Im Moment ausser Kontrolle

Ein Mann kommt am Freitag Abend in die Apotheke: „Ich brauche mein Lantus, ich kann nicht warten, ich habe keines mehr, ich brauche es jetzt!

Lantus ist Insulin – er ist also Diabetiker und sein Blutzucker steigt auf ungesunde Werte und schadet seinem Körper, wenn er ihn nicht mit Insulin senkt. Ein Notfall – ja.

Er hat kein Rezept, also versuche ich alles, den Arzt zu erreichen. Seiner ist laut Anrufbeantworter noch in den Ferien, aber seinen Vertreter erwischen wir tatsächlich noch, bevor er ins Wochenende geht. Er faxt uns ein Rezept.

Beim Rezept eingeben fällt mir auf, dass er das letzte Mal vor etwa einem Jahr hier war um Lantus zu holen.

Hmmm.

Als er es abholen kommt, frage ich ihn danach.

„Ah," sagt er, "ich habe es eine Zeitlang nicht mehr genommen, aber mein Zucker ist im Moment wieder etwas ausser Kontrolle.“

Im Moment?!?

Und jetzt ärgere ich mich ein bisschen. Schöner Notfall, für den er uns so durch die Gegend hetzt.

Ist mir schon klar, dass man hohen Zucker lange nicht merkt – aber dieser Mann wusste von seinem Problem … und hat beschlossen das zu ignorieren. Während Monaten. Bis genau am Freitag Abend vor dem Wochenende.

Pharmama: "Sie wissen, dass der Blutzucker nicht nur im Moment ausser Kontrolle ist. Und dass Sie das Insulin jeden Tag nehmen müssen um ihn zu senken?"

Mann: "Jaja, schon klar. Wiedersehen!"

… kein Danke.

Bei ihm ist jetzt ein Vermerk im Dossier. Beim nächsten solchen "Notfall" reisse ich mir kein Bein mehr aus, dann kann er vorher selber sein Rezept besorgen gehen. Sorry.

Wie stelle ich ein Rezept aus – Anno 1936

Die Erwähnungen diverser alter Rezept-formularien im "Blaue Salbe" Post hat mich daran erinnert, dass ich noch ein Buch habe, das sie in der Apotheke entsorgen wollten und das ich nach Hause "gerettet" habe. Es ist das "Rezeptierkunde – Leitfaden zum Verschreiben und Anfertigen von Rezepten" von Prof. Dr. Med T. Gordonoff – ursprünglich vom Jahr 1936.

Und dann konnte ich es nicht mehr weglegen. Das war so interessant – die Unterschiede, das immer noch gleiche. Ein Einblick in eine andere Zeit … und ich frage mich unwillkürlich, wie ich mich damals wohl als Apothekerin gemacht hätte.

Der Autor Anton (Toni) Gordonoff wurde 1893 in Russland geboren und starb am 29. Dezember 1966. Gordonoff hat Pharmakologie studiert an den Universitäten von Bern und Nancy. Er wurde ein Professor für Pharmakologie und Toxikologie, hat diverse Bücher geschrieben – und ist offensichtlich vor Gericht als Pharmakologie-Experte aufgetreten, am bekanntesten seine Verteidigung der angeblichen Gift-Mörderin Maria Popescu, 1953 – was wohl zu ihrer (späten) Freilassung geführt hat.

Aber zurück zum Buch – zu dem ich Euch ein paar Einblicke geben will.

Die Grundlagen der Rezeptur werden dem Medizinstudenten in der Schweiz nur während eines einzigen Semesters in speziellen Kursen beigebracht …
In den verbreiteten Lehrbüchern der Pharmakologie … wird die Rezeptur gar nicht besprochen…

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Ja, das ist heute mit dem Ausstellen der Rezepte nicht anders – allerdings handeln sie das inzwischen in einer einzigen Stunde ab … denn schliesslich geht es nicht mehr um das zusammenstellen von Anleitungen zur Herstellung, sondern um das Abgeben von Fertigen Arzneimitteln … mit bekannter Wirkung.

Auf zahlreiche Anfragen von Studierenden hin, welches Buch man zum Erlernen der Rezeptur verwenden könnte, habe ich mich entschlossen, einen solchen Leitfaden für die Rezeptologie zu schreiben. Er enthält die wichtigsten Grundlagen der Rezeptur, des Rezeptverschreibens und der Rezeptausstellung, wie sie in der Pharmacopoe Helvetica V angegeben sind. Das Büchlein ist somit in erster Linie für die schweizerischen Mediziner bestimmt. Möge es vom Studenten, wie auch vom jungen Praktiker recht viel konsultiert werden, damit er schon während seiner Studienzeit, bzw. zu Beginn seiner praktischen Tätigkeit, die Ars formulas praescribendi richtig erlernt.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Oh, die Pharmacopoe 5! Die habe ich bei mir sogar noch in der Apotheke, wo sie im Regal vor sich hingilbt … inzwischen sind wir aber bei Ausgabe … Moment, ah ja: 11!

Der angehende Arzt wird dann nicht mehr gezwungen sein, seine Rezepte blindlings abzuschreiben; er wird ferner auf diese Weise sich nicht nur vom Rezepttaschenbüchlein sondern auch vom Fabrikreisenden unabhängig machen können, und schliesslich wird er auch nicht mehr auf die grosse Menge von Spezialitäten angewiesen sein. Einen grossen Teil von Arzneispezialitäten, besonders die vielen Fabrikkombinationen kann und soll der Arzt durch das eigene Rezept ausschalten. Denn nur auf diese Weise wird er seine Therapie individuell gestalten. Und Individualisierung in der Therapie ist die Grundlage der Behandlung! Dadurch würde er auch das Apothekerwesen fördern und ebenso die Behandlung des Patienten in den Händen behalten. Zu alledem soll ihm die „Rezeptierkunde“ verhelfen.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Fabrikreisende? – Ich schätze, die heute Form davon ist der Vertreter der Pharmafirma. Und die erwähnten Spezialitäten, das sind die Fertigarzneimttel, vertrieben durch die Pharmafirmen. Er redet von 'grosser Menge', aber das war 1936? Da hatte es wirklich noch nicht sehr viel. Vor allem, wenn man es mit heute vergleicht. Bei weitem das meiste wurde erst danach entdeckt und vertrieben … und vieles, was damals auf dem Markt war – war nicht so gut getestet vor der Einführung wie heute. Das grosse Umdenken da begann erst richtig nach dem Thalidomid-Skandal.

Mal überlegen, was gab es da wohl schon? Aspirin und opioide Schmerzmittel und Hustenmittel, das Penicillin und die Antibiotika kamen erst später (nach 1940?), dafür hatten sie so "Desinfektiva" auf Azofarbstoff-Basis, Barbital als Beruhigungs- und Schlafmittel, Insulin von Tieren … wobei erst beginnend. Alles an Blutdrucksenkern kam nachher … nee, nicht viel.

Es hat keinen Sinn, über die Spezialitäten zu wettern und zur gleichen Zeit ihr Überhandnehmen durch ihre Verordnung zu fördern. Die Spezialitäten sind ein absolut notwendiges Übel! Und auf manche Spezialitäten kann der moderne Therapeut überhaupt nicht mehr verzichten, ganz abgesehen von den Hormonen und Vitaminen, für deren Wirksamkeit nur ein grosses Werk die Garantie zu übernehmen vermag.
Aber Kombinationspräparate soll der Arzt in den meisten Fällen selber praescribieren.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Ja, Vitamine und Hormone … und überhaupt die meisten komplizierter zusammengesetzten Sachen – das kann der Apotheker nicht in seinem Labor synthetisiseren. Aber interessant, dass gerade diese beiden erwähnt sind. Die Vitaminpräparate wurde inzwischen von den Lebensmittelhändlern anektiert und die Hormone haben ihre Hoch-Zeit lange hinter sich und man geht heute wieder viel vorsichtiger damit um.

Das war die Einführung. Nächste Woche geht es wirklich los!

Ist ja nicht so, als ob man damit etwas dummes machen könnte!

Die rüstige Frau um die 60 kommt in die Apotheke und verlangt von mir 2 Fläschchen Codeinhaltige Hustentropfen.

„Ist es für Sie selber?“ 

„Nein, ich soll das meiner Freundin mitbringen.“

Das kann so sein oder nicht. Ich glaube es jetzt mal. Sie selber sieht nicht wirklich so aus, als ob sie regelmässig das holen würde.

Pharmama: „Haben Sie eine Ahnung, was für eine Art Husten ihre Freundin hat?“

„Nein, sie hat mir nur gesagt ich soll ihr das mitbringen“

„Ich kann Ihnen ein Fläschchen geben. Es ist aber nur für trockenen Husten gedacht – könnten Sie das ihrer Freundin deutlich sagen?“

„Sie hat aber gesagt ich soll 2 Flaschen mitbringen.“

Ja, das hat sie sicher. Ich finde es immer wieder spannend, wenn man andere Leute vorschickt, um Medikamente zu holen – speziell, wenn die nicht wissen, für was die Mittel sind.

„Ich kann ihnen nur eine geben.“ Ich stelle ihr das Fläschchen auf die Theke.

„Aber warum? Ist ja nicht so, als ob man damit etwas dummes machen könnte!“

Sagt sie.

„Und ich könnte auch einfach in eine andere Apotheke gehen und es dort kaufen!“

Dass ich das von ihr hören muss!

Ich ziehe die Augenbraue hoch. Soll sie doch merken, was ich von der Aussage halte.

„Wir verkaufen nur eine Flasche pro Person, weil das gerne missbraucht wird – und weil man, wenn der Husten länger dauert, das auch mal vom Arzt anklären lassen soll. Es könnte ja auch eine Lungenetzündung geben und ähnliches.“

„Missbrauchen? Weshalb?“

Sie ist wirklich fast amüsant ahnungslos. Und ich stehe jetzt vor einem kleinen Dilemma. Wieviel soll ich ihr darüber erzählen?

„Ich soll ihnen erzählen, was passiert?“

„Ja?“

„Nun, dieses Mittel enthält Codein – ein Hustendämpfer. Ein Teil davon wird aber, wenn man es nimmt, im Körper umgewandelt in Morphium – das sagt ihnen etwas? …Dementsprechend macht es ein Hochgefühl – und Abhängig. Es ist nicht ungefährlich, es dämpft in den hohen Dosen nicht nur den Husten, sondern die Atmung selber.“

„Und da gibt es Leute, die das so trinken?!?“

„JA.“

„Oh. Das wusste ich nicht. Geben sie mir das eine Fläschchen – ich sage das meiner Freundin.“

Sie hat das tatsächlich begriffen. Cool.

Wobei ich ja noch interessiert wäre, wie das Gespräch mit der Freundin nachher gelaufen ist. Es besteht nämlich die Möglichkeit, dass die das Mittel missbraucht.

Nicht so nett ausgedrückt

Inkontinenzmaterial ist (meiner Meinung) nach schon ein genug sensibles Thema. Ich verstehe durchaus, dass es nicht lustig ist für die Leute, die Einlagen tragen müssen, weil sie unwillkürlich Urin verlieren.

Das kann man aber durch ungeschickt gewählte Ausdrücke noch verschlimmern.

rezeptwindeln

Die ganzen Hös’chen haben auch einen offiziellen Namen: Pants. Von mir aus auch Höschen statt Einlagen. Aber … Windeln?

den Kunden fand ich aber auch nicht besser:

„Haben Sie Pampers für meinen Grossvater?“

:-(

Was macht Junior?

Oder vielleicht besser: was machen wir?

„Wir“ haben letzte Wochen den ersten Schultag gehabt. Ein grosser Tag für uns :-)

Junior hat gut angefangen – wie alle, die neu in das Schulhaus kommen, hat auch er einen Götti bekommen: einen älteren Schüler, der ihm hilft, ihm alles zeigt und bei Fragen da ist. Sein Wunsch für Junior: „… dass Du gut in der Schule bist!“

Au ja, bitte.

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Wir starteten schon gut: Hausaufgaben gab’s gleich am ersten Tag – und die haben bisher auch nicht nachgelassen.

Seitdem machen wir also täglich Hausaufgaben. Das heisst natürlich Junior macht … und ich schaue, *dass* er sie macht. Er malt Nullen und O’s schon wie ein Profi :-) Ansonsten ist er ein bisschen ein Minimalist – jedenfalls hat er das Blatt, wo er in die Felder die Anzahl Objekte, die aufgeschrieben waren (zum Beispiel 5 Bälle, 8 Tannen etc.) alle einfarbig in Braun gemalt. Naja, es steht auch wirklich nirgendwo, dass es farbig sein müsste … also kein Grund für mich, mich zu beklagen.

Dafür habe ich vergessen, ihm sein Badezeug mitzugeben – was hauptsächlich daran liegt, dass auf dem Stundenplan steht „Turnen“ … und ich nicht dachte, dass sie grad mit Schwimmen starten. Da musste er sich eine Badehose vom Abwart ausleihen … und ich mir nachher seine Vorwürfe anhören. Das nächste Mal bekam er auch das Badezeugs mit … da hat er nur Turnen. Hmmm – ich muss mal nachfragen, wie sie das gedacht haben. Denn die nasse Badehose sollte er ja nach Hause wieder mitbringen – auf der anderen Seite steht, dass der Turnsack immer in der Schule bleibt … aber auch den hat er bisher immer wieder zurückgebracht. Ist es wirklich gedacht, dass er immer beides dabeihat?

Für Junior ist das anstrengend – für uns auch. Immerhin müssen wir jetzt täglich früher aufstehen. Da sind meine Arbeitszeiten etwas unangenehm, weil wenn ich bis 7 Uhr abends arbeite, wir erst frühstens auf die halb Acht zum gemeinsamen Nachtessen kommen … und das heisst wiederum, dass er danach gleich ins Bett muss.

Die ersten paar Nächte war er auch wesentlich unruhiger … aber das ist zu erwarten, er hat viel zu verarbeiten.

So sind wir alle ein bisschen müde, aber zufrieden.