Versicherungen und Versandapotheken

Ein beunruhigter Mann (und guter Kunde) bei uns in der Apotheke:

„Meine Versicherung möchte, dass ich die Medikamente per Post bestelle. Muss ich das wirklich? Ich habe das einmal gemacht und sie haben mir all meine Diabetes-medikamente spät geschickt!“

Sogar ich bekomme gelegentlich diese Aufforderungen von der Versicherung (mehr per mail als per Post, aber ich bin ja auch jünger) und das nervt  mich endlos. – Hallo! ich arbeite in einer Apotheke! Die wollen mir wohl meine Arbeit nehmen?

Und die Antwort ist: Nein. Muss er nicht. Es gibt hier so etwas wie die freie Wahl des Leistungserbringers – also hier der Apotheke !

Den Mann konnte ich beruhigen, aber ich frage mich immer, bei wie vielen diese -fast versteckte Drohung- zieht. Die Versicherungen geben ein Heiden-Geld dafür aus, Geld, das die Apotheke vor Ort nicht hat für dieselbe Art „Werbung“.

Ihre Stammapotheke

Das ist doch mal etwas anderes, der Aargauische Apothekerverband hat einen (amüsanten) Infofilm online gestellt:

Um die Gunst der Patienten buhlen Medikamentenversand, SD-Arzt und natürlich das Internet …

Sie schreiben dazu:

Es lohnt sich, sämtliche Medikamente stets am gleichen Ort zu kaufen, nämlich dort, wo man Sie kennt: in Ihrer Stammapotheke. Denn da kennt man auch Ihren Gesundheitszustand, hat den Überblick über alle anderen Mittel, die Sie regelmässig einnehmen, und weiss Bescheid über Unverträglichkeiten oder Wechselwirkungen. Nur so ist eine wirklich individuelle Beratung gewährleistet, die Ihre persönlichen Umstände berücksichtigt. Wenn Sie sich für Ihre Stammapotheke entscheiden, wählen Sie also in jeder Hinsicht den sicheren Weg.

Vor online-Apotheken sei gewarnt

Weil stumbleupon im Moment ein neues feature probt, bei dem man nach Stichworten suchen kann, „stolpere“ ich im Moment von einer pharmacy-Website zur nächsten. Und ärgere mich über die vielen online-Apotheken, wo man angeblich „günstig und sicher“ auch rezeptpflichtige Medikamente (ohne Rezept) von Apotheken in Kanada (angeblich) bestellen kann.

Offenbar ist das Bedürfnis nach Potenzmitteln und Mitteln zum Abnehmen riesig. Jedenfalls wird hauptsächlich das beworben.

Dass diese Seiten sehr häufig nicht seriös sind ist mir klar, aber ….

Und dann sehe ich das hier:

Das von mir rot eingekreiste Zeichen dürfte zumindest den Schweizer Apothekern ein Begriff sein. Es ist das (alte) offizielle QMS-Zeichen, nämlich dass die Apotheke nach den aktuellen QMS Richtlinien operiert und erfolgreich vom schweizerischen Apothekerverein getestet wurde. (Siehe hier).

Was macht das auf der Seite einer „kanadischen“ online-Apotheke?

Die haben einfach etwas offiziell aussehendes gesucht, um zu zeigen, wie seriös sie sind. Fällt auch kaum auf, ausser man ist schweizer Apotheker … aber noch besser wird es, wenn man das Zeichen anklickt und zum „Zertifikat“ kommt:

Wahaahahah! Inklusive Schreibfehlern.

Die so professionell aufgemachten Seiten aus angeblich Kanada führen zu Bestellungen mit nachgemachten und oft gepanschten Medikamenten mit zweifelhaftem Inhalt aus Indien oder anderen Drittweltländern, die dann via Zwischenhändler verschickt werden. Im Prinzip ist das wie ein Glücksspiel: man weiss nie, was man genau bekommt.

Ich würde das sein lassen. Meiner Gesundheit zuliebe.

Vergleich Medikamentenabgabe Apotheke-Versandhandel

Wieso soll ich die Medikamente in der Apotheke beziehen, wenn ich es auch über den Versandhandel kann?
Hier ein paar Vergleiche und Argumente gegen den Versand:

Beratung – Apotheke
Direkter persönlicher Kontakt zwischen Apotheker und Patient. Der Apotheker nutzt das Wissen zur Patientensicherheit und Qualität. Der Apotheker vor Ort berät den Kunden persönlich – ohne Voranmeldung und in Notfällen 24 Stunden am Tag. Durch die Wahl einer Stammapotheke hat der Apotheker den besten Überblick, ob beispielsweise Wechselwirkungen oder Unverträglichkeit drohen. Er weiss auch, bei welchen Ärzten der Patient in Behandlung ist und welche Medikamente neben den ärztlichen Verschreibungen zusätzlich eingenommen werden.
Beratung – Versandhandel
Telefonische Beratung bietet nicht dieselbe Sicherheit und Qualität wie eine Beratung mit persönlichem Kontakt in der Apotheke. Der Versandhandel erfolgt anonym. Es kann nicht auf die spezifischen Bedürfnisse des Patienten eingegangen werden.

Patientensicherheit – Apotheke
Der Apotheker reagiert sofort auf veränderte Umstände und berät auch bei anderen gesundheitlichen Problemen (Prävention). Allfällige Wechselwirkungen durch Einnahme anderer Medikamente können sofort festgestellt werden. Der Apotheker nutzt das Wissen zur Patientensicherheit.
Patientensicherheit – Versandhandel
Der Versandhandel ist vor allem an Patienten mit chronischen Erkrankungen und hohem regelmässigem Medikamentenbedarf interessiert. Das ist Rosinenpickerei. Dadurch wird bei chronischen Erkrankungen die Medikation von der übrigen Medikation getrennt. Somit können keine allfälligen Wechselwirkungen durch Einnahme anderer Medikamente festgestellt werden.

Notfälle – Apotheke
In Notfällen und bei akuten Erkrankungen kann beim Apotheker sofort ein Arzneimittel bezogen werden. Die Medikamente können in der Regel sofort mitgenommen werden. Seltene Medikamente können umgehend besorgt werden, und auf Wunsch werden diese persönlich nach Hause geliefert.
Notfälle – Versandhandel
Bei der Versandapotheke muss man einige Tage auf das Medikament warten. Die Versandapotheken bieten keinen vollen Service an, da sie die Notfallmedikation nicht gewährleisten können. Sie gefährden aber die Versorgungsstruktur durch die Apotheke vor Ort.

Selbstmedikation – Apotheke
Versorgung durch Selbstmedikation ist gewährleistet.
Selbstmedikation – Versandhandel
Keine Selbstmedikation möglich.

Lagerung und Abgabe – Apotheke
Bei der Apotheke vor Ort ist die fachgerechte Lagerung bis zur direkten und sicheren Übergabe an die Patienten gewährleistet.
Lagerung und Abgabe – Versandhandel
Versandhandel mit Arzneimitteln per Post birgt die Gefahr von unsachgemässer Lagerung der Medikamente, von Verzögerungen der Medikamentenlieferungen, Beschädigungen, Diebstahl und Verlust. Ausserdem besteht die Gefahr der Lieferung an eine falsche Person. Das ist dann nicht mehr sehr anonym.

Compliance – Apotheke
Der direkte persönliche Kontakt mit dem Patienten bringt eine grössere Therapietreue (Compliance). Die direkte Information mit einer Demonstration des Arzneimittels wird besser befolgt als eine anonyme telefonische oder gar schriftliche Beschreibung.
Compliance – Versandhandel
Anonyme telefonische oder gar schriftliche Beschreibung der Medikamenteneinnahme, wenn überhaupt.

Arbeitsplätze – Apotheke
Der Apotheker ist Unternehmer und Arbeitgeber und schafft Arbeits- und Ausbildungsplätze vor Ort und in der Region.
Arbeitsplätze – Versandhandel
Durch den Versandhandel gehen Arbeitsplätze vor Ort verloren.

Patienten haben Rechte: Freie Wahl der Apotheke!

Der klaeui vom klauiblog hat einen Brief bekommen von seiner Krankenkasse, in dem sie ihm anbietet, seine Medikamente per Versand zu beziehen. Originaltext siehe hier. Offensichtlich haben sie den nächsten Werbeblock gestartet und ich nehme an, dass noch einige mehr Kunden diesen Brief bekommen werden.
Das ist meine Antwort:

Geschätzte Kundin, geschätzter Kunde,

Sie beziehen regelmässig Medikamente bei uns und wir möchten uns für Ihre Treue sehr bedanken. Wir tun alles, um Ihnen alle Produkte und Dienstleistungen zu Ihrer Zufriedenheit anbieten zu können. Sie wissen auch, dass wir Sie viel besser beraten können, wenn wir den Überblick über alle von Ihnen eingenommenen Medikamente haben. Dies ist am besten gewährleistet, wenn Sie nach Möglichkeit alle Ihre Arzneimittel bei uns beziehen. Als auf Arzneimittel spezialisierte Medizinalpersonen können wir so rasch feststellen,  wenn etwas nicht stimmt.

Wir haben erfahren, dass unsere Patienten vermehrt Briefe von ihrer Krankenversicherung bekommen haben. Sie werden ermuntert, Ihre Medikamente zu einem verbilligten Preis per Post über eine Versandapotheke zu beziehen!

Diese Aktion Ihres Versicherers finden wir aus mehreren Gründen stossend:

1. Ihr Versicherer benutzt die transparente Information Ihres Arztes und Ihres Apothekers, um Sie mit gezielter Werbung zu belästigen. Sind Sie damit einverstanden, dass der Marketing-Mitarbeiter Ihres Versicherers Ihre Krankheiten kennt? Wenn nicht, dann lassen Sie es ihn wissen, möglichst mit Kopie an Eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter, Feldeggweg 1, 3003 Bern.

2. So ein Werbe-Coup für Versandapotheken verschweigt die gravierenden Nachteile. Diese Vertriebsart lässt Sie jedes Mal im Stich, wenn es eilt oder in Notfällen. Eine notwendige Beratung müssen Sie selber organisieren oder fragen Sie den Postbeamten oder ihren Versicherer?

3. Ihr Versicherer opfert die Qualität der Versorgung im Gesundheitswesen und die Sicherheit, die nur ein vollständiges Arzneimitteldossier bietet, für einen einmaligen Preisrabatt.

4. Die Versicherer sind von Gesetzes wegen beauftragt, ihre Versicherten über ihre Rechte gemäss Krankenversicherungsgesetz zu informieren. Diese Aufgabe nimmt Ihr Versicherer nicht richtig wahr: Art. 41 Abs. 1 KVG garantiert den Versicherten ausdrücklich die freie Wahl des Leistungserbringers, und dazu gehört auch Ihre Apotheke. Zwingen zu wechseln kann Sie niemand.

6. Es gibt wirksamere Sparmöglichkeiten als Rabatte. Es gibt günstige Generika die wir Ihnen an Stelle eines teuren Originalprodukts abgeben können. Gerne beraten wir Sie darüber.

Auch die Schweizerische Patientenorganisation insistiert darauf, dass Sie als Versicherte und Patient Rechte haben. Lassen Sie nie Ihren Versicherer über Ihre Therapie, Ihren Arzt oder Ihre Apotheke bestimmen!

Wir hoffen, Ihnen mit diesem Brief geholfen zu haben, und würden uns auch sehr darüber freuen, wenn wir Sie trotz der Einflussnahme seitens Ihres Versicherers auf die Wahl Ihrer Apotheke zu unserer treuen und zufriedenen Kundschaft weiterhin zählen dürfen.

Mit freundlichen Grüssen
Pharmama

Danke dem Herr Klaeui, dass er mich auf die Aktion aufmerksam gemacht hat – und dass er auch weiterhin seine Medikamente in seiner Apotheke bezieht!

Medikamente per Versandhandel? Nein danke!

Liebe Kundin, lieber Kunde,

immer wieder fordern Krankenkassen Ihre Kunden auf, sich künftig Medikamente per Versandhandel schicken zu lassen. Die dabei empfohlene Versandfirma „Zur Rose“ ist eine Gründung von geschäftstüchtigen Ärzten im Kanton Thurgau, die Mediservice ein Ableger des Grosshandelsmoguls Galenika.

Hiermit möchte ich Sie über meine Ansicht zum äusserst fragwürdigen Postversand von Medikamenten informieren.

Beim Versandhandel herrscht die Meinung, dass für dringend benötigte Medikamente – wie z.B. Antibiotika – nach wie vor die Apotheke in der Nähe aufgesucht werden soll. Mit dieser Lückenbüsserfunktion können die Apotheken auf Dauer nicht überleben.

Alle Apotheken, auch wir, sind zusammen mit den Ärzten bestrebt, die Gesundheitskosten zu senken. Dazu leisten wir mit unserer kostenlosen Beratung und Betreuung einen wesentlichen Beitrag (indem wir zum Beispiel ein passendes Generikum empfehlen – und nicht nur das von der Generikafirma, die einen Vertrag mit der Versandapotheke hat). Wir klären Unsicherheiten direkt mit dem Arzt ab, wir können auch Wechselwirkungen mit frei verkäuflichen Medikamenten sofort beim Verkauf abklären.

Dieser Service wird mit dem Postversand gefährdet. Was auf den ersten Blick vorteilhaft erscheint, erweist sich als Mogelpackung. Der Medikamenten-Versandhandel erbringt viele Leistungen nicht, welche bei uns selbstverständlich sind.

Beim Postversand fehlt der persönliche Kontakt bei der Abgabe des Arzneimittels und die Möglichkeit, Fragen und Unsicherheiten direkt mit einer Person Ihres Vertrauens besprechen zu können. In unserer Apotheke erhalten Sie jederzeit eine kostenlose und persönliche Beratung. Auf Wunsch liefern wie Ihnen die Medikamente innert eines Tages nach Hause. Beim Postversand müssen Sie hingegen 3 Tage warten.

Gemäss Krankenversicherungsgesetz kann niemand dazu gezwungen werden, Medikamente per Post zu beziehen.

Wir sind auf Sie als Kunden angewiesen. Dessen sind wir uns bewusst, und wir freuen uns jeden Tag aufs Neue, Ihnen einen tadellosen Service zu bieten. Nehmen Sie uns beim Wort. Wir danken Ihnen, dass Sie sich für uns als Ihre Vertrauensapotheke entschieden haben.

Mit freundlichen Grüssen

Pharmama

Es gibt noch ein paar andere Argumente:

„Eine effiziente Beratung ist diejenige, die erstens in Anspruch genommen und zweitens verstanden wird – k.o.-Kriterien für die telefonische Beratung“

Wir in der Apotheke beantworten Fragen direkt, per Telefon, per mail oder Brief – und das sehr rasch und kompetent. Dagegen scheint es da bei den Versandapotheken zu happern.

Für diejenigen die denken, das Gesundheitssystem spart so (die Versandapotheken bieten den Abnehmern ja diverses: Rabatte, Portofreie Lieferung,…): Auch das muss ja irgendwie bezahlt werden – und das machen am Ende dann die Krankenkassenkunden dann einfach indirekt über ihre Prämien. Denn die Versandapotheken haben ja Verträge mit den Krankenkassen (die dann so offensiv Werbung für sie machen). Die bekommen ihr Geld schon.

Die persönlichen Daten der Patienten sind in der Apotheke gut aufgehoben.  Auch da hat es schon Probleme gegeben bei Versandapotheken (indem sie z.B geschredderte Rezepte und Lieferscheine als Füllmaterial für ihre Pakete gebraucht haben). Oder vorausgefüllte Formulare an die falsche Adresse geschickt wurden… die Beispiele sind allerdings von Deutschland.

Die Versandhandelsapotheke stellt auch keine Rezepturen her – z.B. spezielle Salbenmischungen von Hautärzten.

Rezeptfreie Präparate gibt es zwar teilweise auch von der Versandapotheke, allerdings auch nur auf Rezept. Und das Rezeptausstellen beim Arzt kostet: so spart das Gesundheitswesen auch nicht.