Immerhin etwas

„Haben Sie mir etwas gegen Kopfschmerzen?“ fragt die Frau auf Hochdeutsch. „Ich habe Migräne – in Deutschland nehme ich dafür immer ein Triptan.“

„Ja“ – sage ich, „aber hier in der Schweiz sind die alle rezeptpflichtig.“

Frau: „Oh, in Deutschland auch – aber da gibt es 3er Packungen, die man so haben kann.“

„Je nun – die gibt es in der Schweiz nicht, hier sind tatsächlich alle rezeptpflichtig.“

„Was machen Sie denn hier, wenn sie Migräne haben?“

Am liebsten hätte ich ja gesagt „einen schlechten Eindruck“, vor allem angesichts dessen, dass es die Migräne Kranit nicht mehr gibt und keinerlei freiverkäuflichen Schmerz-Zäpfchen ausser mit Paracetamol … alle Triptane rezeptpflichtig sind und die Mutterkornalkaloide auch noch ausser Handel … echt manchmal komme ich mir hier schon ein bisschen … rückständig vor, weil wir so eingeschränkt sind.

Aber: Doch, es gibt etwas.

„Versuchen Sie mal die Kombination aus Ibuprofen 400mg mit einem Motilium – das wirkt bei mir eigentlich immer. Manche nehmen auch Aspirin – einfach grad 2 x 500mg in Brausetabletten-Form – oder Paracetamol, combiniert mit Coffein – auch grad 2 x 500mg aufs Mal.

Wenn all das nichts bringt, dann sollten Sie vom Arzt sich die Triptane verschreiben lassen – das können Sie hier … sogar als Dauer-Rezept.“

Immerhin etwas.

Zweitkürzeste Pille danach Beratung

Zweitkürzeste Pille danach Beratung aller Zeiten: (die kürzeste findet man hier).

Pharmama: „Was ist passiert, dass Sie die Pille danach brauchen?“

Frau: „Das Kondom ist gerissen.“

Pharmama: „Wie lange ist das her?“

Frau: „Das war Sonntag mittag.“

Pharmama: „Oh – es ist jetzt Donnerstag abend. Ich kann Ihnen die Pille danach nicht geben.“

Frau: „Was? Aber ich habe gelesen, man hat 5 Tage Zeit!“

Pharmama: „Das stimmt für die Ella One. Die ist hier in der Schweiz rezeptpflichtig. Ich darf in der Apotheke nur die Norlevo ohne Rezept abgeben – bis 72 Stunden nachher. Dafür ist es jetzt zu spät. Aber Sie können immer noch zum Frauenarzt oder in die Frauenklinik. Dafür ist es noch nicht zu spät, aber gehen Sie gleich!“

Ich glaube da sind manche verwirrt wegen der Berichterstattung über die Pille danach in Deutschland. Die dürfen die Ella One auch abgeben. Wir hier in der Schweiz bisher nur die Norlevo (Pidana).

UPDATE März 2016: Per sofort dürfen wir auch in der Schweiz die Ella One abgeben ohne Rezept.

Unten am Rücken

Die Pharmaassistentin schickt mich ins Beratungszimmer, weil ich mir die Wunde eines älteren Patienten auf dessen Rücken anschauen soll. Bisher sei er ins Spital gegangen das verbinden zu lassen, ob wir das nicht auch gelegentlich machen können?

Hmmm – wir sind nicht die Spitex und auch wenn ich manche Erstversorgung gratis mache – wenn wir das regelmässig machen sollen, muss ich dafür etwas verlangen.

Und dann muss ich erst mal schauen, ob das überhaupt etwas ist, das ich hier machen kann. So chronische Wunden sind oft komplizierter und brauchen etwas mehr.

Ich gehe in den Beratungsraum, wo der Patient wartet. Er ist ein freundlicher älterer Herr, bisher nicht wirklich aufgefallen in der Apotheke.

Pharmama: „Wo ist die Wunde?“

älterer Patient: „Unten am Rücken.“

Er dreht sich um und fängt an seine Hosen vorne aufzumachen um sie … dann hinten herunterzuziehen?

Pharmama:.„Ah – Moment! WIE weit unten?“ Bremse ich ihn.

älterer Patient: „Ja, so – am Ausgang.“

Pharmama: „Am Ausgang? Sie meinen am After? Zwischen den Pobacken?“

älterer Patient: „Ja.“

Pharmama: „Ah – da kann ich nichts machen. Das ist wirklich etwas, was sie von einer Krankenschwester wechseln lassen sollten. Das ist teils Schleimhaut und der Ort … das ist nicht so einfach zu verbinden. Tut mir leid.“

Er ist wirklich enttäuscht, versteht es aber.

Und ich muss ein Wort mit der Pharmaassistentin reden, damit sie das nächste Mal vorher etwas genauer fragt WO.

Alles ausser Tabletten …

Abends um … kurz vor Bestellschluss.

Junger Mann in der Apotheke mit einem Rezept vom Spital. Er reicht es mir mit folgenden Worten:

„Meine Frau kann keine Tabletten schlucken. Keine. Nicht einmal ganz kleine. Sie hatte einen Unfall und einen gebrochenen Arm – wir waren im Spital und das ist das Rezept, das sie mir mitgegeben hat.“

Uh –ja. Mir können Sie das offensichtlich problemlos sagen, dass Tabletten nicht gehen … aber hätten sie das nicht schon im Spital können? Das Rezept sagt, dass sie das nicht haben.

Auf dem Rezept steht:

Irfen 600mg (das sind Tabletten) 1-1-1

Dafalgan 1g (undefiniert welche Form) 1-1-1

Pantoprazol 40mg (wieder Tabletten) 1-0-0

Novalgin 500mg 1-1-1 in Reserve (wieder Tabletten, wenn so aufgeschrieben)

Und nun: suche. Und zwar schnell! denn in 5 Minuten ist Bestellschluss und sie hat sicher Schmerzen.

Irfen ersetzen war noch einfach: Brufen Granulat. Dafalgan auch: Dafalgan 1 g gibt’s in Brausetabletten, Novalgin gibt’s in Tropfenform (und dann umrechnen, wie das mit der Dosierung ist) … und jetzt das Pantoprazol …

Ich bin wirklich erfreut, als ich sehe, dass das es ein Pantoprazol von einer (einzigen) Firma in Brausegranulatform gibt – das habe ich bisher weder gesehen noch gebraucht (die Pantoprazol sind auch so sehr kleine Tabletten).

Nicht so erfreut bin ich, als ich das bestellen will und die Meldung zurück bekomme, dass das nicht lieferbar ist. Das einzige lösliche Pantoprazol.

Was jetzt?

Wirkstoffwechsel. Vom Nexium (Esomeprazol) weiss ich, dass es da auch ein Granulat gibt, das habe ich schon einmal gebraucht.

AUCH nicht lieferbar! Mist.

Gut – beim Nexium sind das auch MUPS Tabletten – die kann man wenn schon nicht lösen, zumindest suspendieren. Das gibt eine ziemlich krümelige Angelegenheit zum trinken – ich hoffe, das geht bei ihr.

Also habe ich am Schluss die Esomep MUPS abgegeben (das Generikum vom Nexium) … und das Spital danach über meine „Anpassungen“ des Rezeptes informiert.

Das war in ihren Augen auch okay … tatsächlich sind sie ziemlich Dankbar, wenn man ihnen so einen Teil der Arbeit abnimmt. Das ausgestellte Rezept ist ziemlich Standard, meine Ersatzmöglichkeiten hier legal (keine Ahnung, wie kompliziert so ein Fall in Deutschland geworden wäre, wo nur definierte Generika von der Krankenkasse übernommen werden und ein Wirkstoffaustausch … so sinnvoll und nötig er hier auch ist wohl nicht so möglich gewesen wäre.).

So wird die Arbeit doch interessant :-) (auch wenn ich auf die Nicht-Lieferbarkeit verzichten könnte).

P.S: Tipps zum Tabletten und Kapseln schlucken findet ihr hier.

Reden Sie (nicht) mit mir?

Die Frau am Handy reicht meinem Lehrling wortlos ein Rezept – das sie natürlich sofort an mich weiter reicht.

Ich kenne die Frau – sie bringt etwa alle 3 Monate ein grösseres Rezept. Alle Medikamente darauf hat sie schon mehrfach gehabt. Ich suche die Sachen zusammen, schreibe sie an, gehe damit zurück zur Patientin, die immer noch am Telefon ist und sich durch mich nicht stören lässt.

Ich warte ein paar Sekunden, damit sie überhaupt realisiert, dass ich hier bin mit ihren Sachen, dann reiche ich ihr die Medikamente auf den HV Tisch und mache ein Zeichen für „Sack?“

Sie noch am Telefon nickt mir zu. Ich packe alles in den Sack und reiche ihn wortlos rüber.

Es ist nichts neues drin. Es ist alles angeschrieben. Und sie ist am Telefon.

Frau nimmt jett das Telefon kurz vom Ohr (ohne abzustellen) – „Reden Sie nicht mit mir?“

(Oh – hey, das hat sie sogar bemerkt!)

„Solange Sie am Telefon sind, nicht.“

Frau: „Oh, das ist nur meine Schwester, das macht nichts, wenn sie das mitbekommt.“

Jaaa – wenn sie das meinen, aber das kann ich nicht wissen. Je nachdem wäre das trotzdem ein Bruch des Patientengeheimnisses. Wenn ich mit ihnen reden soll oder Sie etwas wissen müssen – machen Sie das Telefon aus!

Ich nehme nicht gerne Tabletten!

Die gut angezogene, ältere Frau Noble, die mir bisher nur als Kosmetikkundin aufgefallen ist, kommt am späteren Vormittag in die Apotheke: „Messen Sie auch den Blutdruck?“

Pharmama: „Ja. Das kostet …“

Frau Noble: „Okay – Und Blutzucker?“

Pharmama: „Machen wir auch, dafür sollte man aber nüchtern sein, also über 8 Stunden nichts gegessen und …“

Frau Noble: „Ich bin nüchtern.“

Pharmama: „Gut – dann kann ich Ihnen das gleich messen?“

Frau Noble: „Ja, bitte.“

Im Beratungsraum. Ich mache erst den Blutzucker, damit sie dann für die Blutdruckmessung schon ein paar Minuten gesessen ist.

Pharmama: „Ihr Blutzucker ist 10,7 – das ist hoch, vor allem, wenn Sie wirklich nichts gegessen haben.“

Frau Noble: „Habe ich nicht.“

Pharmama: „Okay – er ist zu hoch. Da wäre es nötig etwas zu machen. Haben Sie einen Hausarzt?“

Frau Noble: „Ja, habe ich. Ich mag aber keine Medikamente nehmen.“

Pharmama: „Das wäre bei dem Blutzucker aber wichtig.“

Ich erkläre ihr was für einen Effekt ein zu hoher Blutzucker auf ihre Gesundheit hat.

Sie ist immer noch in Abwehrhaltung.

Pharmama: „Messen wir doch mal den Blutdruck.“

Der ist auf 201/90.

Pharmama:“Ihr Blutdruck ist auch viel zu hoch.“

Frau Noble: „Das sagt der Arzt auch, bei dem ich gerade war.“

… (Aha?)

„Ich habe es nur nicht geglaubt, Ich wollte mir noch eine zweite Messung einholen.“

Pharmama: „Nun – ich denke, sie können es ihm nach der Messung jetzt wirklich glauben. Ihr Blutdruck und ihr Blutzucker sind zu hoch. So hoch, dass man etwas machen muss.“

Sie will diskutieren: „Früher, da hat man das alles nicht gemessen!“

Pharmama: „Ja, das ist richtig. Man wusste früher aber auch einiges nicht, was man heute weiss – auch das Wissen in der Medizin macht Fortschritte. Man weiss heute, dass zu hoher Blutzucker und zu hoher Blutdruck sehr schädlich sind für die Gesundheit und man, wenn man das behandelt vielen Schäden vorbeugt.“

Frau Noble (abwertend): „Was kann da schon passieren?“

Pharmama: „Ehrlich? Sie bekommen eher einen Schlaganfall oder ein Herzinfarkt, wenn Sie da nichts machen.“

Frau Noble: „Aber die Messgeräte – die zeigen auch nicht immer das selbe an, das sehe ich auch an meinem. Wie genau sind die schon?“

Pharmama: „Die dürfen gewisse Abweichungen haben, aber, schauen sie – das Blutdruckmessgerät: wenn das +/- 5 mm anzeigen darf vom „richtigen Wert“ – egal, ob sie 206 oder 196 systolischen Blutdruck haben – das ist beides immer noch viel zu hoch.“

Frau Noble: „Und ich habe gelesen, dass die Pharmafirmen die Vorgaben, immer weiter nach unten anpassen, damit sie mehr Medikamente verkaufen können!“

Pharmama: „Das stimmt nur bedingt. Sehen Sie, wir wissen, dass ein hoher Blutdruck schadet und man damit früher stirbt, speziell an Schläglein und Infarkten. Also will man einen normalen Blutdruck. Was ist ein normaler Blutdruck? Für einen gesunden Menschen im mittleren Alter ist das um die 120/90. Ab wann würden sie dagen ist der Blutdruck zu hoch? 123 wohl noch nicht. 130 auch nicht 140? 150? Jetzt kommen wir in die Zone, wo es für den Körper unangenehm wird, wenn das langfristig hoch ist. Mit 200 … da sind sie weit drüber. Da müssen sie etwas machen. Wir müssen ihn nicht auf die 120 herunter bringen, aber unter 140 wäre ein erstrebenswertes Ziel – Und dafür müssen Sie Medikamente nehmen.“

Ich warte.

Sie zückt ein Rezept.

AHA!

Auf dem Rezept: Metformin Tabletten und Atorvastatin Tabletten.

Pharmama: „Oh: das ist gut! Das ist das, was sie brauchen.“

Frau Noble: „Ich nehme nicht gerne Tabletten.“

Pharmama: „Das verstehe ich. Das mache ich auch nur, wenn es nötig ist. Bei ihnen ist es nötig.“

Aber … auf dem Rezept fehlt in meinen Augen ein Blutdruckmittel.

Pharmama: „Ich finde, sie sollten unbedingt auch etwas für den Blutdruck haben.“

Frau Noble: „Steht denn da nichts auf dem Rezept?“

Pharmama: „Nein – etwas gegen den Blutzucker und ein Cholesterinsenker … wenn es okay für sie ist, würde ich gerne den Arzt anrufen und ihn fragen, ob er auch ein Blutdruckmedikament aufschreibt.“

Frau Noble: „Hmmm …. Na gut.“ willigt sie eher widerstrebend ein.

Also verlasse ich den Beratungsraum und laufe zum Telefon.

Da ruft sie mir quer durch die Apotheke hinterher: „ABER SAGEN SIE DEM ARZT NICHT, WAS SIE BEI MIR GEMESSEN HABEN!!“

Ach neee … und wie mache ich das jetzt?

Vielleicht so. Ich rufe dem Arzt an.

„Guten Tag Herr Doktor, ich habe gerade Frau Noble bei mir in der Apotheke. Sie hat mir ein Rezept gebracht für Metformin und Atorvastatin – sie hat aber auch einen hohen Blutdruck … sollte da nicht noch ein Blutdruckmedikament auf dem Rezept stehen?“

Doktor: „Oh – sie löst das Rezept tatsächlich ein? Das ist gut. Nein, ich weiss, dass sie einen zu hohen Blutdruck hat … aber Frau …. ist ziemlich incompliant ..“ (bedeutet: sie befolgt die Arztanweisungen nicht und nimmt ihre Medikamente nicht richtig)

Pharmama: „Jaaa, das habe ich gemerkt“

Doktor: “… Sie soll erst mal diese Medikamente so nehmen, wie ich es aufgeschrieben habe – und sie hat nächste Woche einen Termin, dann sehen wir weiter.“

Das ist schon mal nicht schlecht, aber mit einem Blutdruck über 200 – da mache ich noch einen Versuch:

Pharmama: „Das sage ich ihr so – aber … ihr Blutdruck IST wirklich hoch.“

(Noch deutlicher kann ich nicht werden, wenn ich ihm nicht sagen darf, dass ich ihn gemessen habe)-

Doktor: „Ja, ich weiss – aber sie hat zu Hause ein Messgerät, sie soll diese Woche noch selber messen und die Daten eintragen und mitnehmen.“

Je nun – ich hab’s wirklich versucht.

Ich gebe der Frau Noble neben den Medikamenten noch einen Blutdruckpass mit – auf dem geschrieben steht, was denn die Werte sein sollen. Erinnere sie noch einmal daran, wie wichtig es ist, die Medikamente zu nehmen (auch wenn sie das nicht gerne nimmt) und hoffe das Beste für die Zukunft.