Unglauben

Es gibt schon seltsame Ärzte. Vielleicht hat er aber einfach zuviel Dr. House geschaut – der sagt ja auch immer: „Alle Patienten lügen“.

Das mag schon sein, aber wenn die herzige ältere Dame aufgewühlt zu mir kommt und mir erzählt, der Arzt glaube ihr nicht, wenn sie sagt, dass sie keinen Alkohol trinkt – und was sie jetzt machen soll? bin ich doch etwas erstaunt über das fehlende Einfühlungsvermögen.

Der Hintergrund: wegen ihrer ständigen Müdigkeit habe ich ihr empfohlen einen Bluttest machen zu lassen, um die Leberwerte zu überprüfen. Sie nimmt seit längerer Zeit recht hochdosiert Paracetamol gegen die Schmerzen wegen ihrer kaputten Wirbelsäule (es ist das einzige was sie verträgt) und das ist bekannt dafür, dass es Leberschäden machen kann. Ich habe schon darüber geschrieben.

Nun, ihre Leberwerte sind tatsächlich nicht gut. Aber der Arzt glaubt nicht, dass das vom Schmerzmittel kommen kann. Er denkt das liegt daran, dass sie zuviel Alkohol trinke und das hat er ihr auch gesagt. Sie sagt, sie trinkt schon seit Jahren gar keinen Alkohol mehr und hat nie viel getrunken, weil ihr das Zeug einfach nicht schmeckt. Ich glaube ihr. Sie ist einfach nicht der Typ dafür. Nicht der Typ, der Medikamente missbraucht, exzessiv Alkohol trinkt oder wegen so etwas lügt. Ich meine: was hätte sie denn davon? Klar ist sie entsetzt. Was würden sie denn tun, wenn der Arzt sie etwas fragt und auf ihre Antwort nur sagt „Ich glaube ihnen nicht?“. Was kann man denn dann tun? Man kann den Arzt ja nicht zwingen etwas zu glauben. Aber der Arzt sollte ja trotzdem in der Lage sein auch anderes zu denken oder in Betracht zu ziehen. Falls nicht …. bleibt ihr wohl nur noch die Variante den Arzt zu wechseln.

Übrigens: der Test hat auch ergeben, dass ihre Schilddrüse nicht richtig arbeitet. Das ist eher die Ursache ihrer Müdigkeit – und auch dass sie stetig zunimmt, obwohl sie kaum etwas isst.

Aber wahrscheinlich glaubt ihr der Arzt auch das nicht.

Missverständnis

Die Ärztin verschreibt der Patientin Agiolax Pulver- offenbar weil sie etwas gegen Verstopfung verlangt hat.

Nach 3 Tagen kommt die Patientin wieder in die Apotheke und sagt:

„Jetzt habe ich das ganze Pulver reingekippt und die Toilette ist immer noch Verstopft!“


Kein Wunder, denn Agiolax ist gegen Verstopfung beim Menschen.

Solche Sachen kann man nicht erfinden, das passiert wirklich!

Jeder Fehler zählt

„Jeder Fehler zählt“ ist eine Datenbank, die (anonym) Fehler sammelt, die in Arztpraxen oder Spitälern passiert sind. Die Website ist von Deutschland, aber ich bin sicher, es kommt überall vor. Die Idee dahinter ist, dass andere Ärzte und Medizinpersonal aus bisher gemachten Fehlern und Erfahrungen anderer lernen.

Ich lese noch gerne darin, weil einiges – auch überraschendes – darin steht, was auch in der Apotheke eine Rolle spielen kann.
Z.B. der folgende Bericht (Nr. 198)

Pflaster sind nicht gleich Pflaster

Was ist passiert?
Der Ehemann war nach langer Krankheit an Krebs im Krankenhaus verstorben. Seine Medikamente, darunter Fentanyl-Pflaster (Durogesic 100 mg), hatte die Patientin noch zu Hause aufgehoben. Die Patientin erhält im Krankenhaus (nach Krampfadern OP) ein Tegaderm-Pflaster (wasserdicht) für den Verbandswechsel zu Hause. Als diese Tegaderm-Pflaster ausgegangen sind, verwendet sie ein Durogesic-Pflaster als Hautschutzpflaster (!) und sucht dann am nächsten Morgen meine Praxis wegen Müdigkeit, Schwindel und Atemnot auf.
Ich entdecke das Pflaster am Oberschenkel.

Was war das Ergebnis?
Verwechslung von Tegaderm („Duschpflaster“) mit Durogesic Schmerzpflaster. unkorrekter sorgloser Gebrauch durch Patientin

Kleine Erläuterung von mir: die Durogesic sind Schmerzpflaster und enthalten recht hochdosiert ein Opioid. Morphium und Heroin sind Beispiele für andere Opioide. Wenn man das unvorbereitet anwendet (in dem Fall aufklebt) hat man eben die zu erwartenden Wirkungen samt Nebenwirkungen: starke Schmerzstillung, Bewusstseinstrübung, Verlangsamung der Atmung …

Wie hätte man das Ereignis verhindern können?
Nach Tod des Ehemannes Depotpflaster und Suchtgifte von Angehörigen anfordern und entsorgen.

… das wäre etwas, an was auch eine Apotheke denken sollte, wenn der Partner die nicht verwendeten Medikamente nicht von selbst zurückbringt.

(Interessant ist auch Nr. 395)

Es gibt noch Hoffnung

… und tatsächlich Patienten, die wissen, was sie tun.

Aber erst mal von vorne. Apotheker sind genauso wenig unfehlbar wie andere Menschen auch. Darum – und weil es bei unserem Beruf teilweise um Leben und Tod gehen kann, ist es bei uns usus, dass Rezepte vor der Abgabe normalerweise von 2 Paar Augen angesehen werden. Ganz sicher geht kein Rezept heraus, ohne dass es ein Apotheker kontrolliert hat. Am Tag danach werden die ganzen Rezepte von der nächsten Apothekerin nochmals kontrolliert, ob alles richtig eingegeben wurde, die Krankenkasse  aktuell ist usw. Gelegentlich kann man dabei den einen oder anderen Fehler finden und nachprüfen. Z.B. wenn eine 7 Tages Kur Antibiotikum aufgeschrieben wurde und die abgegebene Menge reicht nur für 5 Tage. Z.B. wenn Rhinopront gelesen wurde und die nächste Person liest Rhinocort. Ich bin dankbar sagen zu können, dass derartiges selten vorkommt, aber es ist nicht „nie“.

Für den Fall, dass ein Fehler entdeckt wird, bin ich dahinter, dass er baldmöglichst behoben wird. Das heisst, man muss den Patienten gegebenenfalls informieren, sich entschuldigen und eine Lösung finden (z.B. gratis Austausch des falsch abgegebenen Mittels, z.B. dass er noch eine Packung bekommt, wenn er zuwenig Tabletten bekommen hat, oder dass die erhaltenen anders eingenommen werden. etc.)

Wir haben eine gute Kundin, die schon seit vielen Jahren kommt. Bislang hatte sie wenig Probleme, etwas Diabetes wegen ihrem Übergewicht, den sie aber mit Tabletten im Griff hatte, gelegentlich eine Erkältung. Jetzt wurde bei ihr aber Brustkrebs diagnostiziert, offenbar schon mit Metastasen. Sie hatte eine Brust –OP und jetzt noch eine Chemotherapie und Bestrahlung, die aber gottseidank anzuschlagen scheint.

Für Ihre Chemotherapie brauchte sie Tabletten, die wir bestellen mussten. Die Einnahme ist ziemlich ungewöhnlich , immer ein paar Tage morgens 3, abends 4 Tabletten, dann ein paar Tage Pause, dann wieder Einnehmen…

Meine Kollegin hat die Tabletten am Donnerstag abend bestellt, ich habe sie am Freitag bereitgemacht und angeschrieben, die Kundin kam sie am Nachmittag holen.

Am Samstag bekomme ich zuhause ein Telefon von der 3. Apothekerin, dass auf dem Rezept ihrer Meinung nach 500mg steht, bestellt – und abgegeben- wurden aber 150 mg, ob das stimmt. Autsch. Ja, kann leider sein, ich weiss noch, wie konzentriert ich war wegen dem Anschreiben (ich brauchte 2 vollgeschriebene Etiketten) und da habe ich offensichtlich nicht genug auf die mg geachtet. Gar nicht gut!

Ok, was tun? Gestern abend musste sie die letzten 4 Tabletten nehmen (4x500mg = 2000mg), ab heute ist wieder Pause. Bringt es etwas, wenn sie heute noch die Menge nachnimmt?

Ich sage meiner Kollegin, sie soll im Spital nachfragen (bei denen, die das Rezept ausgestellt haben) und mir wieder anrufen.

Die Antwort vom Spital ist: „Nein, bringt es nicht, sie soll sich am Montag im Spital melden, ob man die nächste Chemotherapie verschiebt“ – Mist! Ich sage meiner Mitapothekerin, dass ich der Patientin anrufe und sie informiere – einerseits, weil die Verantwortung bei mir liegt (als Verwalterin) und schliesslich war es ja auch mein Fehler.

Also mache ich lieber gleich das unangenehme Telefon.

„Ah“, sagt die Kundin, als ich es ihr erkläre “das ist aber toll, dass sie anrufen. Das mit den Tabletten habe ich schon gestern Abend gemerkt – die sehen anders aus, als die, die ich vom Spital hatte. Dann habe ich nachgerechnet und zu der einen 500mg Tablette, die ich noch hatte, musste ich also 10 Tabletten zu 150 mg nehmen, damit ich auf die gleiche Menge komme. Das habe ich dann getan – ich bin doch nicht blöd.“ Ganz offensichtlich nicht! Ich drücke meine Erleichterung aus, sie dankt mir noch für das Telefon und am Montag informiere ich das Spital, dass die Einnahme doch korrekt war.

Puh!

Happy B’day Viagra – oder: die etwas andere Anwendung

Ein Tourist schläft in den Ferien am Strand ein und erwacht Stunden später mit einem Monster-Sonnenbrand. Im Spital untersucht ihn der Arzt und diktiert dann der Schwester die Medikation für die verbrannte Haut, die schon Stellenweise Blasen bildet: „Salzlösung i.v., dazu Morphium i.v. und eine Tablette Viagra alle 12 Stunden.“ Die Schwester schaut ihn verständnislos an. „Wozu denn das, das hilft doch nicht gegen die Schmerzen?“ „Ja“, sagt der Arzt, „aber ich denke er kann etwas brauchen, das die Bettlaken von seiner Haut fernhält …“

Der Zahnarzt erklärt einem Mann, dass ihm eine grössere Wurzelbehandlung bevorsteht und diskutiert das weitere Vorgehen mit ihm. Der Mann sagt, er kann Spritzen nicht ausstehen und gegen Lachgas ist er allergisch. Was also tun? Der Arzt schreibt ihm für die Apotheke eine Rezept auf: Ponstan Tabletten und Viagra. „Wieso Viagra?“ fragt der Mann. „Weil ich denke, wenn sie die Operation ohne Betäubungsmittel überstehen wollen, sie besser etwas haben sollten an dem Sie sich festhalten können….“

Viagra ist 10 Jahre alt geworden. Seit seiner Einführung (ahemm…) hat sich einiges getan. Impotenz, Verzeihung, erektile Dysfunktion ist salonfähig geworden, könnte man sagen. Oder auch: man sieht es nicht mehr als eine seelische Behinderung an, sondern als ein lösbares körperliches Problem.

Interessant ist, dass das Mittel ursprünglich zur Vorbeugung von Herzinfarkten gedacht war, bei den Tests am Menschen wurden dann eine Nebenwirkung ersichtlich, die offenbar bei einem Grossteil der (männlichen) Benutzer dazu führte, dass sie das Medikament auch nach der Studie weiter nehmen wollten! Daraufhin wurde die Indikation von Viagra geändert und das Medikament zum Verkaufsschlager.

Viva Viagra.

Ausserdem dürfte es der am meisten mit Spam beworbene Artikel im Internet sein, wobei … die Leute dort scheinen das nicht schreiben zu können, es heisst dann V1agra oder V!agra und ähnliches – wer glaubt da ernsthaft, er bekäme dann auch das richtige Produkt?

I EATED A VIAGRA
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Ganz nebenbei; ich habe schon mehr Viagra an eine Frau abgegeben als an Männer (und das ist kein Witz.)

Sie braucht es allerdings nicht für die übliche Anwendung. Sie hat Bluthochdruck -allerdings nur im Herz-Lungen-Kreislauf und Viagra ist das einzige was ihr hilft. Ein ziemlich teures Blutdruckmittel ist das allerdings.

Das nervt mich manchmal

Wir sind angehalten, Ärzten, die in Apotheke oder Drogerie einkaufen 10% Rabatt zu geben (oder bei rezeptpflichtigen Medikamenten die Checks abzuziehen). Und eigentlich finde ich das nicht in Ordnung, denn wenn ich krank bin und einen Arzt brauche, kann ich dann hingehen und sagen: „Wie wär’s mit einem Rabatt, ich bin Apothekerin?“ Immerhin können die Ärzte bei mir ja auch einen Grossteil der sonst nötigen Beratung oder Erklärungen streichen. Also? Irgendwelche Angebote?