Willkommen zurück „Nie Wieder“

Samstag war sie wieder da. Ihr kennt vielleicht, wenn ihr im Detailhandel arbeitet, die Kunden, die immer wieder mal damit drohen, dass sie „nie mehr wieder hierher kommen!“. Das „immer wieder“ impliziert hier schon: die Drohung bleibt leer. Leider, muss man in manchen Fällen sagen. Eine Apotheke ist auch (nur) ein Detailhändler und auch wir haben diese Kunden und Kundinnen.
Wir haben als Apotheke und Mitspieler im Gesundheitswesen einen Versorgungsauftrag – wir schauen, dass die Patienten die richtigen Medikamente bekommen. Was wir in der Schweiz nicht haben, ist eine Versorgungspflicht. Das bedeutet, dass wir theoretisch auch Leute abweisen können. Oder problemlos Hausverbot verteilen, wenn sich jemand wirklich daneben benimmt.

Im Normalfall kommt das aber eher selten vor, dass wir Kunden „spicken“. Eine Apotheke lebt wie jeder Detailhändler vom Einkommen, das mit den Kunden generiert wird. Bei uns halt entweder von Medikamenten auf Rezept oder von Medikamenten und anderen freiverkäuflichen Sachen und Dienstleistungen rund um die Gesundheit. Und auch wenn die Apothekerinnen nicht so gut im Verkaufen sind, wie Pharmaassistentinnen, die Fachfrau Apotheke, oder der Drogist, sind wir auf Kundenfreundlichkeit getrimmt und meist sehr freundlich, höflich und dienstbereit. Wir wollen ja Medikamente abgeben oder verkaufen – dagegen stehen nur manchmal auch Gesetze und Regeln und zudem für unseren Beruf so wichtige Dinge wie Wechselwirkungen oder Gegenanzeigen oder Red Flags. Es hat meist einen guten Grund, wenn wir sagen: „das kann ich ihnen nicht geben“. Aber das ist jetzt nicht das Thema. Das Thema ist grad Patienten zu feuern.

Wir hatten da diese Patientin. Nennen wir sie Frau Impatiens (von lateinisch ungeduldig. Das Wort Patient stammt vom selben Stamm ab und bedeutet eigentlich ertragen, erdulden, leiden). Frau Impatiens war sicher leidend, im Sinne von: sie hatte Schmerzen. Man stelle sie sich als ältere Frau vor, trotz Schmerzen aber rüstig und mobil und ohne Probleme, sich mitzuteilen. Speziell, wenn ihr etwas nicht passte. Leider passte ihr vieles nicht. Sie war immer sehr fordernd – sie war auch diejenige in dem Blogpost (von Reklamationen und Forderungen), die von uns verlangt hat, dass sie, wenn sie kam, gleich sofort bedient werden würde. Wenn ich ihr das nicht garantieren könne… ja: „komme ich nie wieder“.
Ich konnte ihr das nicht garantieren.

Frau Impatiens war schon vor dieser Forderung bei uns bekannt. Mehr als einmal hat sie sich grob an wartenden Patienten und Kunden vorbeigedrängt mit „jetzt komme ich dran!“. Sie wünschte ausserdem häufig Hauslieferungen und hat dann versucht, unsere Azubis bei sich zu Zusatzarbeiten einzuspannen: Wäsche runtertragen, Einkaufen, Post raufholen. Spitex oder Haushilfe hatte sie keine und brauchte sie auch anscheinend nicht. Sie selber war auch öfters mal in der Stadt unterwegs.
Was ich persönlich sehr unangenehm an ihr fand, war ihre Angewohnheit, Leute gegeneinander auszuspielen. Beim Arzt erzählte sie etwas ganz anderes als bei uns in der Apotheke. Sie redete bei uns schlecht über die anderen Apotheken und sicher bei denen schlecht über uns. Zu den Angestellten war sie nachgerade herablassend, zu den Apothekern immer sehr fordernd. Eine ihrer Taktiken war es Notfälle zu produzieren, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen.

Gut in Erinnerung ist mir noch der Samstag, als sie bei uns in der Apotheke aufschlug, weil sie ein starkes Schmerzmittel (eigentlich ein Betäubungsmittel) wollte. Das wollte sie schon länger, aber ihr Arzt wollte ihr das offenbar nicht verschreiben. Deshalb ist sie auf die Idee gekommen, dass wir ihr doch einfach einen Vorbezug dafür machen sollten. Und welcher besserer Zeitpunkt dafür ist es das zu verlangen, als Samstag, wenn ihr Arzt nicht erreichbar ist. Als ich ihr mitteilte, dass ich dafür beim Erstbezug zwingend ein Rezept brauchte, versuchte sie mich erst damit unter Druck zu setzen, dass sie leide. Jetzt. Und jetzt etwas stärkeres braucht. Ich habe ihr dann den Notfall vorgeschlagen, denn: „Dafür brauche ich zuerst ein Rezept!“
Sie ging dann in den Notfalldienst und kam nach 2 Stunden wieder zurück in die Apotheke. Nicht sehr überraschend, musste sie im Notfall warten mit ihren (chronischen) Schmerzen. Das wurde ihr dann bald zu blöd, also versuchte sie es noch einmal bei uns. Das war immer noch ein „Nein“, da nicht wirklich ein Notfall.

Nach der Geschichte mit der „Immer sofort drankommen-Forderung“ (Oder: Ich will die VIP-Behandlung!) habe ich Frau Impatiens die bei uns laufenden Rezepte an eine andere Apotheke gesendet. Eine Zeitlang kam sie nur noch für die nicht-rezeptpflichtigen Sachen zu uns, bis ich einen Anruf der anderen Apotheke bekam, die versucht hat, einen Weg mit ihr als Patientin zu finden. Offenbar hat sie das mit dem gegeneinander ausspielen etwas übertrieben, so dass sich ihr Arzt und die neue Apotheke abgesprochen haben, dass sie (auch zu ihrer eigenen Sicherheit) alle Medikamente (und sonstiges) nur bei einer Apotheke bezieht … und nur bei einem Arzt. Die andere Apotheke war nicht ganz glücklich, dass sie das sein würden, aber informierten die anderen Apotheken über die Regelung.
Danach hat sie noch zwei Mal versucht, trotzdem mit Rezept zu uns zu kommen. Einmal eine Kopie vom Dauerrezept mit einem Medikament, dass die andere Apotheke grad nicht habe (stimmte nicht). Einmal wurde uns einfach das Rezept vom Spital zugefaxt – ich hab das dann an die andere Apotheke weitergeleitet … und sie dann auch, als sie anrief, um zu fragen, ob es gekommen ist.

Ein Jahr später ruft mich die andere Apotheke an. Es gehe um Frau Impatiens. Sie wolle unbedingt die Apotheke wechseln und man habe zugestimmt. Ob ich sie kenne? (ja) und ob ich einverstanden sei, dass sie zu uns komme? Wenn ja, würden sie alles zu uns senden – und sie würden den Arzt informieren und selber in Zukunft nichts mehr abgeben. Nach Absprache mit meiner Co-Betriebsleiterin, haben wir beschlossen anzunehmen – aber nur mit festen Vorgaben, die ihr auch mitgeteilt wurden.
Das waren die Vorgaben: Wenn sie kann, kommt sie die Medikamente selber holen. Hauslieferungen machen wir sonst zwei Mal pro Woche. Wenn es an einem anderen Tag sein sollte (für Notfälle), dann konnte sie bis 2 Uhr bestellen und es würde am Nachmittag geliefert. Wir schicken einen Kurier, der keine Extraaufgaben erledigt (nur die Medikamente überbringt).

Damit war sie einverstanden, also versuchten wir es wieder mit ihr. 3 Wochen ging das gut – nur dass sie am Telefon maximal unfreundlich war und an die Regelung erinnert werden musste. Dann bekam ich an einem Donnerstag morgen ein Rezept vom Hausarzt für Metamizol (ein Schmerzmittel) zugesendet. Übrigens: Das rezeptpflichtige Betäubungsmittel, das der Hausarzt ihr damals dann doch noch verschrieben hat, nahm sie nur sehr kurz, da es sie „müde und schwindelig“ machte. Seitdem habe ich nichts stärkeres mehr verschrieben gesehen – und es ging offenbar trotzdem. Jetzt also Metamizol. Proaktiv rief ich bei ihr an, dass ein Rezept für sie gekommen war. Sie war hocherfreut am Telefon und meinte auf meine Frage, wie es zu ihr finden würde, dass sie es abholen kommen würde noch am selben Tag.
Sie kam nicht.
Am nächsten Tag am Freitag Nachmittag um 16 Uhr erhalte ich einen Anruf von ihr. Sie sei heute schon draussen gewesen einkaufen und habe jetzt starke Kopfschmerzen und wir sollten ihr das Medikament sofort vorbei bringen (!) Heute käme sie nicht mehr raus. Das meinte ich mit Notfällen produzieren. Sie wurde dann rasch unerfreulich, als ich ihr mitteilte, dass die Zeit für die Kurierbestellung schon vorbei war und das Medikament am nächsten Tag zu ihr kommen würde. „Wenn der Kurier nicht mehr kann, dann schicken sie doch einfach eine Mitarbeiterin nach Ladenschluss bei mir vorbei“. Ja, nein. So einfach ist das nicht – zu dem Zeitpunkt hatten wir ausserdem mit mehreren Krankheitsausfällen zu kämpfen und wirklich niemand übrig quer durch die Stadt zu schicken. Ich habe das erklärt und gesagt, dass ich morgen jemanden schicke. Morgens ausnahmsweise. Sie hat mir das Telefon aufgehängt.
EIne halbe Stunde später oder so stand sie dann selber in der (sehr vollen) Apotheke: „Wegen ihnen musste ich noch einmal raus. Ich habe ein Taxi nehmen müssen! Geben sie mir das Medikament! Und drucken sie mir gleich noch alle meine Rezepte aus und löschen sie bei sich, zu ihnen komme ich nie mehr!“
Ich lasse mich nicht so erpressen. Das hat das letzte Mal nicht funktioniert und dieses Mal auch nicht. Also: „Natürlich, aber nicht jetzt. Sie können mir die Apotheke angeben – und ich schicke sie dahin. Danach können sie aber die Sachen nicht mehr bei uns beziehen.“
Frau Impatiens (nun etwas überrascht ob des geringen Widerstandes): „Ah, nein. Aber schicken sie sie mir direkt zu! EIngeschrieben.“
Ok, mach ich doch.

Danach war Ruhe. Ganze 4 Monate lang.

Und Samstag morgen bekommt unsere Azubi einen Anruf von Frau Impatiens. Zwei Sachen wollte sie wissen: Ob Bilastin dasselbe sei wie Bilaxten? (Ja – ein Generikum) und ob wir Aspirin cardio an Lager hätten (ja – welche Apotheke nicht?). Danke, *klick*
Da ich das am Rande mitbekommen habe, war ich seelisch vorbereitet, als ich Frau Impatiens wieder in die Apotheke laufen sah. Ich ging sie direkt in Empfang nehmen – während die anderen Mitarbeiter nach hinten flüchteten.

Pharmama: „Guten Tag Frau Impatiens.“
„Guten Morgen. Ein Aspirin cardio, das Rezept ist bei ihnen hinterlegt“.
„Ah – aber das ist es nicht mehr. Sie erinnern sich? Ich habe ihnen auf ihren Wunsch alle ihre Rezepte zukommen lassen. Ich habe nichts mehr für sie hier.“
„Was? Aber … ich brauche das Aspirin cardio, ansonsten mache ich einen Herzinfarkt. Machen sie mir einen Vorbezug!“
Nein, dafür müssen sie in die Apotheke, wo sie das in der Zwischenzeit geholt haben, dort bekommen sie es.“
„Ich krieg das nicht von ihnen? Sowas! Zu ihnen komme ich nie mehr!“

Abgang.

Ob das jetzt stimmt?

Wann ist Schluss?

Ich habe ein Arzt-Problem. Was … ungewöhnlich ist. Tatsächlich komme ich mit den meisten Ärzten in der Umgebung und auch sonst gut bis sehr gut aus. Man kann bei auftretenden Problemen telefonieren (oder faxen oder schreiben) und eine Lösung suchen. Die meisten Ärzte nehmen Rat oder Hinweise von unserer Seite gerne an, ohne dass sie sich dabei in ihrem Selbstwert gestört fühlen. So sollte es ja auch sein. Man arbeitet zusammen für das Wohl des Patienten. Leider gibt es Ausnahmen. Mit so einer muss ich mich im Moment herumschlagen.

Das … Grundproblem ist, dass der Arzt älter ist. Damit meine ich nicht (nur) älter als ich, sondern wirklich: er ist weit über das Alter hinaus, in dem man sich pensionieren lässt. Also: er geht so gegen die 90 Jahre. Und ja: er praktiziert noch. Deswegen habe ich ja Probleme mit ihm: er empfängt Patienten und verschreibt (potente) Medikamente auf Rezept. Das wird zunehmend problematischer, denn da stimmt einiges nicht (mehr).

Wenn man nachfragen muss … reagiert er sehr schwierig. Die Telefonnummer auf dem Rezept ist offenbar die von sich zu Hause. Wenn er abnimmt, dann nur mit „Ja?“, oder bestemfalls dem Namen … was uns schon diverse Male irritiert hat, denn wir müssen sicher sein, dass wir am richtigen Ort sind mit unseren Fragen zu den Rezepten oder Patienten. Gelegentlich erwischt man auch seine Frau und einmal hatte ich sogar die Haushilfe, die gerade anwesend war am Telefon. Er selber reagiert mürrisch, abweisend bis desinteressiert auf Nachfragen, weshalb wir das schon nur im Notfall machen … Leider müssen wir nun aber bei fast jedem Rezept nachfragen, weil irgendetwas kritisches nicht stimmt. Ein paar Beispiele weshalb wir schon anrufen mussten:

Er verschreibt dem Patienten statt dem bisherigen langwirksamen Venlafaxin ER 150 einmal täglich gegen seine Depression auf einmal normale Venlafanin 75 – ohne Dosierungsangabe. Bei Nachfrage meint er, dass der Patient da „selber entscheiden soll“ was er nehmen will … und wie. Das ist ein Medikament bei dem abruptes Absetzen (oder grosse Dosisverringerungen) mit ziemlichen Nebenwirkungen verbunden sind.

Er verschreibt der (sehr) lactoseintoleranten Patientin Valium. Auf Nachfrage nach einem Ersatz (auch die Generika haben Lactose drin), meldet er nach ein paar Tagen, sie soll halt Librium nehmen. Das ist seit meinem Arbeitsbeginn vor 20 Jahren in der Schweiz nicht mehr unter dem Namen im Handel – heute gibt es das noch als Kombipräparat… das wollte er nicht.

Er verschreibt Leponex (Clozapin) neu für einen Patienten. Da auf dem Rezept nicht steht: „BBK sic“ – also ob die Blutbildkontrolle, die bei diesem Medikament nötig ist gemacht wird – fragt man nach. Er reagiert ungehalten: O-Ton: „Ist das etwas neues?“ Nein, das ist so seit ich angefangen habe zu arbeiten. Und als ich insistiere dass das nötig ist, fragt er erst „Kann ich nicht verschreiben was ich will als Arzt?!“ – und resümiert schliesslich, dass er keine Blutbildkontrollen machen kann und wird und empfiehlt dass ich das trotzdem abgeben soll und der Patient halt noch zu einem anderen Arzt gehen soll für die Kontrollen … Der (wahrscheinlich) shizophrene Patient hatte daran gar keine Freude.

Auf Rezept steht Risperdal 1mg (keine Dosierung) und Valpurin 300mg  Valpurin gibt es nicht als Medikamenten-Namen in der Schweiz, wir vermuten, dass es sich um Valproinsäure handelt, aber da „vermuten“ bei Rezepten nicht reicht fragt man zur Sicherheit beim Arzt nach. Antwort: „Das war der Wunsch der Patientin, dass ich das so aufschreibe. Nein, dann geben sie ihr das nicht.“ Ein Medikament gegen Epilepsie, bipolare Störungen und Depressionen, die nicht anders behandelt werden können…

Beinahe lustig ist dagagen was mir der Patient (mit dem ich anlässlich eines Rezeptes über ihn reden konnte) berichtete: dass der Arzt während den Terminen (beim Arzt zu Hause notabene) regelmässig fast einschläft.

Das sind nur die letzten Beispiele. Bei mir (und meinen Mit-Apothekerinnen) hinterlässt das einfach zunehmend ein unangenehmes Gefühl. Der Arzt war früher ein sehr guter und bekannter Arzt … hat aber offenbar den Moment verpasst, aufzuhören.

Ah ja – ich habe meine Bedenken an die dafür zuständigen Stellen gemeldet. Ein „First“ für mich in bald 20 Jahren Berufsleben – und ich habe es auch wirklich nicht gerne getan.

Ergebnis: Der Arzt besitzt (tatsächlich) noch eine Praxisbewilligung und der Kantonsarzt meint, meine Bedenken und was bisher vorgefallen ist reichen nicht aus für eine Untersuchung zum eventuellen Entzug derselben.

Das stimmt: bis jetzt ist nichts „passiert“ – hauptsächlich weil ich und die anderen Apotheker da wirklich ein Auge drauf haben … aber …? Vielleicht muss es ja nicht grad eine Untersuchung zum Entzug sein – aber jemand sollte mit ihm reden.

Vorzimmerdrachen

Die allermeisten Praxisassistentinnen der Ärzte sind ja nett und recht kompetent. Ausnahmen gibt es natürlich immer – da gibt es auch solche, bei denen hat man das Gefühl, sie wollen „ihren“ Arzt vor Störungen irgendwelcher Arzt schützen – an denen muss man erst mal vorbei …

Auf dem Rezept der Kundin steht diese Dosierung:

1 Tablette täglich, 1/2 Tbl 1 x tgl.

Huh? Die Kundin weiss auch nicht, wie sie das jetzt nehmen soll.

Zeit für ein Telefon

Ich gebe der Praxisassistentin die Daten der Patientin, sie sucht das Dossier mit der Rezeptkopie heraus und sagt: „Da steht „1 Tablette täglich, 1/2 Tablette 1 x täglich“.

Ok, das klärt natürlich alles. (Ironie aus) Nein ehrlich, ich kann lesen.

Pharmama: „Ja, das steht so auf dem Rezept. Also: welches von beidem?“
Praxisassistentin: „1 Tablette täglich, 1/2 Tablette 1 x täglich“.

… (Grillenzirpen) …

Praxisassistentin: „Der Arzt meint wohl 1/2 Tablette täglich, denke ich.“
Pharmama: „Denken oder wissen?“
Praxisassistentin: „Ich bin ziemlich sicher, das heisst es.“
Pharmama: Ich will nicht raten, aber wenn sie raten wollen, ok. Wie heissen sie nochmal? Nur für unsere Unterlagen…“

Praxisassistentin: „GrummelwieistihreNummerichrufezurück“

Na also.

Echt übel

Eine Frau kommt in die Apotheke mit dem Ärzteausweis eines Freundes, der im Moment krank bei ihr zuhause liegt. Der Arzt hat ihr einen Zettel mitgegeben mit 2 Medikamenten, die sie ihm besorgen soll.

Einen Moment habe ich wohl etwas seltsam geschaut und (-misstrauisches ich) Schlaf- und Beruhigungsmittel oder so etwas erwartet … aber nein. Auf dem Zettel steht

Spasmo cibalgin Supp und Torecan supp.

Ah ja.
Oder besser: Ah, Schlecht.
Beides gibt es nicht mehr. Die Spasmo cibalgin seit sicher 7 Jahren, die Torecan Zäpfchen seit letztem Jahr.
Ich kann sie ersetzen, nicht durch das genau gleiche, aber durch solche mit ähnlicher Wirkung: Buscopan Supp und Itinerol Supp. (Supp ist übrigens eine Abkürzung für Suppositorien, also eben Zäpfchen).
Ich könnte aber auch fragen, ob sie beim Torecan die Tabletten will – die gibt es noch, oder statt den Buscopan Paspertin Zäpfchen….

Die Frau gibt mir darauf die Telefonnummer von ihnen zuhause – ihr Mann ist auch noch da, der wird abnehmen.
Das tut er auch. Als ich ihn frage, ob ich den Arzt wohl kurz ans Telefon bekommen kann, versucht er es – aber die andauernden (und lauten!) Kotzgeräusche im Hintergrund zeigen schnell, dass er nicht zu sprechen ist.

Ich gebe dann halt den von mir selbst ausgesuchten Ersatz mit. Auch wenn die beide nicht rezeptpflichtig sind, sollten sie helfen.

Dass der Arzt das nicht wusste, dass es die Medikamente nicht mehr gibt, wundert mich nicht. Als Psychiater hat er nicht so viel mit den somatischen Sachen zu tun.

Ich hoffe, die Medikamente haben ihm dann geholfen.

Danke Spitex – nicht.

In unserer Gegend machen wir ja eine Menge für die Spitex. Wir nehmen Fax-Bestellungen für ihre Kunden entgegen, fordern selbstständig das Rezept beim Arzt an, klären Ungenauigkeiten ab, schreiben jede einzelne Medikation an mit Name des Patienten und wie er/sie es anwenden muss – und schliesslich bringen wir das ganze Paket entweder zur Spitex oder zum Patienten selbst nach Hause.

Soweit so gut. Leider gab es in letzter Zeit wieder öfter Vorkommnisse, die jetzt wohl ein paar Änderungen bewirken werden.

Ich sage wieder, denn schon vor etwa 2 Jahren hatten wir so eine Phase, da rief die Spitex (respektive die Mitarbeiter) nach mehreren solchen Medikamentenlieferung an um zu fragen, wo das Medikament bleibe. Auf unsere Auskunft, dass es geliefert wurde vor 2 Stunden, 3 Tagen etc, bekamen wir nur zu hören: „Das kann nicht sein. Es ist nirgendwo auffindbar.“ Was zum Geier? Ich selbst habe die Medis vorbereitet und habe den Lehrling geschickt zum Ausliefern. Nachfragen beim Lehrling bestätigte jedes Mal dass sie die Medikamente bei der Spitex abgegeben hatte. Also führte ich ein Formular ein, auf dem von da ab jede Auslieferung protokolliert wurde: Patientenname, Ausgeliefert am, Ausgeliefert von, Unterschrift. Ja. Unterschrift. Von da an musste jeder Erhalt unterschrieben werden, entweder vom Spitexmitarbeiter oder dem Patienten. Das gab am Anfang ein paar Reklamationen, hat sich aber bewährt.

Seit ein paar Monaten will die Spitex, dass wir auch noch jeweils eine Kopie ihres Faxes mit den Medikamenten mitschicken. Das Original haben wir jeweils in der Apotheke aufbewahrt, falls es Nachfragen gab.

Noch ein Schritt mehr zu tun.

Nun gut. Die neusten Probleme sind anderer Natur. Die Spitex hat jetzt nämlich schon 2 x Medikamente verlangt für den Patient, die der Arzt nicht vorher für den Patienten verordnet hat.

Das ist toll, wenn der Arzt in den Ferien ist, und ich nicht nachfragen kann. Ich sehe nur, dass der Patient es bei uns noch nicht hatte – und dass die Spitex das für ihn verlangt. Also mache ich einen Vorbezug.

Jetzt weigert sich der Arzt ein Rezept dafür auszustellen weil „er das nie verordnet hat.“ Es ist richtig, dass die Spitex keine Medikamente in Eigenregie verordnen soll. Ich habe darauf vertraut, dass sie es schon vorher gehabt hat – dem war nicht so. Also bleibe ich auf den Kosten für das Medikament sitzen.

Fazit aus der Geschichte ist jetzt jedenfalls, dass es in Zukunft bei Spitexbestellungen keine Abgabe von Medikamenten an den Patienten gibt, wenn er/sie genau das nicht schon gehabt hat oder ich beim Arzt sofort (!) nachfragen kann, ob er das Rezept dafür ausstellt.

Danke Spitex.

Nicht.

Haben wollen und haben sollen – Medikamente auf Rezept

(Originalbeitrag vom 11.12.2020). Zwei Geschichten aus der Apotheke aus den letzten Tagen. Zwei Beispiele, wieso ein Patient trotz Rezept „sein“ Medikament nicht bekommen hat. Und zwei Beispiele, weshalb das gut sein kann.

„Sie lösen auch ausländische Rezepte ein?“ fragt der Mann in der Apotheke. „Meine Partnerin hat eines geschickt bekommen aus Amerika für Augentropfen, ich habe es hier auf dem Handy.“

Wenn ihr den letzten Post gelesen habt, dann wisst ihr, dass das schon weil es elektronisch geschickt wurde kein gültiges Rezept ist. Ausserdem müssen wir ausländische Rezepte nicht ausführen. Wenn wir das trotzdem machen (wo es Sinn macht), müssen die Medikamente bezahlt werden. Der Mann besteht darauf, dass die Frau die Augentropfen braucht, deshalb bestellt meine Apotheker-Kollegin sie auf den Nachmittag.

Am Nachmittag arbeite ich und sehe den Rezeptausdruck. Das Rezept ist aus einer Praxis in Californien – augenscheinlich. Nachprüfbar ist das nur schwierig. Ausgestellt von gestern (also aktuell). Für Augentropfen, die Dexamethason enthalten. Pharmawiki schreibt dazu:

Dexamethason ist ein entzündungshemmender, immunsuppressiver und antiallergischer Wirkstoff aus der Gruppe der Glucocorticoide, der in Form von Augentropfen zur Behandlung nicht-infektiöser Entzündungen des vorderen Augenabschnitts eingesetzt wird. Die Tropfen werden in der Regel mehrmals täglich verabreicht. Die Behandlungsdauer soll zwei Wochen nicht überschreiten. Zu den möglichen unerwünschten Wirkungen gehören unter anderem ein erhöhter Augeninnendruck, Infektionen, ein grauer Star und eine verzögerte Wundheilung.

Dank recht aktueller Weiterbildungen zu dem Thema weiss ich das schon. Ebenso, dass es eine absolute Kontraindikation ist, diese Augentropfen bei bakteriellen oder viralen Infektionen einzusetzen oder wenn die Hornhaut der Augen geschädigt wurde. Bevor man die verschreibt sollte man sich die Augen angeschaut und das getestet haben – zum Beispiel mit Fluorescein Augentropfen, die solche Beschädigungen darstellen. Wenn man das nicht tut und das trotzdem verschreibt, ist das ein „Kunstfehler“ (O-Ton Dozent), der im schlimmsten Fall zu Blindheit führen kann. Ich vermerke auf dem Abholzettel, dass ich unbedingt geholt werden muss, bevor das rausgeht.

Am Nachmittag kommt die Frau selber das abholen, so dass ich sie fragen kann. Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit eine Operation drüben in den USA. Jetzt hat sie Augenbeschwerden und deshalb mit dem Arzt dort telefoniert. Der hat ihr (via Telefon) eine bakterielle Augenentzündung diagnostiziert … und ihr dann diese Augentropfen verschrieben.

Ihr seht, weshalb ich ihr die Augentropfen nicht gegeben habe und sie direkt zum Augenarzt hier geschickt habe? Wenn der Arzt ihr jetzt Antibiotikahaltige Augentropfen verschrieben hätte, wäre das anders gewesen, aber so? Da stimmt irgendwie gar nichts. Wenn ich die Cortison-Augentropfen trotzdem abgebe, das ist wirklich eine Infektion, die sich dann ausbreitet – vielleicht noch tiefer ins Auge, da sie da (wann?) eine OP hatte … dann bin ich verantwortlich, wenn sie ihre Sehkraft verliert.

…..

Ich erzähle meiner Kollegin am nächsten Tag bei der Übergabe wie das ausgegangen ist. Sie stimmt mit mir überein … und erzählt mir diese Geschichte von letzter Woche:

„Ist mein Rezept schon da?“ fragt der Stammkunde. Leider ist es das noch nicht. Das heisst – wir haben schon Rezepte für ihn hier, aber kein neues. „Bitte benachrichtigen Sie mich gleich, wenn es kommt. Ich rufe nochmal beim Arzt an.“

Das Rezept kam kurz darauf per mail. Beim so dringenden Medikament handelt es sich um Sildenafil, verschrieben vom Urologen. Ihr kennt den Wirkstoff vielleicht besser unter dem Namen des Originalmedikamentes: Viagra.

Sildenafil ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der PDE5-Hemmer zur Behandlung von Erektionsstörungen beim Mann. Er erleichtert den Bluteinstrom in den Schwellkörper des Penis und ermöglicht die Entstehung und Aufrechterhaltung der Erektion. Das Arzneimittel wird maximal einmal täglich etwa eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen. Es ist nur bei sexueller Stimulation wirksam und darf nicht zusammen mit Nitraten und NO-Donatoren eingenommen werden.

Interessanterweise gehört der Wirkstoff zu denen, die in der Schweiz inzwischen (in geringer Dosierung und nach den nötigen Abklärungen) in der Apotheke auch ohne Rezept erhältlich sind.

Beim eingeben in das Computerdossier poppt dann promt der Warnhinweis auf, dass eine Kontraindikation besteht (NICHT ZUSAMMEN GEBEN) mit Isoket. Einem Nitrat. Meine Kollegin ruft sofort dem verschreibenden Arzt zurück.

Arzt: „Oh. Nein, dann können wir ihm das nicht geben. Ich habe ihn nach seinen anderen Medikamenten gefragt und er hat mir einen Medikamentenplan vom Hausarzt vom März gegeben.“

Apothekerin: „Ja – das Isoket hat der Hausarzt erst diesen August verschrieben.“

So. Gut hat der Patient eine Stammapotheke. Wenn man die Medikamente kombiniert, droht ein akuter lebensbedrohlicher Blutdruckabfall. Also hat meine Kollegin ihm da möglicherweise das Leben gerettet.

Ich bin sicher, jede Apotheke hat viele solcher Geschichten. Die meisten wird man einfach nie mitbekommen.