Switcheroo Two

Ihr erinnert Euch vielleicht noch an Herrn Oblidat? Gestern hat er wieder angerufen. Der sehr komplizierte Patient meint am Telefon, nachdem er etwas vom Rezept bestellt hat: «Ich habe da noch ein grosses Problem. In der einen Packung Tabletten, die ich von ihnen bekommen habe, sind andere drin.»

Pharmama: «Wie meinen Sie das?»

Herr Oblidat (H.O.): «Ja, in den Komm-dro-sulf Tabletten, die schreiben sich mit C wie …»

Pharmama: «Alles klar, ich kenne die. Die Condrosulf.»

H.O: «Ja, die für die Gelenke? Also, da ist eine von diesen silbrigen Plättchen, wo die Tabletten drin sind, da sieht man ja nicht rein …»

Pharmama: «Die Blister.»

H.O.: «Nennt man die Verpackung so? Jedenfalls, da waren ganz andere Tabletten drin.»

Huh? Seltsam.

Pharmama: «Oh. Das ist nicht gut. Aber hier am Telefon kann ich nicht viel machen. Könnten Sie die ganze Packung, so wie sie ist vorbeibringen, damit ich das anschauen kann?»

H.O.: «Nein, das ist gar nicht gut! Wer weiss was das ist? Das könnte gefährlich sein. Wenn Sie mir da etwas gegeben haben, das … »

Irgendwie steigert er sich da in etwas rein?

Pharmama: «Deshalb will ich das anschauen.»

H.O.: «Gut, ich bringe sie mit, wenn ich das andere abholen komme.»

Nachmittag. Er bringt mir die Packung Condrosulf.

Sie ist angebraucht (war zu erwarten) und zwar nicht ganz neu. Etwa die Hälfte der Blister ist noch drin. Ein Blister sieht nicht nur anders aus, er ist abgeschnitten worden. Auf der Rückseite erkenne ich gerade noch ein /12.5 und die Firma: Takeda.

Das ist definitiv nicht Condrosulf. Es ist aber auch eine ganz andere Firma und dazu nur ein halber Blister. Kaum möglich, dass das von der Firma untergemischt wurde.

Ich habe keine Patienten-Retouren gehabt die wieder in die Schubladen versorgt wurden. Und falls das vorher passiert ist (bei unserem Lieferanten) wäre es sehr ungewöhnlich, dass er das erst jetzt merkt.

Aber ich habe schon eine Vermutung. Herr Oblidat ist ja allgemein etwas verwirrt. Die Chance ist gross, dass die Untermischung ihm selber passiert ist. Also schaue ich in sein Patientendossier im Computer. Und finde da «Blopress plus 32/12.5mg» von Takeda.

Ich zeige ihm die Packung, die ich hier habe.

H.O.: «Das sind Tabletten, die ich auch habe!»

Pharmama: «Ja, genau. Und sehen Sie hier die Blister von denen …»

Sehen genau so aus, wie der von ihm entdeckte.

H.O.: «Oh, das muss das sein. Vielleicht habe ich am Morgen im Halbschlaf …  Darf ich mal die Tabletten anschauen?»

Das ging leider nicht, die Blisterpackungen sind inzwischen durchgehend Alu – ich konnte sie ihm nur in der App des Kompendiums zeigen und eine von dem Blister den er mitgebracht hat herausdrücken.

Er war noch nicht ganz überzeugt: «Die Tabletten, die ich zu Hause habe, sind aber grösser, da bin ich ziemlich sicher.»

Pharmama: «Ich denke, es sind wirklich die, aber gehen Sie doch nochmals nachschauen.»

Er geht.

Später am Tag bekomme ich wieder einen Anruf:

H.O.: «Ich muss mich entschuldigen, da habe ich wohl einen Sturm im Wasserglas ausgelöst. Es sind die Blopress plus. Meine Tabletten sehen genau gleich aus. Ich habe sie wohl am Morgen falsch eingepackt.»

Gut konnten wir das klären.

Ich schätze das übrigens sehr, dass er sich da entschuldigt hat. Einige andere Patienten hätten selbst dann noch versucht, den Fehler woanders zu suchen.

Von den hochnäsigen Apothekern

Lange ists her, da habe ich ein mail bekommen einer empörten Blogleserin und eine Antwort geschrieben. Dann habe ich gedacht „Ach, bringt ja doch nichts“ und es ad adcta gelegt. Heute habe ich das wieder gefunden. Und: passt immer noch.

Abgesehen davon stört mich der Oberlehrerton, der ja auch hier im Blog herrscht…Als wenn alle Kunden Deppen wären…Drum sinds die Apotheker, die sich überwichtig nehmen.Wenn ich Beratung haben will, dann sage ich es.Aber wegen jeden Hustenbonbon, den ich zufällig mal in einer Apotheke kaufe, eine halbe Stunde vollgelabert zu werden, finde ich nur nervig.

Ja nun. Als Apotheker ist man ein shizophrenes Wesen. Da hat man 5 Jahre Studium hinter sich, weiss unglaublich viel über den Körper, Krankheiten und noch mehr über Medikamente, Wirkmechanismen, Galenik und noch viel mehr … und dann steht man in der Apotheke und hat den Auftrag (!) die Bevölkerung mit der richtigen Medikation zu versorgen und sie darüber zu beraten, dass diese dann richtig angewendet wird. Trotzdem wird man von vielen Leuten praktisch nur als Verkäufer und Detailhändler wahrgenommen. Was wir (gezwungenermassen) auch sind – wir geben ja nicht nur Medikamente auf rezept ab, wir verkaufen die Medikamente und Medizinprodukte, die Nahrungsergänzungsmittel etc auch OTC – „Over the Counter“, also den Ladentisch.

Dabei kommt man – wie alle, die im Verkauf und in der Beratung arbeiten – halt in Kontakt mit einer Menge Leute, darunter auch einige, deren Verhalten manchmal seltsam, manchmal komisch, oft ungeduldig, besserwisserisch, ärgerlich, fordernd, verwirrt etc. ist – halt das ganze Bandspektrum menschlicher Ausdrucksweise. Da hat es intelligente darunter, weniger intelligente, Faule, Abhängige aber auch Professoren, Mit-Medizinal-Personen etc. … und manche haben keine Ahnung, viele wissen „etwas“ andere denken, sie wissen es und manche tun es tatsächlich – aber: All die müssen beraten sein. Man weiss heute, dass etwa 10% der Selbstmedikation, die die Leute für sich wollen nicht geeignet sind. Auch Ärzte machen beim Verschreiben Fehler (auch das sind nur Menschen). Dann müssen wir da  sein, aufmerksam bleiben und das merken.

Wenn ich dann bei einer Person zuviel frage, oder etwas erkläre und sie dann ärgerlich wird – was soll ich tun? Bei der nächsten, der ich dasselbe sage, ist sie dankbar, weil sie das bisher nicht gewusst hat oder sogar etwas nicht richtig genommen hat. Allen Leuten Recht getan ist eine Kunst, die niemand kann. So bemühe ich mich – und bei denen, wo das nicht ankommt … gehe ich am Ende mit einem Schulterzucken darüber weg.

Und so ist das halt auch mit dem Blog hier. Wenn ich mit „Oberlehrerton“  oder rechthaberisch rüberkomme … dann sei es halt so. Ich will ja auch den Lesern und Leuten hier ein bisschen zeigen, wie das in der Apotheke so läuft im Kundenkontakt, auch Info geben, Wissen rüberbringen,… und wenn sie dabei noch etwas lernen –umso besser! Zwingen mein „Geschreibsel“ hier zu lesen tue ich niemanden.

Buchrezension The City and the City

  The City and The City

Den Schriftsteller China Mieville kannte ich schon aus verschiedenen Science-Fiction Büchern. Sein Schreib-Stil ist auch in diesem Werk erkennbar … auch wenn es einiges weniger Science Fiction war, als ich erwartet habe. Tatsächlich viel weniger.

Das Buch hat mich Anfangs verwirrt – es ist eine Detektivgeschichte, die in einer Stadt spielt, die irgendwo im Grenzgebiet liegt. Eine geteilte Stadt, ähnlich wie Berlin damals, und doch … ganz anders. Ein Teil der Stadt Beszel ist osteuropäisch, die Schwesterstadt Ul Quoma arabisch. Unterschiedliche Baustile, Kleidungsstile, Umgangsformen, Sprache, politischer Hintergrund. Unterschiedliche Verwaltungen und Polizei. Der Mord an einer jungen Frau ist in einem Teil der Stadt geschehen, die Spuren führen aber in den anderen Teil. Soweit so gut und eine typische, etwas langsam anfangende Story.

Aber weshalb redet der Protagonist, Inspekto Borlù davon, wie er fast jemanden sehen konnte / Mühe hat die Person zu „unsehen“? Ist sie nicht real oder ein Geist? Wieso ist es so kompliziert in den anderen Teil der Stadt zu gelangen, wenn das doch ganz offensichtlich so nahe liegt, dass nicht einmal Mauern die Städte trennen? Das ist dann auch die Lösung davon: Die beiden Städte existieren geografisch auf demselben Platz. Sie stehen auf den Ruinen einer Ursprungsstadt, deren technologisch weite Artefakte an verschiedenen Orten aus der Erde geholt und studiert werden. Die Städte sind ineinander verwoben und teilen sich Plätze, Parks und Häuser  … aber die Bewohner dürfen nicht miteinander interagieren. Ein „Bruch“ ist streng verboten, schon kleinen Kindern wird beigebracht, was sie sehen dürfen (und was nicht), wohin sie gehen dürfen (und wie: es gibt auch unterschiedlichen öffentlichen Transport). Und wer doch durchbricht / „breaks“, den holt die „Breach“  – eine Spezialeinheit, die ausserhalb der polizeilichen Systeme der beiden Städte operiert und der fast mystische Kräfte zugeschrieben werden. Vielleicht gibt es sogar noch eine dritte Stadt – zwischen den beiden. Orciny – der Fall scheint immer mehr damit zu tun zu haben.

Das ist die Umgebung, in der Inspektor Borlù den Fall lösen muss. Er bekommt die Ausnahmerlaubnis, den Fall in Ul Quoma weiterzuverfolgen mit Hilfe des dortigen Vertreters. Nun darf er Ul Quoma sehen – aber dafür Beszel nicht. Auch dann nicht, wenn er praktisch an seinem eigenen Wohnort vorbeikommt.

Die Geschichte ist spannend zu lesen und sich vorzustellen, wie das wohl da wäre … interessanterweise gibt es inzwischen sogar eine TV-Serie, die daraus gemacht wurde. Der verdanken wir diese (fiktive) Touristen-Information für Beszel (Ul Quoma hat sicher auch eine …)

Jedenfalls: Sehr interessante und lesenswerte Lektüre. Nicht nur für Detektivgeschichten-fans.

Die deutsche Version.

V apteke. Zapiski farmatsevta o riskah i pobochnyh deystviyah

В аптеке. Записки фармацевта о рисках и побочных действиях

Kannst Du nicht lesen? Ich auch nicht – aber: das ist mein Buch in Russisch! „Haben Sie diese Pille auch in grün?“ wurde ins Russische übersetzt. Ich musste das natürlich haben und habe es Mitte Dezember bestellt. Jetzt ist es angekommen. Den ganzen Briefmarken nach frisch aus Russland. Google translate sagt mir, dass sie den Titel geändert haben zu: „Aus der Apotheke – Risiken und Nebenwirkungen einer Apothekerin.“

Ja, weil ich ja so gefährlich bin :-P

Lustig: für das Titelbild haben sie sich von mir inspirieren lassen:

Werbeunterbrechung (nicht hier)

Das ist doch mal lustige Werbung – für Halspastillen bei Heiserkeit (aus Finnland).

Ich habe hier sonst echt Mühe Werbung für Heilmittel und Arzneien zu schauen – ich bekomme regelmässig die (kleine) Krise. Zum Beispiel, wenn das homöopathische Mittel gegen Erkältung als „zugelassenes Arzneimittel“ angepriesen wird. Stimmt schon, es ist gelistet (D), aber kein Wort in der Werbung, dass es sich bei den Schüssler Salzen um Homöopathie handelt.

Oder die NeoCitran Werbung, wo das kombinierte Erkältungsprodukt angeboten wird mit seinem „4-fachen Wirkstoffkomplex!“. Jaaaa – wirkt gegen Schnupfen (Pheniramin-Maleat und Phenylephrin), Fieber (Paracetamol), Kopfschmerzen (Paracetamol) und Gliederschmerzen (Paracetamol – merkste was?). Klar, Vitamin C hat es im Pulver auch noch drin, aber das erwähnen sie nicht mal.

Es ist mir bewusst, wie sehr gerade Arzneimittelwerbung Vorschriften und Gesetzen untersteht. Das treibt manchmal seltsame Blüten. Das oben ist offensichtlich okay, aber man darf zum Beispiel im Fernsehen nicht zeigen, wie Aspirin Granulat direkt eingenommen werden kann. (Wieso eigentlich?). Für rezeptpflichtiges darf hierzulande gar keine Werbung gemacht werden – was ich gut finde. In den USA ist das erlaubt … mit „Untertiteln / Warnhinweisen“ die bald die Hälfte des Clips einnehmen auch wenn sie unlesbar klein geschrieben sind.

Eine „heisse“ Sache?

Die junge Frau streckt mir in der Apotheke den hier hin:

«Kann ich den Umtauschen? Den habe ich vor ein paar Tagen gekauft und der lässt sich nicht wieder herunterschütteln.»

Das ist noch gelegentlich das Problem mit den flüssigkeitsgefüllten Thermometern. Das war bei den Quecksilber-thermometern so und ist es immer noch mit den neuen mit Gallium.

Unten in der Thermometerkapillare gibt es eine Verengung, durch die das Quecksilber hindurch muss. Nach der Temperaturmessung zieht sich das Quecksilber an der kälteren Luft wieder zusammen. Wegen der Verengung kann es aber nicht ohne Weiteres in den Auffangbehälter zurück. So bleibt der gekappte Flüssigkeitsfaden im Rohr stehen. Um die Temperatur erneut messen zu können, muss die Kapillare geleert werden. Dazu schüttelt man das Röhrchen, und durch die Fliehkraft gelangt das Quecksilber zurück in das Gefäß.

Wenn eine Demonstration am gebrachten Thermometer nicht hilft, tausche ich den tatsächlich um. Sie meint auch, dass sie weiss, wie man den Thermometer benutzt. Sie hatte schon solche und benutzt die schliesslich täglich!

«Täglich?» Frage ich. Mir schwant was.

«Ja, ich benutze ihn zum Verhüten.»

Ah. Sie meint die Symptothermale Verhütungsmethode. Nur …

«Das können sie mit dem Thermometer nicht machen!»

«Wieso?»

«Weil die viel zu ungenau sind!»

«Aber den man hat mir in der Apotheke empfohlen.»

Dafür? Kann ich mir kaum vorstellen. Zur Erinnerung:

Temperaturmessung: Die Temperaturmessung ist eine natürliche Verhütungsmethode. Dabei misst die Frau jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit ihre Körpertemperatur. Während der fruchtbaren Tage, zur Zeit des Eisprung, steigt diese um 0,4 bis 0,6 Grad Celsius an. Als sicher unfruchtbar gelten die Tage vom dritten Tag nach Temperaturanstieg an bis zum fünften Tag nach der Menstruation.
Vorteile: Diese Verhütungsmethode kommt ohne Hormone oder Barriere aus. Es gibt keinerlei hormonbedingte Nebenwirkungen. Im Vergleich zu allen anderen Methoden ist sie kostengünstig.

Nachteile: Für Frauen mit unregelmässigem Zyklus sind die natürlichen Verhütungsmethoden weniger geeignet. Diese Methode schützt nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten.
Pearl-Index: 3,8 bis 20 (heisst: von 100 Frauen, die mit der Methode 12 Monate verhüten werden 4 bis 20 schwanger)

Also muss sie in der Lage sein, Temperaturunterschiede von 0,2 Grad zu erkennen. Das geht mit dem Thermometer nicht. Keine Ahnung, wie sie das bisher geschafft/gemacht hat. Zugegeben: es gibt Flüssigkeits-thermometer, bei denen das geht, die haben dann einen geringeren Messbereich und eine grössere Anzeige. Der den sie uns gebracht hat ist keiner von denen.

Aber wenn das jemand wirklich machen will, gibt es digitale Thermometer, die auf 2 Stellen nach dem Komma anzeigen. Damit und mit der nötigen Disziplin, das immer und jeden Morgen zu machen – und vielleicht in Kombination mit einer Zyklus App – ist das mit einer gewissen Sicherheit machbar. Auch wenn ich auch das nicht empfehlen würde wenn man auf gar keinen Fall schwanger werden will / darf.

Ich habe ihr dann einen der digitalen mit genauer Anzeige verkauft, die es gibt. Den kaputten habe ich zurückgenommen und sie hat nur die Differenz bezahlt. Immerhin: der war ja nicht mehr brauchbar. So oder so.