Verdachtsmomente

(Rerun vom 17.1.2012)

Ein älterer Mann und ein Teenager kommen zusammen in die Apotheke. Ich bekomme mit, wie der Mann die Pharmaassistentin nach „Makatussin forte Sirup“ fragt.
Jetzt – das ist ein Medikament, das ich nicht an Lager führe … das hat verschiedene Gründe, der im Moment wichtigste aber: das Zeug wird missbraucht. Oft. Hauptsächlich von Teenagern. Was der Grund ist, dass da auch auf der Packung steht: Nicht für Kinder und Jugendliche…. wie jetzt auch einer vor der Theke steht.
Gut, der ältere Mann hat das Mittel verlangt.

Die Pharmaassistentin sagt ihm, dass wir es nicht hier haben. Sie fragt nach seinen Beschwerden – „Trockener Husten“ – sagt er.
PA: „Darf ich ihnen etwas anderes anbieten?“
Mann: „Sie können mir das Mittel bestellen. 2 Flaschen.“

Die PA schaut zu mir – ja, auch ihr ist das inzwischen aufgefallen, dass das vielleicht nicht ganz koscher ist.
Ich schüttle als Antwort nur den Kopf.

PA: „Tut mir leid, aber sie können davon nur jeweils eine Flasche haben. Das ist nicht für die Langzeitanwendung.“
Sie nimmt die Bestellung auf.
Kunde: „Dann möchte ich jetzt doch noch eine andere Flasche Hustensirup.“
PA: „Gerne, ich hätte ihnen diesen hier, sehr gut für trockenen Husten“ – und holt den Nitux.

:-) gut gemacht. Das ist zumindest einer, den man nicht missbrauchen kann – und der aber trotzdem wirkt.

„Der Junge kommt den bestellten Saft morgen abholen.“ Sagt der Alte noch, als er wieder geht.

Jaaaa … das habe ich mir fast gedacht – und es ist ein weiteres Zeichen, dass das eben nicht gegen trockenen Husten des älteren Mannes gebraucht wird.
Jedenfalls – haben jetzt sowohl ich als auch die Pharmaassistentin die beiden gesehen – und in der nächsten Zeit gibt es keinen Hustensirup mehr.
Ausser Nitux …

Ja, so was ist doof für die Kunden, die den Hustensirup normal brauchen. Ich stelle auch niemanden unter Generalverdacht, aber wenn sich mehrere derartige Verdachtsmomente häufen, hat das Konsequenzen. Dass wir von den gerne missbrauchten Mitteln nur je 1 Packung abgeben (ohne Ausnahmen) hängt halt auch damit zusammen. Besser als die Alternative – nämlich dass diese Mittel gesamthaft in der Rezeptpflicht verschwinden ist das allemal.

Nur staunen …

Nie ärgern, nur staunen – wie nicoretta sagen würde.

Bei dem Brief, den mir die Drogistin da gezeigt hat, habe ich ziemlich gestaunt.

Zur Erklärung: Wir verschicken von Zeit zu Zeit Prospekte mit Hinweisen auf laufende Aktionen an unsere Kosmetikkunden. Dies hier war für eine Lauder-Promo. So lange Vorrat bekam man bei einem Kauf eines Lauter Produktes ab 70 Franken ein Geschenk – in dem Fall glaube ich eine kleine Tasche mit sogenannten Luxusmustern – die sind selber auch schon einiges wert. Offenbar hat diese Kundin, die vor ein paar Monaten weggezügelt ist auch so einen Brief bekommen … und jetzt hätte sie gerne das Geschenk!

brief

 

(Was ich noch gelöscht habe vom Brief war nur noch ihre Bemerkung, dass sie uns: Drogerie und Mitarbeiter vermisst)

Die beigefügte Packung hat sie übrigens, wie man am Preisetikett gut erkennen konnte – nicht von uns gekauft, sondern von einer Import Parfümerie. Dafür will sie aber, dass wir ihr das Geschenk schicken. Immerhin ist das ja auch Lauder. Oder?

Ich melde mich wieder, wenn ich meinen Mund wieder zu bekomme. Der steht noch immer offen ob der … Dreistigkeit.

Immer wieder interessant …

Immer wieder interessant: wenn uns die Leute in der Apotheke Sachen erzählen, die sie offenbar nie mit ihrem Arzt diskutiert haben.

Dinge wie: „Lyrica, das ist wie Neurontin, ja? Wegen Neurontin bin ich schon im Spital gelandet!“

Und … zurück zum Arzt, bitte.

(Sorry)

Kleine Erklärung:  Wie Gabapentin (Neurontin) ist auch Pregabalin (Lyrica) ein Analog des hemmenden Botenstoffes Gammaaminobuttersäure (GABA). … Also: wenn das eine Probleme gemacht hat, ist die Chance ziemlich gross, dass das andere das auch macht.

Symptombekämpfung

Junger Mann in der Apotheke:

„Ich brauche etwas gegen Husten, Halsschmerzen, laufende Nase, Niesen … UND ich muss heute abend wieder fit sein. Mein Freund hat seinen Junggesellenabend!“

Ich habe Sachen gegen Husten, Schnupfen, Schmerzen und so weiter … aber – und dessen muss man sich bewusst sein – was er hat ist eine ausgewachsene Erkältung und da kann ich wohl etwas gegen die Hauptbeschwerden machen, aber nicht garantieren, dass er fit genug ist oder gar gleich wieder gesund.

Bitte entschuldigen Sie die zerstörte Illusion …

Zu Anschauungszwecken

Manchmal würde ich gerne ein Foto machen – zum Beispiel, wenn ein Patient mit einer wirklich typischen Ausprägung von etwas kommt. Oder etwas speziellem …

So wie der jüngere Mann mit der Gürtelrose heute. Hübsche Bläschen mit Entzündung, einseitig dem Nervenstrang entlang am Rumpf – wie ein halber Gürtel …

—Und: Nein, es ist keine gute Idee, die Bläschen aufzustechen, davon wird es nicht besser.

Oder die Frau mit den wahnsinnig geschwollenen Mandeln …

—Ich glaube nicht, dass ich vorher geschwollene Mandeln überhaupt entdeckt hätte … aber die Frau hat ein Antibiotika-Sirup bezogen und als ich fragte, ob sie Probleme hat mit dem Schlucken, dass sie nicht Tabletten bekommt, hat sie mich gefragt, ob ich mir das anschauen will. Wow. Ein Wunder konnte sie überhaupt noch was Essen oder Trinken.

Oder das Kind mit der Ohrenentzündung …

—Ja, wenn der Eiter schon rausläuft, dann kann ich das auch ohne dieses Gerät vom Arzt, der damit in die Ohren schaut „diagnostizieren“.

Oder die Frau mit der grünen Zunge …

—Ja. grün. Da gibt’s nicht viel mehr dazu zu sagen. Das muss eine interessante Mischung an Bakterien und ev. Pilzen sein, die ihre Zunge da besiedelt hat.

…

Habt ihr mal etwas spezielles gesehen, von dem ihr gerne ein Foto gemacht hättet?

Was? Was? WAS?

Pharmama: „Kann ich ihnen helfen?“

Älterer Mann: „Ich war gestern hier und habe ihnen eine alte Spritze gebracht – meine Frau braucht das Medikament.“

Pharmama: „Wie heisst sie?“

Mann: „Was?“

Pharmama (lauter): „Ihr Name?“

Mann: „Mathilda Meier“

Ich schaue hinten bei den Bestellungen, aber auf den Namen ist nichts auf der Seite. Ich schaue in ihrem Dossier. Von gestern ist nur ein Vorbezug offen, allerdings mit „0“ als Abgabemenge und dem Vermerk: ‚vom Arzt Rezept angefordert’ “

Pharmama: „Hmm, ich sehe nicht, dass etwas bereit ist für sie. Aber es sieht so aus, als ob wir versucht haben, ihren Arzt zu erreichen … war das Medikament Metoject?“

Mann: „Was?“

Pharmama (lauter): „War es eine Spritze Metoject?“

Mann: „Was?“

Pharmama (kurz vor Schrei-Lautstärke). „WAR ES METOJECT?“

Mann: ?… Fragezeichen im Gesicht.

Ich nehme einen Zettel und schreibe drauf: „Metoject?“

Mann: „Ich weiss nicht.“

Also gehe ich und versuche jemanden zu finden, der gestern gearbeitet hat. Ich habe Glück und die Pharmaassistentin weiss davon. Es war für das Metoject. Die Kundin hatte das aber noch nie bei uns, deshalb wurde erst versucht ein Rezept vom Arzt zu bekommen, bei dem sie schon Medikamente hatte.

Nur hat der sich noch nicht zurückgemeldet. Das Mittel ist auch etwas, was man nur einmal pro Woche braucht.

Die Pharmaassistentin geht zu ihm und erklärt es ihm. Sie hört er offenbar besser als mich, denn :

Mann: „Oh, ok.“

Und geht

Fünf Minuten später.

Mann kommt zurück.

Pharmama: „Ja?“

Mann: „Könnte ich die Spritze von gestern zurück bekommen?“

Pharmama: „Oh, ich denke sie war leer – wir haben sie entsorgt.“

Mann: „Was?“

Pharmama (lauter): „Wir haben sie weggeworfen!“

Mann: „Was?“

Pharmama: „WIR HABEN SIE NICHT MEHR; WEIL WIR SIE WEGGEWORFEN HABEN!“

…

Raaah!