Apotheken aus aller Welt, 246: Brüssel, Belgien

Besten Dank an topspin85 für diese beiden Apotheken!

hier zwei Fotos von Apotheken. Beide finden sich in Brüssel. Foto 1 zeigt eine Apotheke am Grasmarkt in direkter Nähe zum berühmten Grand-Place. Vor allem mit der darüber liegenden Fassade wirkt sie recht charmant.

Foto 2 sieht unspektakulär aus, nichtsdestotrotz hat die Apotheke eine Besonderheit: Sie ist im gleichen Haus untergebracht wie die PGEU (Pharmaceutical Group of the European Union), also dem europaweiten Interessenverband der Apotheker. Immerhin vertreten die 400.000 Apotheker europaweit. Die Schweizer nicht, aber die meisten anderen. *g* Die PGEU sitzt übrigens im obersten Stockwerk des wenig hübschen Gebäudes – sieht man kaum.

Die PGU … die kannte ich noch nicht mal – was vielleicht auch kein Wunder ist, vertreten sie doch zumindest nicht die Schweizer Apotheker. Kanntet ihr die?

Die obere Apotheke ist süss :-)

Patientensicht (zu: So läuft das)

Ich habe schon tolle Leser – heute muss ich meinen Blog schon nicht mehr selber schreiben, die sind so kreativ. Darum heute noch ein Gastbeitrag, von Mr. Gaunt:

Dies ist die Patienten-Version als Antwort zur Geschichte von Boreal, allerdings wie es hätte anders laufen können in der Pessimisten-Version:

Mein Name ist Ilse Müller-Meyer-Richner, ich bin 72 Jahre alt und verwitwet. Nach einem Herzinfarkt geht es mir eigentlich ganz gut, zumindest seit der Arzt das mit der Schilddrüse im Griff hat.

Leider muss ich viele Medikamente nehmen. Da passe ich aber inzwischen drauf auf, seit ich mir in den Finger geschnitten und dann die ganze Küche vollgeblutet habe. Wer kann denn wissen, dass das Marcumar sich nicht mit dem günstigen Aspirin aus der Versandapotheke verträgt, was mir mein Enkel besorgt hat. Mein Arzt hat mir nur gesagt, ich darf das nicht mit Ah-Ess-Ess zusammen einnehmen. Aber das gute Aspirin von Bayer?

Mir geht es nicht gut heute. Ich komme gerade vom HNO-Arzt, der hat gesagt, ich habe eine Lungenentzündung. Dann musste ich auch noch bei meinem Kardiologen vorbei, das Rezept für die Herzmedikamente holen. Einkaufen war ich auch noch, habe kaum noch was im Kühlschrank. Jetzt noch schnell mit den schweren Tüten in die Apotheke und dann ganz schnell nach Hause. Bin müde.

In der Apotheke gebe ich der jungen Frau hinter der Theke meine drei Rezepte. Herr Dr. Schulze-Rickenhoff ist wohl nicht da, ob die Helferin genug Bescheid weiss? Den Chef kenne ich schon lange. Seit 1983. Und ich bekomme von ihm immer meine Lieblingsseife mit. Ach, auf dem Schild der jungen Frau steht „Apothekerin“. Die werden auch immer jünger. Mensch bin ich müde.

Sie tippt in ihrem Computer herum und sagt mehrmals „hmm“.

In letzer Zeit dauert das immer so lange in der Apotheke. Dann muss sie auch noch bei meinem Doktor anrufen. Wegen dem Calcium. Warum ist denn das ein Problem mit dem Calcium, die soll sich besser um das Antibiotikum kümmern, ich bin nämlich allergisch gegen Penicillin. Dann erzählt sie noch was von Krankenkasse und Rabatten. Aber ich zahle genau so viel Zuzahlung wie immer. Komisch. Bin nicht ganz bei der Sache. Und wie war das noch mit dem Calcium? Die Apothekerin hat gesagt, ich soll das eigentlich nicht mit den Schilddrüsentabletten nehmen und der Arzt hat gesagt, ich soll das auf jeden Fall nehmen? Weiss nicht mehr genau. Aber ist ja nur Calcium.

Ich bin sauer. Mit dem Sortis bin ich gut klargekommen. Jetzt kriege ich Billigtabletten wegen der Krankenkasse. Und aufpassen soll ich damit auch noch, weil sie Muskelschmerzen machen, oder so. Muss mit dem Doktor sprechen. Möchte jetzt nach Hause.

Zu Hause sortiere ich die Medikamente in meine mittlerweile ziemlich volle Schublade ein. Da ist etwas Neues dabei, das ich nicht kenne. Hat der Arzt gar nichts von gesagt. Es heisst „Torasemid AL“. Ist wohl auch was wegen dem Blutdruck. Jetzt muss ich das auch noch nehmen. Dabei nehme ich schon Marcumar, Unat, L-Thyroxin und Sortis. Jetzt soll ich auch noch das Calcium nehmen und das neue Torasemid AL und das Billig-Sortis. Und das Antibiotikum natürlich. Hoffentlich ist das nicht doch Penicillin. Und der Arzt hat vergessen, Unat aufzuschreiben. Ach Mist, hätte ich doch besser aufgepasst. Scheiss Lungenentzündung.

Die Calcium-Tabletten nehme ich mit dem L-Thyroxin, so wie es der Arzt zur Apothekerin gesagt hat. Die schmecken ganz lecker. Den Rest nehme ich auch wie verschrieben.

Vertrage die neuen Tabletten nicht, muss dauernd aufís Klo. Habe Durst. Und das Antibiotikum wirkt nicht richtig, zur Lungenentzündung kommt noch mehr Fieber dazu. Schwitze wie in der Sauna, mein Herz klopft wie verrückt. Lege mich zum Mittagsschlaf.

Werde morgen zum Arzt gehen, mir geht es nicht besser. Habe Fieber und meine ganzen Muskeln tun mir weh. So einen Infekt hatte ich schon lange nicht mehr. Darf ja leider keine Schmerztabletten nehmen wegen dem Marcumar. Lege mich schlafen. Vorher gehe ich schon wieder aufís Klo.

Wache auf. Liege nicht in meinem Bett. Bin wohl im Krankenhaus. Um mich herum piept es. Kann mich nicht mehr erinnern. Eine junge Frau, die sich als Frau Doktor vorstellt, kommt an mein Bett und redet Kauderwelsch, ich verstehe nur was von „Rhabarbergemüse“ und „Glück gehabt“ und „wegen der Tabletten“. Verstehe nicht ganz. Mag kein Rhabarber. Scheiss-Billigtabletten, ich hab’s ja gewusst. Bin sehr müde.

Und jetzt die Frage: Warum liegt Ilse im Krankenhaus?

Wenn Ihr die letzten Blogbeiträge gelesen habt, seid ihr ja schon alles kleine Pharmakologen und habt da sicher eine Ahnung.

Nur so.

Aaaalso … ich bin ja nicht so der Typ, der auf harte Alkoholische Sachen steht, aaaaaber, die Werbung hat alles, was ein youtube Film so braucht: gut aussehender Feuerwehrmann, kleines Kätzchen …

 

Enjoy.

(für meine weiblichen Leserinnen)

So läuft das (in Deutschland)

Anbei ein Gastbeitrag von Boreal aus dem Alltag in einer deutschen Apotheke.

Ich hoffe sehr, für Euch Schweizer, das Ihr niemals den Irrsinn im Deutschen System mitmachen müsst. Ich habe selber beim Schreiben mit dem Kopf geschüttelt, wie krank das System eigentlich ist. Eigentlich ist es ein Wunder, das es nicht noch mehr Falschabgaben gibt. Nicht mehr der Patient steht im Mittelpunkt, sondern der Kassenirrsinn.
Ich würde mich freuen, wenn ich als Apothekerin  mehr auf meine Patienten eingehen könnte.

Nachdem Pharmama gezeigt hat, wie es in der Schweiz läuft, wollte ich nun zeigen, wie es mit der fiktiven Patientin, gesetzlich versichert (Kassenpatientin) in Deutschland läuft.

Wir nehmen an Frau Müller-Meyer-Richner kommt in die Apotheke mit 3 Rezepten, die sie bekommen hat. Zwei der Rezepte vom Hausarzt vor einigen Tagen, ein anderes vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt bei dem sie heute war.

Ich kenne Frau Müller-Meyer-Richner  zumindest vom sehen, da sie bereits Medikamente bei uns bezogen hat. Zuallererst überprüfe ich, ob Sie eine Kundenkarte bei uns hat, da meine Arbeit dadurch deutlich leichter wird. Auf der Kundenkarte, bzw. genauer bei uns im Computer, es wird nichts auf der Karte gespeichert, kann ich sehen, welche Medikamente und von welchen Firmen Frau Müller-Meyer-Richner zuletzt bei uns bezogen hat. Außerdem kann ich Allergien und Unverträglichkeiten vermerken.
Einfach so, ohne ausdrückliche Erlaubnis darf ich keine Kundenkarte anlegen. Leider hat Frau Müller-Meyer-Richner  keine Kundenkarte bei uns.

Sie reicht mir nun Ihre Rezepte.

Rezept 1:
L-Thyroxin 125µg 100st
X    Torasemid 10mg 100st
X   Calcimagon D3  100st Diagnose: Osteoporose

Rezept 2:
Marcumar 98st N3
Sortis 20mg 100st

Rezept 3:
Clarithromycin 500 mg  14st 1-0-1

Zuallererst gebe ich die Kassennummer ein. Die wichtigsten Kassennummern habe ich als Schnellwahl im Computer. Das ist deshalb wichtig, weil für jede Kasse andere Rabattverträge gelten und damit andere Firmen bevorzugt werden. Die Rabattverträge gelten für 24 Monate.
Nehmen wir an, Frau Müller-Meyer-Richner ist bei der AOK versichert.

Beim L-Thyroxin geht es aber schon los. Das Schilddrüsenhormon ist sehr wirksam und wird deshalb in Mikrogramm verabreicht.  Ein Mikrogramm ist ein Tausendstel Milligramm und somit ist in einer Tablette nur ganz wenig Wirkstoff enthalten. Die Tablette besteht daher zu mehr als  95 % aus Hilfsstoffen, außerdem kann eine Tablette sehr doll zusammen gepresst sein oder nur sehr wenig.  Das kann aber schon große Unterschiede bei der Freisetzung ausmachen und im schlimmsten Fall wird bei einem Wechsel der Firma hier eine neue Einstellung erforderlich.

Apothekerin: „Frau Müller-Meyer-Richner, welche Firma hatten Sie denn das letzte mal bei den Schilddrüsentabletten?“

Frau M-M-R: „Ach das war so ne längliche Schachtel. Wie das genau heißt, weiß ich aber nicht mehr.“

Ich habe eine aufgrund der Info „Länglich“ eineVermutung und gehe an die Schublade. Die anderen Firmen haben alle viereckige Packungen.

„Sah die vielleicht so aus?“ Ich halte L-Thyroxin Henning 125 100 Stück in der Hand und lege Ihr die Packung vor.

Frau M-M-R: „Ja, genau die ist es!“

Erleichterung bei der Patientin und bei mir. Ich scanne die Packung ab und schaue, ob die Firma Henning im Rabattvertrag ist. Ist Sie.

Ich frage noch nach: “Wie nehmen sie diese ein? Eine morgens mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück?“ Frau Müller-Meyer-Richner nickt bestätigend.

Nächstes Medikament: Torasemid, gegen Bluthochdruck. Sie wirkt entwässernd. Der Arzt hat auch hier keine Firma ausgesucht, so dass ich die Wirkstoffsuche im Computer bemühen muss. Allerdings hat er ein Aut Idem Kreuz gesetzt, was bei einer Wirkstoffverordnung überhaupt keinen Sinn ergibt. Mit dem Kreuz soll normalerweise ausgedrückt werden, das der Arzt nur eine bestimmte Firma wünscht. Bei dem Schilddrüsenhormon hätte es also Sinn gemacht. Bei der Wirkstoffverordnung  ignoriere ich das Kreuz einfach. Manchmal verklickt sich der Arzt oder die Arzthelferin.
Ich gebe in den Computer in die Wirkstoffsuche ein: ws# torasemid und warte. Das dauert immer gefühlte Ewigkeiten, weil der Computer die gesamte Datenbank in allen Stärken und Packungsgrössen durchsuchen muss, bis er mir die jeweiligen Rabatt Partner der AOK anzeigt.  Mir werden 3 verschiedene Firmen angezeigt, wovon wir auch 2 am Lager haben.

Ich schaue fragend zu Frau Müller-Meyer-Richner vom Bildschirm hoch: “Bei der Wassertablette, dem Torasemid hatten Sie da die Rot Weiße Packung (Firma AL) oder die weiß blaue (Firma Hexal)?“

Die Dritte Firma nenne ich erstmal nicht, da wir diese nicht am Lager haben und Frau Müller-Meyer-Richner  regelmäßig zu uns kommt. Die Wahrscheinlichkeit ist daher gering, dass Sie die 3te Firma hat, welche wir jedes Mal für Sie bestellen müssten. Wir haben auch so schon 3 Schubladen voll mit Torasemid in verschiedenen Stärken und von verschiedenen Firmen.

FrauM-M-R: „ Die Rot weiße Packung.“

Ich übernehme in den Computer, auf die Kasse Torasemid AL 10mg 100Stück.

Das letzte Medikament auf dem Kassenrezept ist das Calcimagon D3. Mehr als 3 Medikamente können aus Abrechnungstechnischen Gründen nicht auf ein Kassenrezept geschrieben werden. Auch hier hat der Doktor wieder das Aut Idem Kreuz gesetzt. Jetzt ist es egal, ob es einen Rabattvertrag mit der Kasse gibt. Der Doktor möchte nur dieses Präparat und kein anderes. Allerdings tauchen auch hier wieder mehrere Probleme auf. Von Calcimagon D3 gibt es keine 100 stück Packung sondern eine 112 Stück Packung. Gebe ich jetzt aber ohne Rücksprache mit dem Arzt einfach die 112 Stück Packung ab, dann bekomme ich in ca einem Jahr Post von der Krankenkasse, die mir mitteilt, ich hätte nicht das abgegeben, was der Arzt aufgeschrieben hat sondern eine falsche Größe und deswegen bezahlen sie das gar nicht. Dass mein Chef die Packung aber beim Großhandel eingekauft hat und schon lange bezahlt hat, ist hierbei egal. Den Betrag könnte mein Chef dann voll abschreiben. Die Krankenkasse weiß, dass es keine 100 stück Packung gibt, aber das zählt nicht. Das Rezept ist falsch ausgeschrieben. Zusätzlich geht ein Feld an der Kasse auf, wo steht, dass das Präparat nur in Ausnahmefällen von der Kasse erstattet wird. Bei den Ausnahmen ist die Diagnose Osteoporose aber gelistet. Die Krankenkasse übernimmt es also, wenn ich mir ein neues Rezept über 112 Stück besorge.

Ich sage zu Frau Müller-Meyer-Richner: “Einen kleinen Moment bitte, ich muss mal eben mit der Arztpraxis telefonieren. Das Calcimagon ist so falsch aufgeschrieben.“

Beim Telefonat mit der Arztpraxis wird klar, das der Arzthelferin nicht bewusst war, das es keine 100 Stück Packung gibt. Da die Arztpraxis glücklicherweise im selben Ort liegt, wie die Apotheke, sprechen wir ab, das wir als Apotheke  in nächster Zeit in die Arztpraxis gehen und dort das Rezept abstempeln lassen. Das heißt, ich streiche die 100 Stück durch und schreibe 112 Stück daneben. Damit aber die Kasse sieht, dass weder die Patientin, noch die Apotheke geschummelt hat, macht die Praxis einen Stempel neben die geänderte Zahl und der Arzt macht noch sein Namenskürzel und das Änderungsdatum daneben. Ich mache einen kleinen Klebezettel auf das Rezept, um es bei der Durchsicht der Rezepte rauszunehmen und es auf den Stapel „Rezepte zum ändern“ zu legen.

Nachdem wir nun also die Abrechnungsfragen geklärt haben, spreche ich mit Frau Müller-Meyer-Richner auch die Einnahmeproblematik des Calciums mit dem Schilddrüsenhormon durch. Frau Müller-Meyer-Richner ist ganz erstaunt, so nimmt Sie dieses im Gegensatz zur Dame aus der Schweiz schon seit Jahren ein und Sie hat dieses immer morgens eingenommen. Ihr war gar nicht bewusst, dass Sie die beiden Medikamente nicht zusammen einnehmen darf.

Ich rufe also noch mal in der Arztpraxis an und versuche mit dem Arzt zu sprechen. Wenn Frau Müller-Meyer-Richner nun neu einfach das Calcimagon mittags einnimmt, besteht die Gefahr, dass Sie zuviel Schilddrüsenhormon im Blut hat. Das Calcium fängt dann ja kein Schilddrüsenhormon mehr ab. Nachdem ich das der Arzthelferin erklärt habe, die von der Problematik auch nichts wusste, werde ich endlich zum Arzt durchgestellt. Der Arzt spricht mit mir ab, dass Frau Müller-Meyer-Richner an der bisherigen Falscheinnahme nichts ändern soll. Sie wird in den nächsten Wochen mit engmaschigen Blutkontrollen auf die richtige Einnahme und Schilddrüsenhormondosis umgestellt.

Ich gebe das nächste Medikament ein und weiß vorher schon, dass auch hier ein Austausch gegen eine andere Firma droht. Hinzukommt, das die AOK seit April diesen Jahres neue Rabattverträge abgeschlossen hat und wir auch hier eine neue Firma abgeben sollen. Marcumar – ein Mittel zur Blutverdünnung. Auf die Problematik bei der Blutverdünnung ist Pharmama schon sehr ausführlich eingegangen, daher ist auch hier klar, dass die Patientin ähnlich wie beim Schilddrüsenhormon einfach die bisherige Firma bekommen sollte.

Ich frage daher auch bei diesem Präparat nach, welche Firma Frau Müller-Meyer-Richner vorher hatte.

Sie sagt: „ Ach, zuerst hatte ich Marcumar, aber das war der Kasse zu teuer, daher habe ich die letzten Male auch etwas anderes bekommen. Moment, da habe ich den Schnipsel von der Lasche abgerissen. Sie haben ja letztes Mal schon so lange gesucht.“

Freundlich lächelnd hält sie mir Marcuphen v ct 100stück  entgegen.  Hmmm, wenn ich mich richtig erinnere, dann waren die vorher im Vertrag. Jetzt ist es wieder eine andere Firma. Ich suche das Sonderkennzeichen für Pharmazeutische Bedenken aus dem Computer und teile der Krankenkasse somit mit, das ich Gründe habe, warum ich ich Marcuphen v ct 100stück abgebe und nicht Phenprogamma. Jetzt wieder auf Marcumar zurückzutauschen macht einfach keinen Sinn, um eine erneute Einstellung der Blutgerinnung zu vermeiden. Für Marcumar müsste Frau Müller-Meyer-Richner auch noch neben den 5 Euro Zuzahlung einen Eigenanteil von 4,95 Euro also insgesamt 9,95 zahlen, da die Kasse Marcumar nicht mehr voll bezahlt. Das hat was mit den Festbetragsgrenzen zu tun. Eine Errungenschaft aus einer Gesundheitsreform vor ein paar Jahren. Ich vermerke handschriftlich auf dem Rezept:
Pharmazeutische Bedenken: Kein Austausch gegen Rabatt AM um Blutgerinnungseinstellung nicht zu gefährden.
Ich übernehme Marcuphen v ct 100 stück in die Kasse. Hier brauche ich die Stückzahl auf dem  Rezept nicht ändern zu lassen, weil es eine Gesetzesänderung bei der Packungssgrössenverordnung gegeben hat. Die Normgrösse N3 beim Wirkstoff Phenprocoumon(der Wirkstoff von Marcumar) ist 100 Stück plus oder minus 5 %, womit ich also zwischen 95 und 105 Tabletten abgeben kann.

Sortis –Ein Mittel zur Cholesterinsenkung (die Blutfette) und auch zur Vorbeugung bei Risikopatienten gegen Herzprobleme. Frau Müller-Meyer-Richner hat es schon lange. Da sie Simvastatin, nicht gut vertragen hat, hatte Sie bisher immer das Original Sortis. Da Sortis mit dem Wirkstoff Atorvastatin aber in die Festbetragsgruppe der Statine eingeordnet war, musste sie bisher für die Packung Sortis 20mg 100stück einen Eigenanteil von 135,69 Euro bezahlen plus 5 Euro Rezeptgebühr. Endlich gibt es Atorvastatin auch als Generikum. Der Patentschutz ist abgelaufen.

Ich sage also zu Ihr: „Liebe Frau Müller-Meyer-Richner. Ich habe eine gute Nachricht für Sie! Das Sortis gibt es jetzt auch als günstiges Generikum von anderen Firmen. Wenn Sie es von einer anderen Firma nehmen, dann entfällt für Sie der  Eigenanteil.“

Frau Müller-Meyer-Richner guckt skeptisch:“ Ich hatte doch so große Probleme mit dem anderen Simvastatin, da bezahle ich lieber den Eigenanteil weiter.“

„Nein, Nein Frau Müller-Meyer-Richner, es enthält den gleichen Inhaltsstoff wie das Sortis, aber sie können sich die 135,69 Euro sparen.“

„Na, wenn das so ist, dann werde ich das mal versuchen.“

Ich nicke ihr freundlich zu und übernehme Atorvastatin 20mg Hexal 100stück in die Kasse.

Jetzt hat Sie noch ein Rezept von einem anderen Arzt
Clarithromycin 500 mg 14stück 1-0-1
Das ist ein Antibiotikum. Ich bemühe also wieder die Wirkstoffsuche im Computer. Während ich den Namen in den Computer eintippe, fängt Frau Müller-Meyer-Richner an zu reden.

„Das ist aber kein Penicillin, was mir der Doktor da aufgeschrieben hat, oder? Das vertrage ich nämlich nicht!“

Mist! Es ist zwar kein Penicillin, aber obwohl ich 14 Stück eingegeben habe, sind als Rabatt Artikel nur Packungen mit 12 Stück gelistet. Das geht natürlich gar nicht. Der Arzt wird sich ja was dabei gedacht haben, wenn er 14 Stück  aufschreibt. Ich suche also ein anderes Präparat raus, welches 14 Stück enthält. Noch das Sonderkennzeichen drauf und handschriftliche Begründung auf das Rezept.

Jetzt leuchtet auch noch der Bildschirm rot auf, eine schwerwiegende Wechselwirkung zwischen dem Sortis/Atorvastatin und dem Clarithromycin. Pharmama hat es ja schon erklärt.

„Ach Mensch, Frau Müller-Meyer-Richner, hier ist ja heute wirklich der Wurm drin. Ich muss noch mal telefonieren, aber diesmal mit dem anderen Arzt. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

Ich erkläre der Arzthelferin die Problematik, die mich dann auch an den Arzt durchstellt. Ich erkläre dem Arzt die Problematik. Der besteht aber auf Clarithromycin und sie soll aufgrund einer drohenden Lungenentzündung noch heute mit der Einnahme beginnen. Falls Frau Müller-Meyer-Richner die Nebenwirkung bekommt, solle sie beim Hausarzt vorstellig werden….

Ich versuche zum 3ten mal den Hausarzt anzurufen, da läuft aber nur der Anrufbeantworter. „Liebe Patienten, Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an….“

Etwas unzufrieden gehe ich zu Frau Müller-Meyer-Richner zurück.
„Frau Müller-Meyer-Richner, Ich habe mit dem HNO Arzt telefoniert. Sie sollen das Clarithromycin wie verordnet einnehmen. Es ist auch kein Penicillin. Allerdings gibt es ein Problem zwischen dem Atorvastatin und dem Antibiotikum. Wenn Sie Muskelschmerzen kriegen, also so was wie Muskelkater, dann müssen Sie sofort zu Ihrem Hausarzt gehen. Zeigen Sie Ihm bitte beide Packungen.“

Frau Müller-Meyer-Richner nickt “Solang es kein Penicillin ist.“

Ich gehe in der Zwischenzeit an die Schubladen und suche die Medikamente zusammen. Wieder vorne angekommen zeige ich Ihr jede einzelne Packung.

„Hier habe ich das L-Thyroxin125 Henning 100stück, Eine morgens auf nüchternen Magen. Hier ist das Calcimagon D3, welches Sie auch erstmal weiter morgens einnehmen, bis Sie das nächste Mal zu Dr. Hausarzt gehen. Dann habe ich hier Ihre Wassertablette Torasemid AL 10 mg 100stück…“

Sie unterbricht mich. „Ach 10miligramm, die soll ich jetzt teilen und nur noch eine halbe morgens nehmen, sind die denn zu teilen?“

Ich schaue auf die Packung. „Ja, die haben eine Bruchrille. Die sind zum teilen.“

„Der Arzt sagt nämlich, dass wir so der Kasse sparen helfen. Ich brauche dann nur noch alle halbe Jahr eine Packung.“

Ich lege Ihr die nächste Packung hin: Marcuphen v ct 100st Frau Müller-Meyer-Reichner nickt bestätigend. „Da habe ich einen Einnahmeplan, da brauchen Sie nichts zu sagen.“

Das Atorvastatin Hexal wird noch mal misstrauisch  beäugt „und das ist wirklich wie mein Sortis?“

„Ja, das ist wie das Sortis, schauen Sie zuhause noch mal auf die Sortis Packung, da steht als Wirkstoff:Atorvastatin drauf.“

Ihr Blick hellt sich auf: “Ach ja, auf die Idee bin ich nicht gekommen. Das mache ich so.“

Ich erkläre Ihr noch die genaue Einnahme des Antibiotikums. Frau Müller-Meyer-Richner bezahlt und freut sich sehr dass Sie die 140 Euro beim Sortis eingespart hat. Sie verlässt nach 25 Minuten die Apotheke.

Nachtrag: 3 Tage später kommt sie wieder mit einem Rezept über Torasemid 5mg 100 Stück und erklärt auf meine Nachfrage hin: „Die Tabletten waren so klein, die konnte ich gar nicht durchbrechen und wenn ich es mit dem Messer versucht haben zu teilen, so waren die Bruchstücke unterschiedlich groß. Der Doktor hat mir dann doch lieber wieder die 5 mg verschrieben.“    

Das Fazit bzw den Irrsinn im Deutschen Apothekenalltag dürfen die geneigten Leser ziehen.

Gerettet Dank Apothekerin

Zwei italienische Touristen wandern mit ihrem Hund am Meer in England an der Küste von Devon. Da kommt die Flut und schneidet ihnen den Rückweg zum Strand ab. Sie sitzen also auf einem Felsen im steigenden Meer. Sie haben ein Telefon, aber keine Nummer für die lokale Polizei oder Feuerwehr oder derartiges, die sie anrufen könnten und um Hilfe bitten.

Da finden sie in der Tasche das Rezept für die Apotheke des Ortes, wo sie ein paar Tage vorher waren. Auf dem Rezept die Telefonnummer.

Dort rufen sie an. Obwohl das Gespräch wegen der schlechten Verbindung mehrmals unterbrochen wird, versteht die Apothekerin, dass sie in Not sind und ruft für sie die Küstenwache an. Die Küstenwache findet die Touristen im Meer und rettet sie mittels Helikopter.

Link zum Originalartikel im guardian. (in Englisch)

Merke: Es ist immer gut, die Nummer des lokalen Notdienstes zu wissen. Dort wäre es die 999 gewesen. Hierzulande ist es die 112.

So läuft das (Kundensicht)

Im letzten Post habe ich ein wenig versucht zu zeigen, was hinter den Kulissen so abläuft. Und was bekommt die Patientin davon mit? Im Idealfall eigentlich – trotz der ganzen Probleme erstaunlich wenig.

Ich versuche das mal hier darzustellen.

Pharmama: „Grüezi Frau Meier-Müller-Richner.“

Frau M-M-R:„Grüezi Pharmama. Ich habe Ihnen hier 2 Rezepte, Moment“ (gibt sie mir)

Ich suche die Medikamente aus den Schubladen und fange an sie im Computer einzugeben,

Frau M-M-R: „Ich musste heute zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, wissen Sie, ich habe schon eine Zeitlang eine so unangenehme  Bronchitis. Der Arzt meint jetzt, es wäre eine Lungenentzündung!“

Pharmama: „Ja, ich sehe, er hat auch ein Antibiotikum aufgeschrieben. Aber fangen wir doch mit den Sachen an, die sie schon hatten.“

Pharmama: „Der Arzt hat beim Torasem eine neue Dosierung aufgeschrieben. Vorher hatten Sie 5 mg …“

Frau M-M-R: „Ja, er meinte, der Blutdruck sei noch zu hoch, darum schreibt er mir auch eine höhere Dosierung auf“.

Pharmama: „Und ein neues Schema für den Blutverdünner Marcoumar hat er ihnen auch gegeben?“

Frau M-M-R: „Ja, das habe ich hier“ (zeigt auf ihre Handtasche).

Pharmama: „Gehen Sie denn regelmässig den Quick kontrollieren?“

Frau MMR: „In ein paar Wochen wieder, ja.“

Pharmama: „Neu haben sie Calcium Kautabletten aufgeschrieben bekommen. Ich schreibe die Dosierung auf die Packung. Ich schreibe allerdings drauf „am Abend“, damit es nicht in Konflikt kommt mit dem Euthyrox, das sie nüchtern nehmen müssen.“

Frau M-M-R: „In Ordnung“

Pharmama: „Und eine gute Nachricht hätte ich auch noch: von ihren Sortis gibt es in der Zwischenzeit ein Generikum (hole die Packung und lege sie neben die Sortis) – die sind gleich wirksam und kosten über 60 Franken weniger. Darf ich ihnen diese hier geben?“

Frau M-M-R: „Oh, ist das neu?“

Pharmama: „Ja, die gibt es erst seit Anfangs Juni. Die Firma ist auch sehr zuverlässig – es ist übrigens dieselbe, von denen sie auch die Blutdrucktabletten haben“

Frau M-M-R: „In Ordnung, ich nehme das Generikum“ (Sie ist einfacher zu überzeugen als andere, was vielleicht daran liegt, dass sie Vertrauen in mich hat, ausserdem ist sie noch nicht so alt und flexibel, sowie eher auf der Preisbewussten Seite.)

Pharmama: „Ich gebe Ihnen erst mal eine kleine Packung, die können sie ausprobieren. Ich schreibe ausserdem noch drauf ‚entspricht Sortis’, damit sie auch wissen, was das jetzt ist.“

„So, dann kommen wir zum Zweiten Rezept, das Antibiotikum.“ (ich nehme das nächste Rezept in die Hand und scanne das Antibiotikum ein)

„Oh. Ich sehe hier eine Wechselwirkung, die ich erst mit dem Arzt abklären möchte. Einen Moment bitte.“ (Ich gehe telefonieren)

Wieder zurück:

Pharmama: „Es ist wichtig, dass sie dieses Antibiotikum nehmen, aber wegen der Wechselwirkung müssen sie während der Woche das Sortis abends weglassen. Fangen sie erst nach der Behandlung wieder an. Ich schreibe es ihnen drauf: … morgens und abends je 1 Tablette Clarithromycin – unabhängig vom Essen – das heisst, es ist egal, ob mit oder vor …-bis die Packung fertig ist. Atorvastin/Sortis in der Zeit pausieren.“

Pharmama: „So, hier sind ihre Medikamente. Ich habe die Dosierungen draufgeschrieben. Wenn sie noch Fragen haben sollte, dürfen sie auch gerne telefonieren.“

Frau M-M-R: „Danke – Wiedersehen!“

Pharmama: „Einen schönen Tag noch und gute Besserung!“

Dauer: ca. 10 Minuten (15 mit dem Telefon), trotz des nicht ganz einfachen Rezeptes … wobei: da gibt es viel kompliziertere.

Es gäbe noch je nach dem noch mehr zu tun: wenn etwas nicht an Lager ist. Oder wenn etwas nicht lieferbar ist. Oder wenn ich wegen einer Allergie eingreifen muss. Oder wenn der Patient neu ist, oder wenn die Krankenkasse gewechselt hat (oder auch nur die Nummer, Seufz) .. oder … oder …