Zwischen Paranoia und Patientengeheimnis

Telefon.

Klassisches Begrüssungsspiel meinerseits: "Pharmama's Apotheke, Pharmama, Grüezi"

Frau: "Grüezi. Ich hab da eine Frage .."

Sie hat keinen Namen gesagt, finde ich unschön. Aber … ok.

Frau: "Ist ein Rezept gefaxt worden?"

Pharmama: "Auf was für einen Namen?"

Frau: "Ich meine heute."

Pharmama: "Ja. Aber der Name des Patienten für den das Rezept ist, den brauche ich zum nachschauen."

Frau (Widerstrebend) : "Mahler."

Pharmama: "Moment … für diesen Namen habe ich nichts."

Frau: "Es könnte auch für einen anderen Namen sein. Ich gebe nicht gerne meinen Namen heraus. Der Arzt hat vielleicht einen anderen …"

Pharmama: "Okay, welchen?"

Frau: "Das möchte ich lieber nicht sagen. Haben Sie denn heute ein Fax bekommen für jemanden?"

Pharmama: "Also die Faxmaschine funktioniert. Ob und für wen ich sonst einen Fax bekommen habe … das darf ich ihnen nicht sagen. Patientengeheimnis und so. Ich darf Ihnen nur sagen ob für Sie etwas gekommen ist … Und das kann ich nur, wenn Sie mir den Namen sagen."

Frau: "Ich komme vorbei und frage dann noch einmal …"

*klick*

Okay?

Nicht dass die Auskunft dann anders sein wird. Ich fange ganz sicher nicht an mit: "Da hätten wir ein Blutdruckmittel für Müller, ein Antibiotikum für Meier und ein Schlafmittel für Schulze … was darf's denn sein?"

Wie stelle ich ein Rezept aus – Anno 1936 (7)

Aus dem Buch Rezeptierkunde – Leitfaden zum Verschreiben und Anfertigen von Rezepten von Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Das hatten wir schon:

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (1) Einleitung

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (2) Zusammenarbeit mit Apotheken

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (3) – wie sieht das Rezept aus?

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (4) – Anwendung und lateinische Formulierung

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (5) – Dosierungsangaben und Aufschreiben von Arzneistoffen / Spezialitäten

Wie stelle ich ein Rezept aus – Anno 1936 (6) – wie finde ich die richtige Dosierung

und heute: Spezielle Dosierung bei Schwangeren und Kindern

Bei schwangeren Frauen denke man daran, dass die meisten Arzneien auch auf den Fötus übergehen. Auch bei stillenden Frauen ist es besser, tunlichst jede Arzneimedikation zu vermeiden, denn viele Arzneien gehen in die Milch über.
Bei Frauen und Greisen pflegt man überhaupt mit der Dosis herunterzugehen.

Durch die Einnahme der Arznei in verzettelter Dosis (dosis refracta) kann die Wirkung gesteigert werden (Bürgi), so dass man zuweilen mit kleineren Mengen auskommen kann …

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Aus heutiger Sicht ist das nur mehr als logisch. Wirkstoffe haben pharmakologisch gesehen 2 „Grenzen“, die man beachten muss – gemessen im Blutspiegel. Die untere Grenze ist der für die Wirkung benötigte Mindestspiegel, die obere Grenze ist der Spiegel ab dem es für den Körper giftig wird. Um zwischen diesen Grenzen zu bleiben ist es tatsächlich sinnvoll, Medikamente in mehreren (teils kleineren) Dosen zu verabreichen als einmal am Tag eine Riesen-Menge zu geben – je nach Stoff schiesst man da nämlich erst mal oben über die Toxizitätsgrenze und fällt dann – je nachdem, wie schnell das abgebaut wird – mehr oder weniger rasch wieder unter die Wirkgrenze.

Dann folgt ein längerer Exkurs über Die Dosierung in der Kinderpraxis.

Das Problem hier besteht noch heute: Man weiss noch immer bei vielen Medikamenten nicht wirklich, wie man die Dosieren soll – es gibt zuwenig Tests und wenig Erfahrensberichte bei den meisten.

So hinterlässt mich das Kapitel nicht viel weiser ..

Leider gibt es keinen richtigen, allgemein befriedigenden Schemata für die Arzneidosierung in der Pädiatrie. Einen gewissen Anhaltspunkt bietet das Körpergewicht …

Jung hat eine Formel aufgestellt, nach der die Menge folgendermassen berechnet werden kann:
Alter des Kindes /Alter des Kindes + 12

D.h. Ist das Kind 2 Jahre alt, dann ist seine Dosis: 2/2+12 = 2/14 = 1/7
= somit 1/7 der Dosis des Erwachsenen

Oder man gibt dem Kind soviel Zwanzigstel von der Dosis vom Erwachsenen als das Kind Jahre zählt.
Ein 2 jähriges Kind bekommt 2/20 = 1/10 der Dosis des Erwachsenen.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Man sieht schon: ein ziemlicher Unterschied. Viel mehr bringen auch die Tabellen, die er danach bringt nicht – verschiedene Ansätze, verschiedene Ergebnisse.

Von 1/8 bis 3/10 bis 1/5 der Erwachsenendosierung … alles Daten für 2 Jährige.

Und er warnt auch.

Bei der Anwendung dieser Formeln darf man aber nicht vergessen, dass das Körpergewicht und das Alter des Kindes keineswegs genügende Kriterien für die Dosierung sein können. Manche Arzneien werden vom Kinde besser vertragen als vom Erwachsenen in der entsprechenden Dosierung
…
Die folgenden Arzneien werden dem Kinde in entsprechend grösseren Dosen gegeben als dem Erwachsenen: Sulfanilamide, Avertin, Antipyrin, Natriumcacodylat, Belladonna, Bromide, Vitamin K, Vitamin D2 (Vaille Presse Medicale 1943)

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Es gbt aber durchaus auch das Gegenteil, auch wenn er da hier nicht darauf eingeht. Die Aufnahme und Verteilung ist beim Säugling nämlich auch anders als beim Kind und beim Erwachsenen. Der Darm ist noch anders aufgebaut, die Enzymaktivität im Körper ändert, Wasser-und Fettverteilung des Körpergewebes … es ist unglaublich komplex.

Am besten wäre es, wenn man in der Säuglings- und Kleinkinderbehandlung stets in refracta dosi ordinieren könnte. D.h. in wiederholten, tastenden kleinen Gaben bis zum Eintritt der Wirkung. Eine grosse Vorsicht ist auf alle Fälle bei der Säuglingsdosierung am Platze.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Und das kann ich unterschreiben. Damit beenden wir das heutige Kapitel Rezeptierende :-)

Danke – Bitte!

Der Ärztin auf den Anrufbeantworter gesprochen, damit sie zurückruft wegen einer Frage zu einem Rezept.

Sie ruft zurück.

Ärztin: "Habe ich vergessen die Dosierung aufzuschreiben?"

Pharmama: "Nein, aber Sie haben geschrieben eine Tablette morgens – und im Kompendium steht abends sei besser, weil das müde machen kann."

Ärztin: "Ah, nein, morgens ist gut bei dem Patienten. Aber: sehr aufmerksam. Danke!"

Pharmama (total überrascht – sollte ich nicht sein, aber …): "Oh, Bitte!"

Ich find's schön, wenn man höflich miteinander umgeht :-)

Wie stelle ich ein Rezept aus? Anno 1936 (6)

Aus dem Buch Rezeptierkunde – Leitfaden zum Verschreiben und Anfertigen von Rezepten von Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Heute befassen wir uns mit der Frage: wie komme ich auf die richtige Dosierung? Man bedenke, dass es damals noch kaum Fertige Spezialitäten gab – und dementsprechend auch keine Packungsbeilagen und Fachinformationen zum Medikament.

Der Arzt kann entsprechend der Indikation jede Arznei verschieden oft einnehmen lassen. Gewöhnlich pflegt man die Digitalis in Form eines Infusum 2-stündlich zu verabreichen. Brom wird bei der Epilepsiebehandlung auf den Tag verteilt gegeben.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Fingerhut-Tee?! Brom?! Uiuiui.

Fingerhut fällt heute klar unter die Giftpflanzen – wegen der stark wirksamen Inhaltstoffe. 2 Blätter reichen für eine tödliche Vergiftung. Verwendet wurde der Fingerhut wegen der enthaltenen Herzglykoside gegen Herzschwäche und damit verbundene Ödeme sowie zur Senkung der Herzfrequenz. Die Dosierungen müssen aber sehr genau kontrolliert sein, da man wegen der geringen therapeutischen Breite rasch zu viel geben kann und dann wirkt er eben giftig. Bei der Gabe von Tee … der je nach Ziehdauer und verwendeten Pflanzenteilen sehr unterschiedliche Mengen Inhaltsstoffe haben kann ist das kaum gegeben. Aber das war der Vorläufer der späteren Digoxin Tabletten – die aber heute wegen Nebenwirkungen und besserer Alternativen auch kaum mehr verwendet werden.

Und Brom war früher sehr beliebt in Arzneimitteln, zum Beispiel als Kaliumbromid ind Narkose-Beruhigungs und Schlafmittel und es war das älteste Antiepileptikum. Heute ist es obsolet. Lies: Bitte NICHT mehr brauchen! Es führte vor allem, weil es zu hoch dosiert wurde häufig zu chronischen Bromvergiftungen mit Nervenschäden und Hautproblemen…

Will der Arzt die maximale Dosis von vornherein verabreichen, oder sie gar überschreiten, so muss er ein Ausrufezeichen bei der Dosis anbringen. Z.B.
Morphini hydrochlorici 0.04 (!).
Dabei muss die Menge auch noch in Worten ausgeschrieben werden. Der Apotheker weiss dann, dass der Arzt die grössere Menge verabreicht haben möchte und darf mit ruhigem Gewissen die Arznei abgeben. Die Verantwortung trägt in diesem Fall nur der Arzt.

Die Dosis maxima, d.h. die Dosis, die noch ohne Gefahrgegeben, aber nicht überschritten werden darf, liegt zwischen der Dosis therapeutica und der Dosis toxica. Man kennt noch die Dosis letalis minima und die Dosis letalis.
So z.B. ist die
Dosis medicinals für das Morphin. Hydrochl. 0,005 bis 0,01
Dosis maxima pro dosi 0,03!
Dosis medicinalis pro die 0.03
Dosis letalis minima 0,1
Dosis letalis oberhalb von 0,1
Das heisst, dass bei 0,1 eventuell schon der Exitus eintreten kann. Der Patient vermag aber möglicherweise davonzukommen. Der Arzt tut gut, mit möglichst kleinen Mengen anzufangen, so beim Morphin mit 0,005.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

"Der Exitus" = "der Abgang" ist eine Bezeichnung für den (plötzlichen) Tod des Patienten.

Irgendjemand muss auch die letalen Dosen mal getestet haben. Im Buch sind Tabellen mit den therapeutischen und den Maximaldosen für die verschiedenen Wirkstoffe enthalten. Ziemlich übersichtliche Liste von 4 Seiten Länge …

Heute hat man nicht nur mehr Arzneistoffe, man weiss auch mehr über sie. Speziell die neuer entwickelten wurden und werden vor und nach Markteinführung genau untersucht. Wir kennen übliche Dosierungen und Maximal-Dosierungen, wir wissen, was bei Überdosierung passiert, kennen den / die Wege im Körper und auch wie sie wirken.

Letale Dosen findet man indirekt vielleicht noch bei den Chemikalien – heute allerdings in versteckter Form bei der Einteilung der Warnsymbole.

Aber was mir immer wieder auffällt ist meine eigene Reaktion, wenn ich die damals verwendeten Mittel sehe: Uh, ehrlich?! Etwas primitiv, nicht? Und manches wirklich gefährlich – heute weiss man es besser.

Aber ist das wirklich so? Gut, wir wissen besser Bescheid über manche der verwendeten Stoffe, haben viel gelernt, wie der Körper funktioniert und wo die Stoffe eingreifen. Nur: wie sehen wir das wohl in 70 Jahren? Vielleicht schauen wir dann auf manches heute verwendete gleich zurück.

Das Wissen ändert.

Das muss man sich immer vor Augen halten.

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (1) Einleitung

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (2) Zusammenarbeit mit Apotheken

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (3) – wie sieht das Rezept aus?

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (4) – Anwendung und lateinische Formulierung

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (5) – Dosierungsangaben und Aufschreiben von Arzneistoffen / Spezialitäten

Medikamenten-Dosierung für Hunde

Gelegentlich sehen wir in der Apotheke Rezepte von Tierärzten für Tiere. Hunde und Katzen hauptsächlich, gelegentlich auch für Vögel. Hauptsächlich, wenn der Tierarzt ein Medikament aufschreibt, das eigentlich für einen Menschen gedacht ist und es dann … umwidmet.

Ich muss zugeben – was die Dosierung da angeht, muss ich mich voll darauf verlassen, dass der Tierarzt weiss, was er tut, denn ich kenne mich nicht aus, was den Metabolismus von Tieren angeht. Ganz sicher sind Dosen für Menschen nicht einfach eins zu eins und nur auf das Körpergewicht bezogen anpassbar.

In Amerika ist ein Apotheker jetzt bei so einem Fall gebüsst worden.

Es ging um einen Hund, eine sehr hohe Valium-Dosierung auf dem Rezept vom Tierarzt und um eine besorgte Tierhalterin.

Der Hund war Roo, ein 6 Jahr alter etwa 48 kg schwerer Chesapeake Bay Retriever, der eine Operation am Knie hatte.

Weil er nach der Operation sehr unruhig war und sich nicht schonte, verschrieb ihm der Tierarzt Diazepam. Die Tierklinik hatte keine Tabletten, die gross genug waren für einen Hund seiner Grösse, darum wurde das Rezept an eine Apotheke gefaxt, die die Hundehalterin ausgesucht hat.

Das Rezept war für 60 Stück 10mg Tabletten Diazepam. Mit der Dosierung 2 bis 4 Tabletten aufs Mal zu geben, alle 8 bis 12 Stunden, nach Bedarf.

Als der Apotheker dazu kam das Rezept auszuführen, fiel ihm die hohe Dosis auf.

Zum Vergleich: Beim Erwachsenen Menschen nimmt man initial 5-10mg, täglich maximal 20 mg. Die Einzeldosis soll nicht über 10mg liegen.

Wir reden hier also von einer Einzeldosis, die doppelt bis 4 x so hoch ist und von einer Tagesdosis, die maximal 8 x so hoch ist, wie empfohlen.

Der Apotheker versuchte den verschreibenden Arzt zu erreichen, der ist aber inzwischen in den Feierabend gegangen und die Tierklinik geschlossen.

…

Als die Tierhalterin das Medikament abholen kommt, weist der Apotheker sie auf die hohe Dosis hin: „Der Apotheker hat mir gesagt, die Dosis sei zu hoch. Tatsächlich hoch genug um einen Menschen umzubringen. Ich war verwirrt und verängstigt und habe ihn gefragt, was ich tun soll? Er hat mir gesagt, ich solle die Tabletten vierteln und meinem Hund nur je ¼ Tablette geben.“

Das hat sie dann – was beim Hund dann keinen Effekt hatte: die Dosis war zu tief.

Sie war durch die Aussage des Apothekers so beunruhigt, dass sie – sogar nachdem sie noch einmal beim Tierarzt nachgefragt hat nicht die eigentlich verschriebene Dosis gegeben hat.

Mit dem Ergebnis, dass der Hund sein operiertes Bein nicht schonte, das dann nicht gut verheilt ist und der Hund weitere Operationen brauchte.

Deshalb hat sie den Apotheker angezeigt. Vor allem, weil er sich, wie sie sagte: uneinsichtig und reuelos zeigte.

Bei der Untersuchung sagte der Apotheker: „Ich habe nicht genug Resourcen um die Dosis für einen Hund zu berechnen. Die Resourcen in meiner Apotheke befassen sich alle mit der Dosierung für Menschen. … die Patientin hat mich gefragt, was die Nebenwirkungen dieses Medikamentes seien. Ich habe ihr gesagt, dass für einen Menschen die Dosis sehr hoch wäre und dass sie sich so bald als Möglich an den Arzt wenden soll um sich zu versichern, dass sie dem Hund die richtige Dosis gibt. In der Zwischenzeit soll sie sich an die aufgeschriebene Dosierung halten.“

Was auch immer gesagt wurde – und wie es ankam … der Apotheker bekam vom Board of Pharmacy einen Eintrag ins Leumundzeugnis (notice of correction) – aber keine weiteren Strafen, auch weil er bisher keine negative Vorgeschichte hatte und inzwischen auch Korrekturmassnahmen eingeleitet … wie für die Apotheke ein Buch über Dosierung bei Tieren anzuschaffen.

Der Apotheker bestätigt auch, dass sie in der Schule oder durch ihre Vorgesetzten keine Ausbildung erhalten in Veterinär-Pharmakologie. „Niemand hat das“ sagt er. Und fügt hinzu: „Ich rate den Schulen an, dass sie damit anfangen.“

Quelle: http://news.vin.com/VINNews.aspx?articleId=28582​

Wie stelle ich ein Rezept aus – Anno 1936 (5)

Aus dem Buch Rezeptierkunde – Leitfaden zum Verschreiben und Anfertigen von Rezepten von Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Wir sind immer noch bei der Anwendung / Dosierung. Da muss man natürlich speziell aufpassen, damit keine Fehler passieren! … und dann gab es auch da schon ein paar Tricks …

Der Arzt, besonders der angehende, muss das Rezept vor der Abgabe nochmals durchsehen und vor allem die Zahlen nachkontrollieren. Besondere Beachtung soll der Signatur geschenkt werden. Der Patient hat genaue Angaben zu bekommen, ob er das Mittel auf einmal oder verteilt auf den Tag, vor dem Essen oder nach dem Essen einnehmen soll. Grosses Gewicht legt der Patient auch auf die Frage, ob man das Pulver mit oder ohne Wasser herunterschluckt

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Nun … ich bin mir nicht ganz sicher, aber – sieht nicht so aus, als ob die Arzneiform „Kapsel“ hier schon erfunden wurde. Jedenfalls nicht die Gelatinekapsel – Stärkekapseln vielleicht schon … unpraktisch, wie wir das heute ansehen, aber sicher besser als Pulver trocken zu schlucken. Bäh!“

Es folgt ein Beispiel, wie das schiefgehen kann:

Ein Arzt verschrieb einem Kinde:
Rp.
Chlorali hydrati 4.0
Tinctura Opii siml. 15.0
Aqua dest. 60.0
MDS
Er unterliess es dazu zu schreiben: S. gtts. XV und vergass auch, das Alter des Patienten anzugeben. Das Kind erhielt die gesamte Menge auf einmal und starb unmittelbar darauf (Grönberg).

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Oh weh. Auch für den abgebenden Apotheker. Aber aus heutiger Sicht: Opiumtinktur und Chloralhydrat – für ein Kind?!?

An dieser Stelle wollen wir ganz kurz auch auf die Synonyma eingehen. Der Arzt muss nämlich sehr oft für ein bekanntes Arzneimittel eine andere Bezeichnung wählen. Zuweilen handelt es sich um ängstliche Patienten, die nicht wissen sollten, was sie erhalten. So z.B. kann Kalium arsenicosum solutum Angst einjagen, während die Solution Fowleri ohne weiteres genommen wird.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Das muss man einmal auf sich einwirken lassen …

Wikipedia sagt dazu: Die Fowlersche Lösung (Liquor Kalii arsenicosi) war ein vom 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bekanntes Medikament, das lange als medizinisches Wundermittel galt und als Fiebersenker, Heilwasser und sogar als Aphrodisiakum Anwendung fand.

Hauptbestandteil der Fowlerschen Lösung war die hochgiftige Arsenverbindung Kaliumarsenit die zur Geschmacksverbesserung mit Lavendelwasser vermischt wurde.

Benannt wurde das Medikament nach dem Briten Thomas Fowler, der – als Anhänger der Iatrochemie – Arsen in alkalischer Lösung als Fiebermittel empfahl.

In Deutschland war das Mittel zur Behandlung der Schuppenflechte bis in die 1960er Jahre im Einsatz. –

Okay. Da hätte auch ich etwas Angst das zu nehmen :-)

Allerdings … irgendwo ist es doch noch heute so. Der Arzt verschriebt etwas und – der Patient weiss häufig nicht wirklich, was er da bekommt. Gut, so giftiges wie das oben eher nicht, aber …

Oder der Patient behauptet nach Veronal nicht mehr zu schlafen; auf Acidum diaerhylbarbituricum wird er aber gut einschlafen, in der Überzeugung, dass der Arzt ihm ein anderes Arzneimittel verschrieben hatte. Das ist mit eine Möglichkeit, um zuweilen die besonders nach öfterer Verwendung hypnotischer Arzneien eintretende Empfindlichkeitsabnahme hintanzuhalten

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Umm. Ja. Irgendwie sehe ich das zwar ein bisschen als „Patient angelogen / verarscht" an, aber – es hat was. Schlafmittel sind auch heute noch ein Problem wegen der Abhängigkeitsentwicklung und der Entwicklung einer Toleranz: dass dieselbe Dosis irgendwann nicht mehr dieselbe Wirkung hat – was dann häufig dazu führt, dass die Patienten die Dosis steigern. Der Arzt nützt hier also praktisch den Placeboeffekt aus – (oder sollte man dafür ein neues Wort erfinden?): derselbe Wirkstoff, anders „verpackt“ und die Wirkung ist (wieder) da.

Und jetzt kommt etwas, das heute noch Bedeutung hat:

Verschreibt der Arzt das Acidum diaethylbarbituricum, so darf der Apotheker dem Patienten das einheimische, viel billigere, in der Wirkung gleiche Präparat, nach der Ph.H.V auch als Barbital abgeben. Verschreibt er aber Veronal, so muss sich der Apotheker an das teurere Fabrikpräparat halten. Somit haben die Synonyma auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung.

Prof. Dr. Med T. Gordonoff

Ta-Da … die vielleicht erste Erwähnung der Wirtschaftlichkeit von Generika?

Denn … auch wenn er damit wohl einfach die Grundsubstanz nennt, die dann abgefüllt / Pillen gemacht? wurde … der Apotheker durfte hier ersetzen!

Cool.

​Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (1) Einleitung

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (2) Zusammenarbeit mit Apotheken

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (3) – wie sieht das Rezept aus?

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (4) – Anwendung und lateinische Formulierung