Wiederholen sie alles von meinem Dauerrezept! Alles? Alles!

„Wiederholen sie alles von meinem Dauerrezept!“ – das hört man noch gelegentlich.

Ich mag das nicht. Nicht die Dauerrezepte – die finde ich bis zu einem gewissen Punkt sehr sinnvoll, vor allem, wenn man wirklich regelmässig das selbe hat (Blutdruckmittel, Schilddrüsenmedikamente…), die Werte stabil sind und man zumindest ein, zwei Mal im Jahr beim Arzt vorbei geht. Ich mag einfach Anfragen wie die obige nicht, weil es oft zeigt, dass die Leute, die das sagen, wenig bis keine Ahnung haben, was genau sie da nehmen.

„Wiederholen Sie mir mein Mittel gegen Blutdruck“ – oder: „Alles gegen den Zucker!“, zeigt mir zumindest, dass Sie Sich als Patient um sich kümmern.

Da hatte ich auch schon den Fall, wo für eine Patientin Pradif auf dem Dauerrezept stand.

Pradif? Das ist Tamsulosin, ein Alpha-Rezeptoren-Blocker und er wird eingesetzt gegen Benigne Prostatahyperplasie.

Was macht das auf dem Rezept für eine Frau?

Ich ging der Sache nach und bemerkte, dass es der Frau im Spital auf dem Austrittsrezept verschrieben worden war.

Danach war sie bei ihrem Hausarzt, der das 1:1 übernommen hat. – Möglicherweise hat es die Praxisassistentin auch nur abgeschrieben von ihrem Medikamentenplan vom Spital und der Arzt hat seine Unterschrift darunter gesetzt. Und seitdem nahm sie das. Seit etwa 2 Monaten.

Sie braucht das nicht. Oder sicher nicht mehr. Möglicherweise hat sie das im Spital bekommen, weil man das (off label use) nach Nierensteinzertrümmerungen benutzt, um die Steintrümmer besser auszuscheiden. Normalerweise nimmt man da anderes (Doxazosin oder Alfuzosin), aber … das ist Entscheidung des Arztes.

Der kontrollierenden Apothekerin ist das nicht aufgefallen. Und da es eine 30er Packung war (und eine hat sie ja noch auf dem Spitalrezept gehabt …)… eben. Seit 2 Monaten. Ich habe mir dann erlaubt den Arzt anzurufen und nachzufragen, ob sie das wirklich weiter nehmen muss. Der war … nicht sehr erfreut über meine Intervention, hat aber das Mittel trotzdem vom Medikamentenplan gestrichen.

Die Patientin selber wusste übrigens nicht, warum sie das Mittel bekommen hat.

Blutige Entlassung

Es kommt eine Frau in die Apotheke und fragt mich, ob ich sie verarzten könne. Da wir das tun, sagte ich: „Natürlich. Wo sind sie denn verletzt?“
Sie deutet auf ihren Unterbauch: „Ich hatte einen Kaiserschnitt. Dann ist es nicht gut verheilt, es gab ein Hämatom. Heute haben sie mir im Spital das Blut aus dem Hämatom rausgedrückt und mich verbunden …. Aber da stimmt etwas nicht. Ich kann spüren, wie mir das Blut die Beine runterläuft.“

Dem war auch so, wie ich mich kurz darauf in unserem Beratungsraum versichern konnte. Das Gazeplätzchen, das sie auf die ca. 13 cm lange Wunde aufgeklebt haben, hat sich gelöst.
Ich war etwas erstaunt den Schnitt zu sehen, denn er war praktisch vollständig offen. Keine Nähte, die die Wundränder zusammenhielten, ein klaffender Schnitt.
Ich flickte so gut es ging mit viel Steristrip und neuer Gaze und Mefix Pflaster zum Festhalten des Ganzen.

„Was haben sie denn im Spital gesagt?“ Frage ich
Frau: „Nicht so viel. Nachdem sie das Blut rausgedrückt haben, haben sie mich nach Hause geschickt. Aber ich kann fast nicht laufen.“

Ich habe mich versichert, dass sie zuhause jemanden hat, der ihr hilft, ihr geraten, die Wunde vom Arzt anschauen zu lassen und ihr dann ein Taxi gerufen.

Übel.

Übrigens: der Titel ist bewusst zweideutig
Eine vorzeitige Entlassung von Patienten aus dem Krankenhaus aus wirtschaftlichen Gründen wird von Kritikern als „Blutige Entlassung“ bezeichnet. Vorzeitige Entlassungen bergen neben den Risiken für die Patienten aber auch Kostenrisiken, z. B. wenn wegen der Erkrankung vermehrt ambulante Krankenbehandlung, häusliche Krankenpflege oder gar ein erneuter stationärer Krankenhausaufenthalt nötig werden.

Wenn demnächst in den Spitälern nur noch Fallpauschalen abgerechnet werden darf, erwarten manche vermehrt solche Fälle – Brrrr.

Bitte gehen sie ins Spital. Gleich.

Folgend mein Teil der Unterhaltung mit einer älteren Frau, die im Kaufhaus auf der Rolltreppe gestürzt ist – und von der ich finde, dass sie untersucht und eventuell behandelt werden muss. Nur: Sie will nicht.

Pharmama:

„Ich verstehe ja, dass man nicht gerne ins Spital geht. Ich verstehe, dass man Verpflichtungen hat … ja, ihr Mann kann nicht gut alleine laufen, ja, die Einkäufe müssen nach Hause, ja … aber: Sie gehören ins Spital und zwar bald!

Sie sind auf Blutverdünner – das sehe ich an den Flecken auf ihren Armen und sie hatten einen heftigen Sturz. Sie haben eine Platzwunde auf der Stirn und auch im Auge blutet es …. Das kann ich sehen, ja. Jetzt gehen sie bitte abklären, ob es nur an der Oberfläche blutet oder auch tiefer, denn das wäre gar nicht gut .

Ja, sie haben mir gesagt, dass sie auf dem einen Auge nicht mehr gut sehen … sie wollen aber nicht noch das Augenlicht am anderen Auge verlieren, oder?

Eben. Und jetzt rufe ich ihnen ein Taxi, das sie beide, Sie und ihren Mann nach Hause bringt, wo sie die Einkäufe abstellen können und dann auf dem direkten Weg ins Spital.

Ok? GUT !“

Danke.

Nachgefragt

Zur Abwechslung mal eine Begebenheit aus dem Spital, das mir so von einem Arzt erzählt wurde.

Man darf ja manche Medikamente nicht nehmen, wenn man schwanger ist … aber das muss abgeklärt werden.

Also:

Arzt: „Besteht die Möglichkeit, dass sie schwanger sind?“

Patientin: „Nein?“

Arzt: „Sind sie sicher?“

Patientin: „Ja.“

Arzt: „Sind sie sexuell aktiv?“

Patientin: „Ja!“

Arzt: „Haben sie noch ihre Periode?“

Patientin: „Ja!“

Arzt: „Benutzen sie die Pille oder andere Verhütungsmittel?“

Patientin: „Nein.“

Arzt: „Benutzen sie Kondome?“

Patientin: „Nein.“

Arzt: „Hat Ihr Mann / Freund / Sexualpartner eine Vasektomie gemacht?“

Patientin: „Nein.“

Arzt: „Also lassen sie mich das mal zusammenfassen: Sie haben noch die Periode, haben ungeschützten Geschlechtsverkehr … sie versuchen aktiv schwanger zu werden.“

Patientin: „Nein!“

Arzt: „Wie würden sie denn das nennen, wenn sie Sex haben und nichts zur Verhütung machen?“

Ärgern sie nicht den Anästhesisten!

In meinem Studium hatten wir ein paar … ehm … herausragende Gestalten (nein, ich gehörte eher nicht dazu). Einer davon, nennen wir ihn Alexander, war allgemein als „Schwätzer“ bekannt. Nicht nur, dass er während den Vorlesungen jedes Mal etwas anzumerken oder nachzufragen hatte, nein, während den Pausen laberte er uns noch die Ohren voll. Anscheinend war er nicht nur an der Uni so, denn nach den Ferien erzählte er uns von einer Operation, der er sich unterziehen musste.

Dazu muss ich erst ein paar Dinge erklären. Bei einer Operation unter Vollnarkose muss (logischerweise) der Patient nicht bei Bewusstsein sein/schlafen und er sollte sich dabei nicht bewegen. Darum gibt man bei der Anästhesie ein rasch wirksames Schlafmittel und dazu ein starkes Muskelrelaxans – also etwas, das die Muskeln nicht nur entspannt, sondern lähmt. Die Reihenfolge, in der man das macht ist: 1. Schlafmittel, 2. Muskelrelaxans – denn sobald die Wirkung des Muskelrelaxans einsetzt, wird auch die Atemmuskulatur gehemmt und dann muss man intubieren: also die Lunge via Schlauch beatmen.

Ich vermute mal, Alexander hat mit seinem Geschwätz und Besserwisserei den Anästhesisten geärgert. Anders kann ich mir nicht erklären, warum der ihm zuerst das Muskelrelaxans gegeben hat und ihm gesagt hat „Wenn sie anfangen zu merken, wie es wirkt, geben sie uns ein Zeichen oder sagen sie etwas, dann bekommen sie das Schlafmittel“.
Das war wohl seine persönliche Retourkutsche, denn, sobald das Muskelrelaxans anfängt zu wirken kann man keine Zeichen mehr machen oder etwas sagen …. aber man bekommt noch alles mit, einschliesslich der Tatsache, dass die Atmung aussetzt …
Eine ziemlich beängstigende Erfahrung – ich bin sicher, Alexander wird in Zukunft etwas zurückhaltender umgehen mit den Ärzten.

Zur Ehrenrettung des Anästhesisten ist zu sagen: das Schlafmittel wirkt (weil intravenös gegeben) sehr schnell und es bleibt noch viel Zeit den Patienten zu intubieren. Es waren also nur ein paar Schrecksekunden…

Ein Kollege der Anästhesist ist, hat mir übrigens bestätigt, dass er das auch schon gemacht hat, allerdings ist das alles andere als üblich.
Trotzdem: ich werde sicher immer nett sein mit dem Anästhesisten!

Fremde Medikamente

Kann mir mal jemand erklären, warum man im Spital ein tschechisches (oder deutsches, oder österreicherisches) Medikament auf’s Rezept schreibt, statt etwas zu suchen, was es in der Schweiz auch gibt? Die meisten Medikamente existieren nämlich in der Schweiz – oder es gibt eine Variante, die ich nehmen kann.

Und wenn es sich dabei um Phytomenadion -Vitamin K1 handelt, also etwas, das gegen eine zu Hohe Blutungsneigung unter Marcoumar Therapie eingesetzt wird, macht es noch weniger Sinn, wenn ich das erst aus dem Ausland bestellen muss – das dauert nämlich ein paar Tage – und die Patientin braucht das jetzt gleich.

Es ist mir schon klar, dass es Konakion in der Schweiz nur noch als Ampullen gibt – aber die kann man auch einnehmen!

Ich bin mir nicht ganz sicher, was der Arzt sich beim Rezeptausstellen gedacht hat (ich glaube inzwischen, das war ein neu angestellter ausländischer Arzt), jedenfalls war er dankbar für die Info.

Übrigens: Es gibt durchaus Medikamente, die in der Schweiz nicht erhältlich sind. Das sind meist sogenannte „Orphan Drugs“, Medikamente für sehr seltene Krankheiten. Wenn es sich nicht lohnt (weil zu wenige Menschen das haben), werden sie halt nicht in der Schweiz vertrieben. Dann muss man sie im Ausland besorgen. Das geht. – Ob die Kasse sie auch zahlt ist ein anderes Problem.