Die Situation der Apotheken in der Schweiz

2011 habe ich die letzte Übersicht gemacht – wie steht es aktuell um die Apotheken in der Schweiz? Daten entnommen aus Fakten und Zahlen Schweizer Apotheken 2019

In der Schweiz gibt es 1800 öffentliche Apotheken. Das ist ziemlich stabil – 8 Apotheken mehr als im Vorjahr – da aber die Bevölkerung zunimmt, sind das tatsächlich im Verhältnis weniger Apotheken: Im Jahr 2007 kamen auf 100 000 Einwohner 22,4 und im Jahr 2017 nur noch 21,2 Apotheken. Daneben haben auch viele Drogerien schliessen müssen. Es fällt zudem auf, dass neue Apotheken an stark frequentierten Orten wie Bahnhöfen, Einkaufszentren und in der Innenstadt öffnen. Um­gekehrt erfahren Stadtquartiere und ländliche Gebiete gera­de das Gegenteil. Das wird zunehmend ein Problem der fehlenden Grund-Versorgung.

Mit 21 Apotheken pro 100 000 Einwohner liegt die Schweiz unterhalb des europäischen Durchschnitts. Die Mitgliedstaaten der europäischen Union weisen eine durchschnittliche Apothekendichte von 31 Apotheken pro 100 000 Einwohner auf.

Dagegen gibt es 413 Ärzte pro 100 000 Schweizer Einwohner.

Die Anzahl Kettenapotheken hat von 517 (2016) auf 539 (2017) um 4.3% zugenommen. Dazu gehören Amavita, Coop vitality und Sunstore (alle zur Galenica Gruppe gehörend), Apotheken Drogerien Dr. Bähler, Benu, Topwell, pill apotheken, Pharmacie Populaire.

Die Anzahl Apotheken in Gruppierungen hat von 1029 (2016) auf 1049 (2017) um 1.9% zugenommen. Z.B. Toppharm, Feelgood’s, Rotpunkt Apotheken, fortis, Spaziosalute, automedication.ch Salveo, Pharmavital, pharmapartners, und neu: pharmactiv

Die Anzahl nicht im Gruppierungen oder Ketten organisierten Apotheken hat von 246 (2016) auf 212 (2017) abgenommen: das sind 13.8% weniger.

Damit setzt sich der Trend fort, den man schon vor 10 Jahren erkennen konnte. Das hat verschiedene Ursachen. Damit man im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld bestehen kann, ist es nötig den Einkauf zu optimieren – das geht besser, wenn man gemeinsam einkaufen und Verträge aushandeln kann. Gemeinsame Werbung und Aktionen schaffen mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Daneben verschärfen sich auch die gesetzlichen Vorgaben in einem Masse, die es der einzelnen Apotheke sehr schwierig machen das alles umzusetzen (Qualitätsmanagementsystem, korrekte Etikettierung von Chemikalien, Good Manufacturing Practice, etc.).

21 700 Personen verdienen in der Schweiz ihren Lohn in der Apotheke. Darunter sehr viele Frauen. Jedes Jahr ermöglichen Apotheken rund 1000 Lernenden den Start ins Berufsleben. Apotheken bieten zudem beliebte Modelle für Teilzeitarbeit.

Pro Jahr finden 102 054 400 Patientenkontakte in Schweizer Apotheken statt – oder 340 181 pro Tag.

Im Schnitt besucht ein Schweizer Einwohner 12,2 Mal pro Jahr eine Apotheke – und 4.3 Mal pro Jahr einen Arzt. Man geht also „lieber“ in die Apotheke als zum Arzt, auch als erste Anlaufstelle bei einem Gesundheitsproblems. Dadurch trägt die Apotheke dazu bei das Gesundheitssystem zu entlasten (triviale Fällen von Hausarzt und Notfall fernzuhalten) und die Eigenverantwortung der Patienten zu stärken.

Die Apotheke bietet neben Beratung und Dienstleistungen rund um akute Probleme auch Dienstleitungen im Bereich der Prävention und der Betreuung von chronisch Kranken an.

Die Beratungsdienstleistung ist der grösste Trumpf in der Apotheke – und der ist personalintensiv. Dazu kommen längere Öffnungszeiten – deshalb steigt der Personalaufwand in der Apotheke jährlich an. Dagegen steht ein steigender Warenaufwand sowie stetig sinkende Margen. Im Endeffekt macht eine mittlere Schweizer Apotheke am Ende einen durchschnittlichen Gewinn (vor Abschreibungen und Steuern) von 6,7%. Das kann nach Grösse, Standort und Umfeld der Apotheke allerdings stark variieren. Ein Teil des Gewinnes muss in Software, Infrastruktur und Fortbildung reinvestiert werden. Dadurch sind heute bereits rund 20% (jede 5. Apotheke) in einer schwierigen Wirtschaftlichen Lage und von der Existenz bedroht.

48,8% aller Medikamente zulasten der Grundversicherung werden in Apotheken abgegeben. Den Rest verkaufen die Ärzte und Spitäler.

Die Medikamentenabgabe wird durch die kantonalen Gesundheitsgesetze geregelt. Während die Selbstdispensation (also der Verkauf von Arzneimitteln durch Ärzte) in allen Westschweizer Kantonen, im Tessin, in Baselstadt und im Aargau nur in Ausnahmefällen zugelassen ist, ist sie in vielen Deutschschweizer Kantonen verbreitet. Bern und Graubünden haben eine Mischform. In Europa ist die Selbstdispensation verboten. Zu den klassischen Problemen wie dem eventuellen finanziellen Anreiz bei der Therapiefestlegung durch den Arzt, der fehlenden Qualitätssicherung der Medikation durch den Apotheker wird in den SD-Kantonen deswegen zunehmend die Infrastruktur der Apotheken zerstört. Die Versorgungssicherheit ist vor allem in Randzeiten sowie an Sonn- und Feiertagen nicht mehr gegeben. Das kombiniert mit dem Hausarztmangel und der fehlenden Nachfolge in vielen Praxen gefährdet in Zukunft vermehrt die Gesundheitsversorgung der Patienten – vor allem auf dem Land.

Auf der anderen Seite arbeiten die Apotheken mit den Ärzten zusammen: netCare ist ein System, das die Erstberatung in der Apotheke mit der Möglichkeit einer Arztkonsultation via Videoverbindung kombiniert. 25 verschiedene Krankheiten können so unkompliziert in der Apotheke abgeklärt werden. Weitere ähnliche Systeme sind im Entstehen. Die Krankenversicherer bieten alternative Versicherungsmodelle basierend darauf an: Swica (Medpharm), Sympany (Casamed Pharm) und ÖKK Basis (Casamed Select).

Der Apotheker kann unter Dokumentationspflicht vermehrt Medikamente der Liste B abgeben – auch ausserhalb netCare. Zu den häufigsten gehören Augenentzündungen, Blasenentzündung, Hautausschläge, Halsentzündungen.

Das dazu nötige Wissen muss in vorgeschriebenen Weiterbildungen erworben und erhalten werden. Dafür bekommt die Apotheke neue Kompetenzen, wie die Erlaubnis zu impfen. 2007 durften wir das noch gar nicht. 2018 kann schon in 19 Kantonen durch den Apotheker ohne Arztrezept geimpft werden. Im Tessin mit Arztrezept.

In Qualitätszirkeln Arzt-Apotheker beraten Apotheker die Ärzte zur Optimierung der Verschreibungsgewohnheiten. Dadurch wird die bestmögliche Medikation zum angemessenen Preis gefunden – das senkt die Kosten.

Nur 6.4% der gesamten Gesundheitskosten fallen auf Apotheken!

Alle Zahlen und Fakten und Statistiken findet ihr in der Broschüre der Pharmasuisse Fakten und Zahlen Schweizer Apotheken 2019 .


Immer mehr: die Krankenkasse will das nicht bezahlen!

Oder: Bürokratie vor gesundem Menschenverstand (und wahrer Wirtschaftlichkeit)

Als Apotheker hat man die Aufgabe die Bevölkerung mit der richtigen Medikation zu versorgen. Die Krankenkassen bezahlt das anhand der Verträge, die sie gemacht haben. Da wären die Leistungen anhand der LOA, die Medikamente anhand der Spezialitätenliste SL, Nicht-Medikamente wie Verbandmaterial, Inkontinenzprodukte etc. anhand der Mittel-und Gegenstände-Liste MiGeL und hergestellte Rezepturen anhand der Arzneimittel-Liste mit Tarif ALT.

Es zeigt sich, dass die Krankenkassen diese Verträge vermehrt eng nach Wortlaut auslegen – das Ziel: Nicht bezahlen müssen. So geschehen schon bei mir in der Apotheke mit für den Patienten auf Arztrezept hergestellte Salbe deren einer Bestandteil nicht in der ALT war. So geschehen im letzten Jahr vermehrt mit Material das auf der MiGeL ist, aber von Pflegepersonal angewendet wird (im Heim oder zu Hause).

Herr Martinelli berichtet von zwei Fällen aus der Spitalapotheke, bei der die Krankenkasse etwas nicht zahlen wollte. In dem Fall betrifft es den „Off-Label“ Bereich, also einen Einsatz von zugelassenen Medikamenten ausserhalb der in der Packungsbeilage beschriebenen Anwendung.

Fall Eins: Ein Medikament gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, das aus dem Ausland importiert werden muss und deshalb Off-label ist. In so einem Fall muss man bei der Krankenkasse anfragen, ob sie das Medikament dann auch bezahlen (Kostengutsprache). Eingesetzt werden sollte ein Generikum, also ein günstigeres Nachfolgerpräparat. Die Antwort der Krankenkasse war etwas überraschend: Das (günstigere) Generikum wird nicht bezahlt, da sie keinen Vertrag betreffend einer Rückvergütung mit dieser Firma hätten. Sie haben aber einen mit dem Originalhersteller, dieses würde übernommen.

Für mich hört sich das stark nach den Rabattverträgen der Krankenkassen in Deutschland mit verschiedenen Firmen an. Sehr seltsam ausserdem, dass das in dem Fall mit dem Original gemacht wurde – wo bleibt denn da die Wirtschaftlichkeit?? Die ausführende Apotheke kann das nicht wissen. Wenn in diesem Fall die dringend nötige Behandlung schon mit dem Generikum angefangen wurde, hätte die Apotheke die Behandlung dann auch total (!) nicht erstattet bekommen.

Fall Zwei: Ein Medikament gibt es nicht in der gebrauchten Dosierung. Es handelt sich um 25mg Tabletten, gebraucht würden 5mg. Die Anwendung ist deshalb „Off label“, weil es im Spital in der Dosierung zur Beruhigung eingesetzt wird und nicht bei Shizophrenie / manisch-depressiven Episoden. Die Lösung hier: Man stellt Kapseln her. Das können wir in der Apotheke, indem wir die vorhandenen Tabletten pulverisieren, strecken und auf die Kapseln in der richtigen Dosierung verteilen – das ist ziemlich arbeitsaufwändig. Im Spital wird das Medikament recht viel gebraucht, weshalb sie es extern in Auftrag geben. Der Lohnhersteller macht die Kapseln mit dem Wirkstoff selber und ist günstiger. Nun kommt die Krankenkasse und will die Kapseln nicht (mehr) bezahlen – da der Wirkstoff zwar auf der SL ist, aber nicht in der ALT steht. Wenn die Kapseln aus den Originaltabletten (teurer) hergestellt werden würden, dann würden sie es bezahlen!

Hier steht noch aus, ob sich die Krankenkasse überzeugen lässt, das zu übernehmen. Wenn nicht, werden die Kapseln in Zukunft wieder aus den Originaltabletten hergestellt auch wenn das wirtschaftlich unsinniger ist.

Ich sehe da eine deutliche Entwicklung, dass die Krankenkassen zumindest bei den Apotheken immer genauer hinschauen, was sie bezahlen, respektive Wege suchen, das nicht (mehr) zu tun – und das, obwohl der Anteil der Gesundheitskosten, die durch die Apotheken verursacht werden bei nur 6.4% liegt (siehe hier S. 71). Die Medikamentenpreise (und damit die Apothekenleistungen) sind halt der am leichtesten beeinflussbare Faktor. Die Sparmassnahmen (aktuelle und geplante) haben inzwischen gravierende und negative Auswirkungen auf die Apothekendichte und unsere Arbeit. Wie das oben. Der Mehraufwand der damit verbunden ist (Telefonate, Abklärungen, Dokumentationen) wird nämlich überhaupt nicht vergütet und hält uns vermehrt von der eigentlichen Arbeit (Patienten richtig beliefern und beraten) ab

Dominoeffekt

Wegen einem Fehler in der Packungsbeilage von Nuvaring wurden diverse Chargen zurückgerufen. (Genau genommen ist „in der Packungsbeilage eine detailliert beschriebene Anleitung zur korrekten Anwendung des Applikators nicht aufgeführt“).

Soweit so unspektakulär. Das Verhütungsmittel ist nun deshalb aber bis im April nicht lieferbar.

Zum Glück gibt es Generika – die bekommen jetzt eine Chance.

Wenn nicht schon das erste von denen (Circlet) gerade Nota (also auch kurzfristig nicht lieferbar) gegangen wäre. Wegen der plötzlich erhöhten Nachfrage? Gut Möglich. So ein Dominoeffekt habe ich schon bei anderen Medikamenten gesehen.

In Deutschland kennen sie das Problem noch besser. Da gibt es ja diese elendiglichen Rabattverträge der Krankenkassen mit den Pharmafirmen. Die versicherten Patienten müssen dann vom Medikament das Generikum nehmen, für das gerade ein Vertrag existiert. Wenn diese Verträge ändern (was mehrmals im Jahr der Fall sein kann), kommt es vor, dass die Firma von der plötzlichen Nachfrage überrascht wird und dann nicht mehr liefern kann. Deutschland ist natürlich ein viel grösserer Markt als wir hier in der Schweiz – bei uns gibt es schon mal nicht so viele verschiedene Generika von einem Mittel, und wir dürfen in der Apotheke noch selber aussuchen (zusammen mit dem Patient), was sie dann nehmen. Die Deutsche Apotheke ist da viel gebundener und ein Wechsel dann nicht so einfach möglich (im Extremsten Fall bezahlt die Kasse das abgegebene Medikament dann GAR NICHT).

Übrigens wollen sie in der Schweiz ein ähnliches System auch einführen: Das Referenzpreissystem wurde schon vorgeschlagen. Dann wird nur noch das günstigste Generikum von der Krankenkasse vergütet – wer ein anderes möchte / weiterhin sein bisher genommenes, zahlt dann die Differenz selber. Wenn er es denn kann.

Angesichts der jetzt schon existierenden Lieferschwierigkeiten und den teils zu erwartenden Dominoeffekt wie oben genannt, macht mir das sehr Sorgen, was das für einen Effekt auf die Einnahmetreue der Patienten hat. Ständige Wechsel sind erwiesen sehr schlecht dafür, vor allem bei älteren Menschen. Und dann der Effekt rückwirkend auf die Gesundheitskosten. Man erinnere sich: nicht genommene Medikamente wirken auch nicht.

Digital? Können wir.

Irgendwie scheinen mancherorts die Apotheken noch ein etwas „verstaubtes“ Image zu haben – das ist hier aber garantiert nicht mehr so! Ohne Computer geht fast gar nichts – das fängt bei den täglichen Updates unseres Galdat-Stammes an (mit Preisänderungen, Produktänderungen, Änderungen des Status eines Medikamentes), geht weiter über das Führen des Patientendossiers (mit Interaktionscheck und Compliancekontrolle), die Bestellung – und Abfrage der Lieferbarkeit (momentan tragisch aktuell), das Abfragen der Krankenkassendaten, damit wir die Medikamentenbezüge richtig abrechnen können, etcetera.

Wir bekommen täglich neben der Post dutzende mails von Firmen, Ärzten, der Haushilfe, von den Berufsverbänden (kantonal und national) und von Vertretern mit Infos, Anfragen, Rezepten, Bestellungen und mehr. So ganz langsam wird tatsächlich der Fax ersetzt.

Wir benutzen jeden Tag viele Computerprogramme und auch Apps. Zum Vermieten der Milchpumpen; zum Nachschlagen der KSK-Nummer der Ärzte mit Praxistätigkeit; zum Schauen, ob ein Medikament in der Schwangerschaft geeignet ist; um den Impfstatus festzuhalten und zu schauen, welche Impfungen „nach“ sind; zum schauen, welche Impfungen für ein Land empfohlen sind; wie ein Medikament in einem anderen Land heisst, wir haben sogar eine interne App mit der die Mitarbeiter kommunizieren können. Wir sind voll digital.

Und nun gibt es einen neuen Kanal mit dem der schweizerische Apothekerverband Informationen weitergeben kann und mit seinen Mitgliedern aktiv kommuniziert: der pharmaSuisse Talk auf youtube. Dessen erste Ausgabe konnte ich vorgestern live mitverfolgen – wer es nach-schauen will, kann das noch hier. (Pharmasuisse-Mitgliedschaft vorausgesetzt).

Momentan ist ja bei uns wieder viel in Bewegung – das neue HMG bringt Listenumteilung und teils neue Kompetenzen (die ganzen Antiallergika aus der Liste B dürfen jetzt abgegeben werden ohne Rezept, aber mit Dokumentation) … prinzipiell geht es darum unsere neuen „Rollen“ in der Öffentlichkeit auch anzubringen und Probleme in der Anwendung zu erörtern.

Ich fand’s gelungen, wenn auch … zu kurz. Als Einblick gut, aber einige Fragen sind noch zu erörtern.

Den Talk gibt’s inzwischen auch in Französisch – kommt auch noch Italienisch? Im Gegensatz zu den bisherigen Regionalkonferenzen fehlt mir noch etwas die „Honorierung“ in Form von Weiterbildungspunkten :-)

Was macht ein Blogger in Hamburg?

Letztes Jahr Berlin, dieses Jahr Hamburg. Nur um ein paar Leute zu treffen, die auch im Internet schreiben. Weshalb macht man das, mag man sich fragen? Weil es selbst für jemand so introvertierten wie mich kaum etwas besseres gibt, als sich mit sympatischen Leuten auszutauschen, mit denen man Gemeinsamkeiten hat – in dem Fall sehr spezifische. Das sind alles Leute aus dem Gesundheitssystem, die (hauptsächlich anonym) bloggen.

Deshalb gibt’s hier auch keine Bilder der Mitblogger – aber ich kann Euch versichern: alles ganz reale und tolle und engagierte Leute!

Und die Stadt ist schön – Vor dem offiziellen DocCheck Anlass trafen wir (das PTAchen, Tobi, 5Fora und der Kinderdok sowie meine Wenigkeit) uns schon für einen privaten Stadtrundgang. Das war super – trotz „Shietwetter“. Unterwegs gabelten wir noch s’gramselet auf – womit ich nicht mehr die einzige Schweizerin in der Truppe bin.

Um 15 Uhr folgte der Offizielle Teil mit Blick auf die Elbphilharmonie. Mit dabei da noch Christopher und Mira. Da ging es dann um die richtige Überschrift – Ich hoffe, ich hab’s getroffen, Maria. Tobias Sambale gab Profitipps für Haltung, Pflege und Ernährung von Trollen (da gibt es mehr als nur das Fütterungsverbot), der Kinderdok referierte über Dranbleiben und Durchhalten – 13 Jahr Blog Geschichte und ich erzählte etwas über den Weg vom Blog zum Buch.

Wir hätten problemlos noch weitermachen können – auf dem Programm stand auch noch unser gemeinsames Projekt (darüber später einmal mehr), aber das Nachtessen war gebucht. Bei feinem italienischen Essen und Wein ging es unterhaltsam weiter – bis das Restaurant auf einmal leer war. Vor lauter Austausch fiel das keinem so wirklich auf. Der Stoff zum reden reicht jedenfalls noch für ein paar Bloggertreffen aus.

Danke jedenfalls an alle: es war so schön!

Weshalb Homöopathie (doch) in die Apotheke gehört

Ein Gastbeitrag von M. Hana, den ich Euch auf keinen Fall vorenthalten will. Sie ist Apothekerin in Wien – und ich kann mich ihren Erfahrungen betreffend Homöopathie nur anschliessen … lest hier:

Warum ich Homöopathie mag
In Österreich wird gerade sehr viel über Homöopathie gesprochen, manch einer will einen Verkaufsstop in Apotheken, dann wird ein Wahlfach auf der MedUni gestrichen.
Deshalb möchte ich meine Gedanken dazu niederschreiben.
Ich arbeite seit 4 Jahren in einer Apotheke in Wien. Ich habe das Studium der Pharmazie begonnen, weil ich „in die Wissenschaft“ wollte, erst gegen Ende des Studiums hat mich die Arbeit in der Apotheke zu interessieren begonnen. Evidenzbasierte Medizin ist für mich das A und O in der Beratung, so mancher Kunde hört von mir „in Studien wurde gezeigt…“ oder „nach derzeitigem Stand der Wissenschaft…“.
Als Kind habe ich auch so manche Globuli (von unserer Kinderärztin) bekommen und ich wurde auch nicht Mumps-Masern-Röteln geimpft, weil unsere Kinderärztin der Ansicht war, das sei nicht sinnvoll. Grob fahrlässig in meinen Augen, zumindest aus heutiger Sicht. Zehn Jahre später war sie dann anderer Meinung und meine jüngeren Geschwister wurden geimpft. Für einen Laien ist es glaube ich sehr schwer zu entscheiden, welche Empfehlungen die richtigen sind.
Ich habe nie viel von Homöopathie gehalten, während meines Studiums war ich der Überzeugung, dass man diesen Humbug nicht braucht. Trotzdem habe ich natürlich die Basics gelernt, Herstellungsprozesse, Verdünnungen und Vorschriften muss jeder Pharmazeut kennen.

Erst in der Apotheke wurde mir ein wichtiger Fakt bewusst: Homöopathische Zubereitungen wirken zwar nicht besser als Placebo, aber sie wirken genauso wie ein Placebo!
Wir haben mit der Homöopathie ein gesellschaftlich akzeptiertes Placebo zur Verfügung, also sollten wir das auch nutzen! In vielen Fällen reicht für den Patienten eine Placebowirkung, manchmal haben wir nichts Besseres zur Verfügung.
Ich lüge meine Kunden in der Apotheke nicht an. Das finde ich nicht sinnvoll, ich verspreche keine Wirkung, die nicht belegt ist. Ich habe Kunden auch schon direkt gesagt, dass ihre Globuli (oder ihr Nahrungsergänzungsmittel) zum Abnehmen nicht funktioniert und sie sich das Geld sparen können, ganz direkt und unverblümt ins Gesicht und ihre Antwort war: Macht nichts, ich möchte es trotzdem kaufen.

Ich möchte ein paar Beispiele zur Homöopathie aus den letzten Jahren erzählen:

Schlafmittel
Ich erinnere mich noch gut an eine meiner ersten Homöopathie-Empfehlungen in der Apotheke. Ich war ganz frische Aspirantin, es war Anfang Oktober. Eine Frau zwischen 30 und 40 kommt in die Apotheke und möchte ein Schlafmittel. Ich frage, für wen es ist und wofür, um abschätzen zu können, ob sie etwas Pflanzliches probieren will (beispielsweise Baldrian) oder ob sie eher etwas chemisches braucht (wie ein Diphenhydramin). Sie erklärt mir, es ist für ihre Tochter. Hmmm – wie alt ist die Tochter denn? Ja, also, die Tochter ist 6 Jahre alt und hat gerade mit der Schule begonnen, seitdem schläft sie so schlecht ein.
Wir haben dann ein Gespräch über Schulbeginn geführt, über Klassenkollegen und mögliche Probleme und über allgemeine Maßnahmen für einen gesunden Schlaf. Ihr war glaub ich bewusst, dass sie mit ihrer Tochter vielleicht mehr über die Schule reden sollte, „aber sie hat derzeit einfach nicht die Zeit dazu“. Sie wollte „irgendetwas mitnehmen, das sie der Kleinen geben kann“, also habe ich ihr homöopathische Globuli angeboten, die sie mit Freude gekauft hat. Ich war auch erfreut – dass sie keine richtigen Schlafmittel für ihre 6-jährige Tochter gekauft hat!

Ein Mittel gegen Schwindel
Vorweihnachtszeit, Nachmittag. Eine Kollegin in Ausbildung hat einen Stammkunden um die 60, der über Schwindel klagt. Sie möchte ihm kein (rezeptpflichtiges) Vertirosan mitgeben, das er vor vielen Jahren mal bekommen hat, sie ist unsicher, ob ein homöopathisches Vertigoheel (das viele ältere Kunden regelmäßig kaufen) ausreicht und bittet mich um Hilfe. Ich frage genauer nach und muss ihm quasi jedes Detail aus der Nase ziehen… Nach ein paar Minuten kann zusammengefasst werden: Er hat seit ein paar Tagen immer wieder Schwindelanfälle, die beginnen sehr plötzlich und hören dann auch von alleine wieder auf. Er hatte davor noch keine Probleme mit Schwindel. Beklemmungsgefühl in der Brust? Nicht richtig, vielleicht ein bisschen ein
komisches Gefühl.
Ich erkläre ihm, das kann auch vom Herzen kommen und schicke ihn zum Arzt. Er sagt, er hat keine Zeit dazu, er geht nach den Feiertagen hin und probiert inzwischen das homöopathische Mittel aus, „das kann ja nicht schaden und vielleicht hilft es“. Ich sage ihm ganz unverblümt, dass ich ihm das nicht verkaufe, weil ich nicht möchte, dass er den Arzttermin aufschiebt und er damit ein Risiko eingeht: Wenn er Herzrhythmusstörungen hat, kann das gefährlich sein.
Überredet.
Am nächsten Tag kommt er mit einem Rezept für Lovenox und bedankt sich bei uns. Er hat ein neu aufgetretenes paroxysmales Vorhofflimmern und wird über die Feiertage mal mit Lovenox therapiert. Für mich eine Bestätigung, dass ich richtig entschieden habe.

Impfungen
Ein Kunde möchte Hochpotenz-Globuli bestellen, „um die Impfung auszuleiten, die sein Baby bekommt“. Ich suche in unserem PC-System und finde nichts, nach einiger Zeit finde ich in Deutschland das gewünschte Fertigprodukt. Wir bestellen es gerne. Ich glaube nicht daran, dass Globuli eine Impfung „ausleiten“ können (was auch immer das bedeuten soll), ich glaube auch nicht daran, dass man eine Impfung in irgendeiner Form „ausleiten“ muss. Aber ich bin froh darüber, dass er sein Kind impfen lässt.
(Mein Chef hat mit diesen Globuli wohl ein Minusgeschäft gemacht – mein Arbeitsaufwand war wesentlich größer als das, was er an den Globuli verdient… ^^)

„homöopathische Antibiotikatherapie“
Mutter und Tochter im Kindergartenalter kommen in die Apotheke. Die Mutter hat zwei Rezepte von ihrer Hausärztin: ein Antibiotikum für sich und ein antibiotischer Saft für die Tochter. Wie immer frage ich nach dem Gewicht des Kindes und kontrolliere die verschriebene Dosierung (Vier-Augen-Prinzip). In diesem Fall liegt die Dosierung sehr weit unter der Mindestdosis. Ich rufe also die Ärztin an und frage, ob das beabsichtigt ist bzw. ob die Dosierung erhöht werden soll. Ihre Antwort hat mich wirklich entsetzt: „Nein, wissen Sie, das Kind braucht eigentlich kein Antibiotikum. Aber die Mutter wollte unbedingt, dass ich ihr auch eines aufschreibe. Lassen Sie die Dosis ruhig so.“
*facepalm
Ich kann in solchen Fällen das Gespräch nur dokumentieren und vermerken, dass die Dosis wirklich so gewünscht ist… Wären hier Globuli nicht ungefährlicher gewesen?

Homöopathie verweigern
Ich habe in den letzten vier Jahren ein paar Mal homöopathische Mittel verweigert. Die Fälle kann ich an einer Hand abzählen und es war glaub ich immer der gleiche Grund: Ein Kunde wollte sich den Weg zum Arzt sparen „und mal irgendwas nehmen, ganz egal was, geben Sie mir halt was Homöopathisches“. In meinen Augen sollte das Problem aber sofort von einem Arzt abgeklärt werden. Mein „Nein, ich gebe Ihnen gar nichts mit, weil dann gehen Sie nicht gleich zum Arzt!“ wurde in diesen Fällen dann auch akzeptiert.

Mit der Homöopathie wird viel Humbug betrieben, allerdings liegt das an den Empfehlungen der Esoteriker/ Ärzte/ Pharmazeuten/ Nachbarn/…. Homöopathie könnte an sich gut als Placebo genutzt werden. Ich finde es gut, dass Homöopathie in Apotheken verkauft wird, weil hier eine Fachperson nochmal mit dem Kunden über die Anwendung bzw. das Problem sprechen kann und abschätzen kann, bis wann eine Therapie in Ordnung ist.
Kunden wollen etwas gegen ihre Beschwerden einnehmen, auch wenn manchmal „abwarten und Tee trinken“ oder Sport oder Entspannungstechniken gleich gut oder besser helfen würde. Ich habe Kunden schon so oft gesagt, dass es „keinen wissenschaftlichen Beweis für die Wirkung gibt“ oder dass ich glaube, „dass es in diesem Fall nicht den gewünschten Effekt bringen wird“ (Stichwort Abnehmen) und die Kunden haben es trotzdem gekauft mit der Antwort: „Naja, hilft’s nicht, so schad’s nicht“.

Nicht nur schwarz weiß

Ich habe manchmal das Gefühl, wenn gegen Homöopathie gewettert wird, steht sie für alles Nicht- Wissenschaftliche, für Esoterik und ist das Gegenteil von „Schulmedizin“. Es sollte nicht so schwarz-weiß gesehen werden! Werden Antidepressiva wirklich nur bei schweren Depressionen eingesetzt, wo sie besser als Placebo wirken? Wie oft hilft dem Kunden das Pantoprazol schon 5 Minuten nach der Einnahme, wenn er es selten gegen seine Magenschmerzen nimmt? Ich glaube ihm das durchaus, allerdings ist das sicherlich nicht auf den Wirkstoff zurückzuführen.
Homöopathie sollte als das genutzt werden, was sie ist, ein Placebo, das Wirkung zeigen kann und in vielen Bereichen unterstützend eingesetzt werden kann, wenn der Kunde bzw. Patient das wünscht.
Auf eine Schürfwunde braucht man objektiv gesehen keine Creme schmieren, die heilt auch so, aber manchmal tut es gut, die Psyche ein bisschen zu salben.

Die „homöopathiefreie Apotheke“ wird gerne propagiert, aber … das oben sind in meinen Augen gute Gründe, weshalb die Homöopathie doch in die Apotheke gehört. So nämlich.