Apotheken aus aller Welt, 382: Sharm el Sheikh, Ägypten

Kurz bevor ich in die Ferien abdüse, noch die Apotheken aus meinen letzten Ferien: aus Scharm el Sheikh am roten Meer.

Klassisch auf die Touristen ausgelegt, preisen sie die „must haves“ an: Viagra, Levitra, Cialis und Steroide.

Apotheke Nummer 1 am Hafen in „Old sharm“:

Sharm1

und Apotheke Nr. 2 in unserer Hotelanlage (Ja, eine eigene Apotheke für die Hotelanlage):

Sharm2

Da musste ich natürlich rein:

Sharm3

und wenn ich schon mal in einer ägyptischen Apotheke bin, will ich natürlich ein paar Sachen vom (unglaublich unmotivierten) Apotheker wissen:

 

Pharmama: „Wie lange haben sie studiert?“

Apotheker: „5 Jahre.“ – also wie bei uns.

Pharmama: „Ich sehe, sie haben eine Menge Sachen, die es bei uns nur mit einem Rezept gibt. Wie funktioniert das hier? Gibt es Unterschiede in den Medikamenten, Sachen, die sie nur unter gewissen Bedingungen abgeben dürfen?“

Apotheker: „Nein, Wir dürfen alles abgeben.“

Pharmama: „Alles – auch ohne Vorschrift des Arztes?“

Apotheker: „Ja.“

Pharmama: „Fragen sie denn nach, ob der Kunde noch anderes anwendet?“

Apotheker: „Ja, wir klären Wechselwirkungen ab.“ – hoffentlich.

Apotheker: „Für uns ist das gut, dass wir alles abgeben dürfen …. Unsere Kunden – meist Touristen – sind auch glücklich damit. Viele erzählen mir, dass es ein Problem ist, rechtzeitig einen Termin beim Arzt zu bekommen, wenn man krank ist und zum Beispiel ein Antibiotikum braucht. Die soll man ja gleich nehmen.“

Pharmama: „Ah, Antibiotika – gerade das ist etwas, wo ich es gut finde, wenn der Arzt das vorher abklärt. Es bringt ja überhaupt nichts das zum Beispiel bei einer Erkältung zu nehmen … und dann das Resistenzproblem.“

Er nickt ein bisschen, geht darauf aber nicht ein.

Das mit dem Arzttermin halte ich da ein übrigens für einen Vorwand. Wenn man krank ist, bekommt man sehr rasch einen Termin – am selben Tag, da hatte ich noch nie ein Problem. Und wenn der Arzt keinen hat – es gibt einige Ärzte und dann noch die Notaufnahme im Spital … einen Weg gibt es.

Bekomme ich das von Ihnen nicht?

Wir haben da einen Kunden, den finde ich ehrlich gesagt – unmöglich. Das passiert bei mir ausgesprochen selten – vielleicht ist er darum schon bemerkenswert.

Und wieso finde ich ihn so unmöglich? Er ist oft unhöflich zu meinen Angestellten – beklagt sich bei den anderen über diejenige, die ihn vorher bedient hat, zum Beispiel dass die ihm nicht richtg herausgezählt hat. Also: nicht falsch im Sinne von die falsche Menge, sondern nicht nach seiner Methode. Er macht andere Angestellte runter Die muss ich ja nicht fragen, die ist ja nur Pharmaassistentin / nur Drogistin – die weiss das sowieso nicht …" – dabei kann die betreffende Person tatsächlich in Hörweite stehen, das kümmert ihn gar nicht.

Ich als Apothekerin bin aber auch nicht so seine Lieblingsangestellte – zu alt wahrscheinlich. Er (selber über 70) steht auf die jungen Lehrlinge, die er auch schamlos anmacht … wenn die nur nicht das Problem hätten, dass sie noch nicht alles wissen, würde er wohl nur mit denen kommunizieren in der Apotheke.

Er selber weiss natürlich alles am besten – er war nämlich Pfleger in einem Krankenhaus (oder so) vor allerdings einigen (vielen) Jahren.

Heute hatte ich gezwungenermassen das Vergnügen mit ihm. Wahrscheinlich bin ich nicht schnell genug verschwunden – oder besser: die anderen haben ihn zuerst gesehen und waren schneller weg.

Herr Tswerg: „Könnten Sie mir das XYZ bestellen?“ (ein freiverkäufliches Beruhigungsmittel)

Pharmama: „Natürlich.“

Herr Tswerg: „Das kostet 12 Franken 30, nicht?“ (Das weiss er. Wehe wenn einmal von etwas der Preis wechselt!)

Pharmama: „Ja, für 50 Stück. Es ist morgen früh hier.“

Ich kassiere ein – wobei ich ihm einzeln herauszähle und den Kassabon (laut ihm) richtig mache.

Aber er ist noch nicht fertig.

Herr Tswerg:  „Ich habe doch eine Wunde am Bein.“

Pharmama:  „Ja?“

Herr Tswerg:  „Die ist jetzt ziemlich zu, aber ich habe geschwollene Beine – wissen Sie?“

Aha.

Herr Tswerg:  „Und dafür brauche ich eine Packung Lasix.“ (Dasi st ein wasserabführendes Mittel, ziemlich stark).

„Haben Sie die auf Rezept?“ Frage ich

Herr Tswerg:  „Nein, dafür habe ich kein Rezept.“

Pharmama:  „Das ist rezeptpflichtig. Dafür brauche ich eines.“

Herr Tswerg:  „Das habe ich vom Arzt immer auch ohne bekommen.“

Pharmama:  „Nun, dann ist es sicher kein Problem, dass er ihnen das aufschreibt, sie können ihm auch sagen, er kann das faxen.“

Herr Tswerg: „Aber so eine kleine Packung. Das braucht doch kein Rezept für die paar Tabletten. Ich kenne das ja!“

Pharmama:  „Nun, es kommt ja auch nicht auf die Menge Tabletten an, ob das rezeptpflichtig ist. Aber das kennen sie bestimmt auch – denken sie nur mal an die Digoxin Tabletten …“

Herr Tswerg: „Aber der Arzt hat mir das immer gegeben, wenn ich es haben wollte. Direkt.“

Pharmama:  „Nun …“ (darauf lasse ich mich jetzt nicht ein. Ein SD Arzt halt) – „dann können Sie es ja auch direkt von ihm holen gehen.“

Herr Tswerg:  „Aber dafür habe ich keine Zeit.“

Pharmama:  „Dann können Sie das Rezept ja auch hierherfaxen lassen. Das geht schnell.“

Herr Tswerg:  „In der Klinik wo ich früher gearbeitet habe, habe ich das Lasix und alles andere auch immer ohne Rezept bekommen.“

Pharmama: „Vielleicht können Sie da fragen, ob sie es ihnen geben.“

Herr Tswerg: „Das würden sie bestimmt. Ich brauche ja auch nicht viele, nur eine kleine Packung.“

Pharmama:  „Na dann machen Sie das doch."

Herr Tswerg:  „Aber jetzt bin ich hier.

Pharmama:  „Ja, und ich brauche dafür ein Rezept, weil es rezeptpflichtig ist.“

Herr Tswerg:  „Wissen Sie, früher hatte ich einmal eine Woche lang üblen Durchfall. Und nichts hat geholfen. Und dann bin ich an den Medikamentenschrank in der Klinik gegangen, als die Oberschwester einmal nicht auf den Schlüssel aufgepasst hat und habe etwas von der Opiumtinktur genommen, danach war das sofort weg … ich wusste, dass das wirkt.“

Pharmama:   „Ja, ich kann mir vorstellen, dass das gegen Durchfall wirkt. Allerdings dürften sie mit so einem Vorgehen heute eine Menge rechtliche Probleme bekommen.“ (Und es zeigt mir auch, dass seine „Pflegerjahre“ schon einige Jährchen her sind. Opiumtinktur?! :-) )

Er überlegt „…Aber dann müsste ich dahin fahren – und das ist weit und kostet. Muss ich wirklich ein Rezept ausstellen lassen? Der Arzt kostet nämlich auch!“

Pharmama:  „Oh, sicher verlangt der auch etwas dafür. Ist ja auch Arbeit für ihn.“

Herr Tswerg:  „Aber ich hatte das schon.“

Pharmama:   „Auch von einer Apotheke? Vielleicht könnten sie da nachfragen, wenn sie es schon einmal hatten …“

Herr Tswerg: „Nein. Das habe ich noch nicht bekommen. Aber auf einem Fest habe ich einmal einen Apotheker getroffen. Der hat mir gesagt – wenn er wüsste, dass ich es schon einmal gehabt hätte, würde er es mir geben!“

Pharmama:   „Ja, und wenn ich hier sehen würde, dass sie das schon einmal von einem Arzt verschrieben bekommen hätten, würde ich das vielleicht auch. Aber so: Nein.“

Und dabei blieb’s.

Nachtrag: Er war inzwischen auch wieder beim Arzt und nein, auch von dem hat er kein Lasix bekommen – weder direkt noch aufgeschrieben …

Einfach vorenthalten!

Eine ältere Frau steht vor dem Regal mit den Grippe / Erkältungsprodukten und Schmerzmitteln: „Könnten Sie mir zeigen, wo das Celebrex ist?“

Pharmama: „Tut mir leid, aber das gibt es nur auf Rezept.“

Frau: „Können Sie mir dann zeigen, wo sie es haben?" (zeigt wieder auf das Regal)

Pharmama: “Es ist in den Schubladen – und Sie brauchen ein Rezept vom Arzt dafür.“

Sie schaut mich an, als wäre ich die gemeinste Apothekerin der Welt, die ihr das Celebrex bösartigerweise vorenthält.

Tja.

(Wenigstens habe ich dann herausgefunden, dass sie woanders wohl ein Rezept hat)