Genugtuun

Die Kundin beklagt sich lautstark, dass ihr Medikament nicht vorrätig ist: „Immer, wenn ich mal etwas von ihnen haben muss, müssen sie es bestellen! Das ist ein ganz schlechter Kundenservice, den sie hier haben!“

Ich versuche ihr zu erklären, dass sie halt ein Medikament (oder Medikamente) aufgeschrieben bekommen hat, die man nicht sehr häufig braucht – und für einmal jährlich oder weniger kann ich das nicht an Lager nehmen, auch weil ich bei dem Medikament schon die Erfahrung gemacht habe, dass der Verfall doch recht kurz ist …

Ich biete ihr aber an, es auf den Mittag zu bestellen und vorbeizubringen – oder zu schauen, ob eine andere Apotheke es hat – wobei ich ihr gleich sage, dass die Chance dafür recht klein ist.

Sie will nicht hören, reisst mir praktisch das Rezept aus der Hand und stürmt hinaus.

Das war kurz vor 12.30 Uhr, unserer letzten Möglichkeit auf den Nachmittag zu bestellen – später und es kommt erst am nächsten Morgen.

Das ist ja nicht nur bei uns so – aber ich bin leicht amüsiert, als wir 1 Stunde später einen Telefonanruf von einer anderen Apotheke im Quartier bekommen mit der Anfrage für .. genau dieses Medikament.

:-) – sie haben es auch nicht (wundert mich nicht)

:-) – die Frau hat offenbar keine andere Apotheke gefunden, die auch über den Mittag offen hat.

:-) – auf den Nachmittag bestellen reicht denen jetzt auch nicht mehr.

:-) – das mit dem herumfragen habe ich ihr ja auch angeboten.

Es ist zwar nicht nett, aber Genugtuun ist so ein süsses Gefühl!

Wie eine Nähmaschine …

Telefon.

Kundin: „Hallo, ich wollte wissen, ob der Arzt mein Rezept geschickt hat. Dr. Müller sollte es eigentlich gestern faxen, aber es könnte auch erst heute morgen gewesen sein. Ich wollte eigentlich gestern abend schon anrufen und fragen ob es da ist, aber dann dachte ich, heute morgen ist besser – falls er es erst heute geschickt hat.  Ich habe mit der Praxisassistentin gesprochen – ich glaube ihr Name ist Meier-Müller-Schmid und sie hat mir gesagt, dass sie es schicken. Ich habe fast keine Tabletten mehr und brauche unbedingt neue – kann ich sie heute holen kommen? Ich hoffe, sie haben das Rezept gestern bekommen – oder heute, weil morgen kann ich nicht kommen und die Tabletten holen, dann würde es wieder Freitag werden und bis dann reichen meine restlichen Tabletten nicht. Ist das Rezept da?“

(Ah, eine Pause!)

Pharmama: „Fangen wir doch damit an: Wie ist denn ihr Name?“

(Dann kann ich nämlich endlich nachschauen gehen…)

 

Mein Mann sagt bei diesen Leuten: das ist wie bei einer Nähmaschine – da kann man auch nicht einfädeln, wenn sie läuft.

Kennt ihr das?

Herpes simplex – nicht so simpel.

Eine junge Frau kommt in die Apotheke und verlangt: „Eine Tube Zovirax Creme!“

Als sie die 2 Gramm Tube sieht, verzieht sie das Gesicht und sagt: „Haben sie die nicht in grösser?“

Pharmama: „Nun, die grösseren, die 5 oder 10 Gramm Tube gibt es nur auf Rezept. Warum denken Sie, dass ihnen diese hier nicht reicht?“

Frau: „Ich will sie nicht für Fierberblasen sondern für meinen Genitalherpes.“

Ah.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich derartiges schon vermutet habe – nicht nur waren keine Fieberbläschen sichtbar, die Art wie sie durch die Apotheke zur Theke gelaufen ist – eher ein breitbeiniges Stockeln -waren eigentlich Hinweis genug.

Genitalherpes ist schmerzhaft – anscheinend speziell die ersten Male. Zovirax ist zwar zur Behandlung von Herpes – aber bei der Zovirax Lip steht ausdrücklich:

Zovirax Lip kann zur Anwendung auf Schleimhäuten, wie im Mund, am Auge oder an den Geschlechtsorganen nicht empfohlen werden, da es zu einer Irritation kommen kann.

– dabei glaube ich nicht mal, dass es einen grossen Unterschied in der Zusammensetzung gibt.

Nach einiger Diskussion habe ich ihr doch 2 der kleinen Tuben gegeben und ihr geraten sofort zum Frauenarzt oder in die Notfallsprechstunde des Frauenspitals zu gehen.

2 Typen Menschen …

Seit wann darf man nicht mal ein bisschen krank sein?

Da war gestern einer hier, der gestern vom Arzt Antibiotika gegen seine Lungenentzündung verschrieben bekommen hat – und heute beklagt er sich, dass es immer noch nicht gut ist. Wenigstens nimmt er seine Medikamente – das finde ich nämlich speziell toll, wenn man fragt, ob es besser geht mit der Medikation und dann die Antwort ist: „Ach, ich habe sie nicht genommen.“
Humpf.
Jedenfalls habe ich dem Mann gesagt, dass so eine Lungenentzündung halt eine Weile dauert und er sich wohl noch eine Woche nicht wirklich gesund fühlen wird, es aber jeden Tag ein bisschen besser werden wird. Und dass es für ihn besser wäre, wenn er sich ein bisschen schonen könnte in der Zeit.

Das ist das eine Extrem, der „Ich kann/darf nicht krank sein -Typ“. Auf der anderen Seite haben wir die Leute, die das kleinste bisschen Unwohlsein ausnutzen, sich grad ein paar Wochen (!) krank und 100% Arbeitsunfähig schreiben zu lassen.

Es gibt noch einen Mittelweg! Oder?

Potenzmittel ohne Rezept

Junger Mann kommt in die Apotheke und fragt: „Habt ihr Viagra?“
Pharmama: „Ja.“
Mann: „Ok, ich nehme welches.“
Pharmama: „Dafür brauchen sie aber ein Rezept.“
Mann: „Ookay …“
Ich denke, er läuft wieder raus, aber:
Mann: „Und was ist mit Cialis?“
Pharmama: „Das ist auch rezeptpflichtig.“
Mann: „Gibt es irgendetwas, das für das gleiche ist, das ich ohne Rezept kaufen kann?“

Ah, Nöö… ausser man nimmt das „Alpen-Viagra“ – Spagyrik-Spray aus dem Graubünden:

Das enthält Yohimbin, das als Aphrodisiakum verwendet wird (in der Schweiz gibt es übrigens sonst keine Produkte mit Yohimbin mehr im Handel) und ausserdem enthält der Spray Steinbockhorn als Spagyrische Essenz.

Innovativ, aber was ich über die Idee, da Steinbock-Horn reinzutun (auch wenn das nicht eine gefährdete Tierart ist) denke … das zensiere ich hier lieber. Sowas!

Mit Gift gegen Gicht

Dass der Unterschied zwischen Gift und Heilmittel oft nur eine Frage der Menge ist, habe ich schon erwähnt. Ein typisches Beispiel dafür ist Colchicin – das im akuten Gichtanfall verwendet wird.

Colchicin, das Gift der Herbstzeitlosen (sieht aus wie ein Krokus) ist ein Spindelgift und hemmt die Zellteilung –es wirkt entzündungshemmend, indem es Wanderung und Funktion (Phagozytose und Freisetzung von Entzündungsvermittlern) der neutrophilen Granulozyten hemmt. Das weiss ich alles noch vom Studium– vermutlich weil sich mir die Bezeichnung „Gift“ in Zusammenhang mit einem Medikament im Gehirn eingeprägt hat. Aber gebraucht habe ich das bisher noch nicht einmal.

Genau dieses Colchicin hatte ich nun auf einem Rezept.

In der Schweiz gibt es kein Medikament mehr mit Colchicin. Nichts mehr. In Deutschland gibt es noch welche, z.B. das Colchicum Dispert.
Alternativ dazu empfiehlt z.B. Pharmawiki, man könne die Kapseln auch selbst herstellen – zumindest gut ausgerüstete Apotheken könnten das.
Ich sehe mich eigentlich als ziemlich gut ausgerüstete Apotheke, aber das Ganze scheitert an der Beschaffung des Grundstoffes: Colchicin Trockenextrakt bekomme ich nämlich nicht*. Was es noch gibt ist ein Flüssigextrakt – aber in Kapseln kann ich den nicht reinmachen.
Also doch importieren.
Eine Bewilligung brauche ich dafür nicht mehr – immerhin ist das Produkt schon in einem Nachbarland „mit einem vom Institut als gleichwertig anerkannten Zulassungssystem zugelassen“

Für den Kunden ergibt sich aber noch ein Problem. Da das Medikament in der Schweiz nicht (mehr) zugelassen ist, handelt es sich bei der Anwendung um eine „off-label use“ und zwar egal, ob ich es selbst herstelle oder importiere. Und als solche muss die Krankenkasse das nicht übernehmen (und sie macht es auch nicht).

Dem Kunden habe ich das gesagt, er wollte es trotzdem. 2 Monate später kommt er zurück, eben weil ihm die Kasse das nicht bezahlt und fragt, ob er das Medikament zurückgeben kann.
Kann er, aber nur zum Entsorgen.
Ich frage ihn bei der Gelegenheit noch ein bisschen aus, weil ich es seltsam finde, dass die Packung bis jetzt ungeöffnet geblieben ist. „Was nehmen sie denn, wenn sie einen Gichtanfall haben?“
Kunde: „Ibuprofen“
Pharmama: „Und das geht gut?“
Kunde: „Ja, damit bekomme ich Schmerz und Entzündung gut in den Griff.“

Und wieso schreibt der Arzt dann Colchicin auf?!?
Mal abgesehen von der Schwierigkeit das zu bekommen und dass es nicht bezahlt wird von der Krankenkasse soll es nämlich nur noch es eingesetzt werden, wenn die Standardtherapie Kontraindiziert ist oder es Unverträglichkeiten mit ihr gibt.

Hmpf.

*P.S: nur für ein eventuelles nächstes Mal: weiss vielleicht sonst irgendwer, wo ich den Trockenextrakt herbekommen könnte?