Antidote und Gegengifte

Auf speziellen Wunsch von Hermione – und weil ich das Thema selber sehr spannend finde: etwas über Gifte und Antidote. Wikipedia sagt darüber:

Das Antidot vermag

  • die Toxizität (Giftigkeit) einer Substanz zu vermindern
  • eine Substanz an sich zu binden
  • eine Substanz in weniger giftige Substanzen umzuwandeln
  • eine Substanz vom Wirkort zu verdrängen
  • die Verstoffwechselung einer Substanz zu beschleunigen
  • die Ausscheidung einer Substanz zu beschleunigen

Ein Antidot kann über eine oder mehrere dieser Fähigkeiten verfügen und so die Gefährlichkeit des Zustandes für den betroffenen Organismus verringern oder ganz beseitigen. Antidots sind größtenteils selbst toxisch und sind daher nur eingeschränkt prophylaktisch (vorbeugend) verabreichbar.

Der Ausdruck Gegengift kommt also nicht (nur) daher, da es gegen ein Gift wirkt, sondern auch daher, dass es selber ein Gift sein kann.

Klassisches Beispiel dafür wäre Alkohol. Der Ethanol, den wir in Getränken zu uns nehmen ist zwar nicht offiziell als „Gift“ eingestuft, aber ist ungesund und macht entsprechende Erscheinungen bei Einnahme: er macht die Leberzellen kaputt (Leberzirrhose und -verfettung), schädigt die Neubildung von roten Blutkörperchen, ist teratogen, hat also direkten Einfluss auf das Kind im Mutterleib mit bleibenden Schäden, und zeigt auch direkt nach Einnahme physiologische Effekte: Schwindel, Übelkeit, Orientierungsstörung, Reaktionszeitverlängerung, gesteigerte Aggressivität etc. Für ungeübte Trinker liegt die letale Dosis bei etwa 3 bis 4 Promille. Leute die viel trinken, „trainieren“ aber ihre Leberenzyme – die den Alkohol auseinanderbrechen und abbauen -so dass schon Werte bis 7 Promille gemessen wurden, ohne dass die Person gestorben ist.

In schlecht hergestellten Alkoholika kann Methanol enthalten sein – teilweise wurde es auch schon zum „strecken“ absichtlich zugefügt. Methanol ist chemisch ähnlich wie Ethanol, selbst nicht giftiger, ABER wird im Körper in der Leber durch ein Enzym (ADH = Alkoholdehydrogenase) in Formaldehyd und Ameisensäure abgebaut.  Die Ameisensäure führt dann zu einer akuten Übersäuerung, einer metabolischen Azidose, wodurch Nerven geschädigt werden (zuvorderst der Sehnerv, deshalb die häufigen Meldungen von Erblindungen) und kann durch Atemlähmung zum Tod führen.

Gegengift: Um also diesen Abbau zu verhindern, „beschäftigt“ man das Enzym ADH mit normalem Ethanol, bis der Methanol unabgebaut aus dem Körper verschwunden ist. Dafür muss aber während einigen Tagen ein ziemlich hoher Alkoholspiegel aufrechterhalten werden. Heute benutzt man deshalb öfter 4-Methylpyrazol (Fomepizol), das das Enzym ebenfalls hemmt und nicht so „giftig“ ist wie Ethanol, dafür teurer und sicher weniger lustig für die Betroffenen.

Paracetamol, nicht gerade, was man als „Gift“ bezeichnen würde: ein bekanntes, vielgebrauchtes Schmerz- und Fiebermittel auch in Schwangerschaft und bei Kindern einsetzbar – aber es macht bei Überdosierung (egal ob versehentlich oder in suizidaler Absicht) schwere Beeinträchtigung der Leberfunktion. (Nur) 10g eingenommen innert 24 Stunden können beim Erwachsenen zu einer irreversiblen Leberschädigung oder Leberversagen führen, bei Alkoholikern und anderen mit Leberschäden reicht schon weniger. Die Leber ist ein lebenswichtiges Organ, ohne sie können wir nicht leben. Auch hier ist das Problem, dass der Körper Paracetamol zur Ausscheidung in der Leber umbaut – dabei entsteht auch N-Acetyl-p-benzochinomin, das dann toxisch wirkt.

Gegenmittel ist hier N-Acetylcystein, das dies abfängt, indem es damit Konjugate (Verbindungen) eingeht, die dann ungiftig sind. Amüsanterweise ist das dasselbe N-Acetylcystein (ACC), das sehr häufig bei Husten als Schleimlöser verwendet wird. Wenn man das rechtzeitig und hochdosiert verabreicht) kann man damit verhindern, dass die Leber zu Grunde geht. Ansonsten bleibt nur noch eine (hoffentlich rechtzeitige) Lebertransplantation. Im Gegensatz zur Niere hat man hier noch keine Möglichkeit die komplexen Funktionen der Leber zu simulieren.

Aktivkohle ist speziell behandelte Kohle aus verschiedenen Substanzen, sie besteht überwiegend aus Kohlenstoff (meist > 90 %) mit hochporöser Struktur: sehr Schwammartig. Die innere Oberfläche beträgt zwischen 300 und 2000 m²/g Kohle, damit entspricht die innere Oberfläche von vier Gramm Aktivkohle ungefähr der Fläche eines Fußballfeldes. Dadurch ist sie in der Lage verschiedene Substanzen an sich zu binden. Das geht nicht mit allen, grundsätzlich steigt die Adsorbierbarkeit einer Verbindung mit steigendem Molekülgewicht, steigender Anzahl funktioneller Gruppen wie Doppelbindungen oder Halogenliganden und steigender Polarisierbarkeit des Moleküls. Alkohol bindet es nicht (zu klein), aber etwas wie Paracetamol schon und auch Bakterien.

In der Medizin wird Aktivkohle vor allem dafür benutzt, Giftstoffe aus dem Magen-Darm-Trakt zu entfernen. Bei harmlosen Durchfallerkrankungen, z. B. Magen-Darm-Grippe (Gastroenteritis), werden üblicherweise Kohlekompretten benutzt. Bei Vergiftungsnotfällen wird Aktivkohle in größerer Menge benutzt, um oral aufgenommene Gifte, die sich im Verdauungstrakt befinden oder einem enterohepatischen Kreislauf unterliegen, aus dem Organismus zu entfernen. Die Dosierung ist in solchen Fällen 0,5 bis 1 g Kohle pro Kilogramm Körpergewicht bei einem erwachsenen Menschen.

Zum Beispiel bei Paracetamol: Unmittelbar bis etwa eine Stunde nach Einnahme einer Überdosis Paracetamol kann Aktivkohle angewendet werden.ei Zu spät aber und ohne Acetylcystein kommt es zu einem fortgeschrittenen Leberversagen nachdem die Lebertransplantation die einzige verbleibende Therapieoption ist, welche dem Patienten noch eine Überlebenschance eröffnet.

Es gibt noch mehr so interessante „Kombination:“

Opiate – Gegengift: Naloxon

Flusssäure – Gegengift: Calciumgluconat

Cumarinderivate – Gegengift: Vitamin K

hier findet sich eine Liste und Erläuterungen: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Intoxikationen_und_Antidota

Andere Leute schicken

Mit den Dauerrezepten ist das so eine Sache. Das Rezept bleibt in der Apotheke und der Patient kann (nach Bedarf) zu uns kommen und weitere Packungen erhalten. Im Normalfall bekommt der Patient ausser dem Medikament nicht noch irgendeinen Zettel mit: der Name / Ausweis und die Info, was gebraucht wird reicht uns beim Abholen.

Bei bestellten Sachen haben die Leute einen Abholzettel, bei Dauerrezepten den Ausweis (zum Beispiel die Krankenkassenkarte), manchmal die leere Packung: da steht die Info auch auf dem Dosierungsetikett. Mit der Zeit kennen wir auch „unsere“ Stammkunden, die müssen dann nur noch sagen, was sie brauchen.

Was aber, wenn jemand anders als der Patient, für den das Dauerrezept ist, Medikamente abholen will?

Eines der ersten Dinge, die wir bei einer Abgabe immer abklären müssen ist der Empfänger des Medikamentes. Wenn ein Mann etwas abholen kommen will und einen Frauennamen nennt, ist es ziemlich deutlich, dass das nicht der Empfänger ist.

Gut, wenn ich die Person kenne und ich weiss, das ist der Ehemann der Frau (und er hat sie auch schon begleitet), dann gehe ich im Normalfall davon aus, dass das okay ist. Oder ich hinterlege einen Kommentar, wer die Erlaubnis hat, Medikamente für die Person zu holen.

Letzthin hatten wir aber einen Fall, wo ein Mann für seine Freundin ein Medikament – Seresta (starkes Beruhigungsmittel) abholen wollte. Er hatte nichts (ausser dem Namen der Patientin und dem Mittel). Kein Ausweis, keine Bestätigung, ich habe ihn noch nie gesehen …

Ich habe ihm gesagt, ich brauche entweder eine schriftliche Erklärung oder mindestens einen Telefonanruf von ihr zur Bestätigung, damit ich ihm das mitgeben kann.

Ich meine, das ist heute keine Sache mehr: er kann sie rasch per Natel informieren, ich bekomme einen Anruf und stelle ein paar Fragen … ihre Telefonnummer war übrigens nicht hinterlegt, sonst hätte ich da angerufen. Und nennen wollte er sie mir auch nicht.

Er war nicht ganz so zufrieden (gelinde ausgedrückt) und ging dann. Auch den Rest des Tages habe ich nichts mehr von ihr (oder ihm) gehört. Das macht mich doch etwas misstrauisch.

Es gibt Vorschriften. Ich drücke nicht einfach irgendwelche (potenten) Medikamente jemandem in die Hand zum mitnehmen, wenn ich nicht sicher bin, dass das an der richtigen Stelle ankommt.

Vielleicht war das ihr Freund – im dööfsten Fall war das aber einfach jemand, der irgendwie mitbekommen hat, dass sie das nimmt und versucht so (gratis und bequem für ihn) an das Medikament zu kommen.

Übrigens: auch der Ehemann hat nicht automatisch die Erlaubnis Medikamente für die Frau abzuholen (oder umgekehrt). Das Patientengeheimnis (zum Beispiel) gilt selbst gegenüber Verwandten. Meistens ist die Abgabe aber okay: die Partner wissen nicht nur für wen und was gebraucht wird, man kann auch anfragen bei Zweifel, ob das gegeben werden soll … Aber wir haben mindestens einen Fall, wo „sie“ einen Kommentar bei sich hinterlegen liess, dass „er“ keine Tabletten für sie abholen darf. Die beiden sind (weiter) verheiratet und kommen gelegentlich zusammen. Mir ist das recht – hauptsache, wir wissen es.

Unfallträchtig

unfalliste

Es gibt schon Leute, die sind etwas … unfallträchtig. Aber wenn ich bei diesem Patienten in der Kommentarhistory schaue … das ist jetzt der vierte Unfall innert fünf Jahren. Was macht der??

Wir wissen es nicht. Nur selten bekomme ich in der Apotheke Unfallbeschreibungen zum Beispiel auf Formularen zu sehen.

Dabei bin ich ja persönlich der Überzeugung, dass es fast keine Möglichkeit gibt, eine kurze Unfallbeschreibung so zu halten, dass sie nicht (unfreiwillig) komisch ist. Ob es daran liegt, dass man auf den Formularen für Unfallmeldungen keinen Platz hat, oder daran, dass man sich möglichst offiziell ausdrücken will, oder daran, dass uns (mir) eine gewisse Schadensfreude inneliegt … ich glaube ich habe noch keine Unfallbeschreibung gesehen, die ich nicht … irgendwo amüsant fand.

Natürlich hängt das auch damit zusammen, dass ich weiss, dass es einigermassen gut ausgegangen ist … immerhin steht die Person ja vor mir. Und es bedeutet auch nicht, dass ich da nicht empathisch bin. Unfälle sind nie gut.

Aber versucht Euch mal an so einer Unfallbeschreibung, entweder mit einem eigenen Unfall – oder mit der Beschreibung aus dem Unfall bei uns in der Apotheke unten. Ihr habt aber nur Platz für Maximal 3 Sätze oder 15 Worte.

Wir haben eine Bürotüre aus Glas. Die ist in 99% der Fälle offen. Dieses eine Mal war sie es nicht, denn jemand musste ein Gespräch führen, bei dem sie nicht gestört werden sollte. Um die Sache kurz zu machen: Meine Kollegin brauchte in der Zeit etwas aus dem Büro. Sie war am Bedienen an einem Kunden, hatte ein Rezept in der Hand und war beim laufen so darauf konzentriert, dass ihr die geschlossene Tür nicht aufgefallen ist – bis sie direkt hinein gelaufen ist und sich dabei die Nase aufgeschlagen hat. Ergebnis: zum Glück nicht gebrochen, aber kleine Platzwunde, die angeschaut werden musste. Eventuell auch eine geringe Hirnerschütterung.

Es geht ihr wieder gut. Wir haben Massnahmen ergriffen, dass das möglichst nicht mehr passiert.

Und jetzt ihr!

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Auf Arzt-Konfrontationskurs

Auf Arzt-Konfrontationskurs war letztens meine Kollegin.

Auf das Rezept hat der Arzt geschrieben: Voltaren Salbe.

Die Patientin ist aber unsicher, ob es das richtige ist. Sie war eigentlich nur beim Arzt das Rezept für ihr Dauermedikament abholen, hat sich aber am Wochenende mit dem Bügeleisen verbrannt: eine grosse, offene Wunde (ehemals Blase) auf dem Bauch. Sie hat den Arzt gefragt, ob er ihr dafür auch grad etwas aufschreiben kann – und er hat (laut ihr ohne auch nur einen Blick auf die Wunde zu werfen) Voltaren aufgeschrieben.

Das kann man nicht auf offene Wunden auftragen. Das steht deutlich in der Fachinfo: nicht auf offene Hautwunden oder sonstige offene Verletzungen auftragen. Diese Brandwunde hier war ausserdem ziemlich gross und sah auch noch aus als wäre sie gerade dabei sich zu infizieren. Meine Kollegin hat dann eigenständig Wundheilsalbe (Ialugen plus) und Verbandsmaterial daraus gemacht und die Patientin instruiert und anschliessend ein neues Rezept verlangt.

Und das nächste Rezept war gleich noch so etwas. Anderer Arzt allerdings.

Die Patientin hat starke Schmerzen, so stark, dass sie kaum schlafen kann. Der Arzt verschreibt Irfen retard, 800 mg 2x täglich. Das (und alle Generika und weiteren Medikamente in der gleichen Form) ist seit Wochen nicht lieferbar. Der Grosshandel stellt uns für Anfang Nächsten Monat wieder welche in Aussicht.

Der übliche Ersatz (600mg Ibuprofen und öfter zu nehmen) hat bei der Patientin nichts gebracht weshalb man beim Arzt anruft, um nach einem anderen Ersatz zu fragen.

Das Telefon muss toll gewesen sein. (Nicht).

Apothekerin: „Guten Tag, ich rufe an für Frau … der sie Irfen retard 800 mg aufgeschrieben haben. Das und alle Generika davon sind noch eine Weile nicht lieferbar. Können wir etwas anderes dafür abgeben?“

Arzt: „Nehmen Sie Brufen retard 800mg“

Apothekerin: „Das ist ebenfalls nicht lieferbar. Wir bekommen nichts bis frühstens Anfang nächsten Monat.“

Arzt: „Dann muss sie halt warten.“

Apothekerin: „Warten Sie! (er hätte fast aufgehängt) Umm, Sie hat starke Schmerzen und nichts mehr zu Hause. Soll sie es nicht mit Tilur retard versuchen?“

Arzt: „Wenn Sie meinen. Okay.“

klick

Meine Apotheker-Kollegin war jedenfalls sichtlich unzufrieden mit der Leistung dieser Ärzte.

Disclaimer: Zum Glück sind das eher die Ausnahmen, die allermeisten Ärzte hier sind wirklich gut und kümmern sich auch. Selbst für die Ärzte war das … ungewöhnlich. Schlechter Tag? Schlechte Zeit?