Argumente und Lautstärke

Ist es schon mal jemandem anderen aufgefallen, dass wenn Leute in einer Diskussion keine Argumente (mehr) haben, sie oft anfangen laut zu werden? Das kommt (selten zum Glück) auch in der Apotheke vor.

Ich muss dann immer an das Zitat im Calvin and Hobbes denken: „If you can’t win by reason, go for VOLUME!“ Wobei ich finde, dass das ziemlich kindisches Verhalten ist.

Vor ein paar Wochen hatte ich einen Kunden ohne aktuelle Krankenkassenkarte. Das kommt gelegentllich mal vor. Bei Stammkunden ist das weniger ein Problem, weil wir die Daten dann meist haben, anders sieht’s bei der sogenannten Laufkundschaft aus – das sind die, die man vielleicht nie wieder sieht, weil sie nur auf der Durchreise sind. Unsere Einstellung dazu ist, dass solche Kunden (vor allem, wenn sie vorher noch nie in der Apotheke gewesen sind), ihre Medikamente selbst zahlen müssen.

Das ist im übrigen auch die rechtliche Vorgehensweise, da uns die Krankenkasse keine Medikamente für den Patienten vergütet, wenn der Patient keine Deckung für die Medikamente hat. Und diese Deckung muss am Tag des Bezugs überprüft werden. Es kann nämlich gut sein, dass besagter Patient zum Beispiel die Prämien nicht bezahlt hat und darum eine Leistungssperre hat. Dann bleiben wir auf den Kosten der Medikamente sitzen.

Da ich der Meinung bin, dass wir keine Bank sind und auch kein Wohltätigkeitsverein, muss also ohne aktuelle Krankenkassenkarte sofort bezahlt werden. Der Patient bekommt von der Krankenkasse ja trotzdem sein Geld zurück, er muss das Rezept nur selbst einschicken.

So also auch bei diesem Kunden. Aber statt zu zahlen wird er ausfällig. Und LAUT.

„Das ist eine Unverschämtheit! Das habe ich noch nie erlebt! Ich will sofort den Chef sprechen!“.

Ok. Steht vor ihnen.

Kurzes Stocken. „Ich habe aber kein Geld dabei!“ (wer geht heute schon ohne Portmone raus?, ehrlich?)

Kein Problem, wir nehmen auch Kreditkarten, oder ich lege die Medikamente auf die Seite, dann können Sie nach Hause oder an den Bankomat oder auf die Bank gehen und welches holen.

„Nein! Ich will die Medikamente JETZT! Sie können sie mir nicht verweigern, immerhin geht es um Meine Gesundheit! SIE SIND VERANTWORTLICH WENN … „

Ahem. Auf dem Rezept ist ein einfaches Schmerzmittel, eine entzündungshemmende Salbe und das Rezept ist schon fast eine Woche alt. Dafür hätte er noch nicht mal zum Arzt müssen.

„Ich will das Rezept wieder!“

Natürlich. Hier, bitte.

Laut fluchend stürmt er aus der Apotheke.

Viel Glück in der nächsten Apotheke. Ich bezweifle, dass es dort anders laufen wird.

Warum ich Telefone nicht mag

Ja, ich halte Telefone für eine ganz erstaunliche Erfindung, die unser Leben enorm erleichtert … wenn sie richtig gebraucht werden. Ich war nie jemand, der stundenlang an der Strippe hängt, um den neusten Tratsch auszutauschen, das mache ich lieber direkt mit dem Gegenüber. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich meine Stimme nicht sehr mag? Im Geschäft überwinde ich meine Aversion gezwungenermassen.

Jedenfalls, für mich sind Telefone da um Information auszutauschen. Aber das geht auch speditiver als gewisse Leute das machen.

Einige Sachen, die ich gar nicht haben kann im Zusammenhang mit Telefonieren:

Leute, die anrufen, keinen Namen sagen, sondern sofort anfangen zu reden.

Das mag ja bei einem Anruf Zuhause noch gehen, aber in der Apotheke? „Guten Tag, ich hätte gerne von meinem Rezept die Tabletten gegen Bluthochdruck und die Schmerzmittel und ….“  „Ah, Moment bitte. Wie war noch der Name?“. Gedankenlesen haben sie uns bisher nicht beigebracht.

Im gleichen Zusammenhang Leute, die das Telefon nur mit „Hallo“ , „Pronto“, „Ja?“ oder ähnlichem abnehmen.

Ich muss wissen, dass ich die richtige Person erreicht habe, sonst könnte es peinlich werden. Dazu gehört auch der Arzt, der das Telefon mit den Worten abnimmt: „WAS IST?!?“ (in sehr hässigem Ton) „Hier ist Pharmama von der Apotheke. Wer bitte spricht denn da?“ – Ich mache ja die Telefone nicht zu meinem Vergnügen!

Dann gibt es die, die ständig wegen Irgendetwas anrufen.

„Ich habe heute im Coop Vitamintabletten gekauft, vertragen sich die mit dem Blutverdünner?“. „Meine Nachbarin hat mir gesagt, ich soll Fischöl einnehmen, das sei gut für die Gelenke. Wie wirkt das?“

Und eine Stunde später: „Haben sie Fischölkapseln?“

Und noch eine Stunde später: „Aber kann ich die Fischölkapseln denn auch mit den Vitamintabletten zusammen nehmen?“

Und noch später: „Ok, ich kaufe sie, könnten sie jemanden schicken, der sie vorbeibringt?“

Und noch später: „Die Kapseln riechen aber nach Fisch, gibt es denn keine, die nicht riechen?“ …..

Argh!

Oder die Kunden, bei denen während dem Telefongespräch ständig im Hintergrund der Fernseher laut mitläuft.

Üblicherweise irgendeine Talkshow. So laut, dass ich nicht verstehe was die Kundin will (die Show aber gut mitbekomme) – „Könnten sie bitte den Fernseher oder Radio im Hintergrund ausschalten? Ich verstehe Sie so schlecht!“

Am schlimmsten aber sind Telefone ins Spital, z.B. um den Arzt auf einen Verschreibungsfehler aufmerksam zu machen. Das dauert ewig. Manchmal wird man 3 – 4 x weiter verbunden, bis man die richtige Person am Draht hat. Vorausgesetzt, sie ist überhaupt da und man wird vorher nicht aus der Leitung geworfen, worauf dasselbe Spiel wieder von vorne beginnt.

Und dann bekommt man sogar in der Apotheke Werbeanrufe von irgendwelchen Leuten oder Firmen, die einem ihr Produkt andrehen wollen.

„Das Neueste für ihr Zeitmanagement!“ (Huh?) , „Der tolle Oberflächen-Dampfreiniger, gratis Demonstration!“ (Danke, wir haben eine Reinigungsfirma), „Mit was für einem Telefonanbieter telefonieren Sie?“ (Eigentlich mit Ihnen, es spricht nicht gerade für sie, dass sie das nicht mal wissen …). „Hier ist die Süddeutsche Klassenlotterie …“ (sehr witzig), „Wir machen eine Umfrage zum Thema …“ (Aber sicher nicht während der Arbeitszeit!).

Und natürlich wollen alle diese Leute immer mit dem Chef sprechen.

Seufz.

Happy B’day Viagra – oder: die etwas andere Anwendung

Ein Tourist schläft in den Ferien am Strand ein und erwacht Stunden später mit einem Monster-Sonnenbrand. Im Spital untersucht ihn der Arzt und diktiert dann der Schwester die Medikation für die verbrannte Haut, die schon Stellenweise Blasen bildet: „Salzlösung i.v., dazu Morphium i.v. und eine Tablette Viagra alle 12 Stunden.“ Die Schwester schaut ihn verständnislos an. „Wozu denn das, das hilft doch nicht gegen die Schmerzen?“ „Ja“, sagt der Arzt, „aber ich denke er kann etwas brauchen, das die Bettlaken von seiner Haut fernhält …“

Der Zahnarzt erklärt einem Mann, dass ihm eine grössere Wurzelbehandlung bevorsteht und diskutiert das weitere Vorgehen mit ihm. Der Mann sagt, er kann Spritzen nicht ausstehen und gegen Lachgas ist er allergisch. Was also tun? Der Arzt schreibt ihm für die Apotheke eine Rezept auf: Ponstan Tabletten und Viagra. „Wieso Viagra?“ fragt der Mann. „Weil ich denke, wenn sie die Operation ohne Betäubungsmittel überstehen wollen, sie besser etwas haben sollten an dem Sie sich festhalten können….“

Viagra ist 10 Jahre alt geworden. Seit seiner Einführung (ahemm…) hat sich einiges getan. Impotenz, Verzeihung, erektile Dysfunktion ist salonfähig geworden, könnte man sagen. Oder auch: man sieht es nicht mehr als eine seelische Behinderung an, sondern als ein lösbares körperliches Problem.

Interessant ist, dass das Mittel ursprünglich zur Vorbeugung von Herzinfarkten gedacht war, bei den Tests am Menschen wurden dann eine Nebenwirkung ersichtlich, die offenbar bei einem Grossteil der (männlichen) Benutzer dazu führte, dass sie das Medikament auch nach der Studie weiter nehmen wollten! Daraufhin wurde die Indikation von Viagra geändert und das Medikament zum Verkaufsschlager.

Viva Viagra.

Ausserdem dürfte es der am meisten mit Spam beworbene Artikel im Internet sein, wobei … die Leute dort scheinen das nicht schreiben zu können, es heisst dann V1agra oder V!agra und ähnliches – wer glaubt da ernsthaft, er bekäme dann auch das richtige Produkt?

I EATED A VIAGRA
more cat pictures

Ganz nebenbei; ich habe schon mehr Viagra an eine Frau abgegeben als an Männer (und das ist kein Witz.)

Sie braucht es allerdings nicht für die übliche Anwendung. Sie hat Bluthochdruck -allerdings nur im Herz-Lungen-Kreislauf und Viagra ist das einzige was ihr hilft. Ein ziemlich teures Blutdruckmittel ist das allerdings.

Drama in 5 Akten, oder: eine eher schwierige Kundin

Erster Akt:

Frau Bierfläschchen (bekannt, dass sie viel trinkt, und auch heute schon wieder halbbetrunken) kommt morgens in die Apotheke: „Schreiben Sie mir bitte etwas auf gegen Bluthochdruck. Wissen Sie, mein Blutdruck ist zu hoch, der Arzt hat mir auch etwas aufgeschrieben – Aspirin cardio (?), aber 100 mg sind mir zu viel, mir wird es bei 50  schon komisch und ich kann fast nicht mehr aufstehen.“

Ich versuche zu erklären, dass es sehr viele verschiedene, auch unterschiedlich wirksame Medikamente gibt gegen hohen Blutdruck, aber alle rezeptpflichtig und der Arzt muss abklären, was der Patient jetzt braucht.

Ausserdem ist Aspirin cardio ein Blutverdünner und nicht gegen zu hohen Blutdruck und wenn sie ein normales Aspirin nimmt (was sie gelegentlich macht), das ist 5 mal höher dosiert.

Genauso gut könnte ich mit einer Wand reden – oder einer Bierflasche.

Sie lässt sich nicht überzeugen, sie will unbedingt etwas aufgeschrieben haben, also schreiben wir: „z.B. Beloc zoc.“ Sie zieht glücklich ab.

2. Akt:

1 Stunde später: selbe Frau „Könnten Sie es mir nicht gleich mitgeben, ich bringe dann das Rezept“.

(selbe Erklärung s.o. noch einmal): „Nein, gehen Sie zuerst zum Arzt.“

3. Akt:

Einige Tage später, selbe Frau, wieder angetrunken: „Jetzt habe ich den Zettel verloren, Schreiben Sie mir bitte nochmals etwas auf gegen Bluthochdruck. Wissen Sie, mein Blutdruck ist zu hoch ….“ (selbe Erklärungen wie oben, nützt nichts, nochmals was aufschreiben) sie zieht wieder ab.

4. Akt:

1 Stunde später, selbe Frau: „Ich habe mit dem Arzt telefoniert, er hat gesagt, sie können mir (Blick auf Zettel) Atenolol geben.“

Fragen wir: „Was für eine Dosierung?“

ratloser Blick „Das weiss ich nicht, aber nicht zu viel, wissen sie beim letzten Medikament waren mir 100 mg sind zu viel, mir wird es bei 50  schon komisch und ich kann fast nicht mehr aufstehen.“

Ich erkläre, dass das jetzt ja ein anderes Medikament ist …, und dass wir rasch anrufen werden, um die Dosierung abzuklären.

Das bringt mir einen entsetzter Blick ein: „Aber nicht, dass er ärgerlich wird, wissen sie, er ist etwas hässig bei mir am Telefon“

Das wundert mich nicht, denn der Arzt hat frei und wir müssen ihm (auch) privat anrufen. Schliesslich geht es dann i.o. es handelt sich um Atenolol 25mg, er schickt uns ein Rezept.

Finale: Kundin ist hochzufrieden, da sie endlich ihre Tabletten hat. Sie fragt dann noch: „Soll ich jetzt noch eine Tablette nehmen? Wissen Sie, ich habe heute schon etwas Alkohol gehabt“.

Abspann: Sie hat etwa 2 Tabletten genommen, dann gefunden es wirkt nicht und den Rest der Packung weggeworfen.

Seufz.

Aspirin und die „umfassende Beratung“

Wie viele Leute kommen täglich in die Apotheke und kaufen ein Aspirin? Viele.

Es ist eines der ältesten und auch darum bekanntesten Medikamente. Ein Schmerzmittel und ohne Rezept kaufbar.

Aber das bedeutet nicht, dass es auch harmlos ist.

Rechts im Bild: „historische“ Aspirin Dose von um 1939, die anlässlich des diesjährigen 111 Jährigen Jubiläums neu aufgelegt wird als Sonderedition. Man beachte die Grösse: 500g Packung! Als Hersteller steht: Farbenfabriken vorm. Friedr Bayer Co.

Es gibt eine Menge Probleme, derer sich die meisten Leute nicht bewusst sind -wie mit praktisch allen Medikamenten, aber nehmen wir mal Aspirin als Beispiel.

Es gibt einiges, das ich abklären muss/soll … darum also bei jedem Verkauf die folgenden Fragen:

Ist es für Sie selbst? –  Wie alt ist die Person, die es nimmt?: es ist nicht gut für Kinder, nicht gut für Schwangere und ältere Menschen mit eventuellen Nierenproblemen.

Haben Sie Asthma? – Acetylsalicylsäure (ASS) der Inhaltsstoff von Aspirin kann Asthma Attacken auslösen.

Nehmen Sie Blutverdünner oder andere Medikamente? – ASS verstärkt die Wirkung von Blutverdünnern, sodass es schwer stillbare Blutungen auslösen kann (auch innerliche).

Haben Sie Magenprobleme? – ASS verstärkt Magenprobleme wie Magenbrennen oder Magengeschwüre. Bei praktisch allen Patienten die es nehmen, findet sich Blut im Stuhl, weil sie Blutungen im Magen/Darm-Bereich haben.

Sind sie schwanger / stillen Sie? – ASS ist nicht gut im letzten Drittel der Schwangerschaft und in der Stillzeit.

Jetzt stell Dir vor, wie die Reaktionen aussehen, wenn ich wirklich ALL DAS frage.

Im Normalfall frage ich aber zumindest 2 Dinge:

Ist es für Sie selbst?

Wissen sie, wie man es anwendet?

Wenn die Antwort auf beides „Ja“ ist, belasse ich es dabei, ansonsten gehe ich weiter.

Aber selbst für diese einfachen 2 Fragen bekomme ich Reaktionen, die von ärgerlich bis irritiert gehen. Einmal hat mich ein Kunde erbost gefragt, warum er bei uns jedes Mal, wenn er ein einfaches Medikament kauft so „ausgequetscht“ wird.

„Weil ich um Ihre Gesundheit besorgt bin“ war meine Antwort.

„Sie nicht?“das hätte ich noch gerne angehängt.