Algifor-Sirup (Oder: worüber man sich natürlich auch aufregen kann)

Von einem Freund (Danke Andreas Kyriacou) auf Facebook aufmerksam gemacht auf diesen Post:

Amavita ist die Migros-Apotheke.
Algifor junior ist ein fiebersenkendes Schmerzmittel für Kinder.
Ich stand heute in einer Amavita-Apotheke hinter einem Mann, der diesen Sirup für sein Kind kaufen wollte. Die Apothekerverkäuferin kam hinter den Thresen mit einem verpackungsmässig leicht anderen Sirup Algifor junior. Man habe den anderen gerade nicht Lager, dies hier sei der rezeptpflichtige Sirup, der aber komplett identisch sei mit dem nicht-rezeptpflichtigen.
Ich glaubte zuerst an einen Altjahresscherz, aber die Blicke und Gesten der Apothekerin waren von einer Aura umgeben, die liess keine Widerrede zu.
Ob die Preise der beiden inhaltlich identischen, aber verpackungsmässigen unterschiedlichen Sirups wohl gleich sind. Wenn nein, wäre ich versucht von einer riesengrossen Schweinerei zu sprechen, wenn ja, wozu die Rezeptpflicht?

Ja: das ist schon eine Riesengrosse Schweinerei, wenn es von einem Produkt 2 Varianten gibt? Es sind die hier:

algifor2x
links das freiverkäufliche (erkennbar an dem „C“ darauf) – mit Dosierspritze: Preis ca. CHF 11.50.-

rechts das rezeptpflichtige (mit „B“ gekennzeichnet) und Dosierlöffel*. Preis: CHF 9.80.- PLUS die Checks von 4.30.- und 3.- die wir für rezeptpflichtiges, das ganz von der Krankenkasse übernommen wird bekommen.

Und jetzt zum Aufreger: Der freiverkäufliche Sirup hat Lieferprobleme! Sehr nett von der Apothekerin, dass sie dann den rezeptpflichtigen anbietet und abgibt – zum Preis vom freiverkäuflichen.
Weshalb gibt es überhaupt 2 Versionen? In der Schweiz wird ein Medikament nicht mehr von der Krankenkasse übernommen sobald für etwas Werbung gemacht wird, deshalb gibt es von manchen Medikamenten 2 Versionen (darüber habe ich hier mal geschrieben: Co-Marketing Produkte was und wieso) Das kommt noch häufiger vor. Beim Algifor Sirup ist einfach speziell, dass die SL-Version (die, die von der Krankenkasse übernommen wird) rezeptpflichtig ist. Das ist etwas kurios, aber nicht wirklich ein Aufreger – von anderen Medikamenten wie Pantozol bekommt man halt einfach nur weniger Tabletten, aber es ist auch dasselbe wie das rezeptpflichtige.

Beim SL-Produkt wird der Abgabe-Preis durch den Gesetzgeber bestimmt. Beim freiverkäuflichen kann die Firma den Einkaufspreis und die Apotheke anhand von dem den Abgabepreis selber bestimmen.

Es gibt in der Schweiz einen einzigen Ibuprofen-Sirup. Eben den (oder: die) Algifor. Ich bin sehr froh, dass es den gibt! … Und es gibt tatsächlich eine Untergrenze am Preis, wo das für die Pharmafirma unwirtschaftlich wird das herzustellen. Den Preis für den Algifor-Sirup finde ich in Ordnung … und zwar sowohl für den Rezeptpflichtigen (mit dem wir dann eine Menge mehr Aufwand haben, das mit der Kasse abzurechnen etc.) als auch für den freiverkäuflichen. Der Preis, der hier noch für einen Dafalgan Sirup verlangt werden darf (CHF 2.25.-) wo es nur eine Version gibt … da lohnt es sich bald nicht mehr den für die Schweiz herzustellen (und wir machen finanziell „rückwärts“ wenn das auch noch via Krankenkasse abgerechnet wird).

Übrigens: Amavita Apotheken gehören nicht zur Migros sondern zur Galenica, denen gehören auch die Coop-Vitality-Apotheken und die Sunstore … ein Riesen-Moloch die ausser den vielen Apotheken einen eigenen Grossisten (Zulieferanten) und Pharmafirmen (Vifor) haben …

Aber: das macht in Bezug auf die Apothekerin und das Algifor keinen Unterschied. Das hätte ich genau so gehandhabt (wobei: wir haben noch). In der Schweiz darf ich ja als Apothekerin in „begründeten Ausnahmefällen“ rezeptpflichtiges auch mal ohne Rezept abgeben. Was echt toll ist … auch in so Situationen.

*Das mit dem Dosierlöffel finde ich übrigens nicht gut gelöst und unsinnig. Es ist doch auch beim rezeptpflichtigen wichtig, dass das richtig dosiert wird … und ein Löffel ist immer ungenauer als eine Dosierspritze.

Über den Umgang miteinander (Respekt und Anstand)

Ich habe mir erlaubt einen Statusbeitrag von einem Kollegen zu klauen, weil ich finde dass das so wichtig ist – gerade in der heutigen Zeit:

Was aber das Arbeiten in der Apotheke angeht: Die Menschen begegnen sich hier noch mit viel mehr Respekt und Anstand, auch habe ich noch keine Kunden erlebt, die nicht grüßen.
Wie man miteinander umgeht, erkennt man sehr schön an den Substitutionspatienten.
Wie oft habe ich erlebt: „Die wollen wir nicht!“ „Bloß keine Junkies“.
Hier werden sie normal behandelt und bekommen eine faire Chance, es findet im Umgang keine Abwertung statt wie das oft … der Fall ist.

Diese Art des Miteinanders habe ich … vermisst, Anstand und Respekt sind doch bei vielen verloren gegangen, obwohl sie es für sich einforderten.
Eine absolute Wohltat für mich.

Respekt und Anstand im Umgang miteinander sind essentiell. Jeder ist anders, hat andere Voraussetzungen und jeder hat so seine Probleme

Ich weiss, dass ich hier im Blog häufig die Negativ-Beispiele bringe, diejenigen Kontakte, die aufgeregt haben, die unerfreulich waren. Das sind die, über die man schreibt, auch weil man es damit loslassen will, hören will, dass man nicht die einzige ist, die derartiges unverständlich oder unschön findet.  Aber daneben gibt es noch so viele Kunden – und Patientenbegegnungen, die von ereignislos über freundlich bis zu einfach wunderbar sind. Leute, die sich bedanken für die Zeit, die man sich genommen hat, Patienten, die zurückkommen um zu sagen, dass es das Richtige war (Behandlung oder Ratschlag …), wirklich Ältere wo man nachher sagt: „die würde ich mir als Grosmutti (oder Grosspapi) aussuchen, wenn ich könnte.“ einfach, weil sie so herzig und nett sind … trotz allem. Wir wissen ja, dass zu uns Leute kommen, die gesundheitliche Probleme haben … und auf Dauer kann das (verständlicherweise) grantig machen. Ich bewundere die Leute zum Beispiel mit chronischen Schmerzen, die es so gut wie immer schaffen, ihre Probleme nicht an anderen  … auszulassen. Oder diejenigen, die wirklich nicht mehr gut zu Fuss sind und doch jeden Tag aus dem Haus gehen und auch bei uns in der Apotheke vorbeischauen … und dabei noch einen Spruch wie „wer rastet, der rostet“ machen können. Oder die Leute mit Angststörungen, für die es jedes Mal eine Überwindung ist, wenn sie mit anderen Leuten interagieren müssen … und die alle Woche ihr Dosett holen kommen und sich beim Erhalt bedanken und freundlich verabschieden. Oder, oder … ich hätte noch viele Beispiele für die Patienten und Kunden um deren Umgang ich sehr Dankbar bin.

Respekt und Anstand.

Ich komme hier im Blog gelegentlich sicher als besserwisserisch über. Oder als ob ich mich über die Leute und ihr Nicht-Wissen lustig mache. Ähm. Es stimmt, manches finde ich wirklich lustig. Aber das bedeutet nicht, dass ich die Leute dahinter nicht schätze. Ich hoffe, das merkt man auch. Manches bringe ich hier auch deshalb, dass andere aus dem lernen. Auch aus meinen Fehlern oder aus dem, was ich daraus gelernt habe … man muss nicht alles selber machen, oder?

In dem Sinne: das ist das, was ich mir für hier und jetzt und später und überall wünsche: dass man sich gegenseitig mit Respekt und Anstand begegnet.

Schöne Weihnachten miteinander! Gute Festtage und (wen ich hier nicht mehr sehe) einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Ich will sie aber jetzt sofort!

Dezember und speziell Vorweihnachtszeit in der Apotheke ist immer etwas hektisch. Viele Kunden, noch mehr Patienten, Fragen, Rezepte, Geschenke einpacken, Medikamente von den Dauerrezepten wiederholen … wir geben das Beste. Die Kundin, eine Frau Mitte 50 (FrauMiF) kommt mitten in dieser turbulenten Zeit mit einem neuen Rezept in die Apotheke. 3 Sachen sind auf dem Rezept:

Bronchipret 20 Stück, Sinupret 20 Stück, Calcimagon forte 30 Stück – interessanterweise ist es ein Dauerrezept.

FrauMiF: „Bringen Sie mir die grossen Packungen, ich brauche die länger. Ausser beim Calcimagon, da geben Sie mir eine kleine Packung, die hatte ich noch nie und will sie ausprobieren.“

Gut – aber an dem späteren Vormittag im Winter ist die grosse Packung vom Bronchipret schon weg. Das ist Pech, denn allzu häufig brauchen wir die nicht.

Ich komme also mit der kleinen Packung Bronchipret und dem Rest nach vorne, aber noch bevor ich etwas sagen kann:

FrauMiF: „Das ist die kleine Packung, ich sagte doch, ich will die grosse.“

Pharmama: „Ja, leider ist die gerade ausverkauft. Ich bekomme sie in ein paar Stunden wieder, wenn die Nachmittagslieferung kommt.“

FrauMiF: „Ich brauche sie aber jetzt!“

Pharmama: „Ich habe Ihnen hier die kleine Packung, wenn Sie gleich anfangen wo…“

FrauMiF: „Jedes Mal. Das ist jedes Mal so bei Ihnen. Sie haben so einen grossen Laden, so viel Schund an Lager, aber nie das, was ich brauche!“

Hier ist einzufügen, dass die Frau schon hier war laut Computerdossier, aber Stammkundin ist sie keine. Dass sie mir vage bekannt vorkommt mag daran liegen dass sie schon ein Mal so einen Aufstand gemacht hat.

Pharmama: „Nun, ich habe die grossen Bronchipret im Normalfall an Lager, nur hat jemand die Packung heute morgen gekauft.“

FrauMiF: „Das ist so ein schlechter Kundenservice!“

Was? Dass jemand anders schneller war?

Pharmama: „Kann ich Sie ihnen vorbeibringen lassen, wenn sie da ist?“

Ich habe zwar im Moment wirklich nicht die Leute, aber …wir geben ja alles.

FrauMiF: „Ach was – Nein! Ich sagte doch, ich will sie jetzt!
Sie schaut mich erwartungsvoll – ärgerlich an.

Mein Geduldsvorrat für heute ist damit allerdings aufgebraucht. Was will sie? Ich kann das nicht aus der Luft herzaubern. Und nach der Art, wie sie sich verhält … nein, da werde ich nicht auch noch anbieten, dass wir das aus einer anderen Apotheke besorgen. Das ist definitiv kein lebensnotwendiges Medikament. Ich habe Alternativen, die ich als ausreichend ansehe: Ich habe eine kleine Packung da, wenn sie gleich anfangen will. Ich habe auf ein paar Stunden später eine grosse Packung da. Ich würde das sogar vorbeibringen lassen.

Also schaue ich sie an. Und ich zucke bedauernd die Schultern.

Pharmama: „Ich habe jetzt keine da. Sie können in ein paar Stunden oder morgen eine grosse Packung haben, oder jetzt eine kleine Packung mitnehmen. Das sind die Optionen.“

FrauMiF: „Das ist ganz mieser Kundenservice. Zu ihnen komme ich NIE wieder! Geben Sie mir das Rezept! ich hole es in einer anderen Apotheke!“

Ich gebe ihr das Rezept. Das ist okay für mich.

Pharmama: „Einen schönen Nachmittag wünsche ich noch.“

Sie zieht etwas (dankbarerweise unverständliches) grummelnd ab.

Nein – ich habe ihr nicht „Auf Wiedersehen gewünscht.“

Auch wenn ich sicher bin, dass ich die wieder sehe.

In einem halben Jahr oder so spätestens.

Und wehe mir, wenn ich dann wieder etwas nicht da habe.

Nach „ich habe die Packungsbeilage gelesen …!“

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Nach „ich habe die Packungsbeilage gelesen …!“ kam eigentlich noch nie etwas Gutes.
Ist doch so, oder? Wie viele Patienten wurden schon vom Inhalt des Beipackzettels (der inzwischen ein ganzer Roman ist) verunsichert oder gar abgeschreckt?

Was die meisten Leute sich nicht bewusst sind: die Packungsbeilage ist kein medizinisches Dokument, sondern vor allem ein juristisches. Damit sichern sich die Firmen vor allen möglichen Rechtsfällen ab.

Natürlich enthält sie auch wichtige Informationen, wie wann man ein Medikament nehmen soll (zu dem Essen, nüchtern …), mögliche Wechselwirkungen etc., aber was bringt es dem Patienten, wenn da eine Nebenwirkung aufgeführt ist, die etwas so wahrscheinlich ist, wie vom Blitz getroffen zu werden?

Und wenn sie so etwas lesen, habe ich sie nachher im besten Fall in der Apotheke, im schlimmsten nehmen sie das Mittel einfach nicht (mehr).

Ich muss das regelmässig nehmen!

Gestern in der Apotheke.

Patient, männlich etwa 45 Jahre:  „Ich habe hier ein Dauerrezept, ich brauche die Medikamente drauf wieder. Martin Semper.“

Ich schaue im Dossier – er hat nur ein Dauerrezept für Augentropfen.

Pharmama: „Sie haben ein Dauerrezept für Lacrinorm.“

Herr Semper: „Das ist es nicht. Es ist Fluoxetin und Dormicum.“ (ein Antidepressivum und ein Schlafmittel)

Ich suche und finde ein Rezept, wo er das hatte – im August. Es ist kein Dauerrezept. Die Medikamente hatte er vorher auch noch nie.

Pharmama: „Oh, ich sehe – das hatten Sie im August … und es ist ein einfaches Rezept. Nicht zum repetieren. Haben Sie das Dauerrezept vielleicht woanders?“

Herr Semper: „Ich hole meine Medikamente nur bei ihnen!“

Pharmama: „Auf dieses Rezept kann ich das leider nicht wiederholen. Sie müssen vom Arzt ein neues Rezept verlangen.“

Herr Semper: „Das war aber ein Dauerrezept!“

Pharmama: „Nun, bei uns ist es nicht als Dauerrezept eingegeben, ich könnte aber nachschauen gehen auf dem Original.“

Herr Semper: „Tun Sie das!“

Ich hole den Original-Scan aus dem Computer (moderne Technik wenn sie funktioniert ist doch was wunderbares) … Und es ist ein einfaches Rezept. Nicht einmal die grosse Packung bei den Antidepressiva. Ich vermute der Arzt wollte ihn wieder sehen. Ich drucke es aus zum zeigen.

Pharmama: „Nein, kein Dauerrezept, sehen Sie.“

Herr Semper: „Aber – das muss ich regelmässig nehmen! Ich brauche das.“

Soso regelmässig. Und die eine 30er Packung von jedem Medikament hat ihnen bis heute im Dezember gereicht? Ich glaube nicht, dass Sie das richtig nehmen …

Pharmama: „Jedenfalls: Ich brauche dafür ein neues Rezept vom Arzt, bitte setzen Sie sich mit ihm in Verbindung.“

Herr Semper: „Aber …!“

Pharmama: „Ja.“

Dazu noch ein Nachsatz: Ich rufe gelegentlich beim Arzt an und verlange ein neues Dauerrezept für die Patienten. Das kommt drauf an, was es für Medikamente sind und ob sie vorher schon regelmässig genommen wurden.  Aber … bei dem Arzt weiss ich, dass er grundsätzlich verlangt, dass der Patient mit ihm Kontakt aufnimmt – ist auch besser so, so kann er noch gewisses nachfragen. Zum Beispiel, warum eine 30er Packung bei vorgeschriebener 1x täglichen Einnahme über 3 Monate hält …