Nicht lieferbar (die zweite)

Nach der ersten Geschichte „Lieferunfähig“ von kelef, folgt nun das zweite Beispiel. Wiederum ohne Erwähnung des betroffenen Medikamentes oder der Herstellerfirma (aber ich kenne beide und kann das zumindest bestätigen, dass das leider gelegentlich wirklich so läuft).

Viel Spass beim Lesen!

Es gab ein altes, gut eingeführtes Mittel gegen Zwangsstörungen. Dieses Mittel war eines der ersten auf dem Markt, gut erprobt und vielfach verschrieben. Nun muss man dazusagen, dass Zwangsstörungen ja an sich das Leben eines Menschen ganz schön schwer machen können – ob sich das nun in zwanghaftem Händewaschen, Zählen aller vorbeifahrenden Autos, farblichem Sortieren von was auch immer, oder auch „nur“ dem Benützen ausschließlich eines einzigen Weges z.B. zur Bank äußert. Nicht nur der Patient selbst, sondern vielfach auch seine Umgebung werden davon stark beeinflusst. Dabei sind sich diese Patienten aber durchaus sehr oft im Klaren darüber dass ihr Verhalten nicht „serienmäßig“ ist und einer Behandlung bedarf, und sind ansonsten in keiner Weise auffällig. Auch intellektuell stehen viele eher im oberen Bereich, und haben entsprechende Ausbildungen und Berufe.

Ein Mittel, das diese Zwangsstörungen mindert oder überhaupt verschwinden lässt ist also ein durchaus wichtiges und, wie alle Psychopharmaka, sehr regelmäßig einzunehmendes Medikament.

Damit nun alle Tabletten, die ein Patient einnehmen muss, voneinander unterschieden werden können wurden schon immer verschiedene Formen, Überzüge und Farben gewählt. Das erleichtert einerseits dem Patienten den Überblick (früher gab es Tabletten ja in Röhrchen oder Fläschchen, versehentlich ausgeleert war das Auseinandersortieren sehr wichtig), andererseits können anhand von Form und Farbe in Notfällen Ärzte und Apotheker sofort und ohne chemischen Test feststellen um welches Medikament es sich handelt.

Die Verwendung eines anderen Farbstoffes wäre eine Änderung in der Zusammensetzung gewesen, und war auf Grund der internationalen Gesetzeslage ein schwieriges und langdauerndes Verfahren, kostenintensiv und mit einer Unzahl von Auflagen verbunden. Einfacher war es, die Farbe wegzulassen und das Medikament in Hinkunft statt in blau in weiß zu produzieren.

Nun, was vor vielen Jahrzehnten möglich, erhältlich oder sinnvoll war, das war später einfach anders. Unser vielerprobtes und bewährtes Mittelchen gegen Zwangsstörungen war  hellblau. Die Farbe kam von einem natürlichen Farbstoff aus einem fernen Kontinent, ungefährlich, biologisch, toll. Leider war dieser Farbstoff aus verschiedenen Gründen (ich sag‘ nur: „Rettet den Regenwald“ hat viele Gründe) nicht mehr in der erforderlichen Qualität und Menge verfügbar. Das war vorhersehbar, der Hersteller des Farbstoffes schloss sein Werk, und der Hersteller des Medikamentes begann zu überlegen. Es handelte sich um ein sehr altes Präparat, in der Zwischenzeit gab es eine Menge neuerer, selektiverer Präparate, die Ärzte hatten schon lange begonnen diese neuen Präparate vermehrt zu verschreiben und das gute alte Mittel nur mehr den Patienten zu rezeptieren die schon sehr lange damit lebten. Patienten mit Zwangsstörungen und Änderungen – von was auch immer – sind logischerweise keine gute Kombination.

 

Die Herstellfirma also dachte nach was alles zu beachten sei, und schrieb zwei Jahre im Voraus alle Ärzte an. Und alle Apotheker. Und alle Grossisten. Und alle, die noch damit zu tun haben könnten: Kliniken, Gesundheitsministerien, etc. – eine Unmenge von Papier wurde auf den Weg geschickt. Die Ärzte wurden gleichzeitig auch darauf aufmerksam gemacht dass durch die Änderungen in der Gesetzgebung (gleiche Indikationen für Substanzen in allen EU-Ländern) die Indikation Zwangsstörung für dieses Medikament wohl nicht aufrechterhalten werden könne, weil dazu eine Anzahl von neuen Studien durchgeführt werden müsste, und es ja in der Zwischenzeit eine Menge anderer, neuerer und selektiverer Präparate gebe. Falls möglich, sollten also neue Patienten gleich auf ein anderes Präparat eingestellt werden, bei den anderen Patienten solle eine Umstellung in Betracht gezogen werden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt werde das betreffende Medikament jedenfalls nicht mehr blau sondern weiß sein. Die Pharmareferenten wurden entsprechend geschult, das Werbematerial entsprechend überarbeitet, eine Menge Leute hatten eine Menge zu tun. Damit ja nichts passiert wurden Erinnerungsschreiben an die o.a. Empfänger in schöner Regelmäßigkeit verschickt, ebenso wie dann das Schreiben das kund und zu wissen tat dass nunmehr der Tag gekommen sei: Tablette weiß statt blau.

Es kam wie es kommen musste: die Patienten beschwerten sich über die „Tabletten ohne Wirkstoff“. Aber auch eine Unzahl von Ärzten, Apothekern, Grossisten beschwerte sich über die „falschen“ Tabletten. Das ging telefonisch, per Fax und per Einschreiben, via Rechtsanwalt und Behörde. Herstellerschlamperei, Gesundheitsgefährdung, Pharmamörder, das Angebot an Beschimpfungen war groß, die Grossisten hielten die Ware bis zur Klärung des Sachverhaltes zurück, das Medikament wurde von Apotheken nicht mehr abgegeben auch wenn es auf Lager war, die Behörden überlegten schon Sonder-Sachbearbeiter einzusetzen. Ein derart wichtiges Medikament – und das war es ja tatsächlich – war vom bösen, bösen Pharmahersteller einfach falsch hergestellt worden, oder es war ein falsches Medikament in der Schachtel, und überhaupt: Angehörige gingen mit den Patienten in die Notaufnahme, Notärzte wurden gerufen, alles was man sich vorstellen kann. Die Meldungen an alle die zuständig waren (oder auch nicht) überschlugen sich.

 

Der Hersteller erhielt seitenlange Briefe von Patienten mit wüsten Beschimpfungen und Drohungen, die Arzneimittelsicherheits-Abteilung machte Überstunden, den Rechtsschutzversicherungen seien die Drohungen wegen Gesundheitsgefährdung, absichtlicher schwerer Körperverletzung etc. gedankt.

 

Das Präparat wurde immer wieder als „nicht lieferbar“ bezeichnet, obwohl der Hersteller eine Menge auf Lager hatte, und obwohl alle Zuständigen immer wieder informiert wurden. Dauerte einige Monate, bis sich die Wellen gelegt hatten.

 Natürlich musste das so kommen, meinte der Medical Director des Herstellers, was bitte erwartet man denn von Patienten mit Zwangsstörungen? Die KÖNNEN ja so eine Farbänderung nicht akzeptieren, nicht weil sie nicht wollen, sondern weil Zwangsstörungen das eben so mit sich bringen, könnten die Patienten mit solchen Änderungen umgehen dann wären sie ja gesund. Deshalb wurden ja alle verständigt …

 

Dass die Ärzte, Apotheker, Grossisten nichts von der Änderung wussten war auch schnell geklärt: alle, die die vielen Schreiben bekommen hatten – lt. Adressliste ist das ja nicht so schwierig nachzuvollziehen – meinten, sie würden die Zuschriften von Pharmafirmen gar nicht lesen. Die würden entweder auf einen Haufen gelegt zur gelegentlichen späteren Lektüre, oder gleich weggeworfen. Wozu die Pharmareferenten den Fachärzten mehrfach die Farbänderung angekündigt hatten erschloss sich nie.

Was blieb von der Geschichte? Der böse Nachgeschmack: ein großer Pharmakonzern, und dann ist so ein wichtiges Präparat nicht lieferbar weil bei der Herstellung geschlampt wurde und kein Wirkstoff in der Tablette war. Oder war nur das Falsche abgepackt worden? Sabotage? Missachtung psychisch kranker Menschen? Hm. Jedenfalls: böse Firma.

Leistungssteigernde Mittel an der Uni

Laut einer Umfrage in Deutschlands Unis haben etwa 4% der befragten (1547) Studenten schon einmal versucht, ihre Konzentration oder Wachheit mit Hilfe von legalen oder illegalen Substanzen zu steigern. Illegalen meistens: Amphetamine, Kokain oder Ecstasy.  Etwa 5% greifen zu Mitteln, um die Anforderungen der Uni besser bewältigen zu können: Drogen oder verschreibungspflichtiges, weitere 5% zu weicheren Sachen wie pflanzliche, homöopathische oder Vitaminpräparate – oder einfach zu Kaffee oder Schwarztee.

An Rezeptpflichtigem wird folgendes (miss)braucht: Schmerz- und Schlafmittel. Antidepressiva, Betablocker, Ritalin, Modafinil …

Ob das auch wirklich Auswirkungen nicht nur momentan auf den Körper, sondern auch auf die schulische Leistung hat, ist bisher nicht bekannt. Lernen muss man nämlich trotzdem noch,.

In der Apotheke haben wir schon Probleme gehabt, weil manche Leute diese Mittel wollen – und zwar nicht die weichen Sachen. Speziell Medizinstudenten …

Dazu ist zu sagen: Auch ein Medizinstudent im letzten Semester darf noch keine rezeptpflichtigen Sachen ohne Aufsicht verschreiben. Dementsprechend hat er (entgegen der Meinung mancher) auch kein Recht darauf, in der Apotheke etwas rezeptpflichtiges einfach so zu bekommen.

Wer trotzdem mit solchem experimentiert: hier noch eine Warnung aus meiner persönlichen Erfahrung. Die Dozenten und die Leute, die Prüfungen abnehmen, die achten auf so etwas. Also: ob der Student vielleicht vorher etwas genommen hat …

Betablocker zum Beispiel nehmen manche wegen der Angstlösenden Wirkung. Nur … das kann auch ein bisschen zuviel des Guten sein. Dann ist nicht nur die Prüfungsangst weg, sondern gelegentlich auch der Respekt vor den Dozenten … oder das Bewusstsein, dass das jetzt eine Prüfung ist, und man sich entsprechend verhalten sollte. Also … auch Antworten auf die gestellten Fragen gibt, zum Beispiel … und sich nicht nur freundlich lächelnd über dies und das unterhält.

Nach einer Prüfung kam einmal der eine Prüfer zu uns wartenden heraus und fragte uns über die Studentin, die grad dran war aus: „Die hat doch etwas genommen, oder? Die ist so seltsam ruhig, antwortet kaum …“

Wir mussten ihn dann gemeinsam davon abbringen, denn: „Nein, die ist eigentlich immer so.“

Das stimmte auch. Echt.

 

Ich. bin. sauer!

Wieso?

Es war bisher schon schwierig genug herauszufinden, ob ein Medikament Lactose enthält oder nicht. Jetzt …

In der Schweiz ist es (aus welchem Grund auch immer?!?) nicht Vorschrift, dass die Hilfsstoffe, die in Tabletten / Kapseln / Lösungen etc. drin sind angegeben sein müssen. Das im Gegensatz zu der EU und so ziemlich allen anderen Ländern.

Das bedeutet: Auf der Packung und in der Packungsbeilage steht bei den Medikamenten nur geheimnisvoll:

„Excipiens pro compresso“ oder „Excipiens ad Xml solutio“

… was nichts weiter bedeutet als: „Was es so braucht an Hilfsstoffen, um eine Tablette / Lösung zu machen“

Na Danke!

Da steht nicht drin, was das denn so Hilfsstoffe sind. Keine Info über Lactose oder Gluten-Gehalt. Auf unseren Lebensmitteln steht mehr drauf in Punkto „Allergikerinfo“.

Das einzige, was man auf der Packung noch sehen kann ist, ob es Alkohol drin hat.

Nun gut. Bisher gab es noch mühsam die Möglichkeit im Internet in einer Liste nachzuschauen, ob ein Medikament KEIN Lactose drin hat: Das war http://www.groggpharma.ch/cms/front_content.php?idcat=7 – kein Grund mehr da nachzusehen, die Seite ist down.

Eine Suche auf der Hauptseite ergibt irgendwo diese kleine Notiz als Antwort:

Laktosefreie Medikamente:
Aus rechtlichen Gründen können wir die Liste mit den laktosefreien Medikamenten nicht mehr publizieren.

WiiIIIeEeSoOoooo?

Die einzige Quelle, die übersichtlich und zugänglich war ist weg.

Wenn jetzt jemand fragt, ob ein Medikament Lactose drin hat oder ob es eine lactosefreie Alternative gibt … das wird enorm schwierig. Im Prinzip bleibt mir nichts, als da den Firmen direkt anzurufen. Einzeln. Oder die Handzettel, die manche Firmen mit Überblick über ihre Medikamente verteilen zu sammeln. Auch nicht wirklich gut.

Kennt jemand sonst noch eine Variante?

In (Land in Afrika/Asien) bekomme ich das günstiger!

„Ich kaufe mein Malaria-medikament in Afrika (oder Asien), da bekomme ich es viel billiger.“

Wer Reiseberatung macht in der Apotheke hat das so oder ähnlich sicher auch schon gehört.

Bisher habe ich den Leuten davon abgeraten – nicht nur, dass an die 40% der in manchen afrikanischen und asiatischen Ländern erhältlichen Medikamente gefälscht sind (und so ziemlich alles enthalten können), gibt es offenbar auch ein Problem mit den regulär hergestellten Medikamenten.

So schreibt die DAZ (deutsche Apotheker Zeitung), dass 10% der von der WHO zugelassenen Antimalaria-Medikamente nicht die geforderte Menge an Wirkstoff enthalten.

Bei einer Vielzahl der minderwertigen Produkte handele es sich nicht schlicht um Fälschungen, so die Autoren der Studie; vielmehr seien mangelhafte Produktionsprozesse für die Qualitätsmängel verantwortlich, Sie sprechen sich daher für Arzneimittel-Kontrollen auch in ärmeren Nationen aus …

Das Problem betrifft nicht nur Malaria Medikamente (wo es offensichtlich schon für erste Resistenzen verantwortlich ist) sondern auch Medikamente zur Tuberkulose-Therapie und anderen bakteriellen Infektionen.

In die Studie wurden Arzneimittel aus Afrika, Brasilien, Russland, China, Indien und Thailand sowie der Türkei einbezogen die vor Ort in Apotheken bezogen wurden.

Ich weiss aus eigener Erfahrung vom Reisen, dass die Medikamente in diesen Ländern oft sehr viel günstiger sind. Aber ich nehme die wichtigen von zu Hause mit – da bin ich, was Qualität und Wirkung angeht zumindest sicher.

Diätpillen

Dieses Jahr hat die FDA (die amerikanische Gesundheitsbehörde) schon die Zweite verschreibungspflichtige Diätpille zugelassen. Im Normalfall dauert es nicht lange, dann kommen die auch nach Europa.

Die beiden sind: Belviq™ (Lorcaserin) und Qsymia™ (Phentermin und Topiramat).  Beides Appetitzügler, eines ein Serotoninagonist und das andere ein Amphetamin, letzteres auch noch kombiniert mit einem Wirkstoff, der als Antiepileptikum verwendet wird.

Ich bin davon alles andere als begeistert. Auch die werden wohl den gleichen Weg gehen wie all die anderen Abnehm-Mittel, die wegen unakzeptabler Nebenwirkungen und Mortalitätsraten wieder vom Markt verschwunden sind.

Es wundert mich nicht, dass sie auf den Makt kommen – immerhin haben wir – und noch mehr die Amerikaner ein Problem mit Übergewicht und den gesundheitlichen Folgen davon.

Das kombiniert mit unserer „Ich will das jetzt“ Mentalität – einer  Gesellschaft, die dafür oft willig Pillen, Shakes und Mischungen schluckt, ohne sich darum zu kümmern, wie es um die Sicherheit des Produktes steht (das kann man an den tonneweise Bestellungen im Internet genau dieser Produkte sehen) oder das Gewicht langfristig durch Ernährungsumstellung abzubauen – wird auch diese Pillen zumindest Zeitweise zu einem Erfolgsprodukt werden lassen. Zumindest für die Vertriebsfirmen.

Die OTC Mittel, die es früher mal gab – wie z.Bsp. Adipex™ (Phentermin) waren Amphetamine – die wirken praktisch wie hohe Dosen Coffein: machen nervös (dann essen die meisten Leute nicht mehr so viel) und erhöhen den Blutdruck … und das bei jemandem der von der Konstitution her wahrscheinlich schon einen hohen Blutdruck hat. Dann braucht es wenig mehr – zum Beidpiel andere, ähnliche Medikamente oder Drogen oder auch nur viel Kaffee .. … die Leute landeten dann tatsächlich im Notfall … oder schlimmeren.

Das ist der Grund, warum sie nicht mehr frei verkäuflich sind.

Die letzten Produkte auf dem Markt wurden gut verkauft, auch wenn sie (jetzt) rezeptpflichtig waren und oft nicht von den Krankenkassen übernommen.

Reductil™ zum Beispiel (Sibutramin) – bis es wegen aufgetretenen Herzproblemen … und damit verbunden Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnissen (das schlecht aussah) 2010 vom Markt gezogen wurde.

Oder Acomplia™ (Rimonabant) dessen Marktzulassung 2008 sistiert wurde. Das ist zwar für einmal ein anderer Ansatz, es ist ein Cannabinoid-Rezeptorantagonist, kein Amphetamin. Aber eine Reevaluation der bereits bekannten psychiatrischen Risiken (Depressionen und vermehrt Selbstmorde) liess auch hier das Nutzen-Risiko-Verhältnis ungünstig aussehen.

Nun dann, jetzt also Serotoninagonisten, Amphetamine und Antiepileptika. Zum Abnehmen.

Seufz.

Nochmal: die Wunderpille gibt es nicht.