Medikamentenbestellung per mail

Mentikamentenbestellung – Vorbezug

Sehr geehrte Damen

Hiermit möchte ich einen Medikamenten-Vorbezug machen, da ich ab Morgen-Abend für längere Zeit im Ausland bin.

Bestellung:

BelockZok 5 mg  30 Tabletten

Lexontanil 3 mg  2 Pack à 30 Tabletten

Dormicum  2 Pack à 30 Tabletten

Orvitin-Nasenspray 1 Pack

Ich bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir die Medikamente noch heute liefern könnten, ich zahle bei Lieferung.

das Rezept erhalten Sie morgen, da mein Arzt heute seine Praxis geschlossen hat.

Wenn Sie Hauslieferdienst haben um so besser, ansonsten könnte ich die Medikamente so gegen 16 Uhr abholen. Bitte um raschmöglichsten Bescheid. Besten Dank und freundliche Grüsse

Herr Ichversuchsmal

Obiges ist ein mail, das wir einmal erhalten haben (inklusive Schreibfehler, exklusive Namen des Senders).

Interessant vor allem aus dem Grund, dass der Herr keiner unserer Kunden ist – d.h. er hat bisher noch kein Rezept bei uns eingelöst, ich habe keine seiner Daten. Er will (neben Nasenspray und Blutdruckmedi) 2 grosse Packungen Schlafmittel, und 2 Pack Beruhigungsmittel. Dazu lässt er uns keine Zeit das nachzuprüfen (tatsächlich nennt er nicht einmal den Namen des Arztes) und er sagt, er bezahlt selbst.

Verdächtig.

Ich telefoniere ihm und sage ihm, dass er die Medikamente besser in seiner Stammapotheke bezieht – da die ja seine Daten und alles hat. Für die dürfte es kein Problem sein, den Vorbezug zu machen.

Ein Vorbezug ist übrigens eben die Abgabe von  (rezeptpflichtigen) Medikamenten noch bevor man das Rezept hat. Für Kunden, die ihre Medikamente regelmässig in der Apotheke beziehen ist das im Normalfall auch kein Problem. Da wissen wir um die Dauermedikation und ob der Arzt Vorbezüge erlaubt. Für jemanden, der noch nie da war, ist das schon einiges schwieriger.

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.

Valium ohne Rezept?

Angesichts gehäufter Suchanfragen in diese Richtung (liegt das daran, dass es Winter wird oder am kommenden Weihnachtsstress?) hier aus aktuellem Anlass eine Situation letztens in der Apotheke:

Kunde: „Guten Tag, ich hätte gerne eine Packung Valium 10mg.“

Apothekerin: „Ja? Und ich hätte gerne ein Rezept dafür.“

Kunde: „Oh, ich habe ein Rezept, aber in einer anderen Apotheke. Leider hat die aber schon zu.

Könnte ich nicht eines vorbeziehen? Normalerweise geht das.“

Apothekerin: „Wie ist denn Ihr Name?“

Kunde (leicht hektisch): „Mein Name? Wieso brauchen sie denn das? Kann ich es nicht einfach bezahlen?“

Apothekerin: „Den Namen brauche ich, damit ich nachschauen kann, ob sie es schon einmal bei uns gehabt hat – also ob ein Vorbezug überhaupt in Frage kommt.“

Kunde: „Oh. All der Aufwand. Vielleicht hole ich es doch besser in meiner Apotheke.“

Apothekerin: „Das ist eine gute Idee!“

(was sollte das denn? – so im Stil: ich versuch’s mal?)

Medikament als Suchtmittel

Samstag hatte ich meinen ersten Co-Dafalgan Süchtigen

Ich würde sagen, all die Umstände deuten darauf hin:

Es ist natürlich Samstag nachmittag – und die Ärzte nicht erreichbar.

Er sagt, er hat es schon auf Rezept gehabt, hat aber jetzt keines.

Er war noch nie bei uns in der Apotheke.

Er sagt, er brauche es gegen die Schmerzen – und hält sich dabei mitleiderregend die Schulter, schont den Arm aber während des weiteren Gespräches überhaupt nicht. (Im Gegenteil, so wie er fuchtelt …)

Er schwitzt wie ein Schwein (dabei ist es gar nicht so heiss- wahrscheinlich Entzugserscheinungen).

Er will nichts anderes als das CoDafalgan– er sein allergisch gegen Diclofenac, Aspirin, Ibuprofen …. also so ziemlich gegen alles.

Er sagt sogar, er sei allergisch gegen Dafalgan! – Das finde ich besonders unglaubwürdig, weil Co-Dafalgan auch nur Dafalgan mit Codein ist, also  dürfte er das dementsprechend auch nicht nehmen ….

Als ich ihm deutlich sage, dass er von mir das nicht bekommt ohne Rezept, meint er nur: dann muss ich halt in den Notfall gehen.

Co Dafalgan ist Paracetamol mit Codein. In Amerika unter dem Namen Vicodin (allerdings mit Hydrocodon) bekannt und oft missbraucht ist es bei uns eher selten anzutreffen. In der Schweiz sind die Ärzte eher übervorsichtig mit dem Verschreiben möglicher Suchterzeugender Schmerzmittel.

Codein ist ein Opiat und wird als Hustenmittel oder in Kombination als Schmerzmittel eingesetzt. In der Schweiz ist es ab einer gewissen Dosierung rezeptpflichtig, andere Länder (wie Deutschland, Amerika) sind da viel restriktiver, dann fällt es unter das Betäubungsmittelgesetz.  Der Grund ist, dass ein Teil des Codeins zu Morphium umgewandelt wird im Körper – das eine euphorisierende Wirkung hat. Darum macht es auch abhängig.

Nun gut, von mir hat dieser seine Ration nicht bekommen.

Gefälscht und verfälscht: Rezepte

Es kommt immer wieder einmal vor, dass in der Apotheke versucht wird, Rezepte einzulösen, die gefälscht sind. Am meisten haben wohl die richtig grossen Apotheken damit zu tun – und solche, die zu ungewöhnlichen Zeiten offen haben: z.B. im Notfalldienst am Wochenende oder abends vor 10 Uhr.

Gefälschte Rezepte zu erkennen ist manchmal gar nicht so einfach. Es gibt allerdings ein paar Warnzeichen:

  • das Rezept lautet auf ein oder mehrere der folgenden Medikamente: Schlafmittel, starke Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel
  • es sind meistens die Grosspackungen
  • der Kunde (oder die Kundin) kommt zu einer Randzeit, wenn der Arzt nicht erreichbar ist. Z.B. Samstag Nachmittag, abends nach 6 Uhr, Sonntags im Notfalldienst, zur Mittagszeit zwischen 12 und 2 Uhr
  • der Kunde zahlt sein Rezept selbst (das ist deutlich)
  • er/sie ist sehr nervös und oder macht auf eilig
  • das Rezept selbst kann manchmal auffällig sein: zu deutlich geschrieben, nicht im typischen Stil gehalten (z.B. 1 Packung statt 1 OP), Farbkopien…

Ich kann mich noch gut an mein erstes gefälschtes Rezept erinnern, das war im 4. Studienjahr zu meiner Praktikumszeit. Es war Mittagszeit, fast 1 Uhr als dieser Junge Mann in die Apotheke kommt. Ich nehme das Rezept entgegen, darauf steht:

1 Packung Dormickum 30 Stück

So ausgeschrieben. In einer Schrift, die eher der eines Schulkindes gleicht (Ärzte schreiben ja oft unleserlich, aber nicht so). Der Stempel fehlt, die Unterschrift ist ebenso lächerlich lesbar. Das Rezept sieht aus wie eine Kopie von einem tipexierten Rezept.

Ich schaue das Rezept an, ich runzle die Stirne und schaue (wohl etwas ungläubig) den Kunden an. Der Gedanke „meint der das wirklich ernst?“ schiesst mir durch den Kopf, dann schaue ich wieder das Rezept. Ich überlege, was ich jetzt wohl tun soll. Offensichtlich hat der junge Mann das gemerkt, denn als ich das nächstemal den Kopf hebe, sehe ich ihn nur noch von hinten aus der Tür verschwinden. Das Rezept hat er mir gleich hiergelassen.

Das korrekte Vorgehen in einem solchen Fall wäre: Abgabe verweigern (oder höchstens eine kleine Packung abgeben wenn man sich nicht sicher ist). Eine Kopie des Rezeptes machen (oder noch besser: einziehen). Bei nächster Gelegenheit beim Arzt nachfragen, ob ein Missbrauch vorliegt. Und wenn das bestätigt ist, macht man ein Fax mit den Angaben an den Kantonsapotheker, der die Info an die anderen Apotheken weiterleitet. Dann sind diese gewarnt und es wird immer schwieriger derart Missbrauch zu treiben.

Es gibt übrigens auch den Fall von verfälschten Rezepten. Dabei handelte es sich um Originalrezepte, auf denen etwas verändert wurde – meistens die Menge oder Dosis. Diese kommen auch bei Stammkunden vor, die auch via Krankenkasse abrechnen können. Meist handelt es sich um die gleiche Art Medikamente. Es gab Kunden, die machten aus einem normalen Rezept ein Dauerrezept. Oder aus einer 100er Packung 200 Stück.

Meist ist der Umgang mit diesen weniger problematisch, als man denkt. Ich kläre derartige Fälle rasch mit dem Arzt ab (das müssen die Kunden nicht unbedingt mitbekommen) und mache sie dann darauf aufmerksam, dass sie halt nur die Menge bekommen, die der Arzt auch verschrieben hat.

Wechselwirkung mit Drogen

Telefon:

„Hallo. Mein Freund nimmt Trileptal gegen seine Epileptischen Anfälle. Gibt es da eine Wechselwirkung mit Cocain?“

Naja, die Interaktionen von Medikamenten mit illegalen Drogen haben sie im Studium irgendwie ausgelassen. Warum wohl? Aber der gesunde Menschenverstand sagt dass es sicher keine gute Idee ist als Epileptiker auch noch Mittel zu nehmen die betäuben oder anregen, jedenfalls auch auf das (schon gestörte) zentrale Nervensystem wirken.

Abhängigkeiten in der Apotheke

Allgemein könnte man sagen: Den typischen Medikamentenabhängigen gibt es nicht. Man findet sie in allen Schichten und Altersklassen. Manchen sieht man es schon von weitem an, anderen gar nicht.

Für nicht in Gesundheitsberufen arbeitende mag es erstaunen, von was man denn alles abhängig sein kann.

Hier die wichtigsten Abhängigkeiten – und die Typenbeschreibung dazu. Ja, ich weiss es ist voller Vorurteile, leider bestätigt sich das zu oft.

Abführmittel – darüber habe ich schon geschrieben. Werden die darmreizenden Abführmittel regelmässig genommen, wird der Darm träge, er kann nicht mehr ohne den zusätzlichen Reiz funktionieren.

Ich bin ja froh, dass es die 200er Packung Dulcolax nicht mehr gibt. Angeblich macht ja die Langanwendung nichts, aber wenn ich mir die Leute ansehe, die das so nehmen …. hmmm.

Typischer Kunde: Weiblich, zwischen 20 und 40, meist superdünn, sehen oft wie ausgemergelt aus und die Haut hat so einen seltsamen gelblichen Ton, v.a. wenn sie älter sind.

Hustenmittel – (mit Codein oder Dextrometorphan) vielleicht nicht immer wirklich eine Abhängigkeit sondern eher Missbrauch, aber für manche Jugendliche ein Mittel zum aufputschen und um euphorische Zustände hervorzurufen. Natürlich gibt es auch da genug, die immer weitermachen, immer mehr brauchen etc.

Typischer Kunde: entweder die Frau um die 40, die einfach ein „Resyl plus verlangt, oder der Jugendliche, der mehr um die Sache herumdruckst: „diese Tabletten gegen Husten, wie heissen sie noch?“. Immer verdächtig ist, wenn sie schon mit Fachwörtern um sich werfen: „Gegen Reizhusten“, oder „ich nehme es nur abends zum schlafen“.

Schmerzmittel – auch die normalen Schmerzmittel (Aspirin, Panadol, Voltaren, Contra Schmerz, Saridon …) können abhängig machen. Wenn man sie regelmässig nimmt (täglich) z.B. weil man oft Kopfschmerzen hat, gewöhnt sich der Körper daran, dass er sie bekommt und wenn man dann einmal nicht mehr nimmt, macht er sogenannte Rebound-Kopfschmerzen. Ein Teufelskreis.

Typischer Kunde: eigentlich keiner, kann allen passieren. Oft aber sind es Männer oder Frauen ab 30.

Opioide Schmerzmittel – solche mit Codein darin oder morphiumähnlichen Substanzen erzeugen körperliche Abhängigkeit. D.h. wenn man sie eine Zeitlang nimmt und dann nicht mehr, reagiert der Körper mit Entzugssymptomen wie Übelkeit, Schwitzen, Zittern etc. Ausserdem erzeugen diese Schmerzmittel in höheren Dosen Rauschzustände, weshalb sie gerne von Drögelern missbraucht werden. Je länger man sie nimmt, desto mehr muss man nehmen, um den gleichen Effekt zu erzielen (sei das Schmerzstillung oder Rausch).

In der Schweiz scheinen diese meiner Erfahrung nach nicht so häufig missbraucht zu werden, offensichtlich haben auch eine Menge Ärzte Bedenken, diese zu verschreiben. Sie sind dann oft nur das letzte Mittel z.B. bei Krebsschmerzen und dann kann man auch in hohen Dosen kaum von Missbrauch reden.

Schnupfensprays – ja, ehrlich! Die abschwellenden Nasensprays wie Triofan, Otrivin, Nasivin, Olynth sowie deren Generika verengen ja die Gefässe in der Nase, wodurch nicht mehr soviel Wasser „heraus-leckt“. Wenn man das aber eine Zeitlang (über 1 Woche reicht) macht, geht die Nasenschleimhaut kaputt, sie bildet sich zurück. Man nennt das Prinismus. Der Körper reagiert, indem er die Durchblutung erhöht – die Nase geht zu und läuft. Man nimmt noch mehr Nasenspray – ein Kreislauf.

Typischer Kunde: kann jedem passieren, dementsprechend sieht man auch Männer und Frauen in allen Altersklassen. Typischerweise verlangen sie dann gleich 2 Packungen Nasenspray. Manche versuchen es auch etwas abzuschwächen, indem sie Nasenspray für Kinder nehmen.

Alkohol –ja, auch das gibt es in der Apotheke. Obwohl es günstiger ist, seine Alkoholdosis in einem Discounter zu besorgen, benutzen manche Leute die Möglichkeit von diversen Mitteln, um ihre Alkoholsucht vor der Umwelt zu verbergen. Das sind dann die, welche fast täglich Klosterfrau Melissengeist (79%) oder Baldriantinktur Fläschchenweise holen kommen. Früher auch sehr beliebt war das Frauengold. Manche nehmen auch Vicks Medinait, welches neben Alkohol (18%) noch ein paar psychisch aktive Substanzen enthält.

Typischer Kunde: Weiblich oder Männlich, eher älter (40 aufwärts). Oft berufstätig und versuchen so ihre Sucht zu verschleiern. Eine Zeitlang hatten wir sogar einen Taxifahrer, der offenbar von Apotheke zu Apotheke ging für sein Klosterfrau. Erschreckend!

Schlafmittel und Beruhigungsmittel– von der rezeptpflichtigen Sorte (Benzodiazepine, Zolpidem, Xanax). Noch etwas, das recht schnell abhängig macht.  Einerseits wegen der von manchen Menschen als angenehm empfundenen Wirkung des „abschaltens“, respektive „Abstandes“ andererseits weil es in körperliche Mechanismen eingreift. Ein Schlaf unter Schlafmitteln ist nicht dasselbe wie ohne. Abruptes Absetzen führt auch wieder zu Schlaflosigkeit oder bei den Beruhigungsmitteln zum Wiederauftreten der Symptome.

Typischer Kunde: Entweder eher Junge aus dem Drogenbereich oder dann Frauen ab 40 Jahren und älter. Man sieht es ihnen nicht an, egal wie viel sie nehmen, was ich immer erstaunlich finde. Würde ich auch nur die Hälfte derer Tagesdosis nehmen, würde ich wohl wie eine Pflanze irgendwo in der Ecke sitzen und vor mich hinlächeln … oder Tagelang tief schlafen.

Was machen wir dagegen?

1. Wir versuchen Vorzubeugen, denn wenn man mal von etwas abhängig ist, ist es sehr schwierig, das wieder rückgängig zu machen. Also: Info, Info, Info: „Der Nasenspray darf nur 1 Woche am Stück angewendet werden“. „Das Abführmittel/Schlafmittel ist nur für kurzfristigen Gebrauch gedacht“. ..

2. Aufmerksam machen: wir sagen den Leuten immer wieder, wie sie die Medikamente anzuwenden haben. Kommt jemand öfter, machen wir ihn/sie auf ihren Missbrauch aufmerksam – respektive, dass wir bemerkt haben, dass sie immer dasselbe verlangen.

3. Einschränken. Bei offensichtlichem Missbrauch von Medikamenten dürfen und sollen wir die Abgabe verweigern. D.h. keine Bexin Tabletten für Jugendliche, statt dessen gibt es Sirup. D.h. nur 1 Nasenspray und nicht 2. Schwieriger ist es bei Rezepten, v.a. Dauerrezepten, da muss man sich mit dem Arzt absprechen, wie man das handhabt.

4. Beraten / Hilfe zum wieder wegkommen. Wir geben Tips und Hilfestellungen, wie man von der Abhängigkeit wieder loskommen kann, bieten Alternativen an… – leider wird diese Hilfe viel zu wenig in Anspruch genommen.