abrechnen (noch mehr Arbeit). Zum Glück braucht nicht alles einen derartigen Mehraufwand!

Im übrigen: auch die neusten Studien zeigen, dass sich auch mit ausgeprägter Lactoseintoleranz täglich fast 2 g ohne Symptome vertragen … und mehr hat es in den paar Tabletten sicher nicht drin. Ausserdem habe ich einmal gelernt, dass es gar nicht schlecht ist, wenn man nicht vollständig auf Lactose verzichtet … das Enzym kann auch etwas „trainiert“ werden, so dass es eigentlich schlimmer ist, wenn man ganz lactosefrei lebt und dann auch nur ein bisschen bekommt, als wenn man täglich „etwas“ Lactose zu sich nimmt.

Ich weiss aber, dass da draussen dazu ganz unterschiedliche Erfahrungen sind – und ich bemühe mich, wenn der Wunsch nach „Lactosefrei“ kommt, den auch zu erfüllen. Aber die Vorschriften hier betreffend Angaben bei den Medikamenten (und die Pharmafirmen selber) machen das nicht ganz einfach.

Mediales

Die Darmkrebskampagne der Schweizer Apotheken läuft noch bis Ende Woche – Jetzt ist der Zeitpunkt, das zu machen, falls man noch nicht hat. Einige Apotheken werden den Test sicher auch weiterhin anbieten, aber danach wird es etwas teurer und aufwändiger, wenn man das machen will.

Mit-Apotheker Martin Affentranger wurde letztens dafür in einem Beitrag von tele1 interviewt … und weist mich darauf hin, dass mein Buch (Haben Sie diese Pille auch in grün?) im Hintergrund prominent sichtbar ist :-) Yay!

tele1

Seht Ihr es?

Aber auch das hat mich gefreut: amazon meint, dass mein Buch sehr gerne verschenkt wird:

geschenkt

… und den Rezensionen nach kommt es auch gut an. Kennt Ihr es schon?