Eine herzige Idee

Bevor ihr weiterlest: Findet ihr heraus was das ist?:


Das sind die „Bakterien“ die man auf manchen Antibiotikaverpackungen findet – vorzugsweise Sirupen für Kinder. Die Kinder dürfen bei jeder Gabe Sirup einen „Bactus“ eindrücken – da sieht man gleich den Fortschritt der Behandlung, immer mehr Bakterien gehen kaputt…

So geht keine Einnahme mehr vergessen!

Das es das in Deutschland auch gibt, darauf hat mich Arzt4Empfänger aufmerksam gemacht – von dem auch die Idee für diesen Post stammt: Danke! Und so sehen sie dort aus:

Wie würdet ihr entscheiden?

Das gilt jetzt nur für die Schweiz, denn in Deutschland haben die Apotheker nicht das Recht rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept abzugeben – nicht mal im Notfall :-(.  Wir hier haben das Recht in „begründeten Ausnahmefällen“ und mit der entsprechenden Dokumentation auf unsere Verantwortung auch diese Medikamente abzugeben. Man beachte, dass es nicht heisst „in Notfällen“ – und das ist vielleicht auch besser so … denn wenn jemand in die Apotheke kommt und einen Aufstand macht, weil ihm wichtige Medikamente ausgegangen sind und er unbedingt jetzt gleich welche wieder braucht – dann spricht das in meinen Augen nicht unbedingt für einen verantwortungsvollen Umgang mit seiner Medikation und das Vertrauen von mir in die Person ist schon etwas gestört.
Jedenfalls: es kann passieren und wenn, dann hilft es ruhig zu bleiben und seinen Fall so klar wie möglich darzulegen. So kann ich entscheiden, ob eine Abgabe (und wie) in dem Fall angesagt ist.
Im Endeffekt ist es aber immer meine Verantwortung und ich hänge, wenn etwas schief läuft.

In dem Sinn: Wenn Ihr jetzt die Verantwortung habt. Wie würdet ihr entscheiden?

Fall 1: Kunde mit Blutdruckmedikament, er hat nur noch für 3 Tage Tabletten und der Arzt, der es ihm verschreibt, ist gerade in den Ferien. Er hat die Tabletten seit 3 Jahren und holt sie immer bei uns.

Fall 2: Kundin mit Antidepressiva. Sie hatte bisher 1 Packung, jetzt hat sie seit gestern keine Tabletten mehr – und der Arzttermin ist erst in der nächsten Woche. Sie weiss aber nicht, ob sie sie so weiternehmen muss – vertragen tut sie sie zwar.

Fall 3: Kundin will die Pille. Sie hatte dieselbe schon bei uns, das letzte Mal im letzten Monat, ihr Rezept aber zuhause vergessen und muss morgen weitermachen.

Fall 4: Kunde will eine Packung rezeptpflichtige Schlafmittel. Er hat die alte Packung dabei – seine Apotheke, wo er es normalerweise hole, habe aber schon geschlossen. Er brauche sie nur gelegentlich, aber heute unbedingt, sonst könne er nicht schlafen.

Fall 5: Kundin will die Pille. Sie war noch nie bei uns, nimmt aber diese Pille seit Jahren und ist unter Kontrolle bei der Frauenärztin. Ein Rezept hat sie keines dabei. Sie muss heute noch damit weitermachen.

Fall 6: Ein Ferienbesucher, der nicht genug von seinen Cholesterin-medikamenten mitgenommen hat. Er hat die alte Packung dabei – das Medikament heisst in der Schweiz zwar anders, gibt es aber in der gleichen Dosis, er nimmt das seit er einen Herzinfarkt hatte regelmässig.

Fall 7: Kunde möchte eine Packung Novalgin. Er hat Schmerzen und ein Freund der das bekommen hat, hat es ihm empfohlen. Er habe von dem Freund schon eine Tablette bekommen und es vertragen. Etwas anderes hat er noch nicht versucht, aber Dafalgan wirke bei ihm nicht.

Fall 8: Kunde will Viagra. Er habe es schon einmal gehabt – ja, bei uns auf Rezept und muss es sowieso selber zahlen. Das stimmt. Er hatte es – vor 6 Jahren einmal. Sein Dossier zeigt aber in neuerer Zeit auch Medikamente gegen Bluthochdruck und fürs Herz an.

schwierig, nicht wahr? Es ist abzuwägen, wie wichtig die Medikation ist, ob man es sonst Risiken gibt die für oder gegen eine Abgabe sprechen …

Na? Wer wagt es? Wer will?

Alt und Neu: Similasan

Endlich einmal wieder ein Fundstück aus der Retouren-Kiste!

Das ist jetzt so ein Fall, wo ich anfange, mich echt alt zu fühlen … diese Packung links kannte ich noch gut. Mir kommt es nicht lange vor, aber inzwischen haben sie sicher schon 2x das Packungsdesign gewechselt. Hmmm, ich sehe gerade, ich habe die Globuli erwischt, nicht die Tropfen – gibt es die Tropfen denn noch? Muss ich nachsehen.

Woher kommen unsere Medikamente? Am Beispiel Penicillin … und Antibiotika

Penicillin ist recht bekannt, auch weil es das erste Antibiotikum war. Vorher war unser Immunsystem der einzige Schutz gegen Bakterien und wenn das mit deren Vermehrung nicht mehr klar kam, dann starb man. So einfach war das.

Hinweise darauf, dass Schimmelpilze eine Wirkung auf das Wachstum von Bakterien haben könnten gab es schon früh – so wusste man, dass Sättel, die in dunklen, feuchten Räumen aufbewahrt wurden (und dementsprechend viel Schimmelpilz enthielten) weniger infizierte Scheuerwunden machten bei den Pferden.

Dann wurde das Penicillin entdeckt – und dabei wurde es auch nur durch Zufall gefunden, respektive durch eine Unachtsamkeit.
Alexander Fleming experimentierte 1929 mit Bakterien, die er auf Agarplatten vermehrte um sie zu untersuchen. Als er eine seiner Ansätze anschaute, sah er, dass die Kulturplättchen nicht nur die Bakterien enthielten, die er wollte, sondern sie waren verunreinigt mit einem Schimmelpilz. Offensichtlich hatte er beim Anlegen der Kulturen nicht sauber gearbeitet. Das war ein Grund die ganzen Plättchen wegzuwerfen.


Zum Glück hat er sie sich vorher noch angeschaut und dabei entdeckt, dass dort wo der Schimmelpilz wuchs am Rand eine Zone war, wo die Bakterien nicht wuchsen. Er erkannte, dass der Pilz irgendetwas abgesondert hat, was die Bakterien abtötete. Eben das Penicillin.
Erst über 10 Jahre später konnte das Penicillin isoliert werden und 1941 wurde es erstmals erfolgreich zur Behandlung einer Blutvergiftung eingesetzt.

Bereits während dem 2. Weltkrieg wurde die Suche nach weiteren antibakteriellen Naturstoffen fortgesetzt und es wurden weitere Antibiotika in anderen Pilzkulturen entdeckt.

Ursprünglich definiert man Antibiotika (v. altgriechisch- anti- „anstelle, gegen“ und bios „Leben“ mit lateinischer Endung; Einzahl Antibiotikum) als „natürlich gebildete, niedermolekulare Stoffwechselprodukte von Pilzen oder Bakterien, die schon in geringer Konzentration das Wachstum von anderen Mikroorganismen hemmen oder diese abtöten.“

1943 wurde das Streptomycin isoliert – das erste Mittel gegen Tuberkulose.
1947 Das Chloramphenicol
1948 das Chlortetracyclin– das erste der Tetracyclin-Gruppe
1952 das Erythromycin – das erste Makrolidantibiotikum
1952 die Cephalosporine – auch Beta-laktam-Antibiotika wie das Penicillin
… usw.

Endlich hatte man wirksame Mittel gegen die verschiedensten Bakterien und die durch sie verursachten Krankheiten. Aber … die Bakterien passen sich an. Sie entwickeln sich weiter und durch Veränderung ihrer Gene werden sie resistent auf die Antibiotika die wir haben. Das bedeutet: Antibiotika machen diesen Bakterien nichts mehr aus. Sie sind wirkungslos geworden.

Ein Dilemma: je mehr wir die Antibiotika einsetzen, desto schneller passiert die Resistenzbildung bei den Bakterien.

Auf einmal ist unsere (einzige) Waffe gegen Bakterien wieder stumpf und oft nicht mehr einsetzbar. Und die Probleme kommen wieder: Sepsis, Tuberkulose, MRSA -das sind multi-resistente Bakterien, die bei Infektionen nicht mehr bekämpft werden können …. Amputation ist oft die letzte Hoffnung, man kommt sich vor wie im Mittelalter.

Und … inzwischen finden wir nicht mehr so schnell wieder neue Antibiotika. Neue sind nur wenige in Entwicklung – und ob sie es bis zum Medikament schaffen ist fraglich.

Um so wichtiger ist es, das was wir haben gezielt und mit Bedacht einzusetzen. Also: keine Antibiotika bei Vireninfektionen (die meisten Erkältungen) dagegen wirken sie nämlich auch nicht. Möglichste nicht Breitbandantibiotika sondern gezielt Einzelwirkstoffe. Reserveantibiotika wirklich nur, wenn sonst nichts hilft – und nicht von Anfang an  etc…

Woher kommen unsere Medikamente? Beispiel Marcoumar

Der Blutverdünner Marcoumar hat auch eine hochinteressante Entwicklungsgeschichte.

A cow
Image via Wikipedia

Es fing alles um 1920 mit einem Haufen toter Kühe an.

Die Kühe waren plötzlich verendet, ohne dass man eine äussere Ursache finden konnte. Man obduzierte darum ein paar – immerhin könnte es sich ja auch um eine neue Krankheit handeln.

Bei der Obduktion stellte man fest, dass ihr Blut nicht gerann. Sie starben an inneren Blutungen. Im Magen der Kühe fand man Heu, das viel Klee enthielt. Das Klee alleine war aber nicht die Ursache, ansonsten wären schon früher Tiere gestorben und viel mehr.

Man fand dann, dass das Heu, das die jetzt toten Tiere gefressen hatten von einer Stelle stammte, wo das Dach des Vorratsstalles leck war. Das Heu wurde feucht und hat geschimmelt. Das Heu von dieser Stelle wurde untersucht und schliesslich fand man, dass der Schimmel einen Inhaltstoff vom Klee – das Coumarin – so verändert hatte, dass ein Wirkstoff entstand, der eben die Blutgerinnung verhinderte: das Dicoumarol.

Ab 1949 wurde das Dicoumarol dann therapeutisch eingesetzt zur gezielten Hemmung der Blutgerinnung. Der Wirkstoff wurde dann weiterentwickelt zum Phenprocoumon – das ist das Marcoumar heute und Warfarin – das hauptsächlich in Amerika eingesetzt wird.

Die Coumarin-Derivate werden eingesetzt zur Thrombose-Prophylaxe, also um Blutgerinsel vorzubeugen z.B. nach Herzoperationen, bei Herzrhythmusstörungen etc.
Die Dosierung muss dabei anhand der Wirkung auf die Gerinnung individuell und vorsichtig angepasst werden –sonst wirkt es entweder nicht genügend oder aber zuviel – und dann passiert im schlimmsten Fall dasselbe wie bei den Kühen.

Das „Gegengift“ von Marcoumar ist übrigens Vitamin K.

Die Überdosierung wird auch ausgenutzt, allerdings nicht in der Medizin: man benutzt Cumarinderivate auch als Rattengift. Die Ratten fressen das und nach einiger Zeit verbluten sie innerlich. Eigentlich ziemlich grausam, aber schneller wirkendes Gift kann man nicht nehmen, sonst verenden die Tiere neben dem Fressköder und dann fassen die anderen Ratten das nicht mehr an – das sind ziemlich schlaue Tiere.

Nachtrag: es hat aus irgendeinem Grund eine frühere Version des Artikels veröffentlicht – das hier ist jetzt die Version, die ich wollte.

Woher kommen unsere Medikamente? Bsp. Aspirin

Golden Weeping Willow - Salix alba 'Tristis'
Image by Barbyr via Flickr

Woher kommen eigentlich unsere Medikamente?

Ich habe es schon immer interessant gefunden, zu sehen, wie es zu den heutigen Errungenschaften gekommen ist. Das ist auch im Fall der Medikamente ein sehr spannendes Thema.

Da wäre z.B. das allbekannte Aspirin. Da hat man vielleicht schon einmal gehört, dass der Grundstoff dafür ursprünglich natürlich ist. Er kommt von der Weidenrinde. Die Weide (Salix) ist ein Baum, den man heute noch oft in der Nähe von Gewässern sehen kann. Tee aus der Rinde war schon seit Urzeiten ein Schmerzlinderndes Mittel.
Der Inhaltstoff der Weide ist das Salicin. Eingenommen macht unser Körper daraus Salicylsäure.

1763 wurden die medizinischen Eigenschaften der Weidenrinde von Pastor Edward Stone in England festgehalten. Er schrieb darüber einen ersten Bericht für die Royal Society.

1828 extrahierte Henri Leroux, ein französischer Apotheker erstmals das Salicin, den Wirkstoff aus Weidenrinde in kristalliner Form. Ein Italienischer Apotheker, Raffalee Piria war dann erfolgreich die Substanz in Reinform zu separieren.

1897 schaffte es Felix Hoffman (oder war es sein Chef Arthur Eichengrün?) eine etwas veränderte Version vom Salicin herzustellen, die weniger Magenprobleme machte als die reine Salicylsäure. Das neue Medikament, die Acetyl-salicylsäure wurde von Hoffmans Arbeitgeben Bayer „Aspirin“ benannt: Der Name setzt sich zusammen aus ‚A‘ (für die Acetylgruppe), -’spirin‘ (für den Inhaltsstoff der Spire, dem Mädesüss, einer ebenfalls Salicinhaltigen Rosengewächs).
Es war der erste Wirkstoff einer sehr wichtigen Klasse Medikamente, die heute unter dem Namen NSAID – Nicht-Steroidale Anti-Inflammatorische Medikamente bekannt ist. Interessanterweise vermarktete Bayer  jedoch zuerst den elf Tage später von Hoffmann entwickelten Hustenstiller, das als Heroin bekannt gewordene Diacetylmorphin stärker, da man nach Versuchen an Menschen davon ausging, dass Aspirin zu viele Nebenwirkungen habe. …

Obwohl man das Aspirin schon so lange „kennt“ und anwendet, findet man heute immer noch neues. Es wird nicht mehr nur als entzündungshemmendes Schmerzmittel verwendet, sondern auch als Blutverdünner. Weitere Anwendungen (wie z.B. im Bereich Krebsprophylaxe) werden diskutiert.

Ein neueres Rheumamittel enthält auch wieder den Trockenextrakt der Weidenrinde, etwa 60mg Salicin pro Tablette … zurück zu den Wurzeln könnte man sagen.

Wenn Euch der Artikel gefallen hat … ich könnte noch ein paar interessante Beispiele bringen. Penicillin, Marcoumar, Minoxidil, Viagra …

Und falls jemand noch mehr interessante Entwicklungsgeschichten kennt: Bitte melden!