Angewandte Wechselwirkung

Die ältere Kundin kommt beunruhigt mit den Ovestin Ovula zurück, die der Arzt auf dem letzten Rezept verschrieben hat.

„Ich habe die Packungsbeilage gelesen“ fängt sie an …

Oh weh. Eigentlich ist das ja etwas Gutes, zeigt es doch Eigenverantwortung … nur finde ich, sind inzwischen die Packungsbeilagen derart kompliziert (mal abgesehen von: winzig geschrieben, unübersichtlich, ein Origami-Kunstwerk), dass sie der Interpretation eines Fachmanns (oder – frau) bedürfen. So auch hier.

Frau: „Da drin steht unter Wechselwirkungen…“

Und sie holt die Packungsbeilage hervor, in der das zu lesen ist:

Gewisse Krankheiten können sich unter der HRT verschlechtern: Epilepsie,… Teilen Sie Ihrem Arzt bzw. Ihrer Ärztin mit, wenn sich etwas an Ihrem Zustand ändert während Sie Ovestin Ovula anwenden …

„Und da!:“

Anwendung anderer Arzneimittel

Andere Arzneimittel können die Wirkungen von Ovestin beeinflussen oder Ovestin kann sich auf andere Arzneimittel auswirken. Sie müssen Ihren Arzt oder Apotheker bzw. Ihre Ärztin oder Apothekerin informieren, wenn Sie andere Arzneimittel anwenden oder beabsichtigen anzuwenden, wie z.B.:

Arzneimittel gegen Epilepsie (z.B. Barbiturate, Hydantoine und Carbamazepin),

 „Ich nehme doch Tegretol, das ist doch auch ein Antiepileptikum, oder?“

Pharmama: „Ja, das ist das Carbamazepin. ABER … schauen Sie, ich habe noch ein bisschen mehr Information zu den Medikamenten in der Fachinformation dazu. Und da steht drin:“

Die meisten hier erwähnten Risiken wurden mit Präparaten zur Hormonersatztherapie festgestellt, welche auf den ganzen Körper wirken, z.B. zur Behandlung von Hitzewallungen. Das Risiko bei der Anwendung von meist lokal wirkenden Präparaten wie Ovestin Ovula bzw. für den Wirkstoff Estriol ist weniger gut bekannt. Eine sorgfältige Abwägung des Nutzens und der Risiken und eine ärztliche Überwachung vor bzw. im Laufe der Therapie sind unerlässlich.

Pharmama: „Das bedeutet, dass das Problem mit den Wechselwirkungen vor allem mit den Hormonen, die man einnimmt auftritt. Sie bekommen sie aber als Vaginalzäpfchen – da wirken sie mehr lokal … am Ort. Und dann sollten wir auch noch schauen, worum es sich bei der möglichen Wechselwirkung hier handelt. Da steht:“

Der Metabolismus der Östrogene kann erhöht sein, wenn gleichzeitig Induktoren des Cytochroms 3A4 verabreicht werden. Dies gilt beispielsweise für Antiepileptika (z.B. Hydantoine, Barbiturate, Carbamazepin) und bestimmte Antiinfektiva (z.B. Griseofulvin, Rifamycine, die antiretroviralen Wirkstoffe Nevirapine und Efavirenz).

Pharmama: „Da haben die Antiepileptika wohl einen grösseren Einfluss auf die Hormone als umgekehrt– Tegretol (Carbamazepin) ist ein Enzyminduktor … also werden die Hormone schneller abgebaut. Das ist nicht so schlimm.“

Ich konnte sie also beruhigen und ihr versichern, dass sie das Medikament anwenden kann. Sie solle es dem Arzt nur melden, falls sie doch eine Veränderung feststellen würde.

Verwirrenderweise steht in der Fachinformation dann noch dieses (das habe ich bei der Besprechung aber auf der Seite gelassen, sie war schon beunruhigt genug):

In der klinischen Praxis gibt es keine Beispiele von Interaktionen zwischen Ovestin und anderen Arzneimitteln. Obwohl nur limitierte Daten vorliegen, sind Interaktionen zwischen Ovestin und anderen Arzneimitteln möglich.

Möglich, Wahrscheinlich, Falls, Konjunktive noch und noch. Man sichert sich als Medikamentenhersteller ab gegen Wahrscheinlichkeiten. Auch kleine.

Sie verträgt die Ovestin übrigens gut.

Sich unbeliebt machen

Die Frau kommt mit Krücken in die Apotheke gehumpelt um kurz vor 12 an einem Samstag.

Auf dem Rezept Medikamente und Stützstrümpfe und Spezialpflaster- die wir bestellen müssen – immerhin können wir das noch auf heute Mittag, da wir tatsächlich noch offen haben und auch eine Bestellung machen.

Sie ist nicht zufrieden. „Sie haben so viel Kram in ihrer Apotheke (und deutet auf unsere Parfümerie und Reformabteilung) aber das was man braucht, das haben Sie nicht!“

Nein, das was Sie brauchen haben wir gerade nicht. Und nur so etwa 10’000 Artikel an Lager. Sage ich natürlich nicht so, aber: ja, sage ich.

Ich könnte ihr auch erklären, dass es nichts bringt diese Pflaster an Lager zu nehmen. Nicht nur, dass es etwa 20 verschiedene Sorten gibt, hat es natürlich immer verschiedene Grössen und … das kann ich aus Erfahrung sagen: auch wenn man etwas davon an Lager nimmt (was es nicht bringt, weil viel zu wenig gebraucht und auch teure Pflaster haben ein Ablaufdatum)- man kann sicher sein, dass es die falsche Grösse ist, wenn jemand dann doch etwas braucht.

Item.

Man beeilt sich ihr das nötige zu bestellen. Wie gesagt, es ist sehr kurz vor 12 – Bestellschluss. Man ruft sogar noch beim Grossisten an, um sicher zu sein, dass das auch noch drauf kommt.

Als die Ware am Mittag kommt, das Erschrecken: das eine Pflaster ist nicht das, was sie wollte. Ich will das jetzt nicht entschuldigen, aber … doch, ich will. Spezialpflaster bestellen ist mühsam, weil auf dem Rezept oft nicht genau beschrieben ist, was gebraucht ist und im Computer keine Bilder drin sind, wie das aussieht, so dass das oft ein besseres Raten ist. Jedenfalls ist es nicht genau das gewünschte – worauf sich die Pharmaasistentin, die das bestellt hat, und die das oft persönlich nimmt, wenn es nicht klappt, ans Telefon hängt und bei den wenigen noch offenen Apotheken nach einem Ersatz für sie sucht.

Sie findet und besorgt tatsächlich etwas – nur … ist das besorgte Pflaster etwas kürzer (ich sag ja: nie die richtige Grösse).

Die Frau kommt wieder, erfährt die schlechte Nachricht und fängt wieder an auszurufen.

Sie macht die Apotheke runter.

Sie lässt ihren Ärger an der Pharmaassistentin aus, wie unfähig sie doch sei.

Sie tut laut kund, dass wir uns nicht kümmern.

Sie meckert die Leute an, die sich bemühen eine gute Arbeit zu machen – für die Kunden.

Sie verlangt eine extra Entschuldigung von uns, einfach … deshalb.

Sie … macht sich allgemein enorm unbeliebt.

Die Stützstrümpfe auf dem Rezept sind noch ein Besorgungsartikel, werden die doch extra nach den Massen angefertigt, das heisst, das dauert länger, bis das kommt.

Die kommen die Woche darauf.

Was auch kommt ist ein Telefonanruf von ihr, man solle doch das Rezept an Apotheke AB schicken, sie ginge von jetzt an dorthin.

Ich glaube, innen drin, sind bei uns alle zufrieden damit.

liebe Patienten

Dieser liebe Patient, den man hat.

Ihr wisst schon. Die Person die so was von geduldig ist. Diese herzige ältere Frau, die heute morgen hereinkam und fragte, ob ihr Rezept schon angekommen ist – sie hat es vom Arzt faxen lassen. Es war noch nicht da.

Dann kommt sie kurz nach Mittagszeit – aber wir mussten etwas von ihrem Rezept bestellen.

Und anstatt dass sie anfängt auszurufen.

Anstatt mich zu beschuldigen, dass ich schlechte Arbeit leiste.

Sagt sie: „Es tut mir leid, dass sie so viel zu zun haben. In ihrem Alter sollte man nicht so viel Stress haben.“

Und dann geht sie raus und kommt mit einer Schachtel Pralinen wieder. Ich hatte praktisch Tränen in den Augen.

Glaubt mir, ich mach alles, damit die Frau nie mehr auf ihr Rezept warten muss.

Uroskopie

Die Frau beklagt sich, dass das Metronidazol, ein Medikament, das sie nehmen muss, ihren Urin rot färbt.

Ich beruhige sie: das ist total normal. Es ist klar, dass sie sich sorgt: das sieht Teils aus, als hätte man Blut im Urin.

Frau: „Aber … ich mache mir Gedanken, was, wenn jemand das sieht, nachdem ich die Toilette benutzt habe?“

Pharmama: „Nun, da wüsste ich etwas dagegen: Spülen.“

 

Urin ist im Normalfall blassgelb. Welche Medikamente und Nahrungsmittel einen Einfluss auf die Farbe haben können, findet sich hier: http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Urinfarbe

 

Wieder was gelernt

Der Kunde, ein freundlicher älterer Herr (Typ Gentleman) kommt mit einem Dauerrezept für diverse Medikamente. Er braucht noch nicht alles, gibt mir an, was er will und bekommt von mir das gewünschte.

Am Ende will er sein Rezept wieder, da er „sonst nichts in der Hand hat, wenn er es einmal in einer anderen Apotheke holen will.“

Wenn er es selbst bezahlt, hätte er das Rezept mitbekommen, aber die Medikamente darauf sind unproblematisch, darum mache ich ihm eine Kopie, vermerke die bisherigen Abgabe, stemple es auf der Rückseite und erkläre ihm, dass die andere Apotheke mir so anrufen kann, falls sie eine Frage hat.

„Reicht denn das?“ fragt er mich.

„Ja.“ Sage ich bestimmt. „Immerhin ist es ein Dauerrezept. Die Medikamente drauf sind auch nicht problematisch – wir nehmen auch solche Rezeptkopien an.“

Er geht wieder.

Eine Woche geht vorbei, dann ruft er an und sagt: „Ich brauche doch das Originalrezept.“

… das ist inzwischen unterwegs zur Abrechnungsstelle, wo es eingescannt wird.

Pharmama: „Weshalb? Hat die Apotheke ein Problem? Dann kann sie mich anrufen.“

„Es ist eine Versand-Apotheke. Die sagen, sie brauchen das Original.“

Ich verspreche ihm, dort anzufragen, ob das nicht auch anders geht.

Ich telefoniere also und erkläre der Telefonistin woher ich anrufe und weshalb. Dass ich für die Kopie verantwortlich bin und das Original inzwischen der Krankenkasse eingeschickt habe. Und ob das für sie denn so nicht reicht – mit meiner Bestätigung und so.

„Nein, tut es nicht. Wir brauchen das Originalrezept. Kopien dürfen wir nicht annehmen.“

Sie lässt sich nicht umstimmen – auch wenn sie mir zustimmt, dass das nicht wirklich Kundenfreundlich ist. Offenbar haben sie da andere Vorschriften wie wir.

Okay – wirklich unsinnig ist das nicht mit den Originalrezepten, dann wird sicher weniger Missbrauch damit getrieben. Andererseits … Hmmm. Unflexibel.

Ich überbringe dem Kunden die schlechte Nachricht und entschuldige mich für die Falsch-Auskunft. Das habe ich vorher auch nicht gewusst. An das Original-Rezept komme ich jetzt auch nicht mehr hin – wie gesagt, das wird eingescannt. Danach kann ich es wieder-holen und ausdrucken. Das wäre dann aber auch eine Kopie …

Er nimmt das (zum Glück) erstaunlich gut auf: „Ach, dann komme ich einfach das bei ihnen holen. Sie rechnen das ja auch der Krankenkasse ab – und gegebenenfalls kann ich das telefonisch bestellen und sie würden es ja auch bringen?“

Pharmama: „Ja – natürlich!“

Das ist ja ganz gut für uns ausgegangen. Für das nächste Mal weiss ich dann, dass (falls die Person das nachher beim Versand holen will) sie das Originalrezept braucht und ich dann halt die Kopie zur Abrechnung mit der Krankenkasse nehme. Bei uns geht das nämlich.

Komplizierte Patienten

Vorausschickend – die meisten Patienten sind nicht kompliziert als Persönlichkeit, sondern wegen den Beschwerden, die sie haben … also: die zu behandelnde Krankheit kann nicht so einfach behandelt werden (da keine Medikamente, oder nur solche mit unangenehmen Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen …). Das sind an sich schon genug Probleme, aber dann gibt es noch die Patienten (und Leute sonst), die offenbar (unbewusst?) darauf aus sind, es sich noch etwas schwieriger zu machen.

Die Patientin, Frau Payn, schon im fortgeschrittenen Alter von etwas über 80, hat auf Anraten des Arztes das Voltaren, das sie schon lange gegen ihre Gelenkschmerzen nimmt abgesetzt. Hauptsächlich weil es offenbar ihr Asthma fördert. Es könnte natürlich auch sein, dass sie im Moment mehr pumpen muss wegen ihrer akuten Erkältung – aber das will sie gar nicht hören.

Nun gut.

Wenn sie mir nur nicht praktisch täglich halbstundenlang (!) anrufen würde um sich zu beklagen. Letzte Woche vor allem weil sie Mühe hat zu atmen: „Woher kommt das denn?“

Pharmama: „Nun, ich würde ja sagen von ihrem Astma und die Erkältung macht das sicher auch nicht besser.“

Diese Woche: weil sie mehr Schmerzen hat in den Gelenken.

Überraschung.

Frau Payn (jammernd): „Weshalb kommt das jetzt mehr?“

Pharmama: „Weil Sie das Voltaren nicht mehr nehmen.“

Frau Payn. „Ah, ja. Und kann ich da nichts machen sonst?“

Pharmama: „Sie könnten mit dem Arzt einen Ersatz suchen.“

Frau Payn: „Der Arzt hat gemeint, ich soll Sie fragen.“

Pharmama: „Wir können noch ein anderes Schmerzmittel versuchen. Paracetamol nehmen Sie ja schon, Ibuprofen geht nicht wegen den Magenproblemen, die ihnen das gemacht hat, Tramadol geht nicht, weil es ihnen da schwindelig geworden ist … Novalgin nicht, weil Sie da schon einmal mit Hautproblemen reagiert haben … „

(Ja, wir haben bei ihr im Computer schon einen halben Roman an Dingen, die aus dem einen oder anderen Grund nicht gehen).

„Wir können es aber noch mit Celebrex versuchen. Das ist zwar auch nicht ideal, aber wir können es versuchen. Möchten Sie das?“

Frau Payn: „Ja.“

Ich organisiere ein Rezept vom Arzt, der damit einverstanden ist. Einen besseren Vorschlag hat er auch nicht. Das Medikament wird ihr gebracht. Sie hat ja so Gelenkschmerzen, dass sie nicht aus dem Haus kommt …

Am nächsten Morgen bekomme ich wieder ein Telefon.

Frau Payn: „Sie haben mir ja gestern das Celebrex vorbeigebracht …“

Pharmama (übles ahnend): „Ja .– und?“

Frau Payn: „Sie müssen denken, ich bin blöd, aber … ich habe es nicht genommen.“

Pharmama: „Und wieso nicht?“

Frau Payn: „Das Medikament ist von Pfizer. Ich hatte schon einmal etwas von Pfizer und nicht vertragen….“

Grmpf.

Pharmama: „Aber Sie wissen, dass Pfizer nur die Firma ist und sehr unterschiedliche Sachen herstellt? Nur weil Sie einmal auf ein Produkt von Pfizer reagiert haben, heisst das noch lange nicht, dass Sie auf das auch reagieren. Das hat einen ganz anderen Wirkstoff drin. Das hat wahrscheinlich auch ganz andere Hilfsstoffe drin, auf das was Sie schon hatten – und … ich erinnere mich, dass Sie auch schon Medikamente hatten von Pfizer, die Sie vertragen haben …“

Frau Payn: „Hmmm … aber wissen Sie, dann habe ich die Packungsbeilage gelesen …“

(Ooooh Goooott)

„… und die Nebenwirkungen, die da drin stehen, die haben mich so abgeschreckt …“

Pharmama: „Haben Sie schon mal die Nebenwirkungen beim Voltaren gelesen?“

Frau Payn: „Nein?“

Pharmama: „Oder bei dem Antibiotikum, das Sie im Moment nehmen?“

Frau Payn: „Nein …“

Pharmama: „Machen Sie’s nicht.“

(Im Normalfall bin ich nicht so direkt – aber sie braucht das. Die Info kommt sonst einfach nicht an. Im übrigen ist sie so ein Fall, dass sie jede erdenkliche Nebenwirkung, die sie gelesen hat, wahrscheinlich auch noch bekommt. Einfach darum.).

Pharmama: „Die Firmen schreiben da jeglich erdenkliche Nebenwirkungen rein . Teils auch solche, die nur in einer von 1 Mio vorkommt. Das machen sie um sich abzusichern. Das heisst nicht, dass Sie das auch bekommen.“

Frau Payn: „Ja – okay. Trotzdem. Im Moment sind mir die Schmerzen lieber, als dass ich möglicherweise das bekomme, was da drin steht.“

Pharmama: „Nun – es sind Ihre Schmerzen und es ist auch Ihre Entscheidung ob sie das nehmen oder nicht.

Sie rufen mir an, wenn sich etwas ändert, das ich wissen muss, ja?“