MiGeL – oder Mich Gruselt es Langsam?

Die MiGeL (die Mittel und Gegenstände-Liste) scheint von den Krankenkassen wirklich zum Sparziel auserkoren worden zu sein – anders kann ich mir die vielen Änderungen in der letzten Zeit nicht erklären.

Schon jetzt ist es so, dass wir bei Verbandsmaterial etc. häufig den Fall haben, dass was die Krankenkasse bezahlt unter dem Verkaufspreis liegt. Bei einfachem Material wenig – und wenn es unter 2 Franken 50 liegt, erlassen wir das dem Patienten (sprich, wir schenken ihm die Differenz), liegt es allerdings darüber und ich kann nicht versuchen, das seiner Zusatzversicherung zu verrechnen (weil er zum Beispiel keine hat, oder die so strikt ist wie die der CSS/Arcosana), dann muss er das bezahlen (oder sie – ich verzichte hier darauf pc zu sein). Ich versuche schon lange hier Alternativen zu finden und an Lager zu haben, die ganz übernommen werden. Zum Beispiel gebe ich keine Webcol-Alkohol-Tupfer ab, auch wenn die gerne verschrieben werden, weil da der Packungspreis über dem MiGeL-Listpreis liegt. Stattdessen nehme ich die Soft-Zellin. Dass in den Softzellin nur 100 drin sind und beim Webcol wären es 200 interessiert die Kasse nicht, nur dass der Abgabepreis pro Packung (hier) unter – was ist es? 5 Franken? liegt.

Gerade gesehen: in der aktuellsten MiGeL-Änderung haben sie das offensichtlich gemerkt und angepasst: jetzt steht da, dass pro Stück 5 Rappen übernommen werden (also auch 5 Franken für 100…)


Von der Abrechnungsstelle kam Ende Jahr die Meldung, dass von den Krankenkassen selbsterfasste Produkte nicht mehr akzeptiert werden, da das ihre Statistik verfälscht. Es könnte deshalb zu Zurückweisung von Abrechnungen kommen.

Das betrifft bei uns vor allem steril einzelverpackte Gazeplätzchen. Die werden häufig von den umgebenden Spitälern und Kliniken zur weiteren Wundversorgung verschrieben – und da es (zumindest früher) keine kleinen Packungen gab, haben wir die grossen aufgemacht und die Gazekompressen einzeln verkauft oder auf Rezept genommen. Das war wirtschaftlich …. ist aber offenbar, da nicht in die Statistik der Kassen passend, nicht mehr gewünscht. Die korrekte MiGeL-Nummer wird dabei nicht übertragen … und eingeben ist bei uns im System nicht möglich.

Zwei Möglichkeiten das zu umgehen: Kleinere Packungen suchen, die existieren und die auch von der Krankenkasse übernommen werden und die nehmen (Minimum sind 5er Packungen bei den Gazekompressen) – oder beim Rezept die richtige MiGeL-Nummer eingeben – die ist im System – und als Kommentar dazu schreiben, welche Plätzchen das gewesen sind. Der Kommentar wird dabei aber nicht an die Krankenkassen übertragen, das ist nur für uns in der Apotheke, damit wir wissen, was das war. Wenn man hier statt Einzel- auch etwa 5 Stück nimmt, stimmt das etwas mit dem Preis von vorher überein.


Mitte letzten Jahres kam mit der neuen MiGeL-Liste die grösste Änderung (die ich gesehen habe): sie betraf die Krücken – Verzeihung, Geh-hilfen. Konnten die früher noch gemietet werden (oder einzeln verkauft), ist es jetzt nur noch möglich sie (Paarweise) zu verkaufen – respektive der Krankenkasse abzurechnen. Ausnahme sind Kinderkrücken – da ist eine Miete weiterhin möglich.

Für den Kauf von 1 Paar bekommt die Apotheke von der Krankenkasse 25 Franken. …. und die günstigsten, die ich gefunden habe sind 31 Franken. Auch hier zahlt der Patient auf.

Inzwischen hatte ich einen Kunden, der das auf dem Rezept hatte – und der hat mir die Krücken nach einem Tag praktisch angeschmissen, weil sie so mies sind.

Aber halt! Es gibt noch eine Möglichkeit: wenn er die länger als einen Monat braucht, kann man als Apotheke auch die mit anatomischen-/orthopädischem Griff anbieten. Da bekommt die Apotheke von der Krankenkasse 56 Franken …. Die sind allerdings auch teurer, also bezahlt der Patient da 11 Franken auf. Wenn der Patient bereit ist das zu machen, würde ich das allen empfehlen … auch bei ev. kürzeren Gebrauchzeiten. Weiss die Krankenkasse denn, wie lange die effektiv gebraucht werden?


Dann noch etwas – ein Fall, den ich vor ein paar Jahren wirklich hatte (nachzulesen hier Retax auf Schweizerisch): da wollte mir die Krankenkasse die abgegebenen Blutzucker-Teststreifen für einen Patienten nicht bezahlen, weil er in einem Altersheim lebt und das in der Pauschale, die sie dem Altersheim zahlen enthalten ist. Ich habe mich damals dagegen gewehrt mir der Begründung, dass ich ein korrektes Rezept dafür vorliegen hatte und mir weder daraus noch von der Krankenkassenkarte ersichtlich war, dass der Patient im Altersheim wohnt. Die Kasse hat das dann schliesslich murrend doch bezahlt. Offenbar gab es inzwischen mehr derartige Fälle, die auch vor Gericht gelandet sind, so dass die Abrechnungsstelle inzwischen die Apotheken warnt: Keine MiGeL Produkte an Alters- oder Pflegeheimbewohner via Krankenkasse!

Ich habe mal gegoogelt, was da drunter fällt:

Für folgende Mittel und Gegenstände werden den Heimen eine Tagespauschale (gültig für alle Stufen) in der Höhe von CHF 1.90 pro Bewohner/in ausgerichtet:
Applikationshilfen
Inkontinenzhilfen
Kälte- und/oder Wärmetherapie-Mittel
Kompressionstherapiemittel
Messgeräte für Körperzustände-/Funktionen
Verbandmaterial

Also mal abgesehen von: 1.90.- pro Tag, wenn jemand wirklich Inkontinent ist und/oder Diabetes hat oder eine offene Stelle … wow.

Ich sehe aber immer noch nicht anhand der Krankenkassenkarte, ob der Patient in einem Alters- oder Pflegeheim ist. Ich sehe nur eine Strassenadresse. Entweder frage ich jetzt jeden ab einem gewissen Alter ob das der Fall ist (peinlich!) oder ich gleiche die Adresse mit einer Liste der Adressen der Alters- und Pflegeheime ab. Nur … da gibt es so viele, ich habe da natürlich auch nur die in der Nähe drauf.

Bestes Patientenzitat heute

bestesPatientenzitat

Ohne es mir mit den mitlesenden Ärzten vertun zu wollen (und „Fehler“ ist vielleicht ein zu starkes Wort für manches davon), aber … wenn der Patient der das gesagt hat gesehen hätte, was ich schon gesehen haben ….

Das fängt schon bei einfachen Dingen an: Patientenname nicht auf Rezept, falscher Name drauf, eigener Name statt dem vom Patienten (ich glaube der Arzt war etwas übermüdet) … ausgesprochen unpassende Dosierungen (ja, man nimmt Xarelto einmal täglich und Brilique zwei mal täglich – ziemlich relevanter Unterschied bei den Blutverdünnern), Betäubungsmittel auf normalem Rezept verordnet, Wechselwirkung oder Allergie nicht beachtet undsoweiterundsofort … – ihr lest ja diesen Blog, also kennt ihr das auch :-)

Das allermeiste macht nicht viel und lässt sich vor Ort korrigieren oder nach einem raschen Telefonanruf mit dem verschreibenden Arzt. Die nehmen das auch (meistens) nicht persönlich – sind halt auch nur Menschen.

 

Geben Sie mir die Nadeln

Minimalbesetzung am Samstag morgen, da mache ich so alles, was in der Apotheke anfällt. Also neben den Rezepten noch die Blutzuckermessung und die Kompressionsstrümpfe anmessen und die Wunden von Leuten versorgen und natürlich Beraten zu medizinischen Problemen. All das – aber nach 2 Stunden darf ich dann feststellen, dass ich zwar viel gemacht habe – das aber wenig in die Kasse bringt. Währenddessen hat die Drogistin eine Kosmetikberatung und macht in 10 Minuten so viel Umsatz wie ich in 2 Stunden nicht. Ich kann nicht sagen ‚gar nichts‘, denn wir verlangen etwas für das Blutzucker messen und auch für die Wundversorgung (sofern es sich nicht um einen akuten Fall handelt). Aber die Stützstrümpfe gehen über das Rezept, da bekomme ich wenig und dann war da noch die Diabetes-Beratung.

… Das war interessanterweise nicht die Person, bei der ich den Blutzucker gemessen habe, der war tatsächlich bestens. Aber als ich an den Stützstrümpfen bin kommt Sabine – „Ich habe da eine Frau, die Nadeln für den Lantus Pen will.“

„Ja – und?“

„Was soll ich ihr geben?“

„Hat sie kein Rezept oder weiss welche?“

„Nein, sie soll sie für den Mann holen.“

„Okay – das muss ich anschauen. Da muss sie jetzt halt einen Moment warten.“

Als ich ein paar Minuten später zu ihr komme, zeigt sie mir ein Blatt – aus der Beschreibung des Lantus Solostar Pen kopiert und deutet auf die Spitze: „Mein Mann braucht diese Nadeln.“

„Okay“ – „Hat er eine bestimmte Marke? Welche Länge?“

Heute sind die meisten Nadeln, die wir haben mit so ziemlich allen Pens kompatibel. Aber es gibt immer noch Präferenzen, wenn jemand mit welchen angefangen hat, bleibt er häufig auch aus Gewohnheit dabei. In der Beschreibung des Pens sind keine spezifischen angegeben.

„Ich weiss nicht. Er hat einfach keine mehr und braucht jetzt neue. Er hat mir das hier mitgegeben, damit ich ihm die richtigen bringe.“

Ich versuche ihr zu erklären, dass ich zumindest die Länge wissen sollte. Da sie da auch keine Ahnung hat, beschliesse ich ihm anzurufen.

„Pharmamas Apotheke, Pharmama, Guten Tag Herr … ihre Frau steht gerade bei mir in der Apotheke wegen den Nadeln … jetzt wissen wir aber nicht genau, welche.

„Ah, genau. Warten Sie einen Moment, ich hole die Packung …
Da ist sie ja. Also … da steht … Accu Check Guide …“

„Oh, ich dachte Sie brauchen Nadeln für den Pen, nicht die zum Messen?“

„Jaa – richtig, das ist die falsche Packung. Moment, ich hole die richtige aus dem Kühlschrank, anscheinend soll man das ja dort aufbewahren …“

(…? dazu gleich mehr)

„Da habe ich ihn. Also da steht auf der Verpackung Lantus …“

Er lässt sich nicht bremsen, also lasse ich ihn ausreden, auch wenn mir diese Info wirklich nicht mehr hilft.

Pharmama: „Ja, der Pen. Und dafür brauchen sie jetzt Nadeln?“

„Genau.“

„Welche Nadeln hatten Sie denn?“

„Na, diejenigen, die vorne auf dieses Gerät kommen.“

„Ja, schon klar. Ich meine: welche Marke? Und: welche Länge?“

„Sie sind etwa anderthalb Zentimeter hoch.“

Das … dürfte auf die Nadel samt Halterung zutreffen, hilft mir aber nicht weiter.

„Okay, haben sie denn die alte Verpackung noch, wo Sie schauen könnten, was da drauf steht?“

„Nein, ich habe heute die letzte gebraucht.“

„Oder vielleicht ein Rezept mit einer Angabe?“

„Nein, wissen Sie, die ersten Nadeln hat mir der Arzt mitgegeben und die Lantus habe ich seither von der Zur Rose Apotheke bekommen …“

Argh. Versandapotheke.

„Okay. Ich versuche herauszufinden, welche Länge sie brauchen. Wissen Sie da gibt es unterschiedliche Nadellängen, von 4 mm bis 12 mm.“

„Tut mir leid, das weiss ich nicht.“

Ich überlege. Wenn ich seiner Frau einfach irgendwelche in einer mittleren Länge verkaufe und es sind nicht die, die er bis jetzt hatte, habe ich sie spätestens Montag wieder in der Apotheke, wenn sie die geöffnete Packung umtauschen wollen. Aber ich habe von einer Firma ein paar Musterpackungen mit verschiedenen Nadellängen hier, wo je ein paar drin sind.

„Dann machen wir es vielleicht so: Ich gebe Ihrer Frau ein paar Musterpackungen mit, damit Sie etwas haben über das Wochenende und Sie klären am Montag mit dem Arzt ab, welche Nadellänge sie brauchen. Darf ich fragen, wie gross und wie schwer sie sind?“

Die Nadellänge ist für dicke Leute länger als für sehr schlanke. Er ist Normalgewichtig, also gebe ich ihr die 6mm und 8mm mit.

Aber vorher noch das:

„Und die Lantus – die müssen sie nur bis zur ersten Anwendung im Kühlschrank aufbewahren. Also: den Pen, den sie im Gebrauch haben, den sollten sie bei Raumtemperatur aufbewahren. Und natürlich die Nadeln bei jedem Mal Spritzen wechseln.“

Ich bin mir nämlich auch nicht ganz sicher, ob er das bis jetzt gemacht hat. Immerhin scheint er immer noch die erste Packung vom Arzt selber gebraucht zu haben und … nicht wirklich korrekt instruiert worden zu sein, wenn das mit dem Kühlschrank so ist.

Die Frau war damit glücklich und ist gegangen.

Auch hier: Arbeitszeit: mindestens 15 Minuten, Einnahmen: Null Franken.

Dafür: Arbeit gut gemacht, eine Lösung gefunden, Patient augerüstet über das Wochenende, instruiert – was ja alles im Endeffekt seiner Gesundheit zu gute kommt … und der Kasse keine Folgeschäden produziert.

Ob sie allerdings wiederkommen ist fraglich, da wohl der Arzt via zur Rose die neue Packung Nadeln schicken wird.

Nachtrag Montag: Sie war wieder da und hat von den 6mm bestellt. Das Rezept sollte vom Arzt gefaxt werden.

Nachtrag Mittwoch: kein Fax vom Arzt bisher … aber abgeholt wurde es.

Nachtrag 2 Wochen später: immer noch kein Rezept vom Arzt.

Leider wie erwartet.

Fehler in schweizer Apotheke im Fernsehen

Hat jemand den Kassensturz vorgestern abend gesehen? Falls Nein – hier kann man ihn noch anschauen / lesen, um was es geht: Gravierende Verwechslung- Apotheke verkauft falsches Medikament.

Es ist natürlich die absolute Horrorvorstellung von jeder Apothekerin und jedem Apotheker und das, was uns gelegentlich schlaflose Nächte bereitet: Der Patient hat das falsche Medikament erhalten. Leider kommt das – bei aller Sorgfalt und bei allen Sicherungsmassnahmen und Doppelkontrollen die man hat, tatsächlich gelegentlich vor. Wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren. Das ist auch mit ein Existenzgrund für die Apotheke: dass sich eine weitere medizinische Fachperson die Medikation nochmals ansieht, bevor der Patient sie erhält, denn: auch Ärzte machen Fehler. Vor der Abgabe  gilt das 4-Augenprinzip: jemand richtet es und eine zweite Person schaut das nochmals an. Bei uns wird auch (wie im Film erwähnt) am nächsten Tag durch eine nochmals andere Apothekerin das Rezept kontrolliert.

Und dennoch. Wir hatten schon falsch angeschriebene Medikamente (Dosierungsetikette), falsche Dosierung (z.Bsp Aspirin Cardio 100mg statt 300mg), falsches Medikament: Zolpidem statt Zoldorm … nicht so tragisch, da genau dasselbe; ditto bei Calcimagon mit falschem Geschmack, und einmal wirklich etwas, was ich so und meine kontrollierende Apothekerin anders gelesen hat und das etwas anderes war. Da muss man reagieren – möglichst rasch. Aber wir sind nie über die Stufe. „Medikament falsch, Patient betroffen, keine Folgeschäden“ herausgekommen. Dafür bin ich dankbar.

Auch in der Sendung im Kassensturz – so „gravierend“ der Fehler war: der Patient hat ein Medikament mit ähnlichem Namen bekommen – statt eines Mittels gegen erhöhtem Cholesterin ein Mittel gegen Blutkrebs – der Patient hat das Medikament nicht genommen, da er a) das Mittel schon kannte und das anders aussah, b) er die Packungsbeilage nochmals angeschaut hat, weil das eben neu aussah (Kudos, lieber Patient: super!) und c) das Medikament eine Dosierungsetikette hatte, die auf einen anderen Patienten lautete (!). Deshalb hat er das Medikament nicht genommen – und deshalb (natürlich) auch keine Schäden. Etwas unschön finde ich vom Kassensturz, die Etikette mit dem Namen der Apotheke so zu zeigen.

Was Abgabefehler angeht finde ich den hier noch etwas „kurios“: Offenbar ist das passiert, weil für zwei sehr ähnlich klingende Patienten zwei sehr ähnlich klingende Medikamente bestellt waren – und die nebeneinander im Abholregal bereit standen. Bis dahin alles korrekt. Die letztlich das Medikament herausgebende Person hat danebengegriffen. Für das Fehlermanagement ist das schwierig auszumerzen. Nochmals Kontrolle mit noch einer Person ob Abholzettel und Medikament übereinstimmen?

Wesentlich häufiger kommen Verwechslungen wohl vor, weil Medikamente ähnliche aussehen oder ähnliche Namen haben – und der Arzt nicht lesbar schreibt. Das hat die Patientenorganisation richtig erkannt. Natürlich muss man bei unleserlichen Rezepten beim Arzt nachfragen – das müssen wir heute noch. Manchmal mehrmals täglich.

Amüsant fand ich die Beispiele, die im Film vorkommen:

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Erster Gedanke: „heh – ich kann die lesen!“ Dann … „Die kommen mir irgendwie bekannt vor“. Jaaa – kein Wunder. Die sind von mir, von diesem Blog. Das erste Beispiel findet sich hier: unleserliche Rezepte mal wieder und das zweite hier: Apotheke Quiz 2.

Die Beispiele sind schon älter – aber ich könnte täglich mehr in die Sammlung aufnehmen, denn das kommt immer noch häufig vor. Anscheinend ist es nicht durchsetzbar, dass die Ärzte möglichst alle Computerausdruck-rezepte ausstellen. Erklärung im Film: Weil man dann beim Hausbesuch keine Rezepte mehr ausstellen könnte … Erklärung die ich woanders gehört habe: Weil man das den älteren Ärzten nicht mehr zumuten könne. Nun – ich bin schon zufrieden, wenn sie sich mehr Mühe geben beim Schreiben.

Jedenfalls: Ja, leider passieren in der Apotheke auch Fehler. Das ist schlecht (wenn auch menschlich). Aber auch wenn es dieser bis zum Kassensturz „geschafft“ hat – so schlimm war der nicht – auch weil der Patient mitgedacht hat. Eigentlich ist das gut: sensibilisiert es doch die Öffentlichkeit dazu selber mehr Verantwortung für ihre Gesundheit (und Medikation) zu übernehmen (wissen was man nimmt und weshalb) und dass es bisher kein schlimmerer Fehler bis in die Medien geschafft hat, zeigt doch auch, dass das System und Fehlermanagement funktioniert.

Im Krankenhaus fast verhungert

Angenommen, Dir oder einem Angehörigen geht es so schlecht, dass er oder sie ins Spital muss. Dort wird man dann untersucht und gesundheitlich umsorgt oder zumindest im Auge behalten. Sollte man denken.

Krankenhausessen ist oft nicht wirklich „gut“ (es ist ja auch kein Hotel) und ich bin mir auch bewusst, dass es Länder gibt, wo man üblicherweise im Spital von den Angehörigen versorgt werden muss. Bei uns ist das nicht so, allerdings bin ich inzwischen so weit, dass ich den Leuten, die ins Spital müssen empfehle jemanden so oft wie möglich dabei zu haben, der ein bisschen mit aufpasst. Darauf gekommen bin ich nach mehreren Geschichten und Erlebnissen unserer Patienten und Bekannten – und auch aus eigener Erfahrung. Zwei Beispiele für Euch:

Die ältere Mutter einer Bekannten musste ins Spital wegen akuter Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes (Schmerzen und Atemprobleme). Beim Besuch ein paar Tage später fällt der Bekannten auf, dass es ihrer Mutter nicht gut geht. Die Mutter gehört zu der Generation, die nicht gerne anderen zur Last fällt und sich kaum beklagt. Ihr ist aber aufgefallen, dass die Mutter Mühe hat mit dem Essen. (Kauen und der Handhabung des Bestecks). Sie hat das gemeldet, damit man darauf achtet und eventuell das Essen anpasst.

Als sie am nächsten Tag kommt, trifft sie an der Tür die Pflegerin, die gerade das Tablett mit dem Essen abräumt. „Meiner Mutter geht es nicht gut. Ich glaube sie trinkt und isst nicht genug.“

Sagt die PFF: „Sie hat gerade gegessen“ – und deutet auf das abgedeckte Tablar.

„Hat sie wirklich gegessen?“

„Natürlich. Sie bekommt drei Mal täglich ihr Essen und genug zu trinken.“

„Schauen Sie mal unter die Abdeckung.“

Die PFF hebt den Deckel. Aufschnitt. Brötchen mit Käse und Schinken und ein Tupfen Quark. Vom Quark fehlte etwas, der Rest ist unberührt.

„Sie isst eben nicht. Sie stellen das hin und räumen es wieder weg und merken nicht einmal, dass sie gar nichts zu sich nimmt. Sie hat Schmerzen beim Kauen und sie hat Probleme mit den Händen und ist zu zurückhaltend, als dass sie nach Hilfe fragt. Ich habe schon bei früheren Besuchen angemeldet, dass sie möglichst weiches Essen braucht, aber das sieht nicht danach aus.

Dann war da der schizophrene Bruder einer unserer Patientinnen. Nach einem Unfall bei dem er die Rippen gebrochen hat und ins Spital musste, fand ihn seine Schwester bei einem Besuch nicht ansprechbar im Spitalbett. Die herbeigerufenen Pfleger und Ärzte mussten dann feststellen, dass er stark dehydriert war und auch seit Tagen auch nicht mehr gegessen hat. Auch hier wurde das Essen hingestellt und wieder abgeräumt. Dass er nicht gegessen und getrunken hat, hatte hier vielleicht weniger mit den Schmerzen als mit seiner Grunderkrankung zu tun, aber dass etwas nicht stimmt ist dort niemandem aufgefallen.

Ich weiss, wie wenig Zeit die Pflegenden für einen einzelnen Patienten im Spital haben und dass ein Teil dieser Zeit heute auch noch mit den notwendigen Dokumentationen aufgefressen wird. Ich finde das einfach mehr als Bedenklich. Vor allem, wenn ich daran denke, dass diese Dokumentation wohl eingeführt wurde, damit derartiges wie oben vielleicht nicht mehr passiert – und nicht nur zur korrekten Leistungsabrechnung. Dass das nicht die Endlösung ist, zeigt sich in dem oben. Ich bin sicher, da stand in der Dokumentation: Essen: Diätteller A. Essen gebracht um X Uhr. Gegessen bis XX Uhr.

Weniger Dokumentation und mehr Einfühlungsvermögen! Sowas wie oben kann doch nicht sein – und wie gesagt, ich weiss von mehr als nur den beiden Fällen.

Die Liste geht weiter. Einer Kollegin ist bei der Durchsicht der monatlichen Rechnung des Pflegeheims aufgefallen, dass bei ihrer Mutter immer noch täglich ein Kaffee für CHF 1.80.- verrechnet wird. Ihre Mutter ist seit 3 Monaten nicht mehr in der Lage selber zu essen und zu trinken – sie ist komatös und wird intravenös ernährt. Sie kann gar keinen Kaffee (oder sonstwas) noch selber trinken. Trotzdem bekommt sie ihn offenbar täglich hingestellt und wenn er kalt ist wieder abgeräumt?

Also rate ich heute Angehörigen ein Auge da drauf zu halten. Wenn das in dem Krankenhaus nicht so ist: super! Und wenn doch können sie hoffentlich einschreiten.

Das Problem mit den ausländischen Medikamenten …

Der Herr, der seine Medikamente so wie’s aussieht hauptsächlich im Ausland bezieht steht wieder mit einem Problem bei mir in der Apotheke. Er ist übrigens kein Online-Apotheken-Kunde, nein, er geht nur hauptsächlich in seinen (häufigen) Ferien in der Türkei zum dortigen Arzt und kauft die Medikamente dann dort. Ja – kann jeder halten, wie er will. Nur hat er gelegentlich auch ausserhalb der Ferien akute gesundheitliche Probleme – und das sollen dann immer wir möglichst gleich richten, denn einen Hausarzt hier hat er nicht.

Heute kommt er mit einem kleinen Fläschchen und erklärt, dass er das gegen Ohrenschmerzen hat und dass er gerne so eines kaufen möchte. Das Fläschchen ist nicht von hier – aber ich kann ausser dem Namen erkennen, dass es Augentropfen sind mit Antibiotium und Cortison. Garantiert rezeptpflichtig … wenn es die Kombination hier genau so überhaupt gibt.

Ich versuche ihm das zu erklären:

„Das sind antibiotikahaltige Augentropfen …“

„Ohrentropfen!“

„Nein es sind tatsächlich Augentropfen, sehen Sie, das steht da drauf.“

„Aber der Arzt hat mir gesagt, das ist für die Ohren!“

„Das kann schon sein, da habe ich auch hier schon gesehen, dass Augentropfen für die Ohren angewendet werden. Jedenfalls enthält es ein Antibiotikum und Cortison – die sind demnach rezeptpflichtig in der Schweiz …“

„In der Türkei habe ich das ohne Rezept bekommen!“

„Ja – und hier in der Schweiz brauchen Sie eines dafür – selbst wenn ich etwas in der gleichen Kombination finden wür …“

„Ja, geben Sie mir einfach ähnliche Ohrentropfen!“

„Ich kann Ihnen nur welche mit desinfizierender Wirkung und lokalem Schmerzmittel geben, keine mit Antibiotika.“

„Aber ich will wieder diese hier!“

„Und die kann ich ihnen nicht geben, selbst wenn es sie so in der Schweiz gäbe – was sie nicht tun.“

„Soll ich denn die einfach weiternehmen?“

Ich schaue das Fläschchen misstrauisch an. „Wie lange nehmen Sie die denn schon?“

„Ah, schon ein paar Wochen. Aber nicht durchgehend.“

„Und sie haben Ohrenschmerzen?“

„Ja, gelegentlich wieder ein bisschen.“

„Dann würde ich die nicht mehr benutzen und gehen Sie doch bitte zum Arzt, das abklären zu lassen.“

„Aber ich habe hier keinen Arzt.“

„Dann zeigen Sie es in einer walk-in-Klinik oder Sie gehen ins Spital?“

„Könnten Sie mir nicht einfach Ohrentropfen geben? Sie sind doch eine Apotheke!“

„Ich fände es besser, wenn Sie das einem Arzt zeigen gehen. Wenn Sie das schon so lange haben und das mit den Tropfen hier nicht wirklich weggegangen ist, dann nützen die, die ich habe wohl nicht genu …“

„Geben Sie mir einfach etwas!“

Ja gut. Ich habe ihm dann freiverkäufliche, desinfizierende Ohrentropfen verkauft.

So im Nachhinein … ich hätte ihm auch freiverkäufliche desinfizierende Augentropfen für die Ohren verkaufen können, wenn er schon das wollte …