Lyrica und Generika und ein akutes Problem

Was passiert eigentlich, wenn …? Eine Frage an die Mitleser, die bei einer Krankenkasse arbeiten, oder Einsicht haben, wie es dort läuft.

Ich bin bei uns in der Apotheke sehr … auf die Wirtschaftlichkeit bedacht – nicht nur für die Apotheke selber, sondern auch für das Gesundheitssystem. Das macht Sinn. Bei der Zulassung der Medikamente wird auf „Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit“ geschaut. Im Vertrag mit den Krankenkassen (LOA) steht etwas von Wirtschaftlich optimale Wahl der an die Dosierungsvorschriften angepassten Auswahl“. Ich gebe mir selber viel Mühe und halte meine Mitarbeiterinnen und Kolleginnen dazu an, Generika wo möglich aktiv anzubieten. Speziell bei den Rezepten, wenn Originalpräparate verschrieben werden, die immer noch sehr teuer sind, und wo ein Wechsel problemlos möglich wäre.

Es ist teils etwas frustrierend zu sehen, wenn Patienten auf solche Vorschläge nicht eingehen, vor allem, wenn es sich dabei um genau dasselbe Präparat handelt, das von der Pharmafirma einfach anders verpackt wurde … aber auch sonst. Wir versuchen es, wir wählen das passende Medikament aus – mit dem Einverständnis des Patienten.

Momentan werden wir durch die Firma Pfizer stark ausgebremst. Deren Medikament (und „Bestseller“) Lyrica hat nämlich neu den Patentschutz verloren. Es gibt jetzt Generika, die momentan etwa halb soviel kosten … im Dezember kommt dann auch Lyrica zumindest etwas mit dem Preis herunter, damit der Selbstbehalt für das Original nicht 20% beträgt – eine Preisdifferenz wird es trotzdem noch sein, dass es sich lohnt, das zu ersetzen.

Gestern hat meine Pharmaassistentin Donna eine Patientin davon überzeugen können, dass sie das Generikum nimmt, das wir zu dem Zeitpunkt noch bestellen mussten. Und mir ist das dann heute beim Bestelleingang aufgefallen … Ich kann das jetzt (widerwillig) zurückschicken und muss das Original abgeben. Denn bei der Patientin darf ich das nicht ersetzen. Sagen die rechtlichen Vorschriften.

Ja – wie mir auch die Pfizer-Vertreterin letzte Woche „live“ eingebläut hat, nachdem ich die Info auch schriftlich schon bekommen habe: Lyrica (Pregabalin) hat zwar das Patent verloren … aber nur für die ursprüngliche Indikation als Antiepileptikum und bei Angststörungen. Nicht für die (neuere) Anwendung bei neuropathischen Schmerzen … dafür läuft das Patent noch einige Zeit. Und genau dafür wird das Lyrica hier wohl meist verschrieben. Auch bei der älteren Frau von Donna gestern.

So steht es auch in Pharmawiki:

Die Generika (von Pregabalin) sind nicht zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen, weil diese Indikation noch durch ein Patent geschützt ist. Deshalb dürfen die Generika bis zum Verfall dieses Patents nicht zur Behandlung von Nervenschmerzen verschrieben oder abgegeben werden.

Ersetze ich das jetzt und die Krankenkasse merkt das, muss sie das der Patientin nicht erstatten, da das unter Off-label-use fällt für das Generikum. Im schlimmsten Fall spart die Patientin also nicht nur nichts, sie darf das ganze Medikament selber zahlen.

Jetzt … ich weiss natürlich nicht immer, für was das Lyrica verschrieben wurde, auch wenn ich es mir in einer Vielzahl der Fälle denken kann, denn der Arzt muss keine Diagnose oder Indikation auf das Rezept schreiben … und der Patient muss mir das auch nicht sagen. Dementsprechend kann das auch die Krankenkasse nicht wissen.

Bei der Anwendung als Antiepileptikum ist ein Wechsel zum Generikum im übrigen gar nicht so einfach möglich: bei denen ist man sehr vorsichtig, weil da auch geringe Unterschiede in der Bioverfügbarkeit eventuell gross genug sind, dass wieder Epileptische Anfälle zumindest möglich sind. Das will man um jeden Preis vermeiden, da man zum Beispiel nach nur einem Anfall wieder für mindestens 3 Monate das Autobilett los ist. Beim Einsatz als Schmerzmittel macht das nicht so viel aus.

Also … was mache ich? Bei einen sollte ich (aus medizinischen Gründen) nicht während der Behandlung ersetzen, beim anderen darf ich (aus patent-rechtlichen Gründen) nicht.

Die Firma drückt da bei uns natürlich, da sie noch lange möglichst viel an ihrem Mittel verdienen möchten. Aber um ehrlich zu sein, die Pfizer hat schon eine lange Geschichte was das angeht: Ich erinnere daran, dass sie auch ausdrücklich Schreiben an die Apotheken verschickt haben, dass die Sortis nicht zu teilen seien … obwohl es (abgesehen von der fehlenden Bruchrille) dafür vom galenischen Standpunkt her keinen Grund gab. Aber 100 Tabletten von den 40ern war genau gleich teuer, wie von der 20er Packung … also …. Heute können sie von den Sortis (und ihrem Autogenerikum) auch Tabletten mit Bruchrillen herstellen, genau wie die Generika.

Aber … mich interessiert es doch, wie das in der Praxis gehandhabt wird. Liebe Krankenkassen: schaut ihr da drauf? Straft ihr da Apotheken und Patienten, wenn die versuchen zu sparen? Das sollte ja eigentlich auch in eurem Interesse sein.

Oder … ja, was passiert da?

Was darf ein Medikament kosten – Auflösung

Also. Nach Euren Angaben (Stand bis Mittwoch 9 Uhr) haben wir diese Verteilung: (bei Reichweitenangaben wurde der Mittelwert genommen und Angaben jeweils von X,0 bis Y,9)

dafalgan

0-1 IIII (darunter auch die, die es überflüssig finden, aus was für Gründen auch immer)

2-3 II

3-4 IIIII IIII

5-7 IIIII  IIIII  IIIII  IIIII I

8-10 IIIII  IIIII  IIII

11-15 IIIII

16-30 II

zur Auflösung: der Sirup kostet im Verkauf CHF 2.25.- (das wären momentan in Euro: 2,50). Das kann verschrieben werden und wird dann von der Krankenkasse bezahlt, man bekommt es aber (zum gleichen Preis) auch ohne Rezept. 2 Franken 25 Rappen.

Ich finde das wahnsinnig wenig. Ich finde das so wenig, dass ich mich frage, wie die Firma sich noch leisten kann das herzustellen. Die Antwort darauf ist wahrscheinlich: kann sie sich nicht. Jedenfalls nicht in Europa. Ganz sicher nicht in der Schweiz oder Deutschland. Das kommt also wohl aus Asien (China oder Indien) … und mich persönlich beunruhigt das, wenn ich von den Arbeitsbedingungen dort lese und wie die Firmen es mit dem Umweltschutz halten (was ist das?) und (immer wieder) auch wie es teils um die Qualität der Produkte dort steht.

Bei diesem Beispiel Paracetamol-Sirup höre ich natürlich: der Wirkstoff ist super-günstig! Klar. Aber es geht nicht nur um den Wirkstoff (der ganz sicher aus Asien importiert wird), es geht auch um die Galenik: den Wirkstoff in eine gut einnehmbare und haltbare flüssige Form zu bringen. Natürlich gibt es Paracetamol günstig in Tabletten und in Zäpfchen. Die sind einfacher herzustellen … wobei ich hier anmerken möchte: die Wirkung kann davon abhängen, wie die Tabletten hergestellt sind: im Film, den ich vor ein paar Tagen hochgeladen habe, habe ich sowohl Dafalgan Tabletten als auch Panadol Tabletten zerfallen lassen … und die Dafalgan haben ewig gebraucht. Bei Schmerzmitteln kann sowas relevant sein – ob man jetzt 20 Minuten auf die Wirkung wartet oder 1 Stunde. Man „muss“ natürlich keine Schmerzmittel nehmen … aber ICH bin froh, dass es die gibt. Junior wohl auch, der leidet gelegentlich auch unter Kopfschmerzen … und Zäpfchen mag er gar nicht mehr. Wer schon einmal eine Panadol Tablette einfach in Wasser suspendiert hat, weiss auch, dass die nicht gut schmeckt. Scheusslich eigentlich … und wenn einem schon fast schlecht ist wegen Kopfschmerzen ist das auch ungeschickt. Also Sirup.

Jemand fand, wenn das ein „No-Name-Produkt“ ist und kein „Brand“, dann wäre er nicht bereit so viel dafür zu zahlen. Dazu möchte ich das sagen: Das wäre mir egal. Generika sind (sollten sein) gleichwertig wie das Original. Und Paracetamol Sirup gibt es in der Schweiz gar nicht mehr als Orignalprodukt (das wäre wohl Panadol oder Tylenol) … tatsächlich gibt es das nur von Brystol-Meyers-Squibb (das Dafalgan) oder von Nutrimed (das BenURon – das 200mg/5ml enthält, also anders dosiert ist und für 100ml CHF 5.10.- kostet). 2 Sorten. Das wars.

Das ist auch so etwas, das mir Angst macht: wenn sich das für die Firma nicht mehr lohnt das herzustellen, dann kann es gut sein, dass sie das dann auch nicht mehr machen. Gut, beim Paracetamol kann man noch ein bisschen etwas über die Riesen-Menge die verkauft wird auffangen, und Ihr denkt jetzt sicher auch: „Ach was, kann nicht sein: etwas so grundsätzliches wie ein Paracetamol-Sirup kann man doch nicht einfach nicht mehr anbieten.“ Was denkt ihr bei etwas so grundsätzlichem und wichtigem wie einem Antibiotikum-Sirup? Auch nicht?

Aber genau das hatten wir schon. Beim Nopil-Sirup

nopil2

Der Sirup Nopil wurde von uns .. aus dem Markt gezogen da die vom BAG verordneten ex-factory-Preise unter den Herstellungskosten lagen …

Ja – ich habe in einem Blogpost am Rande davon berichtet (hier: by proxy). Erst ging der Bactrim Sirup ausser Handel (das „Original“), dann mit Nopil von Mepha auch noch das letzte Generikum in flüssiger Form mit dem Wirkstoff. Damals ohne Kommentar weshalb – nun ist mir das klar. Offenbar hatte das BAG ein Einsehen und der Preis dafür wurde wieder angehoben (auf wahnsinnig hohe CHF 9 -, exklusive Checks, die da noch draufkommen, da rezeptpflichtig und kassenpflichtig). Das Antibiotikum ist als Wirkstoff noch wichtig, wird aber nicht sehr häufig gebraucht, dann Preissenkung … Und weg war es. :-(

Im Spital haben sie das Problem übrigens schon länger: wenn die für ihre Patienten auf der Station nach Antibiotika suchen, die noch wirken, müssen diese heute häufiger aus dem Ausland importiert werden … weil es in der Schweiz einfach nicht mehr alle Wirkstoffe im Handel gibt! Und momentan importieren wir also sogar Nopil-Sirup, aus Deutschland, hergestellt in keine Ahnung wo …

Ein paar von Euch fanden, sie würden sowieso keinen Paracetamol-Sirup nehmen/kaufen, da der Ibuprofen-Sirup so viel besser ist. Das war auch nur ein Beispiel das ich hier bringe. Ich widerspreche nicht … ich empfehle den auch ab 6 Monaten Alter (vorher gibt’s halt nur Paracetamol), er wirkt entzündungshemmend, hat (etwas) weniger Nebenwirkungen, schmeckt besser. Und in der Schweiz gibt es genau eine (Eine!) Marke: Algifor Sirup (Bitte lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihre Apothekerin). Der kostet frei-verkäuflich etwa 12 Franken für 200ml, was ich dafür auch sehr günstig finde.

Es geht im Grunde immer darum, was etwas einem Wert ist. Mir ist ein Mittel, das mich von meiner Migräne-Attacke befreit sehr viel mehr wert als ein Kaffee. Und dabei brauche ich das noch weniger – wenn ich den Preis (kumuliert) von 1 Tasse Kaffee pro Tag vergleiche mit den vielleicht 3 Packungen Schmerzmittel pro Jahr … aber so weit denken die meisten Leute nicht.

Die Leute schreien immer wegen der Medikamentenpreise (ja, auch hier in den Kommentaren), hauptsächlich mit Argumenten wie: in XY ist es viel günstiger, da bekomme ich 20 Tabletten für unter einem Euro … Dabei vergessen sie oft was da dahintersteckt. Der Wirkstoff, die Herstellung, die Verpackung, Transport, Lagerung Verkauf durch Fachpersonal (mit Paracetamol kann man sich wunderbar umbringen, auch unbeabsichtigt, das geht schneller als man denkt … sollte das wirklich im Discounter im Regal stehen??) …. da kann man nicht mit dem Preis immer nach unten, irgendwann bringt selbst das Einkaufen des Wirkstoffes beim Billigst-Anbieter in Asien und das Auslagern aller Arbeitsschritte in den fernen Osten nicht mehr die nötige Ersparnis, dass sich der Vertrieb noch lohnt.

Und dann?

Bestellen wir dann alles im Internet oder kaufen es in den Ferien ein … und hoffen, dass es keine Fälschung ist?

Nur nicht in grün!

Herzige, ältere Frau mit Rezept in der Apotheke:

1 OP Perindopril Mepha 5 mg 30 Stück

Dauerrezept 6 Monate

Frau: „Aber geben Sie mir die weissen Tabletten, die grünen vertrage ich nicht!“

Pharmama: „Umm? Was passiert, wenn Sie die grünen nehmen?“

Frau: „Dann bekomme ich Husten.“

Pharmama: „Ah ja? Wann husten Sie denn?“

(Ich habe nämlich einen Verdacht)

Frau: „Meist abends. So ein trockenes Husten.“

Pharmama: „Das ist interessant. Und bei den weissen passiert das nicht?“

Frau: „Ich glaube nicht.“

Pharmama: „Weil – das Perindopril ist ein ACE Hemmer. Diese Wirkstoffklasse ist bekannt dafür, dass die Husten machen können als Nebenwirkung. Dann ist es egal, ob die Tabletten weiss oder grün sind.“

Frau: „Ah – aber ich hatte ursprünglich Coversum. Die haben keinen Husten gemacht. Dann hatte ich ein Generikum mit weissen Tabletten, das ging auch. Dann eines mit grünen – und seitdem ich die nehme, habe ich Husten.“

Ich sollte hier noch einschieben, dass sie bisher woanders wohnte und noch kein Rezept bei uns hatte – ich kann also nicht nachschauen, welche sie bisher gehabt hat und ständig zu wechseln finde ich auch nicht gerade förderlich. Aber … ich glaube ihr. Sie weiss was sie nimmt, Coversum ist das Original und es ist bei ihr nicht so, dass sie Generika grundsätzlich abgeneigt ist – tatsächlich will sie welche. Halt nur keine grünen.

Pharmama: „Nun – dann versuchen wir es mit den weissen Tabletten – aber wenn sie davon immer noch Husten, müssen Sie das dem Arzt melden, damit er ein anderes Blutdruckmedikament aufschreibt.“

Nach längerem Suchen habe ich dann weisse Perindopril Tabletten gefunden: Sandoz und Actavis. Interessanterweise sind die Orignal-Coversum auch grün – so wie die vom Arzt aufgeschriebenen von Mepha.

Mein Dank hier an die documed und compendium.ch mit der neuen Funktion, wo man auch die Tabletten gleich anschauen kann! Echt praktisch für so etwas.

Tabletten bestellt, erst mal eine kleine Packung zum schauen, und ihr gegeben … Und: anscheinend geht das mit den neuen (weissen) Tabletten.

Interessant.

So funktioniert das aber nicht

Patient: „Auf meinem Rezept steht Brufen, aber der Arzt hat dazu geschrieben „Substituieren ok“ – das heisst, ich kann auch das Tramadol stattdessen haben? Das hätte ich lieber!“

Ah. Nein.

Brufen = Ibuprofen

Tramal = Tramadol

und nein, die kann ich nicht austauschen. Mit substituieren meint der Arzt, dass ich das durch das Generikum ersetzen darf – also etwas mit dem gleichen Wirkstoff.

Schnurz-Egal Hauptsache billig

schnurz-egal-hauptsache-billig-packshot

Bild von der Seite: Schnurz-Egal.de (mit freundlicher Genehmigung) – Unbedingt die Packungsbeilage lesen!

Deutsches Rabattvertrag-system … sagt das meinen Schweizer Lesern etwas? Nein? Dann versuche ich das hier in Kürze zu erklären:

Es hört sich nach Sparen an, aber der einzige Gewinner bei der Sache ist die Krankenkasse. Die machen nämlich diese Rabattverträge mit den diversesten Generikafirmen. Sie schreiben dazu Wirkstoffe aus, die Firmen machen Angebote und das beste Angebot bekommt dann den Zuschlag. Fortan dürfen die Apotheken den Patienten bei diesen Wirkstoffen (egal was auf dem Rezept steht) nur noch genau das Präparat von der Firma abgeben, mit der deren Krankenkasse gerade aktuell einen Vertrag hat. Alles andere wird nicht vergütet (retaxiert) und teils muss der Patient zuzahlen. Wieviel die Krankenkassen daran sparen ist unbekannt, da die Verträge geheim sind. Es muss aber ziemlich lohnend sein, denn die Verträge (und damit die abzugebenden Wirkstoffe) wechseln ständig.

Dadurch entstehen dem Patienten ständige Wechsel wie die Tabletten heissen / aussehen / … und teils auch wirken.

Aber Pharmama, Du bist doch so für die Generika-Abgabe … weshalb bist Du da so gegen das Rabattsystem?

Ich BIN für Generika. Ich finde es auch gut, dass die günstiger sind als die Originale – unser Gesundheitssystem braucht es dass man da Geld sparen kann. ABER … muss man da derart Zwangsmässig eingreifen und vorschreiben, was noch genommen werden darf? Und dann noch die Krankenkasse? Die jetzt wirklich nicht wissen, was ein Austausch teils bedeuten kann (Bioverfügbarkeit, Austauschbarkeit, Einnehmbarkeit, Compliance etc?)

in der Schweiz sind jetzt anscheinend Bestrebungen im Gange, die in die gleiche Richtung gehen. Gesundheitsminister Alain Berset will einführen, dass nur noch das billigste Generikum von der Krankenkasse übernommen wird.

Wehret den Anfängen!

Dass das keine gute Idee ist, sieht man in Deutschland an den Rabattverträgen – die Apotheker müssen zum Abgeben des für die Kassen „richtigen“ Produktes manchmal richtige Marathonläufe absolvieren, vor allem wenn das Medikament wieder mal nicht lieferbar ist.

Wenn man bei uns jetzt schweizweit nur noch ein (einziges) Generikum jeweils kassenpflichtig macht … dann gibt man diesem Hersteller faktisch das Monopol darauf. Nach einem anfänglichen Preiskampf dürfte das dann sehr schnell den Effekt haben, dass die anderen Hersteller (von Original und Generika) das Mittel gar nicht mehr herstellen – wofür auch? Für die paar, die das Geld haben das selber zu zahlen? Und wenn dann ein Lieferproblem auftritt bei dem einen Generikum … dann sitzen wir hier noch mehr auf dem Trockenen.

Aber auch wenn nicht … das billigste Generikum ist (das garantiere ich) nicht in Europa hergestellt worden. Schon jetzt weiss ich nicht mehr (und kann auch nicht nachschauen), woher denn die Medikamente genau kommen. In der Schweiz gibt es noch eine heimische Firma (Streuli), der Rest der Pharmafirmen sind internationale Mogule, die international herstellen lassen. Und heute ist es so: wenn es möglichst günstig sein muss, dann passiert das in Asien. Damit habe ich zunehmend Bedenken. Immer häufiger höre ich von Unregelmässigkeiten in der Qualitätssicherung, der Dokumentation und der Wirkstoffreinheit.

Und die Wirkung auf die Patienten selber? Ich kann mir hier noch (zusammen mit dem Patienten) die Generika selber aussuchen. Ich bemühe mich auch Generika an Lager zu halten – dabei spielt der Preis eine Rolle, aber auch Faktoren wie Einnehmbarkeit, Zuverlässigkeit der Firma, Bioverfügbarkeit im Vergleich zum Original etc. Wenn ich einmal einen Patienten vom Generikum überzeugen konnte, versuche ich auch nicht mehr zu wechseln. Gerade beim älteren Patienten hängt viel davon ab, ob er es richtig einnimmt dass die Tabletten wiedererkennbar das ist, was er bisher genommen hat. So jemanden (wie in Deutschland) alle paar Monate wieder davon überzeugen zu müssen, dass diese Tabletten, die jetzt ganz anders aussehen (weiss statt rosa, oval statt rund …) und ganz anders heissen jetzt das gleiche sein soll, wie das, was er bisher hatte und die er (bitte) gleich weiter nehmen soll – das ist schwierig. Manchmal unmöglich.

Darum: bitte nicht. BITTE NICHT!

Wer jetzt denkt, dass ich das nur wegen dem Geld schreibe, das ich als Apotheke bei so einer Änderung verliere, dem möchte ich 2 Sachen zum Bedenken geben: Der Teil, den ich an der Marge eines rezeptpflichtigen Medikamentes verdiene ist ziemlich klein – mehr bekomme ich durch die Pauschalen. Da ist es mir egal, ob es sich um ein Original oder ein Generikum handelt, ich bekomme gleich viel (finde ich auch sinnvoll).

Und für die Apotheke macht so eine Vorschrift die Lagerhaltung wesentlich einfacher und günstiger: Dann muss ich statt den 3 − 4 Generika nur noch ein einziges an Lager haben.

Trotzdem bin ich dagegen. Nicht wegen mir – wegen meinen Patienten. Ja – es ist nötig, dass der Anteil der abgegebenen Generika erhöht wird (und ich arbeite mit daran), aber das hier ist unsinnig und im Endeffekt gefährlich für unser Gesundheitssystem – wo die Ausgaben für die Medikamentenkosten 9.2% der Gesundheitskosten betragen (2014) … und deren Anteil in den letzten Jahren schon stetig gesunken ist! Wollt ihr nicht mal woanders ansetzen???

Generika im Gegenwind

Ich bin ein starker Befürworter von Generika und konnte doch schon einige auch skeptischere Kunden dazu bewegen, zu wechseln. Unterstützt wurde ich dabei vom Wissen, dass Generika zwar „nur“ Nachfolgepräparate sind, also Medikamente, die herausgekommen sind, nachdem beim Erfinder und Hersteller das Patent dafür abgelaufen ist – sie aber wenn schon nicht besser zumindest nicht schlechter sind als die Originale. Gleichwertig.

Das mussten die Pharmafirmen ja schliesslich beweisen indem sie vor der Markteinführung Studien brachten, die die gleiche Bioverfügbarkeit nachweisen. Oft werden solche Studien extern durchgeführt.

Und jetzt … stellt sich heraus, dass da im grossen Stil manipuliert wurde.

Das ändert nichts an der Wirksamkeit der Wirkstoffe und Mittel selber – die teils schon länger auf dem Markt sind. Aber es wirft ein ganz schlechtes Licht auf die Generikahersteller und speziell die Firma GVK Biosciences als deren Dienstleister , die diese Studien gemacht hat / oder machen sollte und die dabei Abkürzungen gemacht hat, die nun die ganzen Zulassungen in Frage stellen.

Natürlich … geht es auch hier wieder ums liebe Geld. Ich bin sicher, diese Firma hat ihre Arbeit am günstigsten angeboten, weshalb sie dann auch von so vielen Firmen (mindestens 16) für so viele Medikamente (mindestens 80 in Deutschland alleine) gebucht wurde.

Die Firma GVK Biosciences war schon einige Zeit ins Licht der Zulassungsbehörden geraten, als die französische Arzneimittelbehörde in neuen Studien zwischen 2008 bis 2014 gefälschte Elektrokardiogramme fand. Es könnte gut sein, dass sie wie die indische Firma Ranbaxy, die schon mehrfach wegen derartigem in der Presse war, Daten von einmal gemachten Tests einfach kopiert und wiederverwendet hat ohne sie neu zu machen, wie es verlangt wird.

Die Folge von all dem ist jetzt, dass die Zulassungen, die auf diesen unkorrekt durchgeführten Studien beruhen erst mal ruhen. Die betroffenen Medikamente werden zurückgezogen und sind per sofort nicht mehr erhältlich.

In der Schweiz habe ich noch nichts von einem Rückzug gehört, aber es sollen auch bei uns (zum Glück nur einzelne) Medikamente betroffen sein.

So was ist super-blöd für die Patienten, die die bisher genommen haben. Die müssen jetzt umgestellt werden.

Das ist super-blöd für die Apotheker in Deutschland, die diese Umstellung jetzt hauptsächlich vornehmen müssen. Das gibt mehrfachen Aufwand uns Erklärungsbedarf. Erschwert wird das ganze dort auch noch durch diese Rabattverträge – die Krankenkassen schreiben dort ja den Patienten vor welche Generika die nehmen müssen (!) und da die Krankenkassen vor allem auf das Kriterium „günstig“ (Billig!) fixiert sind, kann ich mir vorstellen, dass das eine Menge Generika betreffen wird, die in solchen Rabattverträgen sind. Irgendwo muss „günstig“ ja herkommen – hier auch in den nicht korrekt gemachten Zulassungsstudien des günstigen Anbieters.

Das ist auch blöd für die Pharmafirmen. Nicht nur die betroffenen, sondern so ziemlich alle Generika-Anbieter. So bekommen sie (und die Generika allgemein) einen schlechten Ruf. Und den haben viele nicht verdient.

 

Ich bin gespannt, wie das weiter geht. Totschweigen bringt jedenfalls auch nichts.

 

Quellen: http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/wissenschaft/nachricht-detail-wissenschaft/generika-bfarm-80-zulassungen-muessen-ruhen/

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/gefaelschte-studien-in-indien-zulassung-von-medikamenten-gefaehrdet-a-1006799.html

http://www.tagesschau.de/inland/medikamente-109.html