Gefälscht und verfälscht: Rezepte

Es kommt immer wieder einmal vor, dass in der Apotheke versucht wird, Rezepte einzulösen, die gefälscht sind. Am meisten haben wohl die richtig grossen Apotheken damit zu tun – und solche, die zu ungewöhnlichen Zeiten offen haben: z.B. im Notfalldienst am Wochenende oder abends vor 10 Uhr.

Gefälschte Rezepte zu erkennen ist manchmal gar nicht so einfach. Es gibt allerdings ein paar Warnzeichen:

  • das Rezept lautet auf ein oder mehrere der folgenden Medikamente: Schlafmittel, starke Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel
  • es sind meistens die Grosspackungen
  • der Kunde (oder die Kundin) kommt zu einer Randzeit, wenn der Arzt nicht erreichbar ist. Z.B. Samstag Nachmittag, abends nach 6 Uhr, Sonntags im Notfalldienst, zur Mittagszeit zwischen 12 und 2 Uhr
  • der Kunde zahlt sein Rezept selbst (das ist deutlich)
  • er/sie ist sehr nervös und oder macht auf eilig
  • das Rezept selbst kann manchmal auffällig sein: zu deutlich geschrieben, nicht im typischen Stil gehalten (z.B. 1 Packung statt 1 OP), Farbkopien…

Ich kann mich noch gut an mein erstes gefälschtes Rezept erinnern, das war im 4. Studienjahr zu meiner Praktikumszeit. Es war Mittagszeit, fast 1 Uhr als dieser Junge Mann in die Apotheke kommt. Ich nehme das Rezept entgegen, darauf steht:

1 Packung Dormickum 30 Stück

So ausgeschrieben. In einer Schrift, die eher der eines Schulkindes gleicht (Ärzte schreiben ja oft unleserlich, aber nicht so). Der Stempel fehlt, die Unterschrift ist ebenso lächerlich lesbar. Das Rezept sieht aus wie eine Kopie von einem tipexierten Rezept.

Ich schaue das Rezept an, ich runzle die Stirne und schaue (wohl etwas ungläubig) den Kunden an. Der Gedanke „meint der das wirklich ernst?“ schiesst mir durch den Kopf, dann schaue ich wieder das Rezept. Ich überlege, was ich jetzt wohl tun soll. Offensichtlich hat der junge Mann das gemerkt, denn als ich das nächstemal den Kopf hebe, sehe ich ihn nur noch von hinten aus der Tür verschwinden. Das Rezept hat er mir gleich hiergelassen.

Das korrekte Vorgehen in einem solchen Fall wäre: Abgabe verweigern (oder höchstens eine kleine Packung abgeben wenn man sich nicht sicher ist). Eine Kopie des Rezeptes machen (oder noch besser: einziehen). Bei nächster Gelegenheit beim Arzt nachfragen, ob ein Missbrauch vorliegt. Und wenn das bestätigt ist, macht man ein Fax mit den Angaben an den Kantonsapotheker, der die Info an die anderen Apotheken weiterleitet. Dann sind diese gewarnt und es wird immer schwieriger derart Missbrauch zu treiben.

Es gibt übrigens auch den Fall von verfälschten Rezepten. Dabei handelte es sich um Originalrezepte, auf denen etwas verändert wurde – meistens die Menge oder Dosis. Diese kommen auch bei Stammkunden vor, die auch via Krankenkasse abrechnen können. Meist handelt es sich um die gleiche Art Medikamente. Es gab Kunden, die machten aus einem normalen Rezept ein Dauerrezept. Oder aus einer 100er Packung 200 Stück.

Meist ist der Umgang mit diesen weniger problematisch, als man denkt. Ich kläre derartige Fälle rasch mit dem Arzt ab (das müssen die Kunden nicht unbedingt mitbekommen) und mache sie dann darauf aufmerksam, dass sie halt nur die Menge bekommen, die der Arzt auch verschrieben hat.

Warum die Krankenkassenprämien wieder steigen

Ein paar Gründe, die ich direkt in der Apotheke sehen kann:

Leute, die wegen jeder kleinen Erkältung oder Unwohlsein zum Arzt oder gar in den Notfall rennen, statt es zuerst mit Selbstmedikation aus der Apotheke zu probieren. Der Arzt kostet! Das Spital kostet noch mehr! Wir beraten gratis! (Und wir sind auch Fachleute)- Ich kann gar nicht sagen wie unsinnig ich diese Dafalgan Rezepte aus dem Kantonsspital finde. (Dafalgan: kostet 3 Franken und ist ein einfaches, frei verkäufliches Schmerzmittel). Und wenn sie es dann auch noch der Kasse schicken (lassen) verursacht das noch mehr Kosten wegen dem Aufwand.

Leute, die sich wegen jeder Kleinigkeit ein Rezept ausschreiben lassen – damit es dann von der Krankenkasse übernommen wird. Nochmal: es kostet die Kasse und die Versicherten im Endeffekt mehr, wenn man wegen allem zum Arzt rennt V.a. wenn man dasselbe ohne Rezept in der Apotheke bekommt!! Noch schlimmer finde ich es, wenn sie nach dem Kauf noch zum Arzt gehen wegen einem Rezept: was soll das?? Das ist Mehraufwand von allen Seiten für …?

Selbstdispensierende Ärzte. Ja, Entschuldigung, aber es ist inzwischen auch mittels Studien bewiesen, dass Ärzte, die ihre Medikamente gleich selbst abgeben, dazu neigen mehr und grössere Packungen (plus neuere, teurere) zu verkaufen, als wenn sie es nur verschreiben.

Nochmals selbstdispensierende Ärzte: ihr habt keine Ahnung wie viele Medikamente ich ungeöffnet oder angebrochen zurückbekomme zum Entsorgen, auf denen Kleber von Ärzten sind. Das Problem ist wieder, dass eine Menge dieser abgegebenen Medis nicht genommen werden – laut einer Untersuchung letztens bekommen die Apotheken in Selbstdispensations Kantonen wie BL etwa doppelt so viele Medis zurück, wie im vergleichbaren Nicht-Selbstdispensations Kanton BS. Nicht genommene Medis = keine Wirkung = Geld zum Fenster rausgeworfen. Erst heute habe ich 2 grosse Packungen Aricept entsorgt, das sind etwa 1200 Franken! Die eine Packung war voll, bei der anderen fehlten 2 Tabletten. Die Patientin hat dem Arzt wohl nicht gesagt, dass sie sie nicht nimmt und er hat gleich wieder eine Grosspackung abgegeben, die sie auch nicht getraut hat abzulehnen.

Leute, die unbedingt das Original wollen, obwohl es für sie möglich wäre ein Generikum zu nehmen. Original-Medikamente unterscheiden sich so gut wie gar nicht vom Generikum (ein Teil der Generika wird sogar von denselben Firmen hergestellt), der einzige praktische Unterschied ist der Preis. (Cave: es gibt schon ein paar Medikamente, die man nicht einfach austauschen sollte, Antiepileptika werden gerne genannt, aber auch dort ist es möglich). Das ist nicht mehr ganz so schlimm, weil die Firmen mit den Preisen herunterkommen, und wenn nicht, muss der Patient halt 20% Selbstbehalt zahlen statt 10%.

Das sind so ein paar Dinge, die mich nerven, denn meine Prämien gehen wegen dem auch hoch!

Ein fauler Arzt

Vor einiger Zeit (noch nicht sooo lange her) habe ich mich unglaublich über einen Arzt aufgeregt.
Folgende Situation: ein älterer Mann kommt in die Apotheke. Er ist auf Besuch hier in der Schweiz und sein Problem: seine Medikamente gehen zur Neige. Er zeigt mir ein Döschen auf dem der Name des Medikaments steht und wie man es einnimmt. Eine kurze Computerrecherche zeigt, dass es kein Medikament mit diesem Inhaltsstoff in der Schweiz gibt. Weil ich ihm nicht einfach irgendetwas anderes gegen seinen hohen Blutdruck geben kann (das ist ein Therapiewechsel) muss ich ihn zu einem Arzt schicken. Da er ja keinen Hausarzt hat – und es schwierig ist, gleich einen Termin zu bekommen, ist das halt die Notfallstation. Ich erkläre ihm wieso er zu einem Arzt muss und wie er zum Spital kommt.

1 Stunde später ist er wieder da. Mit einem Rezept.
Auf dem Rezept steht … der Inhaltstoff seines Medikaments und darunter „aut idem“.
WAAAS?!? Die faule Zwetschge von Ärztin hat also bloss das was auf seiner Schachtel stand abgeschrieben und daruntergesetzt „oder gleichwertiges“. Auf deutsch: gib ihm das oder ein Generikum.
Wenn es das gäbe hätte ich das gemacht ohne ihn zum Arzt zu schicken!
Echt. Sie hat sich nicht mal die Mühe gemacht nachzuschauen, was das ist. Wahrscheinlich weiss sie nicht einmal für was das ist. Und ihn angeschaut hat sie auch kaum – sonst wäre er nicht schon nach einer Stunde wieder zurück.

Ok. Hilft nix. Telefon an die Notfallstation (und ihr wisst schon, wie gern ich mit dem Spital telefoniere): „Ich brauche die Ärztin, die das Rezept ausgestellt hat!“
Krankenschwester: „Sie ist im Moment etwas beschäftigt.“ (Und ich etwa nicht?)
Es ist wichtig, ich erkläre der Krankenschwester warum: „der Mann braucht ein anderes Medikament, einen Therapiewechsel“.
Krankenschwester: „Ok, Sie ruft in 15 Minuten zurück.“

Weil ich mir schon denken kann, was als nächstes kommt, gehe ich nochmal selbst über die Bücher. Dass sein Medikament gegen Bluthochdruck ist, wusste ich schon. Es ist ein Diuretikum, genauer gesagt ein Thiazid-Diuretikum. Thiazid-Diuretika werden in der Schweiz hauptsächlich in Kombinationspräparaten eingesetzt, nur ganz wenige als Mono-Medikation. Ich suche mir eines davon heraus.

Die Ärztin ruft nach ca. 1/2 Stunde tatsächlich zurück. Das heisst, sie lässt zurückrufen, es ist nämlich wieder die Stationsschwester. Sie lässt ausrichten, „dass die Apothekerin einfach irgendetwas ähnliches nehmen soll. Falls die Apothekerin ein Problem hat, kann sie noch mal anrufen.“
Ich (genau das habe ich erwartet): „Ok, nicht nötig. Ich habe schon eines herausgesucht, aber Ich möchte dass der Ärztin ganz klar ist, dass es ein anderer Wirkstoff ist. Fragen sie sie, ob xyz für den Patienten geht.“
Die Ärztin steht offenbar neben dem Telefon und lässt ausrichten das ist ok.

So kommt der Patient also endlich doch noch zu seinem Medikament.
Auf dem Rezept (und im Computer) steht jetzt ganz deutlich: „nach telefonischer Absprache mit der verschreibenden Ärztin“. Dass ich die ganze Arbeit gemacht habe und nicht die Ärztin lassen wir mal.

P.S: falls Sie die beschriebene Ärztin sind … oder sich sonstwie angesprochen fühlen durch dieses Blog-Beitrag: die Chance, dass es sich wirklich um Sie handelt sind klein, weil ich die Beiträge anonymisiere. Und falls Sie es doch sind: das war keine Glanzleistung und ich würde darüber ziemlich still sein – machen sie’s das nächstemal besser. Ein bisschen Einfühlungsvermögen und Einsatz für den Patienten ist auch bei einer so vergleichsweise einfachen und unspektakulären Sache im Notfalldienst nötig.

Fertig aufgeregt.

Unglauben

Es gibt schon seltsame Ärzte. Vielleicht hat er aber einfach zuviel Dr. House geschaut – der sagt ja auch immer: „Alle Patienten lügen“.

Das mag schon sein, aber wenn die herzige ältere Dame aufgewühlt zu mir kommt und mir erzählt, der Arzt glaube ihr nicht, wenn sie sagt, dass sie keinen Alkohol trinkt – und was sie jetzt machen soll? bin ich doch etwas erstaunt über das fehlende Einfühlungsvermögen.

Der Hintergrund: wegen ihrer ständigen Müdigkeit habe ich ihr empfohlen einen Bluttest machen zu lassen, um die Leberwerte zu überprüfen. Sie nimmt seit längerer Zeit recht hochdosiert Paracetamol gegen die Schmerzen wegen ihrer kaputten Wirbelsäule (es ist das einzige was sie verträgt) und das ist bekannt dafür, dass es Leberschäden machen kann. Ich habe schon darüber geschrieben.

Nun, ihre Leberwerte sind tatsächlich nicht gut. Aber der Arzt glaubt nicht, dass das vom Schmerzmittel kommen kann. Er denkt das liegt daran, dass sie zuviel Alkohol trinke und das hat er ihr auch gesagt. Sie sagt, sie trinkt schon seit Jahren gar keinen Alkohol mehr und hat nie viel getrunken, weil ihr das Zeug einfach nicht schmeckt. Ich glaube ihr. Sie ist einfach nicht der Typ dafür. Nicht der Typ, der Medikamente missbraucht, exzessiv Alkohol trinkt oder wegen so etwas lügt. Ich meine: was hätte sie denn davon? Klar ist sie entsetzt. Was würden sie denn tun, wenn der Arzt sie etwas fragt und auf ihre Antwort nur sagt „Ich glaube ihnen nicht?“. Was kann man denn dann tun? Man kann den Arzt ja nicht zwingen etwas zu glauben. Aber der Arzt sollte ja trotzdem in der Lage sein auch anderes zu denken oder in Betracht zu ziehen. Falls nicht …. bleibt ihr wohl nur noch die Variante den Arzt zu wechseln.

Übrigens: der Test hat auch ergeben, dass ihre Schilddrüse nicht richtig arbeitet. Das ist eher die Ursache ihrer Müdigkeit – und auch dass sie stetig zunimmt, obwohl sie kaum etwas isst.

Aber wahrscheinlich glaubt ihr der Arzt auch das nicht.

Missverständnis

Die Ärztin verschreibt der Patientin Agiolax Pulver- offenbar weil sie etwas gegen Verstopfung verlangt hat.

Nach 3 Tagen kommt die Patientin wieder in die Apotheke und sagt:

„Jetzt habe ich das ganze Pulver reingekippt und die Toilette ist immer noch Verstopft!“


Kein Wunder, denn Agiolax ist gegen Verstopfung beim Menschen.

Solche Sachen kann man nicht erfinden, das passiert wirklich!

Jeder Fehler zählt

„Jeder Fehler zählt“ ist eine Datenbank, die (anonym) Fehler sammelt, die in Arztpraxen oder Spitälern passiert sind. Die Website ist von Deutschland, aber ich bin sicher, es kommt überall vor. Die Idee dahinter ist, dass andere Ärzte und Medizinpersonal aus bisher gemachten Fehlern und Erfahrungen anderer lernen.

Ich lese noch gerne darin, weil einiges – auch überraschendes – darin steht, was auch in der Apotheke eine Rolle spielen kann.
Z.B. der folgende Bericht (Nr. 198)

Pflaster sind nicht gleich Pflaster

Was ist passiert?
Der Ehemann war nach langer Krankheit an Krebs im Krankenhaus verstorben. Seine Medikamente, darunter Fentanyl-Pflaster (Durogesic 100 mg), hatte die Patientin noch zu Hause aufgehoben. Die Patientin erhält im Krankenhaus (nach Krampfadern OP) ein Tegaderm-Pflaster (wasserdicht) für den Verbandswechsel zu Hause. Als diese Tegaderm-Pflaster ausgegangen sind, verwendet sie ein Durogesic-Pflaster als Hautschutzpflaster (!) und sucht dann am nächsten Morgen meine Praxis wegen Müdigkeit, Schwindel und Atemnot auf.
Ich entdecke das Pflaster am Oberschenkel.

Was war das Ergebnis?
Verwechslung von Tegaderm („Duschpflaster“) mit Durogesic Schmerzpflaster. unkorrekter sorgloser Gebrauch durch Patientin

Kleine Erläuterung von mir: die Durogesic sind Schmerzpflaster und enthalten recht hochdosiert ein Opioid. Morphium und Heroin sind Beispiele für andere Opioide. Wenn man das unvorbereitet anwendet (in dem Fall aufklebt) hat man eben die zu erwartenden Wirkungen samt Nebenwirkungen: starke Schmerzstillung, Bewusstseinstrübung, Verlangsamung der Atmung …

Wie hätte man das Ereignis verhindern können?
Nach Tod des Ehemannes Depotpflaster und Suchtgifte von Angehörigen anfordern und entsorgen.

… das wäre etwas, an was auch eine Apotheke denken sollte, wenn der Partner die nicht verwendeten Medikamente nicht von selbst zurückbringt.

(Interessant ist auch Nr. 395)