Ausser-gewöhnliche Kundenwünsche

Wir haben da einen Kunden – nennen wir ihn Herrn Timber – wenn der in die Apotheke kommt, meist am Abend spät, dann lache ich inzwischen schon, denn ich weiss: Das wird interessant!

Herr Timber kommt so gut wie nie wegen irgendwelchen Gesundheitsproblemen – er ist fit und gesund, um die 30 … und sieht ein bisschen „wild“ aus: Vollbart und lange Haare. Aber nicht wie der Hippster Typ –mehr wie der Holzfäller :-)

Aber die Sachen, mit denen er kommt…

Das erste Mal hatte ich ihn, weil ihn der Lehrling an mich weiterreichte da sie nicht wusste, ob das erlaubt ist. Er wollte Wasserstoffperoxid hochkonzentriert. Mehrere Liter. Und: ja, da sind wir ziemlich vorsichtig mit der Abgabe, da man dass zum Bombenbauen missbrauchen kann – und gerade in grossen Mengen … Hmmmhmmm?

Also habe ich ihn ein bisschen ausgequetscht und er war sehr kooperativ.

Pharmama: „Für was brauchen Sie das denn?“

Herr Timber: „Zum Schädel bleichen.“

Ummm …. was?

Ja, er wisse, das sei etwas ungewöhnlich, und wenn das nicht gehe, sei das auch okay. Aber er arbeite in einem Aquarium und gelegentlich konservieren sie nach dem Tod eines Bewohners dessen Skelett (Respektive Gräten?). In dem Fall war es ein Hai, dessen Schädel nach ein paar Jahren nicht mehr so gut aussah, und den wollte er jetzt bleichen. Mit Wasserstoffperoxid. Damit er weisser wird.

Ich hab’s ihm gegeben, nachdem ich das festgehalten habe und eine Kopie von seiner ID gemacht habe.

Ein anderes Mal fragte Herr Timber nach Mastix. Das ist ein Baumharz.

„Das habe ich nicht da – für was brauchen Sie das denn?“

„Zum Bart ankleben, ich habe im Internet gelesen, dass das geht.“

Ich habe schon erwähnt, dass er einen Bart hat .., dass der angeklebt sein soll wäre mir bis jetzt aufgefallen, weshalb ich ihn wohl ein bisschen schräg angeschaut habe – worauf er nur lachend meinte:

„Nein, das ist nicht für mich, mein Kollege braucht das für ein Mittelalterfestival demnächst.

Im Internet habe er gefunden, dass man das mit gelöstem Mastix macht, ob ich weiss, wie das genau geht – oder ob ich eine andere Idee habe? Er bräuchte das noch bald.

Ich hatte dann eine andere Idee: Wimpernkleber! Damit klebt man künstliche Wimpern an, da wird das auch mit Haaren an anderen Hautstellen gehen. Und den hatten wir da.

Wieder ein andermal kam Herr Timber abends vorbei und wollte etwas zum die Haare weiss färben, aber nur für kurz – Karneval oder so. Da gibt’s schon etwas, aber das macht die Haare reichlich kaputt, ist dauerhaft und wie das aussieht, nachdem ein Laie das gemacht hat ?… am Schluss habe ich ihm Trockenshampoo verkauft … das ist so weisses Pulver, das er dann halt so grosszügig auf dem Haar verteilen soll und das dann drauf lassen. (Normalerweise nimmt man nicht so viel und bürstet es wieder aus).

Aber mal Ehrlich – nach all den Anfragen kommt mir langsam der Verdacht, dass er vielleicht ein Geheimagent ist. Was denkt ihr?

Ausser Handel, aus dem Häuschen.

Als ich beim Nachbestellen sehe, dass das Mittel nicht mehr beim Grossist erhältlich ist – da ausser Handel, reagiere ich prompt. Ich weiss, dass wir das Nahrungsergänzungsmittel nur wegen genau einer Kundin an Lager haben – Frau Apfelschale schwört auf das und nimmt das schon seit Jahren. Für sie wird das eine mittlere Tragödie, denke ich … mal sehen, ob ich noch etwas machen kann.

Erste Massnahme: ich rufe bei der Firma an um zu sehen, ob die noch Restbestand haben –leider nein. Ich frage ob es ein Nachfolgeprodukt gibt – leider auch nicht. Offenbar wurde es zu wenig verlangt.

Zweitens: bekomme ich das noch woanders her? Ich telefoniere bei anderen Drogerien herum um eventuelle Restbestände zu sichern.

Drittens: gibt es das gleiche von einer anderen Firma? In dem Fall leider nicht. Nicht nur kein identisches Produkt – ich weiss auch, dass ich da nicht etwas anderes nehmen kann – laut der Kundin funktioniere nur das bei ihr, anderes habe sie schon versucht.

Dann telefoniere ich der Kundin mit den schlechten Nachrichten. Genau 4 habe ich noch für sie sichern können, die darf ich ihr bestellen. Nun – immerhin noch 4 Packungen, besser als nichts.

Etwa 2 Wochen nach dem Ausliefern der aus der ganzen Schweiz besorgten Packungen bekomme ich einen Anruf von der Frau Apfelschale: „Meine Tochter hat gesehen, dass man die noch bestellen kann. Könnten Sie mir noch ein paar Packungen besorgen?“

Pharmama: „Wo hat sie das gesehen? Laut Firma gibt es keine mehr und ich habe bei den anderen Drogerien besorgt, was ich noch konnte.“

Frau Apfelschale: „Sie sagt im Internet findet man noch welche! Ich habe leider keinen Computer, aber Sie können mir das doch auch dort besorgen!“

Pharmama: „Hmm. Ich habe meine Bezugskanäle, die vertrauenswürdig sind – und die habe ich jetzt ausgeschöpft. Irgendwelche Shops im Internet gehören da nicht dazu. Das müssten sie – falls Sie das wollen – als Patient selber machen, oder ihre Tochter fragen.“

Frau Apfelschale: „Aber -Sie hat gesagt, da muss man mit Kreditkarte bezahlen. Und dann kommt noch Porto drauf.“

Pharmama: „Ja, und das würde es dort auch, wenn ich das für sie bestelle. Bei manchen geht vielleicht auch auf Rechnung, aber … wie gesagt, dass müssten Sie oder ihre Tochter selber machen.“

Frau: „Das verstehe ich nicht. Ich habe das doch immer bei ihnen bestellt.“

Pharmama: „Ja, und das ging solange es noch hergestellt wurde und offiziell im Handel war. Jetzt ist es das nicht mehr und ich bekomme das weder vom Hersteller noch von unserem Lieferanten noch von den anderen Drogerien, die das an Lager hatten. Bitte fragen Sie ihre Tochter, dass Sie ihnen das im Internet bestellt, wenn Sie das so wollen und das dort tatsächlich noch erhältlich ist.“

Ich habe danach aus Interesse noch geschaut im Internet – aber bei den vernünftigeren Anbietern war das da schon als „nicht mehr erhältlich“ gelistet.

Tja. Ich hab gemacht, was ich konnte.

Für nicht so helle Lämpchen: Petrol

männlicher Kunde in der Apotheke: „Ich bräuchte gereinigtes Petrol, einen halben Liter.“

Ich schaue, ob wir das haben. Ja. Ich komme mit der grossen Flasche nach vorne.

„Ja, habe ich. Ich muss es nur erst abfüllen.“

„Bevor Sie das machen: wie nehme ich das ein?“

Ich stelle die Flasche weit weg.

Das wäre meine nächste Frage gewesen – ‚Für was brauchen Sie es?’

Petroleum: Als Reinigungsmittel. Für Öl- und Petrollampen und eventuell noch für Feuerspucker. Das Zeug ist giftig und sollte deshalb nicht medizinisch angewendet werden.

Pharmama: „Gar nicht. Das ist nicht zum einnehmen gedacht.“

Mann: „Aber ich habe gelesen, dass das gut sei!“

Pharmama: „Ich kann das Ihnen nicht geben zum einnehmen. Schauen Sie mal, was da drauf steht:“

petrol

H304: Kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein …

P301/ 310: Bei Verschlucken sofort Giftinformationszentrum oder Arzt anrufen!

Mann: „Aber man hat mir das empfohlen. Ich nehme es trotzdem mal und frage halt dort nach, wie – wenn Sie das nicht wissen.“

Pharmama: „Tut mir leid, aber … unter diesen Voraussetzungen kann ich Ihnen das nicht geben.“

Und versorge die Flasche unter Protest des Kunden wieder.

Manche Leute muss man echt vor sich selber schützen.

Ich hab dann im Internet nachgeschaut, woher das kommt und was da so geschrieben wird. Ich find’s ja echt gruselig, was sich die Leute da antun wollen. Ich meine es hört sich dort ja phantastisch an:

Das gereinigte Petroleum ist für alles gut. Es stand jahrzehntelang sogar im Deutschen Arzneimittelbuch DAB. Dann wurde es durch den Unverstand der deutschen Politiker … unter Beihilfe der Deutschen Apothekerkommission als Heilmittel ausgelöscht. Warum? Angeblich wegen nicht erwiesener Wirkung!? Dabei ist doch jedem Menschen völlig klar, daß die Kraft des Göttlichen Atems nicht wissenschaftlich nachweisbar ist. Anstatt sich vertrauensvoll auf die Kraft Gottes zu verlassen, ballern sie die Bevölkerung mit Kortison und Strahlen voll …

Es kann bei allen Krankheiten und Beschwerden angewandt werden: von Asthma bis Zehenjucken usw.. Sogar bei Krebs scheint es viele Heilerfolge gegeben zu haben. Petroleum ist ein Erdölbestandteil. Erdöl ist verdichtetes Pflanzengut. Pflanzengut hat Sonnenlicht aufnehmen müssen, ansonsten es gar keine Pflanze hätte werden können. Das Sonnenlicht wiederum ist ein Ergebnis der Geistigen Sonne aus Gott. Also ist Petroleum ein Kraftspeicher Gottes

Ja – urks. Klassischer Esotherik Schwachsinn mit versprochener Heilwirkung auf so ziemlich alles, kombiniert mit etwas Verschwörungstheorie und diffusen Erklärungen. Häufig wird da noch ein spezielles empfohlen, das auch geruchlos ist und einen spezifischen Siedepunkt haben soll. Leute: ein anderes Wort für Petrol ist Erdöl. Auch destilliert und gereinigt enthält das aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, die krebserregend sind.

Im DAB heute steht nichts mehr drin, in einem alten habe ich die Anwendung äusserlich (!) bei chronischen Ekzemen und Frostschäden gefunden. Es verwundert echt nicht, dass das nicht mehr gebraucht wird, auch nicht mehr zur Läusebehandlung: „Auf die Verwendung von Petroleum ist zu verzichten, da zum Teil schwere Nebenwirkungen (Verbrennungen, Irritationen) auftreten können, insbesondere bei Kindern.“

Auch das DAB ist keine Bibel … man muss sich an die aktuelle Version halten, denn … das Wissen ändert sich ständig und das spiegelt sich darin, dass etwas in die Pharmakopöe aufgenommen wird und altes rausfliegt. Das sieht man heute auch bei den fertigen Medikamenten – Neues kommt rein, und bei manchem kommt erst mit der Zeit heraus, dass es nicht so gesund ist oder Nebenwirkungen hat, die man vorher nicht gesehen hat.

Petrol schlucken – und wahrscheinlich noch regelmässig – ist ungesund. Bitte glaubt mir das.

Aber irgendwie häufen sich bei uns die Anfragen für so obsolete Anwendungen. Borax wollte letztens auch wieder jemand.

Zu viel Info

Momentan arbeite ich Urs, unseren neuen männlichen Drogisten bei uns ein – er hat noch einiges zu lernen, da wir auch eine Apotheke sind, läuft bei uns einiges anders als er es vielleicht bis jetzt gewohnt war. Aber ich bin zufrieden. Er ist schnell von Begriff, packt gerne mit an und das Team … mag ihn jetzt schon sehr (Auch wenn der Start wie beschrieben bei einzelnen speziell war).

Es ist auch interessant, jetzt mal einen Mann im Team zu haben. Eigentlich … ist das direkt praktisch, auch für unsere Kunden, wenn sie mal ein Problem haben, das sie jetzt nicht vor einer Frau ausbreiten wollen.

Ich dachte dabei eher an die männlichen Kunden, aber ganz offensichtlich gibt es auch Frauen mit diesen Präferenzen.

So erzählt er mir am Abend von der Frau, die ihm ausführlicher als er sich das je gewünscht hat erklärt hat, dass sie während der Periode keine Tampons benutzt, sondern „sich Schwämme da hochstopft“ (Anscheinend O-Ton). Ja – Haushaltsschwämme, die sie in Stücke schneidet, denn die modernen Schwammtampons sind ihr zu teuer.

(Nachtrag: das ist nicht empfehlenswert als Praxis).

„Der Neue“ wird vorgewarnt

Ich habe im Jahresrückblick schon angekündet, dass wir einen Mann in die Apotheke bekommen,genauer gesagt in die Drogerieabteilung – das wird etwas gewohnungsbedürftig, dürfte für unseren „Hühnerhaufen“ (und das meine ich nicht böse, ich liebe unser Frauenteam, die sind super!) aber nicht schlecht sein.

Das Problem das wir hatten war, dass einige beim Bewerbungsgespräch und Geschäft-vorstellung nicht gearbeitet haben und ihn deshalb nicht „live“ erleben konnten. Ich bin sehr Fan davon das Team in die Auswahl von Bewerbern um eine neue Stelle mit einzubeziehen. Gerade wenn man praktisch täglich auf ziemlich engem Raum wirklich zusammen(!)arbeiten muss, damit das gut funktioniert sollten sie eine Möglichkeit haben da mit zu reden. Das war nun aus verschiedenen Gründen hier nicht möglich: wir mussten uns ziemlich schnell entscheiden und so haben nicht alle jeden Bewerber gesehen. Gut – ich bin überzeugt, dass er passt (und ich hatte vorher wohl mit den meisten Vorurteilen in die Richtung zu kämpfen) und diejenigen, die ihn gesehen und erlebt haben fanden das auch, Aber …

Manche Leser hier kennen Donna schon (vor allem die, die das Buch gelesen haben). Donna ist als Pharmaassistentin rechte Hand der Apothekerin, hat viel Kosmetikwissen und neben ihrer direkten und resoluten Art ist sie ausserdem offenbar sehr neugierig.

Donna hat „den Neuen“ nicht gesehen. Aber sie weiss, dass er noch bis Ende Monat im alten Geschäft arbeitet, der Kosmetikabteilung eines grossen Kaufhauses in der Stadt.

Jetzt ist Donna in der Stadt gewesen und „zufällig“ bei dem Kaufhaus vorbeigekommen. Wie gross der Zufall war, weiss ich nicht, denn sooo auf dem Weg liegt der alte Arbeitsort von ihm nicht.

Jedenfalls dachte sie: „Da kann ich ihn doch grad mal anschauen gehen!“ und begibt sich in die Kosmetikabteilung des besagten Kaufhauses um sich nach einem speziellen Shampoo oder so etwas zu erkundigen.

Gleich beim hereinkommen sieht sie, dass da ein Mann am verräumen von Ware ist, deshalb steuert sie ihn direkt an und (nach einem  Kontroll-Blick auf das Namensschild) mit einer Frage an.

So genau ist nicht überliefert, was sie ihn gefragt hat, auf jeden Fall hat sie sich, nachdem sie ihn ordentlich über das Produkt ausgequetscht hat zu erkennen gegeben … erst als „auch vom Fach“ … und gleich im nächsten Satz als „Ich arbeite in Pharmama’s Apotheke in …“  und nach einer bedeutungsschwangeren Pause, in der er Zeit hat das zu verarbeiten: „…Sie fangen ja demnächst bei uns an!“

Ich weiss von der Begegnung, weil wir das von Donna brühwarm erzählt bekommen haben. Inklusive Eindruck vom neuen Mitarbeiter (:Gut!).

Oh weja – Da hat er (nennen wir ihn für den Blog Urs) ja schon den besten Eindruck von uns! Wahrscheinlich denkt Urs jetzt, das ich meine Mitarbeiter vorbeischicke um ihn auszuspionieren.

Das fängt ja gut an.

Der Arme.

Na, er kommt ja in ein etwas „spezielleres“ Geschäft. Jetzt ist er definitiv vorgewarnt.

Blöterliwasser macht (ist) sauer?

Frau in der Apotheke: „Haben Sie Teststäbchen um den PH von Mineralwasser zu messen?“

Pharmama: „Ich habe welche für den Urin – die können Sie auch dafür verwenden, aber … weshalb wollen Sie das messen?“

Frau: „Zum schauen, ob sie basisch oder sauer sind. Mir ist empfohlen worden basisches zu trinken und ich weiss nicht, welche das sind.“

Pharmama: „Hmm. Dann können Sie alle mit Bläschen schon mal ausschliessen.“

Frau: „Was? Weshalb?“

Pharmama: „Die sind sicher sauer. Die Bläschen – das ist Kohlensäure.“

Frau: „Oh .- Das ist logisch, ja.“

(Sie schien etwas enttäuscht, dann darf sie ja jetzt nur noch stilles Wasser trinken).